Gespräch |
Heft 11 | 2008 |
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Gespräch mit Franz Müntefering Die Luft ist voll sozialdemokratischer Themen und Antworten |
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NG/FH:
Zunächst herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Bundesvorsitzenden der SPD. Die
Medien berichteten, mit der neuen Personalaufstellung, also auch mit
Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidaten, sei die SPD wieder
satisfaktionsfähig. Die Abstände in den Umfragen zwischen SPD und Union werden
kleiner. Ist die SPD schon über den Berg?
Franz Müntefering: Nein, aber die Chance ist da, 2009 die Bundestagswahl
zu gewinnen. Bei der Wahl in Bayern ist deutlich geworden: Schwarz-Gelb wird es
im Bund nicht mehr geben. Entscheidend ist jetzt, gemeinsam das Ziel ausrufen
und dafür kämpfen, das da heißt: Frank-Walter Steinmeier soll Bundeskanzler
werden. Das ist ein lohnendes Ziel, weil wir es besser können als die anderen.
Und angesichts des Desasters der internationalen Finanzindustrie ist noch
klarer geworden: Die Luft ist voll sozialdemokratischer Themen und Antworten.
Also,wir haben die Chance, vorne zu sein.
NG/FH: Auch wenn jetzt der
Blick nach vorn gerichtet werden muss, es rumort in der Partei immer noch über
die Agenda 2010. Ist sie eher ein Klotz am Bein, oder ein Pfund, mit dem man
eigentlich wuchern könnte, es aber im Moment nicht tut? Welche Rolle spielt sie
für ein tragfähiges Identitätsbewusstsein der SPD, welche sollte sie spielen?
Müntefering:
Wenn über die Agenda
gesprochen wird, wird das im
Wesentlichen verstanden als ein Synonym für Hartz IV, was wiederum mittlerweile zu einem Schimpfwort geworden ist.
Das wird man nicht so schnell korrigieren können, aber in der Agenda
standen natürlich noch ganz andere
Dinge, zum Beispiel die Einrichtung von 230.000 Krippenplätzen bis zum Jahre
2010, steuerliche Entlastungen, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung
und Technologie ab 2010. Dies waren gute und wichtige Weichenstellungen. Und
mit der Arbeitsmarktreform haben wir Langzeitarbeitslose aus dem Stadium der
Passivität, der Sozialhilfe herausgeholt und auf den Arbeitsmarkt hin
orientiert. Im Ergebnis haben viele wieder einen Arbeitsplatz. Vor allem aber
wird die Arbeitslosigkeit nicht mehr vererbbar sein. Wir sind also mit den
Reformen auf einem guten Weg, der aber bestimmt nicht leicht ist. Arbeit gibt
es, aber sie muss mobilisiert werden. Gerade in einer Zeit, in der das
Vertrauen der Menschen zum Beispiel durch das Verhalten der Bankmanager in Gefahr
geraten ist, müssen wir klar machen, dass wir soziale Sicherheit vor allen Dingen
dadurch gewährleisten, dass möglichst viele wieder in Arbeit kommen. Die Bundestagswahl
2009 wird nicht entschieden über Beschlüsse von 2003 oder
Koalitionsentscheidungen in einzelnen Bundesländern, sondern im Hinblick auf
die Frage: Wer gewinnt das Vertrauen der Menschen, wer hat die vernünftigsten,
sozialen und demokratischen Antworten für das, was vor uns ist. Und die haben
wir mit
Frank-Walter Steinmeier an der Spitze.
NG/FH:
Der Begriff Reform wird in Teilen der
Bevölkerung fast als eine Art Drohung verstanden.
Nun lebt aber gerade die SPD von Reformen. Sie schreiben in Ihrem Buch, das
Wichtigste sei, das Notwendige populär zu machen, die Diskurse zu führen und
Orientierung zu geben. Ist die SPD in
diesem Sinne kampagnenfähig oder was müsste getan werden,
damit sie es wird?
Müntefering:
Eine theoretische Kampagnenfähigkeit gibt
es nicht. Es hat in der Geschichte der SPD einige Situationen gegeben, in denen
wir Themen, die zunächst von einer Mehrheit anders gesehen wurden, populär
gemacht und durchgesetzt haben. Einige haben uns danach viel Ruhm eingebracht,
etwa die Ostpolitik 1972, wo große Teile des Landes gegen uns waren. Das heißt,
wenn wir überzeugt sind von unseren Wegen, müssen wir auch dafür werben. Das
ist, wenn man so will, ein Dilemma der Demokratie, das aber unvermeidbar ist:
Gute Politik machen wollen und gleichzeitig beim nächsten Mal wiedergewählt werden.
