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Heft 4 | 2015

Karin Priester

Schulmädchenreport

Das weibliche Gesicht des Dschihad 

 

Im Jahr des Herrn 1212 kam es in der Pariser und Kölner Gegend zu einem legendenumwobenen Ereignis: dem Kinderkreuzzug. Etliche tausend junge Leute zogen gen Süden, um im Heiligen Land am Kreuzzug gegen die Ungläubigen teilzunehmen. Es ist umstritten, wie weit sie überhaupt gekommen sind und was aus ihnen wurde, aber ihr spiritueller Elan hatte auch junge Mädchen erfasst.
Heute übt der vordere Orient auf junge Menschen, auch junge Frauen, wieder einmal eine magische Anziehungskraft aus. Hunderte von jungen Frauen und Mädchen verlassen ihre Familien in westlichen Ländern und schließen sich den islamistischen Kämpfern im Mittleren Osten an, was zu wachsender Besorgnis unter Anti-Terrorismus-Fahndern führt«, schreibt der britische Guardian am 29.09.2014. Der Dschihad-Tourismus ist an die Stelle des Revolutionstourismus der 60er Jahre getreten, besetzt doch der Heilige Krieg eine utopische Leerstelle in einer Zeit, in der von Revolution nur noch in der Vergangenheitsform die Rede ist.
Kreuzzüge sind für unreife Gemüter immer auch große Abenteuer und ziehen Idealisten, Romantiker, Sinnsucher sowie Aussteiger an. Das kommt in den besten Familien vor. Mit 18 Jahren riss der Oberschüler Ernst Jünger aus und ging in die französische Fremdenlegion, auch wenn das Abenteuer nur sechs Wochen dauerte. Als 19-Jährige brannte die britische Adelige Jessica Mitford mit ihrem Geliebten, einem Neffen Winston Churchills, durch, um in den spanischen Bürgerkrieg zu ziehen. In den 60er Jahren schloss sich der großbürgerliche Eliteschüler und spätere Schriftsteller Régis Debray dem Guerilla-Kampf Che Guevaras an.
Etwa 10 % der westlichen Dschihadisten sollen junge Mädchen oder Frauen sein, meist mit Migrationshintergrund oder aus muslimisch-europäischen Mischehen. In Frankreich liegt der Frauenanteil sogar bei etwa 20 %. Ende 2014 zählte Le Monde 88 Frauen, oft aus nicht-religiösen Mittelschichtfamilien, die sich in Syrien dem IS oder Al Nusra, dem syrischen Zweig von al-Qaida, angeschlossen haben. Andere gehen für Frankreich von 100 bis 150 Frauen, auch mit Kindern, aus. In Deutschland sollen es etwa 100 sein, wie DER SPIEGEL berichtet, Tendenz steigend. Den größten Dschihadistenanteil, gemessen an der Gesamtbevölkerung, verzeichnet das kleine Belgien, darunter etwa 20 junge Frauen.
Einige Beispiele: Die 16-jährigen ursprünglich aus Somalia stammenden Zwillinge Zahra und Salma Halane aus Manchester, die 16-jährige Nora el-Bathy aus Avignon oder die 15-jährige Konstanzer Gymnasiastin Sarah O., beide mit algerischen Vätern. Die 20-jährige Studentin Aqsa Mahmood aus Schottland mit pakistanischem Hintergrund twittert unter dem Namen Umm Layth (Mutter des Löwen) aus Syrien, sie wolle Märtyrerin des Heiligen Krieges werden. Auf dem Frankfurter Flughafen wurden drei 15, 16 und 17 Jahre alte Amerikanerinnen mit somalischem und sudanesischem Hintergrund auf dem Weg nach Syrien abgefangen. Mitunter ziehen ganze Familien mit kleinen Kindern in das syrische Kriegsgebiet.Auch die Frau eines Pariser Attentäters vom Januar 2015, die 26-jährige Hayat Boumeddienne, hat sich unmittelbar nach den Anschlägen nach Syrien abgesetzt.
In der französischen Kleinstadt Auxerre tritt eine Gruppe von über 30 schwarz verschleierten Frauen auf, die der pietistisch-fundamentalistischen Sekte der Tablighi angehören, einem Durchlauferhitzer für islamistischen Terrorismus, so der deutsche Verfassungsschutz. Angeführt wird die Gruppe von einer Marokkanerin und einer französischen Konvertitin. Unter marginalisierten muslimischen Frauen aus Schwarzafrika und dem nordafrikanischen Maghreb missionieren sie nicht nur gegen den Westen, sondern auch gegen den Islam der Elterngeneration, der ihnen zu moderat erscheint. Besonders unter Konvertiten sollen die Tablighi sehr beliebt sein. Und dies in einer Kleinstadt von rund 43.000 Einwohnern tief in der französischen Provinz – angeführt von Frauen, die ihrer Emanzipation und Integration in die französische Gesellschaft eine feministische Absage erteilen. Feminismus kann auch nach hinten losgehen.

