Der Essay |
Heft 6 | 2008 |
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Wozu noch SPD? Für einen handlungsfähigen Staat |
Ralf Dahrendorf meinte einst, die Sozialdemokratie sei dabei, sich
selbst überflüssig zu machen. Wozu noch eine Partei, wo doch das
meiste, was sie angestrebt habe, sich inzwischen von selbst verstehe?
Seit die marktradikale Welle auch über Europa hinweggegangen
ist, überzeugt Dahrendorfs Argumentation weniger denn je. Wir haben
es mit einem Kapitalismus zu tun, der mit einigen Formulierungen
aus dem Kommunistischen Manifest mehr gemein hat als mit der
Sozialen Marktwirtschaft der 70er Jahre. Zwei Drittel der Deutschen
finden, es gehe ungerecht zu im Lande. Sie werden in ihrer Überzeugung
jede Woche neu bestätigt, etwa, wenn nun Sparer, Verbraucher
und Steuerzahler dafür bluten müssen, dass hochbezahlte Bankmanager
nicht wussten, was sie da in ihren Tresoren hatten.
Wo sozialdemokratische Finanzminister »wettbewerbsfähige«
Unternehmenssteuern oder Spitzensätze durchsetzen, bedeutet
dies schlicht: so niedrig, dass sie die Kapitalflucht nicht befördern
und Investitionen eher anlocken als abschrecken. Mitglieder und
Wähler finden dies ungerecht, schließlich kann man nicht »die da
oben« entlasten, ohne »die da unten« zu belasten. Ganz gleich, ob
die Kritiker einräumen, dass die Regierung nicht anders kann oder
ob sie einwenden, sie könnte sehr wohl anders: In jedem Fall geht
Vertrauen verloren. Im einen Fall hat die Regierung kein soziales
Gewissen, im anderen nicht die Macht, die eine Regierung haben
sollte. Ist der Nationalstaat noch ein brauchbares Instrument für
sozialdemokratische Politik?
Im Marktstaat wird buchstäblich alles zur Ware
Inzwischen ist auch der Staat erfunden und theoretisch begründet, der seine eigene
Ohnmacht als Tugend feiert. Er ist Ergebnis eines dicken Wälzers, der in den
angelsächsischen Ländern zum Bestseller wurde. Der Marktstaat, für Philip
Bobbit und seine Anhänger der Staat des 21. Jahrhunderts, ist von sozialdemokratischen
Vorstellungen weiter entfernt als alles, was in den letzten hundert
Jahren von Liberalen oder Konservativen angestrebt worden ist. Dieser Staat ist
nicht mehr für seine Bürger zuständig, sondern nur noch für die Märkte, ihr
Funktionieren. Die Bürgerinnen und Bürger haben sich gefälligst an die Märkte
zu wenden. Auf dem Bildungsmarkt gibt es Bildung zu kaufen, für wenig Geld
dürftige, für viel Geld bessere. Im Telefonbuch sind die Nummern der Sicherheitsfirmen
verzeichnet, deren Dienste mieten kann, wer sich nicht sicher fühlt.
Natürlich auch die Nummern der Versicherungen, bei denen man sich für das
Alter oder den Krankheitsfall absichern kann. Und so fort.
Im Marktstaat wird buchstäblich alles zur Ware, auch und gerade alles, was
nach Meinung von Sozialdemokraten, aber auch nach christlicher Soziallehre,
eben nicht zur Ware werden darf. Sogar das staatliche Gewaltmonopol, Kern des
modernen Staates, hat dem Markt zu weichen. Die Citoyenne wird zur Kundin.
Politik wird nicht verboten, sie verliert ihren Gegenstand, wird gegenstandslos.
Die Frage nach der Gerechtigkeit ohnehin. Der Marktstaat wäre wohl auch eine
Republik, aber eine radikal andere als das Grundgesetz sie vorsieht. Wir sind davon
noch weit entfernt. Aber dass wir uns in dieser Richtung bewegen, ist gewollt.
Nein, zu Tode gesiegt hat sich die Sozialdemokratie wahrlich nicht. Eine
ganz andere, die entgegen gesetzte Frage ist, ob die Sozialdemokratie noch die
Kraft hat, in einer unter marktradikalen Vorzeichen globalisierten Ökonomie
dem Druck standzuhalten, dem sie ausgesetzt ist, von den Medien, von einer
konformistischen Wissenschaft der Ökonomie, nicht zuletzt von multinationalen
Konzernen, die gegenüber dem Nationalstaat – wie gegenüber den
Gewerkschaften – immer am längeren Hebel sitzen. Es
fehlt nicht an Aufgaben, sondern an Macht.
