Zwischenruf |
Heft 7/8 | 2008 |
Sympathisch, aber falsch |
Wo immer die Tagespolitik
in Krisen kommt – ein Patentrezept wird meist viel zu gedankenlos empfohlen. Es
lautet: mehr direkte Demokratie. Darin zeigt sich auch ein fataler Mangel
an Selbstvertrauen derer, die sich tatsächlich noch dauerhaft in der Demokratie
engagieren.Aktuell wieder anhand der Debatte über die Zukunft Europas nach dem
negativen irischen Bürgervotum.
Volksbegehren, Direktwahlen, Volksentscheide, Wahlrechtsreformen: Die
öffentliche Lobby dafür, speziell in den Medien, ist groß. Als Antidemokrat
erscheint geradezu, wer dagegen Bedenken hat. Und neben dem Umstand, dass jede
– zumal personalisierte – Direktbeteiligung allemal prima zur Logik der
Mediengesellschaft passt: Das Beteiligungsproblem in der repräsentativen
Demokratie ist ja auch nicht wegzudiskutieren. Viel zu wenige machen
kontinuierlich mit. Für viel zu wenige ist organisiertes bürgerschaftliches
Engagement heute noch selbstverständlicher Teil des eigenen öffentlichen
Lebens.Und dennoch: Die reflexhafte Hoffnung,dass emotional aufgeladene
Ja-Nein-Entscheidungen die Demokratiekultur weiter bringen, ist naiv. Im
Gegenteil. Sie verstärken das Grundübel Populismus, in der Politik wie in den
Medien. Demokratie von unten braucht mehr.
Die Entwicklung in Irland kann man fast schon als klassisch bezeichnen. Ums Detail ging es am Ende niemandem, um Symbolik ging es allen. Ein großzügiger privater Finanzier konnte eine Symbolkampagne Marke »entweder Demokratie oder Europa« hinzaubern,mit der die komplette politische Klasse eines EU-Landes an die Wand gespielt wurde.Weil das Thema – der Vertrag von Lissabon – sachlich und von der Genese her zu komplex ist, als dass dazu in diesem Stadium noch tagesbezogen echte Gestaltungsfreiheit möglich wäre. Weil ehrlicherweise nach einem 27-Nationen-Kompromiss auch niemand mehr sagen konnte, dass er diesen EU-Vertrag rundum gut findet.Weil eine Tiefenströmung im Volksbewusstsein in Zeiten von Globalisierung und Mediengesellschaft ohnehin Demokratie kaum mehr mit aktiver Teilhabe übersetzt – sondern nur noch die gelegentliche Möglichkeit zum Verteilen von Denkzetteln sucht.
Einladung zu sachfremdem
Populismus
Es kann
nicht richtig sein, das Volk am Ende über einen Vertrag entscheiden zu lassen,
dessen praxisrelevante Teile für die Politikebene Europa eher
innerorganisatorischen Charakter haben. Es kann auch nicht richtig sein – wie
es prompt im Reflex diskutiert wird –, jetzt über diese minimale, aber im
Detail verschachtelte Brüsseler Organisationsreform auch noch alle Völker
Europas gleichzeitig abstimmen zu lassen.Welch eine Einladung zum sachfremden,
nationalistischen Populismus. Denn in Volksentscheiden kann im Bewusstsein der
Menschen faktisch doch immer nur eine vereinfachte Globalfrage zur Abstimmung
stehen. Nach dieser Logik wäre es bestenfalls noch richtig, direkte
Legitimation zu Beginn eines politischen Entscheidungsprozesses (also: über die
Ziele) einzuholen statt am Ende über ein juristisches Paragrafenwerk.
Selbst
in der Schweiz, wo die Abstimmungskultur über Generationen gewachsen ist, bewähren sich Volksabstimmungen nur, weil der
Nationalstaat noch autonom ist
und der Föderalismus angesichts der Sprachgrenzen relativ trennscharf funktioniert. In Deutschland gibt es
völlig andere
Voraussetzungen:
repräsentative Parteiendemokratie, EU-Integration, Föderalismus ohne hinreichend eindeutige Alleinkompetenzen bei den Ländern. Und
letztlich wird die Debatte über
Direktabstimmungen
gespeist vom
wachsenden, aus den Medien aus
deren Eigeninteresse heraus oft noch
geschürten Misstrauen gegen diese repräsentative Parteiendemokratie. Deren Vertreter reagieren
verunsichert, als seien
sie sich
schon selbst nichts mehr wert. Und lassen aus dieser Verunsicherung heraus zum Teil Systemwechsel
zu, mit denen sie
sich weiter
selbst entwerten.
