Editorial |
Heft 3 | 2008 |
Nicht nur 1933, auch 1918, 1948, gleich 2 x 1968 – Deutsche Revolution, Israels Staatsgründung, Studentenrevolte, Prager Frühling. Jedes Datum ist nicht nur Anlass, sondern guter Grund zu vorwärtsgewandter Rückbesinnung. Aber eben auch unvermeidlich für Erinnerungspolitik, die Indienstnahme des Erinnerns zu gegenwärtigen politischen Zwecken. Achtundsechzig und die Folgen –Thema dieses Hefts. Später im Jahr widmen wir uns einigen der anderen Themen des nach vorn gerichteten Erinnerns.
Da sich Erinnern nun einmal aus der Welt der Absichten nicht lösen lässt, sind die Grenzen dabei überall fließend. Manche scheinen zu meinen, es gäbe da keine. Einen Vorgeschmack auf das, was das Jahr in dieser Hinsicht bringen mag, haben wir bekommen, kaum dass es begann. Auch Kandidaten für den geschmacklosesten Tiefpunkt haben schon ihre Aufwartung gemacht. Vor allem jener ungehemmte Groß-Kommunikator, der die bürgerlichen Werte in seinem Massenblatt täglich mit Füßen tritt und nun die 68er salbungsvoll zeiht, sie hätten an ihnen gefrevelt. Eine sumpfige Debatte, fürwahr. Vor allem dort, wo das mediale Geschäft mit seinen Hype-Kalkülen und ideologische Interessenpolitik sich mächtig verbünden.
68, dieses kurze turbulente Jahr ist zur Großleinwand für alle Arten politisch und medial nutzbarer Projektionen geworden und für trübe Mischungen aus beidem. Was nervt, ist die befremdende Besessenheit gerade der marginalsten Extremisten der Nach-68er-Zeit, sich nun als die eigentliche Verkörperung der ganzen Revolte der öffentlichen Aufmerksamkeit aufzudrängen. Sie stellen ihren eigenen verqueren »Sündenstolz« als leuchtendes Beispiel für die fällige kulturelle Selbstkritik einer ganzen Gesellschaft hin und sich selbst, einmal mehr, als deren Avantgarde. Nichts dazugelernt. Die K-Gruppen, denen diese medial versierten Großsprecher entstammen, hatten zwar irgendetwas mit 68 zu tun, aber nur im Medium von Brüchen, Verkehrungen und Missverständnissen. Unsere Autoren gehen der Sache nach.
Alles was wir über Politik und Gesellschaft wissen, wissen wir aus den Medien. Was aber wissen wir über die Medien? Die Rückseite des Spiegels, in dessen Brechungen wir doch die Welt wahrnehmen, in der wir leben, wird nicht vom Spiegel erfasst. Das Sichtbarmachen und die Reflexion über ihre Wirkungen tun also Not, täglich aufs Neue. Wir wollen uns künftig an diesem Teil des Geschäftes der Aufklärung beteiligen und beginnen unsere Medien-Kolumne mit einem Beitrag unseres Beiratsmitgliedes Eckhard Fuhr. In seiner Erfahrung vereinigt sich beides, die Kunst des Gewerbes und dessen Selbstreflexion.
