Das Thema |
Heft 12 | 2008 |
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Mario Telo Normative Kraft oder lahme Ente? |
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Die EU ist heute eine gewichtige Stimme im Gefüge der internationalen Politik.
Doch welche Rolle sie angesichts sich wandelnder Machtverhältnisse innerhalb
Europas und in den internationalen Beziehungen einnimmt und welche Aufgaben
ihr in Zeiten der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise zufallen, darüber muss
neu nachgedacht werden.
Die
Europäische Union ist in den internationalen Beziehungen weder normative Kraft
noch eine lame duck. Vielmehr besitzt sie eine zivile Kraft, die sie über
verschiedene wirkungsvolle Mittel auch zur Geltung bringt: Sie ist erste
Handelsmacht der Welt, zweite Finanzmacht, erste Macht ei der
Entwicklungskooperation und der humanitären Hilfe sowie Zentrum unzähliger Kooperationsabkommen.
Das alles ennzeichnet keine internationale Macht nach klassischer Definition,
die vor allem auf politisch-militärische Kraft setzt.
Drei Kapitel einer Erfolgsgeschichte
Die EU ist internationaler
Akteur. Viel entscheidender ist aber, dass sie allein schon durch ihre bloße
Existenz als regionale Organisation der Zusammenarbeit in Frieden, Demokratie
und Wohlstand auf dem europäischen Kontinent – mit Fortschritten seit nun schon
mehr als fünfzig Jahren – einen Einfluss auf die global governance ausübt.
Dies gilt vor allem für ihre Nachbarn im Osten und am Mittelmeer; in zweiter
Linie auch für ihre fernen Partner in Afrika, Asien, Nord- und Südamerika.
Diese Vorstellung, dass die
Errungenschaften des europäischen Kontinents von internationaler Bedeutung und
Implikation sein könnten, ist alt und liegt im politischen europäischen Denken
von Dante bis Kant, von Hegel bis zu den Gründungsvätern der Europäischen
Gemeinschaft begründet: Heute, im 21. Jahrhundert, könnte sie sogar ein wenig
eurozentrisch erscheinen und ist es wohl auch zum Teil. Zweifellos waren sich
Kojève, Delors, Spinelli, Brandt und Habermas in der Idee eines beispielhaften Europa,
eines Modells der Aussöhnung ehemaliger Feinde, vor allem zwischen Deutschland
und seinen Nachbarn, einig. So wird es auch in anderen Kontinenten wahrgenommen.
Tatsächlich aber handelt es sich nicht nur um eine, sondern um drei
Errungenschaften Europas, die untereinander
verbunden sind: der Frieden,
der auf der Erinnerung an die Tragödien der Vergangenheit gründet; die
Festigung der
Demokratie in jedem der 27
Mitgliedsstaaten – verknüpft mit einem Demokratisierungsdruck auf die Nachbarn,
vor allem auf Beitrittskandidaten wie die Türkei und die westlichen
Balkanländer –, sowie ein noch nie dagewesener Wohlstand der Mehrheit der
Mitgliedsstaaten. Es handelt sich also um drei Kapitel einer Erfolgsgeschichte,
die von der ganzen Welt anerkannt wird. Doch reicht das aus?
Der »exemplarische« bottom-up-Ansatz
für den Beitrag der EU zur globalen governance reicht jedoch nicht aus,
um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen, denn einerseits
werden diese dringlicher, andererseits wächst die europäische Verantwortung.
Der Einsatz von Machtpolitik scheint wieder auf den europäischen Kontinent und
noch stärker in andere Regionen wie Süd- oder Nordostasien, Zentralafrika etc.
zurückzukehren. Dabei geht es nicht nur um den neuen informellen Terrorismus
von Al Quaida und die endlosen Kriege im Irak und Afghanistan.
Wo immer auf dem Planeten
sich Tendenzen zu einer Welt der Kooperation anstelle der Konkurrenz und des Kampfes zeigen, da werden sie von einer Logik
der balance of power erdrückt.
