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Heft 7/8 | 2015

Siegmar Mosdorf

»Das Gespräch ist die Seele der Demokratie« - 
Zum zehnten Todestag von Peter Glotz

 

»Das Gespräch ist die Seele der Demokratie« – dieser Satz stammt von Peter Glotz, der – viel zu früh – vor zehn Jahren gestorben ist und der Zeit seines Lebens nicht müde wurde, immer wieder das Gespräch zu suchen. Er wurde deshalb als »Vordenker der Sozialdemokratie« bezeichnet, obwohl seine Themen und Positionen manchmal auf wenig Gegenliebe stießen und kontrovers diskutiert wurden. Doch er stieß vor, unermüdlich, in die Seele der Demokratie.
Peter Glotz wurde 1939 in Eger in Böhmen geboren, im stillen und zugleich unruhigen Grenzland zwischen verschiedenen Ländern, Sprachen und Kulturen. Diese Unruhe sollte ihn prägen, wie er später in seiner eindrucksvollen Autobiografie Von Heimat zu Heimat beschrieb. Als Kind erlebte er Bombennächte, er wusste, wie es sich anfühlt, Angst um das eigene Leben zu haben. »Wer Todesangst kennengelernt hat, der hat sich selbst kennengelernt«, schrieb er dazu.
Er machte seinen Weg, wie man so schön sagt, wuchs in Eckersdorf (Oberfranken), in Bayreuth und Hannover auf, studierte dann Zeitungswissenschaften, Philosophie, Germanistik und Soziologie in München und Wien. 1968 promovierte er mit einer Arbeit zum Thema Buchkritik in deutschen Zeitungen.
Der junge Peter Glotz war fleißig und strebsam, und daraus entwickelte sich ein überaus vielfältiger Lebensweg: Insgesamt elf Jahre (verteilt über sein ganzes Berufsleben) war er im Universitäts- und Forschungsmanagement tätig (darunter fiel die Zeit der Neugründung der Universität Erfurt nach der Wiedervereinigung). Sechs Jahre lehrte er an Universitäten (darunter an der Universität St. Gallen, wo er die heute so wichtigen Medien- und Kommunikationswissenschaften weiterentwickelte). Insgesamt 20 Jahre war er Abgeordneter in deutschen Parlamenten (zwei Jahre im bayerischen Landtag und 18 Jahre im Bundestag), dann noch drei Jahre als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung und vier Jahre als Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin (mit solch erstaunlichen Hinterlassenschaften wie dem noch heute so erfolgreichen Wissenschaftskolleg). Und sechs Jahre lang war er Generalsekretär (damals noch Bundesgeschäftsführer genannt) der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Was für Aufgaben, was für ein Leben. Während die meisten große Mühe haben, einer Aufgabe gerecht zu werden, war er in gleich drei Sparten erfolgreich: in der Wissenschaft, als Publizist und als Politiker. Seine Zeit als Generalsekretär der SPD fiel in das Ende der sozialliberalen Koalition von Helmut Schmidt und Hans Dietrich Genscher, die Zeit des »fliegenden Wechsels« der FDP. Und es war der Beginn der Regierung Helmut Kohl. Glotz musste eine frustrierte und gespaltene SPD zusammenführen und wiederaufbauen. Er hatte es dabei zugleich mit den besten Generalsekretären der CDU – den Intellektuellen der Konservativen: Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler – zu tun und begegnete ihnen auf Augenhöhe. Das auch deshalb, weil er zu den wenigen Sozialdemokraten gehörte, die ein solides Netzwerk in der eher konservativ prädisponierten Medienlandschaft hatten.
1982 war das Jahr des schmerzhaften Verlusts der Regierungsbeteiligung. Nach 16 Jahren Regierungsverantwortung (von 1966-69 als Juniorpartner der Großen Koalition und von 1969-1982 mit den Kanzlerschaften von Willy Brandt und Helmut Schmidt) musste die SPD neu positioniert und motiviert werden. Glotz packte es an, er wollte eine moderne Sozialdemokratie sozialliberal ausrichten. Es gelang ihm, einige Liberale wie Ingrid Matthäus-Maier und Günter Verheugen an die SPD zu binden. Zugleich entstand nach den vielen Regierungsjahren im linken Spektrum eine neue Partei: DIE GRÜNEN. Humus für diese Neugründung war reichlich vorhanden: zum einen die Pershing-Raketen, die als Antwort auf die russische Aufrüstung vom Westen mit Unterstützung der Regierung Schmidt/Genscher vorgesehen waren, zum anderen die Atomkraft, die die alte Industriepartei SPD seit Godesberg sogar programmatisch vertrat. Diesen großen Spagat zwischen der sozialliberalen Neuausrichtung der SPD und dem Wegbrechen linksökologischer Teile der Partei bekam selbst er nicht hin. Glotz tat sich anfänglich schwer mit den sozial-ökologischen Fortschrittsskeptikern in der Gründergeneration der GRÜNEN. Später gelang es ihm, einige Grüne wie Otto Schily in die SPD zu holen.
Die schwierigste Zeit als Generalsekretär war wohl die Zeit des Bundestagswahlkampfes 1987. Glotz hatte nun endlich weit über die eigenen Reihen hinaus Anerkennung gefunden und war auch im Amt fest etabliert. Doch dann kam der erfolgreiche Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, als Kanzlerkandidat und brachte seine beiden besten Leute mit nach Bonn: Wolfgang Clement und Bodo Hombach. Drei Köche mühten sich nun im Wahlkampf und es ging schief. Die Niederlage hatte allerdings auch viel damit zu tun, dass Kohl und die CDU unterschätzt wurden. Und so gingen große Persönlichkeiten von Bord: Willy Brandt verließ als bedeutendster Vorsitzender seit August Bebel nach 23 Jahren die große politische Bühne. Und Peter Glotz ging mit ihm.
Seine zweite große Leidenschaft war das Schreiben und Publizieren – Peter Glotz war der mit Abstand journalistisch aktivste Abgeordnete. Er schrieb politisch-intellektuelle Positionsbestimmungen in allen wichtigen Zeitungen.

