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Editorial

Heft 4 | 2007

Thomas Meyer

Editorial

Wir gratulieren! Klaus Harpprecht, für uns alle mehr als bloß ein Mitherausgeber dieser Zeitschrift, wird am 11. April 80. Den Schriftsteller, Publizisten und weltläufigen Bürger würdigt Hanjo Kesting. Ein rarer Paradefall engagierten politischen Journalismus in Deutschland. Die Redaktion dankt herzlich für den zuverlässigen Rat dieses jungen Geistes mit der großen Erfahrung. »Leben und Tod« sind unverhofft politisch geworden. Die neuen technischen Eingriffsmöglichkeiten vor der Geburt und in Situationen, wo das natürliche Ableben sonst unvermeidlich wäre, lassen die ehedem so klar markierten Übergänge am Anfang und Ende der menschlichen Existenz undeutlich werden. Von der Präimplantationsdiagnostik bis zur Sterbehilfe erstreckt sich der Spannbogen offener Fragen von großer Dringlichkeit. Moralische Selbstverständlichkeiten, die sie betreffen, werden nicht mehr von allen Bürgern geteilt. Zur Debatte steht nun das höchste Gut unserer Moralund Rechtsordnung selbst, das Leben. Wo beginnt es und wie darf es enden? Das Gemeinwesen muss über seinen Schutz neu befinden. Dazu bedarf es schwieriger Abwägung mit dem gleichrangigen Wert der Menschenwürde und ihrem Kern der unverfügbaren Selbstbestimmung des Einzelnen. Was in diesem heiklen Spannungsfeld divergenter Ethiken ist regelungspflichtig und wie? Was muss Sache der autonomen Eigenverantwortung bleiben? Wie kann die liberale Demokratie mit den großen ethischen Differenzen der Gesellschaft umgehen? Sie beginnen ja schon bei der Frage, wann menschliches Leben anfängt und endet. Mit Prof. Volker Gerhardt, Mitglied des Nationalen Ethikrates, schreiten wir im Interview den Horizont der Fragen und politischen Antwortoptionen ab. Auch im Vergleich mit Nachbarländern wird deutlich: Vieles von dem, was bei uns bisher Gesetz wurde, kann nur Zwischenlösung sein. Wie also weiter? Eingebettet ist die Debatte in eine tiefgreifend veränderte Kultur der Gesellschaft im Umgang mit Leben und Sterben. Der Tod als Primärerfahrung wird vom Leben fern gehalten. Dabei wissen wir doch alle nicht erst seit Benjamin Franklin, dass für uns Menschen nicht nur die Steuern unausweichlich sind, sondern auch der Tod. Bricht der wahnhafte Jugendkult, der Alter und Sterben im Bild des Lebens nicht dulden kann, unter der Wucht des demokratischen Wandels zusammen? Das sind die Themen unserer Autoren. Die Handreichung der Evangelischen Kirche zum Umgang mit dem Islam in unserem Lande hat Befremden bei den Muslimen ausgelöst. Sie verstehen ihn nicht als Bau-, sondern als Stolperstein auf dem Weg zur Integration. Was sind die Gründe? Wir gehen ihnen in zwei kontroversen Beiträgen (Akgün, Kandel) nach. Die deutsche Marktwirtschaft auf dem Rückweg zum finanzmarktgesteuerten Kapitalismus? Das wäre nicht nur der Abschied vom Modell Deutschland, sondern auch ein Riss in den Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft. Hirschel/Stuber setzen mit ihrer pointierten Analyse dieses Wandels unsere makroökonomische Debatte fort.