Essay |
Heft 1/2 | 2009 |
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Moritz Leuenberger |
Ja,
in der Politik wird gelogen. Ich weiß, wie im politischen Alltag um Macht und
Einfluss gekämpft wird. Trotzdem bin ich gerne Politiker und will auch andere
davon überzeugen, sich politisch einzubringen. Warum mache ich das? Ich will
nicht einfach mit dem uneigennützigen Einsatz für die öffentliche Sache
argumentieren, mit dem edlen Kampf für eine bessere Welt. Das wäre wohl schon
eine kleine Lüge, denn Politiker drängen doch auch für ihre eigenen Interessen
in das öffentliche Rampenlicht, und sei es auch nur, weil sie gefallen wollen
oder Freude an der Macht haben. Ja, in der Politik kann man die eigene
Gesinnung oft nicht durchsetzen und muss Zugeständnisse machen. Trotzdem bin
ich zutiefst überzeugt von der Notwendigkeit des Kompromisses und halte nichts
vom Kult der Kompromisslosigkeit.
Der
Kompromiss – ist er eine Lüge?
»Vox
populi – vox Dei« oder »Das Volk hat das letzte Wort«, heißt die Devise, die
ein guter Demokrat verinnerlicht, und nicht »Vox populi – vox Rindvieh«, wie
Franz Josef Strauß spottete. Deswegen setzt sich der gute Demokrat mit der
Volksmeinung ernsthaft auseinander, nicht nur in der direkten Demokratie. Wenn
eine Regierung vermeiden will, durch Straßendemonstrationen zum Rückzug eines
Gesetzes gezwungen zu werden, sucht auch sie vermehrt den Ausgleich und den
Kompromiss. Der Kompromiss als solcher hat aber nicht eben den besten Ruf. Automobile
und Waschmaschinen werden in der Werbung als »kompromisslos« angepriesen. Man
spricht vom »faulen Kompromiss« oder von weichen »kompromisslerischen«
Politikern. Und wohl nicht zufällig bedeutet kompromittieren sich bloßstellen.
Im Handel, im Vertragswesen, im Verhältnis zwischen zwei Partnern ist der
Kompromiss gang und gäbe. Wieso hat er in der Politik eine so schlechte
Reputation? Es gibt Heißsporne, die den Kompromiss kurzerhand mit Verrat
gleichsetzen. Ihr Vorwurf besteht darin, dass sich untreu geworden sei, wer
einen Kompromiss eingehe. Und es gibt die etwas kühlere These, es gelte in der
Politik eine andere Ethik als im täglichen Leben.
Max
Weber begründet den Unterschied zwischen Gesinnung und Verantwortung mit diesem
Konflikt zwischen Überzeugung und Umsetzung, also zwischen der Vorstellung, wie
etwas sein müsste, und der Ohnmacht, diese
Vorstellung
in der Realität vollständig verwirklichen zu können, zwischen dem Versprechen
im Wahlkampf und dem späteren Kompromiss. Tatsächlich gehen wir unterschiedlich
vor, wenn wir unsere Idealvorstellungen formulieren, also wenn wir ein Manifest
schreiben oder die Grundsätze einer Verfassung entwerfen, und wenn wir diese
Vorstellungen verwirklichen wollen. Die kompromisslose Gesinnung für den
Frieden, für alternative Energien, für den Tierschutz darf nicht bloß toleriert
werden, die Demokratie ist vielmehr unbedingt auf sie angewiesen. Jedoch ist es
kaum je möglich, unsere Vorstellung in der Realität auch vollständig
durchzusetzen, immer sind wir auf Kompromisse angewiesen.