Das bisher Erreichte ist
nicht genug
Aus zwei Hauptgründen muss
die EU künftig mehr leisten:
Erstens: Seit dem 11. September 2001 wird
die internationale Agenda von Sicherheitsfragen beherrscht, die sich vor die zivile
Agenda der 90er Jahre gesetzt haben. In diesem schwierigeren Umfeld muss die Europäische
Union zum Anbieter von Sicherheit werden und kann nicht nur deren Konsument
sein. Nachdem sie die unilaterale Agenda von George W. Bush (dem Noch-Präsidenten
der Supermacht des 20. Jahrhunderts), des Krieges gegen den Terrorismus
und der Demokratisierung
mittels Präventivkrieg, nicht geteilt hat, muss sie nun eigene Antworten auf
die Herausforderung des Terrorismus, der failing states und der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen geben können. Der multilaterale und
zivile Ansatz der Europäischen Union des 21. Jahrhunderts muss sich als
effizienter und legitimer erweisen, muss die anderen Mächte mit einbinden, von
den USA bis zu den Schwellenländern, und die gemeinsame Sicherheit im Sinne einer
umfassenden Idee von Sicherheit erhöhen. Dies umso mehr, als neue Formen
der Machtlogik des 19.
Jahrhunderts auftauchen, zum Beispiel in Russland. Die Unangemessenheit einer
Zivilmacht in einem militarisierten Umfeld war Gegenstand umfangreicher
Literatur, obwohl sich der Erfolg klassischer Militärmächte auch nicht wirklich
eingestellt hat. Im Falle der USA von Bush beweisen nun die irakische Krise und
die Gegenprobe der gemäßigt positiven Entwicklung der koreanischen Krise sogar
das Gegenteil.
Zweitens: Nach 2007/2008 haben sich die
Illusionen über eine Globalisierung, die allen zugute kommen soll, und eine
deregulierte Marktwirtschaft
auch in den Augen ihrer Fürsprecher wie etwa Alan Greenspan definitiv
aufgelöst. Es geht nicht nur um eine globalization malaise, hervorgerufen
durch Delokalisationen, Ungleichgewichte zum Schaden von Entwicklungsländern und
Lebensmittelknappheit. Die Situation hat sich qualitativ verändert. Die Europäische
Union muss nun nachweisen, dass eine Neugründung der Globalisierung auf
regulierterer und ausgeglichener Basis
möglich und wirksam ist.
Dazu muss sie eine neue Form des posthegemonialen leadership erfinden.
Es geht nicht darum, die Hegemonie der USA durch eine unmögliche Hegemonie der
EU zu ersetzen, sondern die USA wie auch die Schwellenländer (China, Indien,
Brasilien, etc.) in einen neuen Multilateralismus einzubinden.
An verschiedenen
internationalen Schauplätzen droht sich die Wahrnehmung der EU zu
verschlechtern. In Südasien zum Beispiel, wo Indien die europäischen Angebote zur
zivilen Zusammenarbeit (im Bereich der maritimen und Flugzeugtechnik, des
Austausches in Wissenschaft und Forschung, etc.) im Rahmen einer 2004
beschlossenen, aber nicht funktionierenden strategischen Partnerschaft
zugunsten eines Atomgeschäfts mit den USA ausschlägt. Noch dominiert die Logik
der Machtpolitik die internationalen Beziehungen in Asien und lässt das
europäische Angebot schwach erscheinen.
Zudem erweist sich die
Politik der guten Nachbarschaft (ENP) weder im Osten (Ukraine, Russland, Weißrussland)
noch am Mittelmeer, wo die Ziele zum Schutz der Menschenrechte, der Demokratie
und der Wirtschafts- und Handelsentwicklung verfehlt worden sind, als
befriedigend. Der israelisch-palästinensische Konflikt überschattet den
Barcelona-Prozess, und es ist offen, ob er von der am 14. Juli 2008 in Paris
lancierten »Mittelmeerunion« wieder in Gang gesetzt werden kann.
Einflussmöglichkeiten
Gleichwohl wäre es ein
Fehler,von einer lame duck zu sprechen. Ungeachtet ihrer Grenzen und der
institutionellen Krisen von 2005 (zwei negative Referenden und zunächst nur 18
nationale Ratifizierungen des Verfassungsvertrags) und 2008 (negatives Referendum
in Irland) konnte doch die EU – und zwar stärker noch als in der Vergangenheit
– mit ihrer Politik und ihrem Einfluss verschiedene Dimensionen der
Globalisierung in der Zeit nach dem Kalten Krieg gestalten:
Erstens: Zusammen mit den USA ist die
EU der einflussreichste Regulierer des Weltmarktes und der wirksamste
Verbreiter von governance-Standards. Das Gewicht Europas in der
Weltregulierung ist bereits erheblich. Dieser Umstand könnte sich jedoch mit
dem Zusammenbruch der globalen Finanzwelt gegen die EU wenden.