Demokratieschwächung im Namen der direkten
Demokratie
In Berlin
und Hamburg wurden Regelungen über
Volksbegehren zugelassen, wonach es Volksabstimmungen geben kann, die rechtlich nur
empfehlenden Charakter
haben. Das ist
demokratiepolitisch ein Unding. Der
höchste Souverän,das Volk,kann dann
abstimmen – aber es hat nicht das letzte Wort. Das ist Demokratieschwächung im Namen der direkten
Demokratie.
Als es in
Berlin im Frühjahr um das
Begehren zur
Offenhaltung des Stadtflughafens Tempelhofs ging, drohte ein solches unbindendes
Volksvotum.Die Parlamentsmehrheit wäre in eine unsägliche Lage gebracht worden, wäre das
Beteiligungsquorum
am Ende
nicht knapp verfehlt worden und
das Begehren damit formal gescheitert. Auch hier galt wieder: Ein Ja-Nein-Event stand am Ende eines
jahrzehntelangen,
städteplanerisch
und juristisch komplexen
Entscheidungsprozesses.
Statt allenfalls
am Anfang
(das wäre 1996 gewesen)
das Volk zu
fragen, welches Flughafenkonzept es will. Und auch hier wieder war viel – diesmal obendrein: anonymes – Kampagnengeld im Spiel.
Direktwahlen oder
Wahlrechtsänderungen
in Richtung
Kumulieren/Panaschieren
haben
nirgendwo nachweislich zu
mehr
Partizipationsbereitschaft geführt. Sie haben lediglich mancherorts die Popularisierung der Auseinandersetzung in
den Medien erleichtert. Sie
haben Personen
noch
wichtiger erscheinen lassen. Wie logisch aus einer Sicht, die Parteien und Parlamenten generell
nichts mehr zutraut.
Es geht um
Demokratiefähigkeit
Was außer
persönlicher Karriere soll parteipolitisches Engagement noch bringen, wenn die eigentliche Demokratie erst jenseits der Parteien beginnt?
Andererseits:
Wie
vermittelbar ist Politik überhaupt noch in Zeiten der komplexen juristischen Verschränkungen zwischen
lokaler, regionaler,
nationaler
und europäischer Ebene?
Angesichts
der langfristigen realen Prozesse – während öffentliche Meinung medial zunehmend rein
tagesbezogen entsteht
und vergeht.
Es geht an dieser Stelle letztlich um Demokratiefähigkeit schlechthin – unterstellt, Demokratie
bedeutet, dass alle
verstehen, über
was sie gerade entscheiden.
Wohl wahr, auch die
Repräsentanten
in den
Parlamenten durchschauen nicht jedes
Detail. Aber sie sind verantwortlich zu machen für Fehlentscheidungen. Sie brauchen immerhin im
Rhythmus der
Wahlperioden
(deren Verlängerung ist insofern demokratiemindernd) Legitimation für die politischen
Grundlinien. Aber
sie behalten
auch die Freiheit und Verantwortung, den Entscheidungsprozess zu begleiten. Sie agieren auf der Zeitachse. Ein Volksvotum zu
Einzelfragen oder -personen, meist
zudem bei extrem geringer
Beteiligung,
bleibt ein Schiedsspruch aus einem
Momentum, der politischen Abstimmungssekunde heraus.
Kein Grund also, sich
immer wieder
dorthin
treiben zu lassen. Demokratische Beteiligung ist eben etwas anderes als ein gelegentlicher
privatisierter Abstimmungsakt. Zu
ihr gehören auch Kontinuität, Organisation,
soziale Einmischung im
Alltag. Es
geht längst darum, wie ernst die Engagierten sich selbst noch nehmen. Und ob sie noch stark genug
sind, den demokratischen
Grundkonsens
an Werten und damit
auch die
Regeln zu verkörpern, die es für
komplexe, prozesshafte Entscheidungen braucht. Dies weiter auszuhöhlen, ist falsch – auch wenn es
sympathisch daher
kommt.