Den gesellschaftlichen Diskurs antreiben

Sein politisch-kulturelles Œuvre umfasst mehr als 100 Aufsätze. Er veröffentlichte Bücher, weil er den gesellschaftlichen Diskurs antreiben wollte, gesellschaftliche Veränderungen, die er für notwendig hielt, wollte er stets substanziell begründet wissen. Bis heute sind viele seiner Werke aktuell, so zum Beispiel Die beschleunigte Gesellschaft: Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus oder Von Analog nach Digital: Unsere Gesellschaft auf dem Weg zur digitalen Kultur. Wie interessant wäre es heute, zehn Jahre nach seinem Tod, die Fortführung seiner Gedanken zu all den digitalen Fragen zu diskutieren. NSA? Facebook und Twitter? Wie viele Zeichen braucht man, um eine Haltung zu kommunizieren? Wenn das Gespräch, die Seele der Demokratie ist, ist das auch der Chat ...?
Glotz’ letztes Werk Von Heimat zu Heimat: Erinnerungen eines Grenzgängers ist für die europapolitische Diskussion besonders wichtig. Er war ein überzeugter Europäer, 2002 vertrat er die deutsche Regierung im EU-Konvent für die Europäische Verfassung. In ihm bündelte sich die Neugier nach Vielfalt und der bodenständige Wunsch nach so etwas wie einem Zuhause.
Von 1982-2005 war er mit Herz und Verstand 23 Jahre lang auch engagierter Chefredakteur der Zeitschrift Neue Gesellschaft (NG).Als die Frankfurter Hefte (FH), das 1946 gegründete führende Organ des Linkskatholizismus, vor dem Aus standen, war es Peter Glotz, der dieses von Walter Dirks so wunderbar geführte Periodikum zur NG holte. Damit erweiterte Glotz den Radius der NG im politischen Diskurs erheblich. Diese Leistung gilt es zu bewahren, und sie ist eine wichtige Leitlinie für alle, die heute und in Zukunft Verantwortung für die NG/FH tragen.
Wegweisend waren und bleiben viele seiner Thesen. Glotz’ strategischer Schlüsselbegriff der »antagonistischen Kooperation«, also der politischen Zusammenarbeit mit »aufgeklärten« Teilen des Managements unter Beachtung der gegensätzlichen Interessen von Lohnarbeit und Kapital, war für eine moderne Sozialdemokratie die Handlungsplattform überhaupt. Er wollte damit der SPD – geprägt von dem engen Milieu des 19. Jahrhunderts – Türen und Tore in die Mitte einer sich fundamental verändernden Gesellschaft öffnen. Franz Müntefering beschrieb ihn einmal zutreffend als einen Menschen, der »Intellektualität mit politischer Leidenschaft verbunden hat«. Glotz sah sich als »Mann Willy Brandts«, fand aber auch immer mehr geistige Berührungspunkte mit dem späten Helmut Schmidt. Er steht mit seiner gesellschaftspolitisch-kulturellen Ambition in einer Reihe mit dem wohl gebildetsten Nachkriegspolitiker der SPD (den Theodor Heuss einmal das »Silberbesteck im Proletarierhaushalt« genannt hat): Carlo Schmid.
In seinem letzten Text kurz vor seinem Tod für das Magazin Cicero schrieb Glotz:
»Ich war ein Fechtmeister und ein Sänger, der die Mythen zu Geschichten verarbeitete, aber kein Condottiere, kein Fähnleinführer einer Herrschaft. Darauf bin ich stolz. Es war lohnender, sich mit Biedenkopf und Geißler, Dahrendorf, Dohnanyi und Ehmke, mit Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger herumzuschlagen als mit den grünen Trachtenjoppen, den roten Pullovern und den Politikern, die Bergmannskapellen dirigierten (›Der Steiger kommt‹).«
Auch heute noch könnte Peter Glotz dem »Tanker SPD« wichtige Impulse geben: zur Share Economy, zum Ko-Management-Verständnis vieler Arbeitnehmervertreter, zu den Clickworkern von heute
und zur kulturellen Positionierung der SPD in einer digitalen Welt. Er, der Denker und Kommunikator, Brückenbauer und Gestalter, fehlt heute. Und bei all den Weltthemen und Strategiepapieren waren doch auch die kleinen Dinge für den großen Mann kostbar, wie er in seiner Autobiografie beschreibt: »Wie war mein Leben? Glücklich? Das Wort ist zu groß, wohl für die meisten Leben.Vielleicht war der glücklichste Moment in meinem Leben eine Paddeltour auf dem Main bei Burkunstadt. Ich war vierzehn, ein Sommersonntagnachmittag, kein Windhauch. Das Eintauchen des Paddels in das glatte, ruhige, grüne Wasser und der Kontakt, den der Körper durch das leichte Boot zum Fluß hatte, werde ich nie vergessen. Warum habe ich das nie wiederholt? Paddeln wäre erschwinglich gewesen. Unsagbar.«
 






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