Die Frage ist nicht, wofür man sich entscheidet. Man muss beides zusammenführen:
nicht ablassen von dem, was richtig und vernünftig ist, pragmatisch nötig zu
»sittlichen Zwecken«, wie Helmut Schmidt das ausgedrückt hat, und gleichwohl dafür
sorgen, dass die Menschen mitgenommen werden. Man muss nicht unbedingt immer
Schussfahrt machen in der Politik, Slalom ist erlaubt, Kreisverkehr nicht. Das
soll heißen, man muss Richtung geben, vorankommen.
NG/FH:
Wie kann eine solche doch recht schwierige
Strategie gelingen angesichts einer Medienumwelt, in der immer wieder abgelenkt
wird auf Personalkonflikte, in der Stimmen aus der zweiten Reihe hochgezogen werden?
Müntefering:
Das ist eines der großen Probleme, auch
der Demokratie, dass wir eine Informations- und Kommunikationsvielfalt haben,
die an vielen Stellen nicht hinreichend qualifiziert ist. Wer informiert sein
will, kann es sein. Es gibt auch gute und sehr gute Angebote in den Medien. Aber
die
Gefahr ist groß, dass man angesichts der Vielfalt der
Informationen bei dem Unwichtigen und Falschen hängen bleibt. Deshalb: Aufklären,
Erklären statt mit allzu simplen Werbebotschaften versuchen durchzukommen.
Aufklärung ist immer noch die beste Möglichkeit, Menschen zu
erreichen, mit einer ehrlichen und verständlichen Sprache
die Zusammenhänge erklären. Dann kann man auch gegen so manche verkürzte,
skandalisierende und tendenziöse Medienberichterstattung. gewinnen. Das haben
wir bei den letzten beiden Bundestagswahlen geschafft. Man kann zum Beispiel
auch älteren Menschen plausibel machen, dass zusätzliche Ausgaben für Forschung
und Technologie die bessere Alterssicherung für die Zukunft sind als jetzt die
Renten zu erhöhen. Viele sehen das
letztlich ein, aber die Frage ist natürlich, ob man sich auf
eine solche Ehrlichkeit einlässt oder ob man den Menschen nach dem Mund reden
will.
NG/FH:
Die Sozialdemokratie ist im Moment in
der schwierigen Situation, dass eines ihrer Grundthemen von Anfang an – die
Gerechtigkeit – von CDU und Linkspartei sozusagen geplündert worden ist. Kann es der SPD dennoch
gelingen, dieses Thema als ihr eigenes, originäres Identitätsthema in die
Debatte einzubringen, und kann man eine Reformstrategie heutzutage noch über
einen aktualisierten Gerechtigkeitsbegriff offensiv vertreten?
Müntefering:
Gerechtigkeit hat mehrere Facetten.
Chancengerechtigkeit in Bezug auf Bildung; Generationengerechtigkeit, Stichwort
Nachhaltigkeit; Teilhabe- und Teilnahmegerechtigkeit mit Blick auf den Arbeitsmarkt;
aber auch Verteilungsgerechtigkeit. Letzteres geht nur im Schulterschluss mit
den Gewerkschaften und mit einem starken Staat, der die soziale Dimension dort
garantiert, wo sie aus dem Arbeitsleben heraus nicht zu realisieren ist. Der
Mindestlohn ist in diesem Zusammenhang ein Beispiel, ja, eine unverzichtbare Notwendigkeit.
NG/FH: Der
Casino-Kapitalismus erlebt derzeit sein Waterloo. Ist heutzutage überhaupt noch
eine vernünftige Reformstrategie möglich, oder muss nicht Kern einer neuen
sozialdemokratischen Politik
sein, dieses Problem grundsätzlich anzugehen?
Müntefering:
Das Problem bekommt man national nicht
mehr in den Griff. Durch die Globalisierung bewegt sich Geld weltweit und
außerhalb der nationalen Regelungen. Und deshalb muss man erstens natürlich national
dafür sorgen, dass es Regeln gibt, aber vor allem muss man europäische Regeln
suchen. Die soziale Ordnung Europas ist von herausragender
Bedeutung. Gelingt es, in dieser Friedens- und Wohlstandsregion mit 500
Millionen Menschen, großem Wissen und hoher Leistungsfähigkeit die soziale
Komponente freiwillig demokratisch legitimiert zu organisieren? Wenn
Europa das schafft, kann es auch weltweit gelingen, sonst
nicht. Aber wenn die Politik dies nicht schafft, steht es schlecht um die Demokratie.