Die Motive sind vielfältig

Die Londoner Wissenschaftlerin Melanie Smith vom King’s College geht von 200 westlichen Frauen aus, die sich in den vom IS gehaltenen syrischen Gebieten, meist in der Hochburg Ar-Raqqa, aufhalten, darunter rund 60 allein aus Großbritannien. Diese Zahlen dürften inzwischen deutlich höher sein. Bei der Anbahnung, der Organisation und teilweise auch der Finanzierung der Reise kann die Rolle des Internets und der sozialen Medien nicht hoch genug eingeschätzt werden. Über Twitter, Facebook oder Skype werden Kontakte geknüpft und konkrete Schritte zur Abreise unternommen. Die Eltern fallen aus allen Wolken, wenn sich die Tochter aus Syrien meldet: Sie sei doch so nett und fleißig gewesen. Niemand habe damit gerechnet; sie müsse einer Gehirnwäsche unterzogen worden sein.
Unabdingbar ist die rasche Eheschließung mit einem IS-Kämpfer, die meist schon vor der Abreise über Skype angebahnt wird. Die westlichen Männer haben keinen Kontakt zu einheimischen Frauen und sprechen kein Arabisch. Also lassen sie gleichgesinnte junge Frauen nachkommen, die in ihnen Robin Hood oder den Märchenprinzen sehen. Nicht zu vergessen den Sexappeal dieser bärtigen Jünglinge, die mit Fahnen, Kalaschnikows und stolzgeschwellter Brust auf Panzern posieren.
Das französische »Zentrum zur Prävention von Sektierertum mit islamistischem Hintergrund« unterscheidet bei der Hinwendung zu islamistisch-fundamentalistischen Sekten wie den Tablighi oder den Salafisten fünf Motive: Das vor allem Jungen ansprechende Motiv des heldenhaften Ritters; das Motiv humanitärer Hilfe bei jungen, oft noch minderjährigen Frauen; die Suche nach Führern; die Inspiration durch Video-Kriegsspiele wie Call of Duty und schließlich das Ausleben von Allmacht- und Entgrenzungsfantasien mit religiös verbrämter Lizenz zum Töten. Die Betroffenen nennen dagegen durchgängig andere Motive: die Suche nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Identität und den Wunsch, ihre Religion ungehindert unter Gleichgesinnten leben zu können. Die Hintergründe sind oft Adoleszenzkrisen, schwierige familiäre Verhältnisse, Perspektivlosigkeit, gesellschaftliche Marginalisierung, bei muslimischen Mädchen auch geringes Selbstwertgefühl und der Wunsch, sich zu behaupten.
Aber längst nicht alle Dschihadi-Bräute sind von humanitären Motiven geleitet. Für Aufsehen sorgte der Twitter-Beitrag einer 22-jährigen zweifachen Mutter aus London, Khadija Dare, die sich damit brüstet, sie wolle die erste Frau sein, die westliche Männer umbringt. Die Tweets dieser jungen Frauen sind eine Mischung aus Internet-Slang, Chat-Jargon, Unterschichtenidiom (»da« statt »the«), Akronymen wie
»lol« (laughing out loud) oder »omg« (oh my god) und einigen arabischen Wörtern, die für exotische Würze sorgen. Ohne das pubertäre »lol« und »hahaha« scheint es nicht zu gehen. Im August 2014 postete Dare: »Any links 4 da execution of da journalists plz [please]. Allahu Akbar. UK must b shaking up haha. I wna b da 1st UK woman 2 kill a UK or US terrorist (sic!).« Beim Anblick ihrer ersten Leiche scheint sich eine andere köstlich amüsiert zu haben: »Loool yes and seeing for the first time a dead body loooool hahahahahha that was so funny.« Emotionale Verrohung oder Schock angesichts der blutigen Realität? Aber es geht noch blutiger. Auf Twitter ist eine verschleierte Frau in weißem Arztkittel zu sehen, die in der Hand einen abgeschlagenen Männerkopf hält. Ob sich dahinter eine 21-jährige britische Medizinstudentin verbirgt, ist bisher nicht verifiziert worden.