Wir
müssen jedoch auseinanderhalten: Wer seine Überzeugung ändert, geht keinen
Kompromiss ein, sondern er ist, nach Überlegungen, nach Diskussionen, zu einer
anderen Überzeugung gekommen, zu einer neuen Einstellung, die er jetzt anstelle
seiner vorherigen vertritt. Diese Überlegungen können tiefgründig oder einfach
opportunistisch sein. Je nach Standpunkt fällt dann entweder die Bezeichnung
Wendehals oder Populist, Überläufer oder Konvertit. Aber der Gesinnungswandel selbst,
ob verwerflich, mutig oder löblich, ist kein Kompromiss. Dieser besteht
vielmehr in einer Handlung, welche von der eigenen Gesinnung abweicht. Wer
einen Kompromiss eingeht, verhindert eine noch weitergehende Abweichung. Ein
Kompromiss wird deshalb im Interesse der eigenen Überzeugung eingegangen. Nichts
hindert einen Politiker daran, nach einem Kompromiss zu erklären: »Ich war für A, die
andere Seite für C. Wir haben uns auf B geeinigt. So habe ich C verhindert. Meine
Überzeugung für A ist aber ungebrochen.«
Ein
Kompromiss ist zudem nicht einfach Resultat spielerischen Feilschens. Oft wird
versteckt gedroht oder offen und brutal erpresst. Der bulgarische Präsident
Parwanow musste 2007 gegen besseres Wissen die strafrechtliche Schuld
bulgarischer Krankenschwestern am Tod libyscher Kinder anerkennen, indem er sie
zu »begnadigen« versprach, damit sie freigelassen wurden. Was hätte er anderes
tun können, um seine Landsleute, die gefoltert und zweimal zum Tod verurteilt
wurden, zu befreien? Gewiss, das war ein unwürdiger Kompromiss, aber einer, der
sich angesichts der realen Machtverhältnisse dennoch rechtfertigen ließ, ein
Kompromiss, der letztlich Menschenleben gerettet hat.
Ohne
Kompromiss gäbe es keine Verträge, keine Abkommen, keinen Frieden. Ohne
Kompromiss gäbe es die Eidgenossenschaft nicht. Das Schmieden von Kompromissen
zu tragfähigen Lösungen ist eine Knochenarbeit, eben das politische Handwerk,
das Max Weber als »langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und
Augenmaß« umschreibt.
List
und Lüge
Nein,
die Bergpredigt ist nicht das Leitmotiv des täglichen Lebens. Wer sich auf dem
Pfad der List bewegt, wird keineswegs geächtet, im Gegenteil, er wird
bewundert. Der clevere Geschäftsmann, der sich Vorteile verschafft, der schlaue
Politiker, der sich raffiniert in Szene setzt, ja selbst ein Soldat Schwejk
sind leuchtende Vorbilder.
In unseren Breitengraden wird die List zuweilen zu Unrecht als verwerflich
eingeschätzt. Sie kann durchaus ein erstrebenswertes und legitimes Mittel sein,
welches die soziale und politische Taktik prägt.
Die
List entsteht im Dunkeln. In ihrem Wesen liegt es, dass der Gegner ihre Ränke
nicht durchschauen soll. Das führt bei Verhandlungen unter Staaten zu unlösbaren
Konflikten zwischen Transparenz und Taktik: Verhandelt ein Staat mit einem
anderen, kann er diesem gegenüber seine Taktik nicht offenlegen. Gleichzeitig
will aber die eigene Öffentlichkeit Klarheit darüber, was gespielt wird. Dieses
Dilemma ist nur mit anfänglichen Geheimverhandlungen zu lösen. Sie
widersprechen zwar der Transparenz, welche die Demokratie verlangt, werden aber
dadurch legitimiert, dass anschließend über das Resultat informiert wird, sodass
öffentlich debattiert werden kann und auch ein Referendum und eine Volksabstimmung
möglich werden. Listiges Vorgehen unter Staaten folgt den gleichen Mustern wie
das listenreiche Verhalten im Geschäftsleben. Erträgt das die Demokratie,
welche Transparenz erfordert? Schließen sich Licht und List nicht aus? Dass
sich politische Fraktionen oder Gegenkandidaten für ein Amt listenreich
austricksen, beobachten wir je nach eigenem Standpunkt mit hämischer Freude
oder mit verhaltenem Ärger.
Darf
die Regierung gegenüber den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern auch listig
auftreten? Sie darf, wenn sie ihre List öffentlich legitimieren kann. Es ist
listig, zwei Vorlagen am selben Abstimmungssonntag zu unterbreiten, damit sich
je nach interessierten Kreisen eine Mehrheit für die Regierungsmeinung ergibt.