Das ist eine konkrete Gefahr. Deshalb ist meine große Sorge bei der derzeitigen
Finanzkrise, ob wir es schaffen zu beweisen, dass die Demokratie in der Lage ist,
ökonomisch effizient und sozial stabil zu sein und zwar besser als alle anderen
Regierungsformen auf der Welt. Das ist für die Sozialdemokratie und den
demokratischen Sozialismus die Herausforderung. Das ist ein anderer
Kapitalismus als jener vor hundert Jahren. Heute geht es nicht mehr um den
Acht-Stunden-Tag und die Krankenversicherung. Jetzt geht es darum, dass wir
international Regeln setzen. Und hierbei sind übrigens Arbeitnehmer und
anständige Unternehmer, von denen es eine Menge gibt, gleichermaßen betroffen
und gefordert. Spareinlagen müssen sicher sein, Geldprodukte müssen einen
verbraucherfreundlichen Qualitätsstempel haben, kurzfristige
Gewinnspekulationen müssen unterbleiben. Und in Deutschland
müssen wir garantieren, dass unser dreigeteiltes Bankensystem mit privaten und
öffentlich-rechtlichen Sparkassen sowie den Genossenschaften erhalten bleibt.
Darüber muss auch auf europäischer Ebene deutlich gesprochen
werden. Die Sparkassen stehen nicht zur Disposition. Wenn
wir dieses System nicht hätten, sähe es jetzt in Deutschland noch weit
schlimmer aus.
NG/FH:
Eine Kritik an der Programmatik der SPD
lautet, sie würde sich in ihren Zukunftsentwürfen
zu stark auf die Bildung konzentrieren. Tatsächlich gibt es
Bevölkerungsgruppen, die nicht so leicht, vielleicht auch gar nicht, in
absehbarer Zeit über Bildung den Aufstieg schaffen können, zum Teil sind das
auch Menschen mit Migrationshintergrund. Was kann die SPD denen anbieten außer
Aufstieg durch Bildung?
Müntefering:
Bildung hat natürlich eine ökonomische
und eine für die Volkswirtschaft wichtige Komponente, aber zuallererst ist sie
ein Menschenrecht. Deshalb müssen wir, wenn wir darüber sprechen, das nicht nur
auf die Frage reduzieren, wie viele Ingenieure benötigt werden. Wenn
man Demokratie will, wenn man will, dass die Menschen auf
gleicher Augenhöhe miteinander
agieren, muss man ihnen die Möglichkeit der Bildung und
Erziehung eröffnen. Natürlich, Bildung ist keine Garantie für Aufstieg. Aber
sie ist die Chance dazu. Daneben muss in Deutschland aber auch einfache Arbeit
wieder mehr Anerkennung bekommen.
NG/FH:
Könnte da nicht auch der Kombilohn Sinn
machen?
Müntefering:
Auch, ja. Es gibt verschiedene Möglichkeiten,
das zu organisieren: soziale Arbeit gehört dazu, Kommunalkombi. Was nicht geht
ist, dass sich gleichzeitig die Unternehmen mit niedrigen Löhnen gegenseitig in
die Knie zwingen. Mindestlöhne sind unverzichtbar, anständige Löhne überhaupt.
Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel sind ja keine Verwahranstalten sondern
für die Entwicklung unserer Kinder und für die künftige Lebensqualität entscheidend.
Hier dürfen die Einkommen nicht zu weit auseinander klaffen. Und wir müssen
eine Debatte darüber führen, wie die Akzeptanz in der Gesellschaft
für einzelne Berufszweige und einfache Arbeiten erhöht
werden kann. Der Kombilohn ist eine Möglichkeit.
Eine andere wäre, die Haushalte als Auftraggeber zu stärken.
Das war auch bereits mein Vorschlag bei der Kabinettsklausur in Meseberg. Wenn
also zum Beispiel in einem Haushalt einmal pro Woche oder zweimal
pro Tag Hilfe gebraucht wird, dann sollte es dafür
Dienstleistungsunternehmen geben und – begrenzt – steuerliche Vergünstigungen
für diesen Haushalt. Der eine ist dann ordentlich beschäftigt und bekommt einen
vernünftigen Lohn, für den anderen ist das eine bezahlbare Beschäftigung. Wir
müssen uns neuen gesellschaftlichen Leistungen und Leistungsformen nähern.
