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Editorial

Heft 10 | 2016

Thomas Meyer

»Stimmungen machen Politik; in der Politik sind Stimmungen Fakten.« Solchen Aussagen begegnen wir jetzt häufiger. Sie wollen etwas Neues über den Zustand von Gesellschaft und Politik anzeigen und dafür Beachtung wecken – oder neue Entwicklungen erklären, die uns sprachlos machen, wie etwa das auf eigene Art zwischen anscheinender Skurrilität, bedrückender Billigunterhaltung und nackter Machtpolitik oszillierende Phänomen Donald Trump im einstigen Musterland der Demokratie. Neue, irritierende Vokabeln wie »post-faktische« oder – schlimmer – »post-truth« Politik wurden ersonnen, um das Irritierende und Beunruhigende dieser neuesten Grenzverwischung von Unterhaltungsindustrie und politischer Öffentlichkeit, dem Belanglosesten und dem Ernstesten, worum es im gesellschaftlichen Zusammenleben geht, zur Beruhigung zunächst einmal wenigstens in eine handliche Formel zu zwingen.
          Sind auch die jüngsten Wahlergebnisse in unserem Land mit ihren zweistelligen Erfolgen für die »Stimmungspartei« AfD Teil dieser Entwicklung? Sind gute Argumente, das Lebenselement der Demokratie, dabei, ihre zwanglose Macht nun einzubüßen, nachdem sie schon lange im Schatten aller möglichen politischen und medialen Inszenierungskünste darbten? Was genau ist die Rolle von Stimmungen in der Politik und was ist heute neu daran? Fragen, denen das Thema dieser Ausgabe gewidmet ist. Liegen hier die Erklärungen für vieles von dem, was schiefläuft im Lande? Das wäre, wie unsere Beiträge nahelegen, vielleicht zu hoch gegriffen, denn auch die gute, vernunftgestützte Politik erreicht ja ohne Emotionalisierung nicht viel. Und noch klingt uns der Aufruf des hochbetagten europäischen Aufklärers und Humanisten Stéphane Hessel im Ohr: Empört Euch! – der so viele, besonders junge Menschen überall auf unserem Kontinent »begeistert« hat (welch eine demokratisch produktive Stimmung!).
          Heinz Bude klärt die Begriffe und sortiert in unserem Interview die widersprüchlichen Grundstimmungen im Lande. Die einzelnen Beiträge im Thementeil sondieren die unterschiedlichen Rollen verschiedener Arten von Stimmungen für die maßgeblichen Befindlichkeiten der Gesellschaft und ihre Auswirkungen in der Politik und auf die Politik. Was der Demokratie schadet, so viel steht fest, ist die Übermacht von Stimmungen und Befindlichkeiten, die keinem Argument standhalten und keine Fakten respektieren. Aber es spricht nicht viel dafür, dass Politik und Gesellschaft, wenn sie wirklich gute Argumente haben und diese mit Geduld und Empathie verfechten, gegen jene Strategen auf Dauer machtlos bleiben, die von bloßer Stimmungsmache leben.


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