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Editorial

Heft 12 | 2008

Thomas Meyer

Ein Aufatmen ist durch die Welt gegangen. Endlich, nach den langen Jahren der Bedrückung, der Empörung und oft auch der Angst, die die so häufig ahnungslose, dabei stets fundamentalistisch rechthaberische Truppe von George W.Bush bis in den letzten Winkel der Welt verbreitete – ein glaubhafter Neubeginn. Die ganze Welt hat diesmal mit gewählt und wohl auch mit gewonnen. Barack Obama, der unerwartete Hoffnungsträger, hat schon damit begonnen, Ernst zu machen mit den großen Verheißungen, die ihn ins Amt trugen. Einsicht und Verantwortung scheinen nun an die Stelle von Verblendung und Solipsismus zu treten. Die vorbereitete ökologische Wende und die Rückkehr des politischen Primats über die wild gewordenen Märkte, im amerikanischen Eldorado selbst und global, kommen spät, aber nicht zu spät. Die Vereinigten Staaten haben begonnen, ihre softpower wieder aufzuladen. Die bewirkt fast überall mehr als Bomben.

 

Diesmal kann sich Europa ein Beispiel nehmen.Wenn sich die Union der 27 auf das besinnt, was sie vermag, wenn sie wirklich will, können aus dem amerikanischen Wunder auch Energien für die Stärkung der Zivilmacht Europa in der Welt erwachsen. Wichtiger wäre noch ein neuer Impuls zu wirklicher Gemeinsamkeit im Inneren, der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik und vor allem zur beherzten Korrektur der sozialpolitischen Schieflage, die viele Europäer verdrießt. Es ist ja wahr, viel mehr als die Gangart der Echternacher Springprozession lässt sich oft nicht erwarten, wenn 27 Solisten sich jedes Mal einigen müssen. Wenn doch wenigstens die Richtung dabei stimmte.

 

Der Vorschlag der amerikanischen Europa-Kennerin und -Freundin Vivien A. Schmidt in diesem Heft,nach den Jahren der Rückschläge nun auf die Gangart »Menü-Europa« zu wechseln mit Fortschrittsallianzen der Mitgliedsländer, die voran schreiten wollen, ist erwägenswert. Ein Patentrezept ist auch er nicht. Häufig praktiziert, würde er die Union auseinander treiben. Unsere Autoren beleuchten wichtige Szenen des politischen Kontinents am Vorabend des Europawahljahres. Eine Diagnose begegnet einem fast überall: Das Defizit der Union liegt weniger in unzulänglichen Projekten als im Fehlen verlässlicher Anwälte der Gemeinschaftssache in den nationalen Arenen. Bleiben sie auf die Dauer aus, ist wenig zu hoffen.

 

Last, not least: Frank-Walter Steinmeier – und die Redaktion – gratulieren dem großen sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt zum 90. Der Kanzlerkandidat gibt bei dieser Gelegenheit interessante Aufschlüsse über sein eigenes geistiges Profil.Vom Jubilar wünschen wir noch lange viel zu hören.