Editorial |
Heft 6 | 2008 |
Gesine Schwan for president. Das wäre doch endlich
wieder mal was. Nicht nur eine neue Hoffnung für
die demokratische Linke, sondern für das Land.
Frischer Wind, ein Anlauf zu mehr Glaubwürdigkeit und einem
neuen Gespräch zwischen Bürgern und Politik. Das alles kann die Kandidatin.
Und sie hätte durchaus eine Chance.Wir folgen dem amerikanischen
Beispiel und erklären die Unterstützung dieses Blattes für sie.
Wohin geht Russland? Der gestrauchelte Riese richtet sich in kräftigen
Rucken wieder auf und meldet sich als Macht in der globalen Arena zurück.
Manchmal tapsig, oft in scharfem Ton, immer mit berstendem Selbstbewusstsein,
wie man glauben könnte. Dabei scheint die Führung des Landes noch zu
schwanken, worauf sie die neu erwachten Kräfte nach außen richten soll und
welchem politischen Leitbild sie im Inneren folgen will. Die uralte russische
Unentschiedenheit zwischen der Hinwendung zum Westen und der Selbstbesinnung
auf die eigenen Traditionen, die russische Idee, tritt wieder hervor.Das
politische Europa ist irritiert.Wohin geht die Reise, was ist das Ziel? Eine
Europäisierung der politischen Verhältnisse würde entschiedenere Schritte zu
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlangen.Was aber ist die eurasische
Identität, die Putin so häufig beschwört? Wird der neue Präsident Medwedew,
im »argentinischen Tango« (Lilia Shevtsova) mit einem Ministerpräsidenten
Putin die Stabilität des Landes in den Dienst erweiterter Freiheitsrechte stellen
oder doch eher das Umgekehrte tun?
Unsere Autoren lassen vor allem eines deutlich werden:Was zunächst Not
tut, ist ein genaues Verständnis des Landes und der großen Herausforderungen,
vor denen es steht. Der hagestolze Normativismus vieler im Westen wird in
Russland selbst von fast allen als Versuch der Erniedrigung eines Rivalen
empfunden. Zumal in der jüngeren Generation, für die nach den Jahren des
Chaos und der Demütigung Stabilität ein hoher Wert ist und die greifbare Verbesserung
der Lebenschancen eine reale Erfahrung.Westliche Arroganz, in all
ihrer Bigotterie, bewirkt in Russland nicht viel mehr als wachsende Distanz zu
Europa.Wer könnte daran ein Interesse haben? Wer wollte zweifeln, dass es für
Europa, für Deutschland und für die Welt am besten ist,wenn Russland politisches
Partnerland in Europa ist und nicht strategischer Rivale? Unsere Autoren
zeichnen ein ungewöhnlich facettenreiches Bild.