Eine Gesellschaft, in der das Gerechtigkeitsempfinden
einer Mehrheit verletzt ist – bisher, auch 1863, war
dies nur eine Minderheit –, schreit nach dem, wofür
Sozialdemokraten stehen. Aber diese Mehrheit zweifelt,
ob die Politik im Allgemeinen und die Sozialdemokraten im Besonderen noch
leisten können, was zu leisten ist. Zweifel sind durchaus erlaubt. Weltweit hat sich
die demokratische Linke in ihrem Widerstand gegen die marktradikale Welle selten
mit Ruhm bedeckt. Vor allem hat sie sich, auch in Europa, nicht zu gemeinsamen
Positionen dagegen durchringen können.
Die marktradikale Welle läuft aus
Die marktradikale Globalisierung hat den Nationalstaat zum Standort degradiert.
Aber die Welle läuft aus, sie verebbt. Am deutlichsten ist dies sichtbar in Lateinamerika.
Auch in Europa schwindet der Glaube an marktradikale Verheißungen.
Dass auf deregulierten Finanzmärkten mehr Kapital verbrannt wurde
als Europa ausgeben müsste, um seine Klimaziele zu erreichen, hat eine
Ernüchterung abgeschlossen, die sich seit Jahren anbahnt. Nein, der Markt ist
nicht immer klüger als die Politik. Gesucht ist eine Politik, die klüger – und gerechter
– ist als das, was der Markt liefern kann. Und dies, obwohl die Fakten der
Globalisierung sich nicht verändert haben. Nach wie vor haben – siehe Nokia –
die Renditeerwartungen global agierender Konzerne Vorrang vor den Wünschen
nationaler Regierungen. Nach wie vor zwingt ein global agierendes Kapital
die Nationalstaaten in einen Wettbewerb um die niedrigsten Steuern für
Unternehmen und für Spitzeneinkommen. Aber der ideologische Überbau für
all dies zerbricht. Die Mehrheit der Europäer – und der Deutschen – haben begriffen,
dass es im globalen Turbokapitalismus mehr Verlierer als Gewinner gibt,
und dass die Gefahr, bei den Verlierern zu landen, erheblich größer ist als die
Chance, reich zu werden.
Zu dieser Mehrheit gehört ein großer Teil derer, die sich zur Mitte rechnen.
Sie wollen, dass nicht nur wenige profitieren, wenn die Wirtschaft gut läuft, dass
die Steuerlast wenigstens wieder so verteilt wird wie vor 30 oder 40 Jahren. Und
das alles verlangen sie von der Regierung ihres Nationalstaats, eines Nationalstaats,
den eine marktradikale Globalisierung zum Standort degradiert hat.
Aber immerhin: Soziale Gerechtigkeit ist nicht mehr, wie vor fünf Jahren, ein
Randthema, für das weise Ökonomen nur Spott übrig haben. Die rasch sich vertiefende
Kluft zwischen immer Reicheren und in die Armut Abrutschenden,
zwischen Vorstandsbezügen und Hungerlöhnen droht nun auch in Deutschland
die Gesellschaft zu spalten. Eine eindeutige Mehrheit möchte dies verhindern.
Warum die SPD gebraucht wird
Welche Partei könnte diese Aufgabe schultern? Die Unionsparteien? Da gibt es
seriöse Politiker, die sehr wohl gemerkt haben, was nötig und an der Zeit ist.
Aber sie haben keine Chance, sich durchzusetzen. Die Partei der Linken? Sie ist
in der Globalisierung und damit im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen.
Die Grünen? Sie könnten es sich am ehesten leisten, aber eben nicht alleine.
Bleiben also die Sozialdemokraten.
Vernünftigerweise dürfte die Frage nicht lauten, ob die SPD noch zu retten
ist, sondern ob sie unsere Gesellschaft noch vor der Spaltung retten kann.
Warum in aller Welt soll oder gar muss die SPD gerettet werden in einem
Augenblick, wo sie nötiger gebraucht wird als jemals seit den 70er Jahren?
Ein Grund, aber eben nur einer, mag in den Medien liegen. Es ist heute möglich,
eine Partei klein zu kriegen, wenn mächtige Medien und eine einzige
Demoskopenfirma zusammenspielen. Da wird ein
Vorsitzender niedergemacht, und sofort liefern die
Demoskopen katastrophale Zustimmungswerte, so
dass die Medien ausführlich darüber räsonieren können,
warum die Partei zum Abgrund wankt. Das produziert
dann noch niedrigere Werte. Und so fort. Es stimmt schon, dass heute in
manchen Redaktionen Leute sitzen, die Politik nicht erklären, begleiten, werten,
kritisieren oder loben, sondern selbst machen wollen. Und können.
