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Editorial

Heft 6 | 2008

Thomas Meyer

Gesine Schwan for president. Das wäre doch endlich wieder mal was. Nicht nur eine neue Hoffnung für die demokratische Linke, sondern für das Land. Frischer Wind, ein Anlauf zu mehr Glaubwürdigkeit und einem neuen Gespräch zwischen Bürgern und Politik. Das alles kann die Kandidatin. Und sie hätte durchaus eine Chance.Wir folgen dem amerikanischen Beispiel und erklären die Unterstützung dieses Blattes für sie.
Wohin geht Russland? Der gestrauchelte Riese richtet sich in kräftigen Rucken wieder auf und meldet sich als Macht in der globalen Arena zurück. Manchmal tapsig, oft in scharfem Ton, immer mit berstendem Selbstbewusstsein, wie man glauben könnte. Dabei scheint die Führung des Landes noch zu schwanken, worauf sie die neu erwachten Kräfte nach außen richten soll und welchem politischen Leitbild sie im Inneren folgen will. Die uralte russische Unentschiedenheit zwischen der Hinwendung zum Westen und der Selbstbesinnung auf die eigenen Traditionen, die russische Idee, tritt wieder hervor.Das politische Europa ist irritiert.Wohin geht die Reise, was ist das Ziel? Eine Europäisierung der politischen Verhältnisse würde entschiedenere Schritte zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlangen.Was aber ist die eurasische Identität, die Putin so häufig beschwört? Wird der neue Präsident Medwedew, im »argentinischen Tango« (Lilia Shevtsova) mit einem Ministerpräsidenten Putin die Stabilität des Landes in den Dienst erweiterter Freiheitsrechte stellen oder doch eher das Umgekehrte tun? Unsere Autoren lassen vor allem eines deutlich werden:Was zunächst Not tut, ist ein genaues Verständnis des Landes und der großen Herausforderungen, vor denen es steht. Der hagestolze Normativismus vieler im Westen wird in Russland selbst von fast allen als Versuch der Erniedrigung eines Rivalen empfunden. Zumal in der jüngeren Generation, für die nach den Jahren des Chaos und der Demütigung Stabilität ein hoher Wert ist und die greifbare Verbesserung der Lebenschancen eine reale Erfahrung.Westliche Arroganz, in all ihrer Bigotterie, bewirkt in Russland nicht viel mehr als wachsende Distanz zu Europa.Wer könnte daran ein Interesse haben? Wer wollte zweifeln, dass es für Europa, für Deutschland und für die Welt am besten ist,wenn Russland politisches Partnerland in Europa ist und nicht strategischer Rivale? Unsere Autoren zeichnen ein ungewöhnlich facettenreiches Bild.