NG/FH:
Sie sprechen des Öfteren von einem neuen
Gesellschaftsentwurf. Nun ist das Hamburger Programm der SPD gerade ein Jahr
alt. Wie steht beides zueinander?
Müntefering:
Das Hamburger Programm ist eine gute
Grundlage für das, was wir gemeinsam als Ziel zu beschreiben haben. Die
Grundwerte sind geklärt, unser Verständnis vom Menschen, von dem was zu tun
ist, das ist alles plausibel. Ich würde mir wünschen, es würde häufiger gelesen
und zum Gegenstand der Politik gemacht, aber da hat
es dasselbe Problem wie das Grundgesetz. Die die größte Substanz haben, haben nicht
immer auch die größte Aufmerksamkeit. Beim Thema Gesellschaftsentwurf dürfen
wir uns nicht in Details verlieren. Wir müssen die Debatte führen über
die Fragen, die die Menschen wirklich
interessieren. Zum Beispiel, wie in der jetzigen Situation der Wohlstand auf
hohem Niveau gehalten werden und für alle gerecht verteilt werden kann. Wie es
mit der Alterssicherung weitergeht. Wie das Verhältnis zwischen Sozialstaat und
sozialer Gesellschaft gestaltet werden muss? Die individuellen Lebensentwürfe
der Menschen ändern sich und Politik fängt da an, wo man aus deren Vielfalt
eine gemeinsame gesellschaftliche Dimension formt. Eine spannende
Herausforderung.
NG/FH: Das wäre also so eine Art
Anwendungsdebatte zum Hamburger Programm?
Müntefering: Das ist
der Versuch, nicht nur zu beschreiben, wie wir dafür sorgen, dass der Platz auf
dem der Einzelne sitzt, bequem ist, sondern, dass wir den Menschen auch sagen,
wohin die Reise geht, dass der Zug sicher ist und was die Fahrkarte kostet. Meine
Erfahrung ist, dass die Menschen
gerne zuhören, wenn die Sinnzusammenhänge erläutert
werden. Sie wollen trotz vieler Bäume den Wald noch sehen. Denn die Gefahr ist
groß, dass man sonst die Übersicht verliert und sich verläuft. Dass muss unsere
Debatte leisten und ich weiß, dass wir das können und dabei wird das Hamburger
Programm die Basis sein.
NG/FH: Die SPD muss jetzt
Regierungen bilden in einem Fünfparteiensystem. Entweder in Großen Koalitionen
oder in anderen Konstellationen mit den Nachteilen, die wir kennen. Wenn die
SPD nicht selbst die führende Regierungspartei ist, läuft sie Gefahr, an den
Rand gedrängt zu werden. Eine Ampel ist schwierig mit einer FDP in ihrer
derzeitigen Verfassung. In Bezug auf die Linkspartei
haben Sie geäußert, dass
sie das Problem hat, zwar Werte hochzuhalten, aber nicht den nötigen Pragmatismus.
SPD-Identität war es immer, beides miteinander zu verbinden. Also müsste die
Auseinandersetzung mit der Linkspartei eine politische sein, nach dem Prinzip, der
Pragmatismus fehlt zwar, aber die SPD beteiligt sich nicht an der
Stigmatisierung.
Müntefering: Ich war
immer der Meinung, im Prinzip müsse auf Landesebene eine Zusammenarbeit möglich
sein und vor Ort darüber entschieden werden. Das war in den ostdeutschen
Ländern so, als viele sich noch dagegen gewehrt haben. Ich sehe das im Prinzip
auch für den Westen. Die Kinder
und die Enkel der SED haben ein Recht, in der
Demokratie ankommen zu dürfen, wenn sie es ehrlich wollen. Ich glaube, dass wir
Anfang der 90er Jahre da nicht nur klug gehandelt haben, aber das liegt weit
hinter uns. Den moralischen Anspruch aber, die Arroganz, die auch aus jener
Ecke kommt, hält man angesichts der Vergangenheit der SED natürlich nur schwer
aus. Im Prinzip aber bin ich der Meinung, dass es darauf ankommen wird, wie die
sich weiter entwickeln. Auf absehbare Zeit sehe ich auf der Ich glaube sogar, dass der Bruderkuss, den die PDS mit der
WASG getauscht hat, die Entwicklung der PDS hin zu einer akzeptablen Partei im
demokratischen Spektrum eher aufhält. Die Parteienfrikassierer aus dem Westen,
die dort jetzt unterwegs sind, haben ganz andere Motive als die, die
idealistisch über Dinge reden, die dann im praktischen Handeln nicht umgesetzt
werden können. Auch weil sie nicht verstehen, oder nicht verstehen wollen, dass
Ökonomie und Ökologie und Soziales Dinge sind, die zusammen gehören. Weil sie
im Grunde eine nationale soziale Politik machen wollen
und nicht akzeptieren, dass die Globalisierung die
Bedingungen für nationales Handeln grundlegend verändert hat. Letztendlich aber
ist bei mir die Zurückhaltung auf der Bundesebene keine im Prinzip
immerwährende moralische Entrüstetheit, sondern die Erkenntnis, dass das
pragmatisch auf absehbare Zeit nicht zusammen
passt. Ob das irgendwann einmal möglich sein wird, weiß ich nicht. Das Schielen
nach der Linkspartei ist zur Zeit vertane Zeit.
