Editorial |
Heft 11 | 2008 |
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Thomas Meyer |
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Über Nacht ist die einst selbstherrliche Wall Street zur Grabstätte einer bis gestern übermächtigen Ideologie geworden. Auf einmal wissen es alle: Der Marktradikalismus, der Glaube,dass der Markt fast alles besser richtet, sofern ihm der Staat nicht in die Quere kommt, ist gescheitert. Die USA, Hoher Priester des Marktfundamentalismus, verstaatlichen Banken auf breiter Front.Manche sagen nun, ein Zeitalter ist zu Ende gegangen.Vorsicht! Diese Erfahrung hat die Welt ja nicht zum ersten Male gemacht. Ein paar Jahrzehnte her, gewiss. Mehr noch als das aktuelle Desaster selbst muss uns nachdenklich machen, dass eine solche Reprise möglich war, vor der im Übrigen die kundigen Thebaner seit langem konkret gewarnt hatten.Wo sind nun die Propheten des gescheiterten Marktfundamentalismus? Wo bleibt ihre Bilanz?
Die Ursachen des Marktversagens waren ja bestens analysiert und die Erkenntnis, dass sich selbst überlassene Märkte, die der Finanzen zumal, die Gesellschaft in die Katastrophe führen, zwingend begründet. Abermals bestätigt sich, Gesellschaften lernen nur in der Krise.Wie nachhaltig das Lernen diesmal ein kann, das ist heute die eigentliche Frage. Die Antwort hängt davon ab, was sie verantwortlichen Akteure der Stunde daraus machen. Bloß die Decke über das Feuer? Ein Feuerwehreinsatz genügt nicht, das ganze Haus muss saniert werden.Was eine umsichtige Reaktion ist, die hält, hat Gustav Möller gezeigt, als er in den 30er Jahren als schwedische Antworten auf die Weltwirtschaftskrise die Einbettung der Märkte und den universalistischen Sozialstaat begründete, übrigens in einem Land, das zuvor durchaus nicht auf ein so radikales Projekt programmiert war.Und auch die USA haben mit ihrem New Deal damals gezeigt, was sie können,wenn sie wollen.
Wenn das nicht die Stunde der Sozialdemokratie ist, was sonst? Die wirkungsvolle Einbettung der globalisierten Märkte und die strenge Kontrolle der globalen Finanzmärkte ist ja seit zwanzig Jahren eine der Kernforderungen der politischen Ökonomie der Sozialdemokratie, national, europäisch und global. Es trifft sich also gut, dass dieses Heft die Frage nach den »Chancen der Sozialdemokratie zum Thema hat. Unsere Autoren zeigen in vielfältigen Analysen, dass die Gunst der Stunde, die Übereinstimmung von realen Herausforderungen und programmatischen Antworten eine wichtige Voraussetzung für den politischen Erfolg ist.Aber nur eine,denn was die Akteure des Tages aus dieser Passung im Handeln nun machen, in der Perspektive ihrer Politik, in der Überzeugungskraft ihres Auftretens, ist am Ende entscheidend. Und das ist alles noch offen.