Der zweite Grund liegt in dem Politikverdruss, der immer weiter um sich
greift. Die Menschen, die manchmal verzweifelt oder angewidert Anne Will oder
Maybritt Illner abschalten, spüren, dass die Politiker, die sich da präsentieren, gar
nicht so mächtig sind, nicht nur, weil man ihnen das Wort abschneidet, sobald sie
ein paar Zentimeter unter die Oberfläche bohren wollen, sondern weil sie das,
was sie wollen und vertreten, meist doch nicht realisieren können, sogar wenn sie
an der Regierung sind. Sie können darüber lamentieren, wie unfair Nokia sich
verhalte, aber sie können nicht verhindern, dass der Konzern in Rumänien die
höhere Rendite sucht. Sie können nur darüber jammern, dass auf deregulierten
Finanzmärkten ein Vielfaches dessen verbrannt wurde, was für eine großzügige
Familienpolitik nötig wäre. Ändern können sie es nicht.
Der dritte Grund ist, dass die Sozialdemokraten, auch wo sie regiert haben –
vielleicht mit Ausnahme der skandinavischen Länder – nicht haben verhindern
können, dass die Kluft zwischen Arm und Reich sich vertieft hat. Natürlich ist
Gerhard Schröder nicht Schuld daran, dass auch in seiner Regierungszeit die
Gewinne ungleich stärker gestiegen sind als die Löhne. Aber es stimmt, dass
Schröder, Clement und Eichel an der wachsenden Ungleichheit wenig geändert
haben. Waren sie vielleicht doch nur »Genossen der Bosse«? Oder konnten sie
nicht handeln, dann war und ist gleichgültig, wer regiert.
Was blieb, war der Tatbestand, dass genau in dem
Augenblick, als ein sozialdemokratischer Kanzler beim
– notwendigen – Umbau des Sozialsystems Opfer vom
kleinen Mann verlangte, die Großen beim Kassieren jedes
Maß verloren. Das verletzte, und die Wunde ist noch offen. Sie wird überwiegend
Sozialdemokraten angelastet. Das mindert ihre Glaubwürdigkeit.
Parteien sind kein Selbstzweck. Gäbe es für die SPD nichts mehr zu tun, dann
dürfte sie, wie Brigitte Seebacher angeregt hat, sanft entschlafen, aus Altersschwäche.
Aber es gibt mehr, Größeres, Schwierigeres zu tun, als wir noch vor 20
Jahren ahnen konnten.
Für eine Politik des sozialen Ausgleichs
Zuerst muss die Sozialdemokratie zeigen, dass sie begriffen hat, was in Deutschland
– und nicht nur da – ansteht: Die Gesellschaft vor einer Spaltung zu bewahren.
Wo die Kluft zwischen Arm und Reich zu tief wird, wo die Reichen sich in
Gated Communities einigeln, sich von privaten Sicherheitsleuten gegen die Kriminalität
und Gewalt aus den Slums, barriadas, bidonvilles bewachen lassen, spaltet
sich die Gesellschaft, privatisiert, kommerzialisiert und chaotisiert sich die
Gewalt. Was in Brasilien oder Südafrika, aber auch in den USA in vollem Gange
ist, muss in Zentraleuropa verhindert werden. Da sind Sozialdemokraten gefragt.
Sie können es anpacken mit dem Selbstbewusstsein, das sich aus dem Vollzug des
Mehrheitswillens ergibt. Wer abwenden will, was anderswo immer häufiger geschieht,
muss beweisen, dass eine Politik des sozialen Ausgleichs sich vereinbaren
lässt mit einer Wirtschafts- und Finanzpolitik, die sich den Realitäten der Globalisierung
stellt und mit einer Klimapolitik, die nicht nur hehre Ziele formuliert,
sondern auch bereit ist, sich mit Sonderinteressen anzulegen.
Das ist ziemlich viel auf einmal. Aber billiger ist eine humane Zukunft nicht
zu haben. Natürlich kann eine Partei nicht drei Dutzend Konflikte auf allen Feldern
gleichzeitig anzetteln. Sie muss ein paar exemplarische Konflikte langfristig
anlegen. Der Mindestlohn ist ein solcher Konflikt. (Aber dann muss auch dem
Bild-Zeitungsleser klar gemacht werden, dass man die Niedrigstrenten in zwanzig
Jahren am besten durch Mindestlöhne heute bekämpft!)
Wer der Spaltung der Gesellschaft wehren will, braucht einen handlungsfähigen
Staat. Die Sozialdemokratie muss sich erkennbar der Abwertung des
Staates widersetzen. Das ist 2008 wesentlich leichter als 2003.
Wer die Gewichte von Markt, Staat und Zivilgesellschaft neu justieren will,
muss vorläufig im Nationalstaat ansetzen. Aber er muss wissen, dass letztlich nur
die EU die sozialen und ökologischen Rahmen für den Markt ersetzen kann, die
im Nationalstaat zerbrochen sind. Die SPD muss eine europäische Partei sein. Sie
muss Motor sein für gemeinsame Positionen und Initiativen der europäischen
Sozialdemokraten.
