Parteien, die viel gescholtenen, sind dazu da, zwischen Gesellschaft und Staat verbindlich zu vermitteln. Das kann ihnen niemand abnehmen. Sie sollen helfen, aus der Vielfalt der Interessen, Werte und Wünsche im Lande genügend Einheit entstehen zu lassen, um staatliches Handeln zu ermöglichen. Sie wären fehl am Platze, würden sie ich unabhängig davon machen, was die Gesellschaft bewegt und diskutiert, was an Veränderung in ihr vorgeht, emotional und in der Sache. Sie sind im demokratischen Sinne nur soviel wert, wie sie Debatten und Widersprüche aufnehmen. Sie dürfen die Suchprozesse nicht nur akzeptieren, in denen sich offene Gesellschaften mühsam voran bewegen, sie müssen sie verkörpern. Diese Lektion zu lernen, fällt schwer, den Medien und vielen Bürgern. Sie ist aber das kleine Einmaleins demokratischer Kultur. An ihr hapert es hierzulande noch kräftig, auch innerhalb der Parteien selbst. Nun hat eine von ihnen, die Sozialdemokratie, eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass es auch anders geht. Sie, die fast sprichwörtliche deutsche Programmpartei, gibt sich – oder hoffentlich, die Delegierten geben ihr – ein neues Grundsatzprogramm. Beiseite einmal mit Machtstrategien und Personalkalkülen und auf die Fenster für die Ängste und Debatten, Hoffnungen und Ideen, die die Gesellschaft wirklich bewegen? Man wird sehen. Mit ihren Grundsatzprogrammen stecken Parteien für lange Zeit Grundlagen und Grenzen der Legitimität praktischen Handelns ab. Das gilt entgegen der Meinung mancher Parteienverächter vertrackterweise gerade auch dann, wenn Regierungen meinen, sich von ihnen loslösen zu müssen. Das haben die schmerzhaften Nach-Agenda-Jahre der SPD allen Zweiflern demonstriert. Wir mischen uns in diese Debatte ein. Ausnahmsweise in Form eines Spektrums gezielter Interviews mit gewichtigen Stimmen, um an die wunden Punkte so dicht wie möglich heran zu kommen. Abschied: Norbert Seitz, bisher verantwortlicher Redakteur dieser Zeitschrift, hat sich einer neuen Berufsperspektive zugewandt. Herausgeber und Redaktion wünschen viel Glück, sagen Dank für sein langjähriges Wirken in unserem Blatt.