Bewaffneter Kampf? Daraus wird nichts, Mädels!

Seit der Proklamation des Islamischen Staates (IS) im Sommer 2014 fördert IS diese Internetkontakte und vermittelt Ansprechpartner, Anlaufstellen und Tipps für
die Abreise (immer ein Rückflugticket buchen und sich als Türkei-Touristin ausgeben). Das Angebot ist verlockend: Die jungen Leute wohnen mietfrei  und  zahlen  weder Steuern noch Strom. Der IS kommt für alles auf.Aber die schöne neue Welt des Kalifats ist längst nicht so egalitär, wie manche es sich erträumen. Die in Ar-Raqqa lebenden Westler »erhalten eine Sonderbehandlung und werden von der Organisation verwöhnt«, schreibt ein Beobachter auf al-monitor. »Sie bekommen die besten Häuser und Autos, während die Bevölkerung Steuern zahlt.« Die Einheimischen darben, aber westliche IS-Kämpfer brauchen auf die tägliche Ration Kitkat, 7 Up, Nutella oder Red Bull nicht zu verzichten, berichtet der Guardian am 30.11.2014.
Die Twitter-Propagandistin Umm Layth tritt der offenbar existierenden Erwartung reisewilliger junger Frauen entgegen, sie würden am bewaffneten Kampf teilnehmen. Daraus wird nichts, Mädels! Ihr seid für Mann, Kinder und Haushalt zuständig, allenfalls für die Betreuung syrischer Waisenkinder oder die Pflege von Internetkontakten. Und wer sich keinen Mann zulegt, lebt zwischen Kloster und Kaserne unter staatlicher Aufsicht in einer Frauengemeinschaft (maqar). »Wir sind dazu geschaffen, Mütter und Ehefrauen zu sein, zumal die westliche Gesellschaft Eure Ansichten darüber subtil durch eine feministische Mentalität verzerrt hat.« Umm Layth weiß auch, dass viele westliche Frauen keineswegs aus problematischen Unterschichtenfamilien stammen. »Die meisten Schwestern, die ich getroffen habe, haben an der Universität studiert und hatten vielversprechende Wege vor sich, hatten große, glückliche Familien und Freunde.« Das alles hätten sie für ein gottgefälliges Leben ohne Luxus und Konsum aufgegeben.Aber vergesst bitte nicht, Schmuck und Kosmetik mitzubringen. Das gibt es hier nicht.
Berichte, wonach die jungen Frauen von einem Mudschahed an den nächsten weitergereicht würden, sind allerdings mit Vorsicht aufzunehmen. Sexuelles Freiwild sind nur Nicht-Musliminnen wie weibliche jezidische oder christliche Gefangene. Scheidungen nach nur dreimonatiger Ehe wie die der 19-jährigen Holländerin Sterlina Petalo aus Maastricht und problemlose Wiederverheiratung sind im Scharia-Staat ebenso an der Tagesordnung wie Kreuzigungen und abgehackte Hände.
Aber es gibt auch außerhäusliche Aufgaben in den Frauenbrigaden Al-Khansaa oder Umm Al-Rayan. Schwarz verschleierte, mehrheitlich westliche Sittenwächterinnen achten auf die Einhaltung des Dresscodes oder überprüfen, ob jemand unter der Burka Waffen transportiert und einen Checkpoint unerkannt passieren will. Das britische Revolverblatt Daily Mail berichtet überdies, die Frauenbrigaden würden auch zur Beaufsichtigung von Bordellen eingesetzt. Das mag sensationslüsterne westliche Propaganda sein, aber zehntausende junge Kämpfer lassen sich auf Dauer nicht mit den 72 Jungfrauen im Paradies vertrösten. Das weiß auch ein Scharia-Staat. Dennoch scheint die Kampfmoral der ausländischen IS-Rebellen zu sinken. Das Abenteuer ist nicht ganz so famos, wie man es sich vorgestellt hat. Ende Dezember 2014 berichteten deutsche Medien, der IS habe 100 ausländische Deserteure hingerichtet, darunter auch Europäer; der Londoner Independent ging sogar von 120 aus. Der Hintergrund: IS-Rebellen haben immer weniger den eigentlichen Gegner, das Assad-Regime, im Visier, sondern bekämpfen sich gegenseitig, was bei vielen Frustrationen und Ausreisewünsche auslöst.
Die Kriegsgebiete in Afghanistan oder Pakistan haben auf junge Menschen aus westlichen Ländern bei Weitem nicht die Anziehungskraft ausgeübt wie heute Syrien. Hier ist nicht nur der Lebensstandard höher; es ist über die Türkei auch leichter zu erreichen. Überdies führt der IS, anders als die Taliban, keinen nationalen Befreiungskampf, sondern versteht den Islamischen Staat als Keimzelle eines internationalen geopolitischen Raumes unter dem Banner des Propheten. Während die europäische Linke das Vaterland entdeckt und an der Seite von Rechtspopulisten patriotisch auftritt, wird die Fahne des Internationalismus heute von radikalen Muslimen geschwenkt. Was davon auf das Konto der verfehlten westlichen Interventions- und Invasionspolitik in Afghanistan, Libyen und im Irak geht, kann man sich ausrechnen.
Syrien ist nur die territoriale Basis einer Utopie, und dieses utopische Element einer weltweiten Umma, die weder Rassen noch Nationen kennt, verfehlt seine Wirkung auf begeisterungsfähige, aber politisch und religiös uninformierte junge Menschen nicht.

