Editorial |
Heft 12 | 2008 |
Ein Aufatmen ist durch die Welt gegangen. Endlich, nach den langen
Jahren der Bedrückung, der Empörung und oft auch der Angst, die die so häufig
ahnungslose, dabei stets fundamentalistisch rechthaberische Truppe von George
W.Bush bis in den letzten Winkel der Welt verbreitete – ein glaubhafter
Neubeginn. Die ganze Welt hat diesmal mit gewählt und wohl auch mit gewonnen. Barack
Obama, der unerwartete Hoffnungsträger, hat schon damit begonnen, Ernst zu
machen mit den großen Verheißungen, die ihn ins Amt trugen. Einsicht und
Verantwortung scheinen nun an die Stelle von Verblendung und Solipsismus zu
treten. Die vorbereitete ökologische Wende und die Rückkehr des politischen
Primats über die wild gewordenen Märkte, im amerikanischen Eldorado selbst und
global, kommen spät, aber nicht zu spät. Die Vereinigten Staaten haben
begonnen, ihre softpower wieder aufzuladen. Die bewirkt fast überall mehr als Bomben.
Diesmal kann sich Europa ein Beispiel nehmen.Wenn sich die Union
der 27 auf das besinnt, was sie vermag, wenn sie wirklich will, können aus dem
amerikanischen Wunder auch Energien für die Stärkung der Zivilmacht Europa in der
Welt erwachsen. Wichtiger wäre noch ein neuer Impuls zu wirklicher Gemeinsamkeit
im Inneren, der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik und vor allem zur
beherzten Korrektur der sozialpolitischen Schieflage, die viele Europäer
verdrießt. Es ist ja wahr, viel mehr als die Gangart der Echternacher Springprozession
lässt sich oft nicht erwarten, wenn 27 Solisten sich jedes Mal einigen müssen. Wenn
doch wenigstens die Richtung dabei stimmte.
Der Vorschlag der amerikanischen Europa-Kennerin und -Freundin
Vivien A. Schmidt in diesem Heft,nach den Jahren der Rückschläge nun auf die
Gangart »Menü-Europa« zu wechseln mit Fortschrittsallianzen der Mitgliedsländer,
die voran schreiten wollen, ist erwägenswert. Ein Patentrezept ist auch er
nicht. Häufig praktiziert, würde er die Union auseinander treiben. Unsere
Autoren beleuchten wichtige Szenen des politischen Kontinents am Vorabend des
Europawahljahres. Eine Diagnose begegnet einem fast überall: Das Defizit der
Union liegt weniger in unzulänglichen Projekten als im Fehlen verlässlicher
Anwälte der Gemeinschaftssache in den nationalen Arenen. Bleiben sie auf die
Dauer aus, ist wenig zu hoffen.
Last, not least: Frank-Walter Steinmeier – und die Redaktion –
gratulieren dem großen sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt zum 90. Der Kanzlerkandidat
gibt bei dieser Gelegenheit interessante Aufschlüsse über sein eigenes
geistiges Profil.Vom Jubilar wünschen wir noch lange viel zu hören.