NG/FH:
2009 setzt die SPD also auf Sieg, nicht
auf Platz. Ist das ein realistisches Selbstvertrauen aus heutiger Sicht?
Müntefering:
Wir haben eine ähnliche Ausgangssituation
wie 2005, beide Parteien allerdings auf einem niedrigeren Niveau. Wir haben
damals im Wahlkampf aufgeholt, das werden wir wieder so machen. Die Union hat
nicht die Meinungsführerschaft und sie hat keine klare Orientierung. Ich
glaube, dass wir mit dem Hamburger Programm und auch mit
dem, was wir jetzt praktisch umsetzen, präziser und erkennbarer sind, als es
die Union ist. Sie umfasst das Spektrum von Marktradikalismus bis Sozialpopulismus.
Das wird sich rächen. Einige von denen, die das Soziale zum Gegenstand
der Politik gemacht haben, wird das noch einholen. Auf die
zentralen Fragen können Sozialdemokraten eine bessere, ehrlichere Antwort
geben. Ich glaube, dass wir in uns geschlossener sind und dies auch vermitteln
können, und dass es der Union schwer fallen wird, im Wahlkampf eine
einigermaßen plausible Position zu beziehen. Da wird die Kanzlerin sich nicht wegducken
können. Wenn sie auf die FDP zugeht, dann ist sie schnell wieder bei 2005 mit
der Beschimpfung des Staates und der Huldigung des Kapitalismus. Auf diese Diskussion
bin ich ganz gespannt.
NG/FH:
Sie haben den interessanten Gedanken formuliert,
dass es bei all diesen Debatten nicht mehr um Gegensätze geht, sondern nur noch
um Unterschiede, und dass es den, der diese Wahrheit kennt,
schmerzt. Kann man denn unter diesen Bedingungen überhaupt
noch eine Mobilisierungskampagne machen?
Müntefering:
Friedrich Ebert hat beispielsweise immer
dafür plädiert, dass man sich hart auseinandersetzt, aber man darf den politischen
Konkurrenten nicht demütigen und man muss ihn in seiner eigenen Menschlichkeit
und Individualität auch akzeptieren. Ich glaube, dass man diese Position halten
muss. Dass man sehr wohl auch in der Sache fighten kann und zwar mit aller Härte und Deutlichkeit, aber ich glaube
auch, dass es Gegensätze eigentlich nicht gibt. Manchmal hat der andere auch ein
bisschen Recht und man ist gut beraten, wenn man sich mit Nachdenklichkeit den
Dingen nähert und der Bereitschaft, hinzuzulernen, und sich nicht in einer
selbstgerechten Absolutheit verliert. Viele Sachverhalte sind in sich
ambivalent und kompliziert und keiner hat von Anfang an die Wahrheit auf seiner
Seite. Bereitschaft, den Anderen zuzuhören, ist ratsam. Wenn man dann aber
entschieden ist, muss man auch klar und deutlich und mit der nötigen Massivität
die eigene Position
vertreten und umsetzen. Das gehört zur Demokratie dazu. Und
es kommt an auf das, was passiert: auf 's Handeln. Bundesebene
aber absolut nicht, wie es im wirtschafts-, finanz-, sozial- und außenpolitischen
Bereich eine Zusammenarbeit geben könnte. 2009 definitiv nicht. Sicher spielt
dabei auch eine Rolle, dass es dort handelnde Personen gibt, mit denen viele von uns nicht zusammenarbeiten können.