Lol – My husband’s dead!

Zudem ist fraglich, ob alle, die  aus  über  80  Ländern nach Syrien strömen, tatsächlich den Märtyrerstatus erringen  wollen  wie  jene konvertierte Belgierin Muriel Degauque, die 2005 im Irak als Selbstmordattentäterin starb. Für Europäer wird die Rückkehr zunehmend schwieriger und ist bei Frauen nur mit Zustimmung ihres Ehemannes möglich. Da versteht man den freudigen Ausruf einer jungen Heldenwitwe: »Lol – My husband’s dead!« Zwischen Babyfläschchen und der Zubereitung von Pancakes mit Nutella führen die jungen Frauen ein noch eingeschränkteres Leben als unsere Urgroßmütter, auch wenn sie zur Selbstverteidigung martialisch mit Kalaschnikows hantieren und – wahrhaftig – sogar Auto fahren dürfen. Aber was wird aus ihnen, wenn der Traum vom Aufbau eines neuen Garten Eden erst einmal zerronnen ist? Und was aus ihren Kindern, wenn die Väter als Kanonenfutter verheizt worden sind oder verstümmelt, traumatisiert und verroht ihre automatischen Gewehre auf neue Ziele und neue Opfer richten? Dann bleibt immer noch die Aussicht auf einen Logenplatz im Paradies, auch wenn man als Frau auf 72 hübsche Jünglinge verzichten muss.
 


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