Zweitens: Bis jetzt jedoch hat die EU besser
reagiert als die USA: Nicht nur, dass sich der Euro als zweite Reservewährung der
Welt erwiesen hat, er ist auch zu einer Voraussetzung für eine
Krisenlösungsstrategie auf verschiedenen Ebenen geworden. Als eine Insel und
ein Modell der Stabilität inmitten einer chaotischen Welt konnte die Euro-Zone
immerhin das Großbritannien von Gordon Brown in eine konzertierte Anti-Krisen-Politik
einbinden,
Reuegefühle bei den stolzen
Ländern der ausgestiegenen Skandinavier hervorrufen und die treibende Kraft
beim Treffen der G20 im November 2008 sein.
Drittens ist zwar das Ungleichgewicht
zwischen der Wirtschafts-, Handels- und Finanzmacht auf der einen Seite und dem
politischen Gewicht auf der anderen weiterhin offensichtlich. Doch das Neue der
letzten Jahre ist der exponenzielle Anstieg der europäischen Missionen in der
Welt, des Engagements der EU, auch aufgrund der Gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik (GASP), in allen Krisengebieten der Welt. Dafür steht der
Erfolg der
Friedensmission zwischen
Israel und dem Libanon. Sie signalisiert einen kleinen, aber bedeutenden
Schritt nach vorn in der politischen autonomen Präsenz der EU im Nahen Osten;
auch seitens Israels wird die EU als eine Macht anerkannt, eine Friedensmacht.
Kongo, Georgien, Kosovo sind weitere Bekundungen der Bereitschaft einer nicht
klassisch militärischen Macht, sich in lokale Krisen einzumischen, wenn auch in
den Grenzen ihrer drei »Petersberg-
Missionen« (humanitäre,
Frieden schaffende und Frieden sichernde Aktionen).
Viertens: Vor allem dank der deutschen
Führung wird die EU als Lenker des Kyoto-Prozesses gegen Klimaerwärmung und
Umweltverschmutzung anerkannt. Die Gipfel der G8 und der von Bali 2007 haben
die europäische Fähigkeit demonstriert, den Multilateralismus unter Einschluss anderer großer Länder wieder in Gang zu
setzen.
Erwartungen nicht zu hoch
setzen
Zweifellos kann die EU –
wenn auch nicht in einem idealistischen sondern realistischen Sinne – als eine
zivile Macht definiert werden, die keine klassische politisch-militärische Macht
werden kann und will. Die normative Macht in einer neo-»imperialen« Richtung à
la Ulrich Beck zu bestimmen, wäre eurozentrisch, illusorisch und würde nur
Frustrationen und Desillusionen hervorrufen. Europa ist keine postmoderne Insel
inmitten einer modernen Welt, ist nicht Venus in einer von Mars beherrschten Welt,
wie Robert Kagan formuliert. Ihr Ansatz des sogenannten sovereigntypooling, also
des Bündelns von Befugnissen, muss sich sowohl im Innern als vor allem im
Äußeren mit dem Verhaftetsein vieler Staaten
in ihrer klassisch nationalen Souveränität auseinandersetzen. Der vertiefte europäische
Multilateralismus reformiert Schritt für Schritt die Realpolitik und steht mit
einer großenteils »nicht-europäischen« Welt in Wechselwirkung. Man sollte daher
die Erwartungen an eine idealisierte, postmoderne und alternative EU nicht zu
hoch setzen. Die EU muss mit den Befugnissen, die ihr über europäische Verträge
von den Staaten übertragen worden sind, sinnvoll umgehen. Die Wahl Obamas in
den USA bedeutet einen Zugewinn an Realisierungschancen für diese
multilateralen Werte, die 8 Jahre lang nur noch von der EU vertreten worden
sind. Um jedoch eine gleichberechtigte Partnerschaft mit den USA und den
asiatischen Riesen zu garantieren, muss der Prozess der nationalen Ratifizierung
des Lissabon-Vertrages von 2007 abgeschlossen werden, der die Schlüssigkeit
und Sichtbarkeit des
internationalen Agierens der EU verbessern wird.
Die deutsche
Sozialdemokratie unter Willy Brandt hat frühzeitig erkannt, dass ihr Schicksal
mit dem einer politischen
Einheit und zivilen Macht
eines vereinten Europa verknüpft ist, seit dem »Irseer Entwurf« von 1986, der
zum Grundsatzprogramm von Berlin 1989 werden sollte. 2007 wurde es im Hamburger
Programm an die neue Sicherheitslage in einer instabilen Welt der Zeit nach dem
Kalten Krieg angepasst sowie die Antwort auf die schwere
Wirtschafts- und Finanzkrise
bereits vorweggenommen. Beides sind die neuen äußeren Herausforderungen der
europäischen Zivilmacht.
(Aus dem Italienischen von
Rüdiger Hentschel.)