Dennoch
gibt es auch viele Lügen, die salon- und demokratiefähig sind. Im Privatleben
und in der Politik gehört es zu den gerne akzeptierten Floskeln, dass man sich
über einen Besuch freue oder dass das Essen wunderbar geschmeckt habe. Präsident Chirac
sagte im Fernsehen bei seiner Rücktrittsrede vom 11. März 2007:»Meine lieben
Landsleute! Nicht einen einzigen Augenblick gab es, in welchem ihr nicht in
meinem Herzen und meinem Geist gewohnt hättet. Nicht eine Minute, in der ich
nicht für dieses wunderbare Frankreich gehandelt hätte, dieses Frankreich, das
ich ebenso sehr liebe, wie ich euch liebe…«. Solch offensichtliche Übertreibungen
tun gut, jedenfalls nicht weh, auch wenn sie ebenso offensichtlich nicht der
Wahrheit entsprechen.
Es
gibt Fragwürdigeres. Viele Unwahrheiten werden ausgesprochen, weil wir die
Wahrheit nicht kennen oder nicht wahrhaben wollen, weil wir sie verdrängen. Mancher
Kandidat, der das Blaue vom Himmel verspricht, glaubt in der Stimmung, in die
er sich emporschaukelt, tatsächlich, er könne seine Versprechen verwirklichen. Der
Grat zwischen unschuldigem Verdrängen der Wahrheit und der Lüge ist schmal.
Nachdem
Peter von Matt in seinem Buch über die Intrige festgestellt hat, dass die
Politiker nicht alle den Geboten Jesu folgen, springt er gleich noch zur
weiteren These, dass nämlich in der Politik notwendigerweise
gelogen werden müsse.
Max Weber »beschönige die bittere
Wahrheit«, denn es gebe »eine politik-spezifische
Zunächst
sei diese Aussage der Gerechtigkeit zuliebe in ihren Kontext in Peter von Matts
Buch gestellt. In der »Intrige in der Literatur« widmet er sich ausführlich der
Bedeutung Luzifers in der Weltliteratur. Das ist ungeheuer spannend, unterhaltsam
und lehrreich. Aber, wie es bei Luzifer mitunter eben so ist, er beginnt
diejenigen zu reiten, die sich mit ihm einlassen. Das ist auch Peter von Matt
geschehen, denn er reduziert erstens die Verantwortungsethik auf die Politik.
Die Unterscheidung von Verantwortungs- und Gesinnungsethik gibt es aber, auch
nach Weber, sowohl in der Politik als auch im Alltag. Auch in Alltagsfragen befrage
ich mein Gewissen entweder danach, was die richtige innere Einstellung, die
richtige »Gesinnung« sei, oder ich suche eine Antwort darauf, was die Folgen
meines Handelns sind. Sodann spitzt von Matt politische Verantwortung insofern
zu, als in der Politik gelogen werden müsse. Weber
verweist jedoch auf Dostojewskis Großinquisitor und
beschreibt bloß, dass Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht unter einen
Hut zu bringen seien, nicht aber, dass Letztere uns zwinge zu lügen, auch nicht
in der Politik.
So
sind wir wieder beim Beginn dieses Textes angelangt, bei der weit verbreiteten Vorstellung,
in der Politik müsse man lügen. Wir haben festgestellt: In der Politik wird
gelogen wie im täglichen Leben auch, denn die Menschen in der Politik sind
nicht von einer anderen Welt. Wenn sie in der Politik lügen, wird das konsequenter
verfolgt und aufgedeckt, als wenn sie es privat tun. Tatsächlich gibt es
Beispiele, wo im Interesse der öffentlichen Sache nur die halbe oder überhaupt keine
Wahrheit gesagt werden kann. Zahlt eine Regierung Lösegeld für Geiseln, streitet
sie das meist ab, wahrheitswidrig. Der legitime Zweck liegt darin, dass nicht
zu weiteren Geiselnahmen ermuntert werden soll. Bei Verhandlungen einer Regierung
mit einem anderen Staat kann sie den eigenen Stimmbürgern die Taktik deshalb
nicht verraten, weil sie der Regierung, mit der verhandelt wird, auch bekannt
würde. Das führt zu unwahren Angaben. Für solche »Lügen« muss es aber immer
eine Rechtfertigung geben, die später öffentlich in Form einlässlicher Informationen
zu erbringen ist, damit der Vorgang auch verstanden wird. Das sind im Übrigen
Lügen, die auch im täglichen Leben als »Notlügen« akzeptiert werden. Das Ideal
des offenen und ehrlichen Zusammenlebens, des gemeinsamen
(Nach
dem Buch des Autors Lüge, List und Leidenschaft, das
im Limmat Verlag erschienen
ist.)
