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Medienspiegel 

Heft 9 | 2008

Albrecht von Lucke

Der neue Selbstbedienungs-Journalismus

Es gab einmal eine Zeit, könnte in Bälde ein Märchen beginnen, in der die Parteien ihre Kanzlerkandidaten noch selbst aufstellten. Denn jene Zeit scheint seit diesem Jahr vorbei zu sein.

 

Will man den so genannten Qualitätszeitungen Glauben schenken, ist die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur der SPD bereits gefallen. Tatsächlich war es die eigentlich so brave Tante Die Zeit, die auf ihrer Titelseite am 19. Juni quasi-offiziell, sprich: im Namen der Medien als vierter Gewalt im Staate, den nächsten SPD-Kandidaten ausrief: »Frank-Walter Steinmeier. Der Mann, der die SPD retten soll. Keiner kennt ihn, aber alle mögen ihn. Was kann der nächste Kanzlerkandidat der Sozialdemokratie?«

 

Schau an. Dass die Medien auf diese Weise einen Spitzenkandidaten unter sich ausmachen, ist ein in der Geschichte der Bundesrepublik doch ziemlich einmaliger Vorgang. Offensichtlich tendieren sie zunehmend zu einem Do-it-yourself- oder Selbstbedienungs-Journalismus, getreu dem Motto: Gebt Ihr uns die gewünschte Nachricht nicht, schreiben wir sie uns eben selber.

 

Aber dies ist nur die eine Seite der Medaille. Hinter der medialen Absage an eine eigene Kandidatur Becks steckt nämlich mehr als die vorgebliche Sorge um das Wohlergehen der SPD. Der Ausrufung Steinmeiers lange vorausgegangen war eine anschwellende Debatte über die Eignung des SPD-Vorsitzenden, die mehr und mehr Züge einer regelrechten »Beck muss weg«-Kampagne annahm. Sein in der Tat kapitaler (und auch von ihm eingestandener) strategischer Fehler im Umgang mit der Linkspartei nach der Hessenwahl erklärte dabei keineswegs die enorme Aversion, die ihm bereits kurz nach seinem Amtsantritt in den Medien entgegengebracht worden war.

 

Am deutlichsten brachte diese bisher nicht gekannte abschätzige, ja verachtende Haltung der stellvertretende Chefredakteur von Springers Welt, Ulf Poschardt (bisher vor allem durch den von ihm zu verantwortenden Flop des Millionen-Projekts Vanity Fair bekannt), zum Ausdruck – und zwar bereits am 5. November 2007, also lange vor der Hessenwahl. In einem Beitrag für den Deutschlandfunk schrieb Poschardt: »Kurt Beck, der SPD-Vorsitzende, trägt Flecht-Slipper. Seine Frisur stammt aus jener Zeit, als sich die Interessen der SPD noch mit den Interessen des Landes deckten. Beck sieht aus nach bequemem Mittelmaß. Gemütlich. Es ist eine Wurschtigkeit, die als Neobiedermeier die Abkehr jeder Mitverantwortung für die Zivilisiertheit des öffentlichen Raumes bedeutet.«

 

Frisur und Flechtslipper – die Kritik zielt scheinbar auf vermeintlich äußerliche Kriterien, die in politischen Fragen eigentlich keine Rolle spielen sollten. Doch hinter der beachtlichen Arroganz des ausgewiesenen

FDP-Anhängers Poschardt verbirgt sich weit mehr. Im bloß ästhetischen Gewande kommen hier fundamentale politische Gegensätze daher. Was nicht nur Poschardt, sondern weite Teile der Medienlandschaft letztlich stört, ist die politische Richtung Kurt Becks. Bereits dessen Motto »Nah bei und immer langsam mit de Leut« ist für die nach wie vor neoliberal geprägte Medienelite dieses Landes die reine Provokation – und Grund genug für dessen Demontage.

 

Dafür spricht auch die seither eingetretene Eskalationslogik. Mittlerweile wird längst nicht mehr »nur« über Becks Kanzlerkandidatur, sondern bereits über dessen Eignung als Parteivorsitzender diskutiert. Angesichts des medialen Trommelfeuers zeugt es deshalb schon von erstaunlicher Souveränität, dass Kurt Beck bis heute an seinem Zeitplan festhält, frühestens nach der Bayern-Wahl seinen Kandidaten bekannt zu geben. Recht gibt ihm dabei die Tatsache, dass aufgrund der angekündigten Rückkehr Franz Münteferings plötzlich ein neuer Anwärter aufgetaucht ist, den selbst die voreiligen Medienvertreter bisher nicht auf dem Schirm hatten und auf den sie folglich eher ratlos reagieren. Bleibt abzuwarten, ob sie ihre eigene Entscheidung doch noch korrigieren werden. Eines steht fest: Auf die Entscheidung von Kurt Beck dürften sie dabei wohl kaum warten.

 

Symptomatisch für die neue mediale Arroganz ist eine Anekdote, die Redakteure der Berliner Zeitung erzählen. Deren umstrittener Chefredakteur und Geschäftsführer in Personalunion, Josef Depenbrock, der für den verlagseigner David Montgomery die größtmögliche Rendite erwirtschaften muss, soll jüngst gesagt haben:

»Die Presse ist ja die vierte Gewalt. Aber was sind noch mal die anderen drei?« Prägnanter könnte die zunehmende Ignoranz der Medien nicht auf den Punkt gebracht werden.