Das Thema |
Alpha-Journalisten - die neuen Intellektuellen? |
Heft 1/2 | 2009 |
Diskurs schlägt Ideologie |
Automatisch gerät man ins Grübeln über den Aggregatzustand des
»Politischen«, lässt man Revue passieren, wie man selbst Peter Glotz als homo politicus, als öffentlichen Intellektuellen auf dieser Bühne zwischen Bonn, München,
Berlin und überall erlebt hat. Wie Politik heute entsteht in der »nervösen
Zone« (Lutz Hachmeister), wo doch schon der Begriff »politische Öffentlichkeit« antiquiert
erscheint, ist noch viel ungreifbarer geworden. Derart laut und marktschreierisch
kommt der Journalismus gern daher, als ließen die strukturellen und
ökonomischen Bedingungen nur noch zu, selber auffallen oder sich behaupten zu wollen
in einer selbstreferenziellen Welt, nicht aber, als solle Wichtiges von
Unwichtigem, Richtiges von Falschem geschieden
werden – und als trage man für die Verhältnisse in der Republik
doch auch, pathetisch gesagt, Mitverantwortung. Ich fürchte, Peter Glotz würde
sich in diese Arena erst gar nicht mehr hineinbegeben.
Ein fast altmodisches Bild kommt zuerst in den Sinn, das sich mit
ihm verbindet – während man seinerzeit meinte, auf einen Avantgardisten zu
stoßen, dessen Lebenselixier es war, sich permanent auf modern times einzustellen.
Der Salon als Metapher: Zu Hause in Godesberg bei dem einen Ehepaar Glotz, mit
einem Dutzend Gesprächspartnern verschiedenster Professionen und aus
unterschiedlichen Parteien, und man sprach angeregt über Gott und die Welt, Gottfried
Benn und Ernst Jünger und Jürgen Habermas und den Nato-Doppelbeschluss Helmut
Schmidts. Es war für uns junge Journalisten der einzige »Salon«, den man am
Tatort Bonn kannte. Später fand dieser Salon dann, sogar noch erweitert, in dem
neuen Domizil des anderen Ehepaares Glotz irgendwo im Wald bei Bad Honnef statt,
und in Erinnerung bleibt, dass stets ein paar neue Gesichter mit neuen Themen und
neuen Gedanken dazu gehörten, geredet wurde schablonenfrei, untaktisch, ins Blaue.
Nun fiel das vermutlich besonders aus dem Rahmen, weil es so
kontrastierte zur Kanzlerschaft Schmidts, der sich anschickte, der Politik, vor
allem aber seiner eigenen Partei und der Linken speziell die »Visionen«
auszutreiben, was Glotz ja im Prinzip auch wollte, aber auf andere Weise. Und noch
stärker hob es sich – sofern Glotz nicht
gerade anderswo Gastspiele gab – ab von der Endlosaussitzkanzlerschaft Helmut Kohls,
dem das »Konzeptionelle« vollkommen wesensfremd blieb. Und dennoch: Ich denke
schon, dass es eine Stärke war, Öffentlichkeit auch ganz praktisch herzustellen
– und mit dem »Diskurs«, wie Glotz es so gern nannte, einfach im privaten Salon
zu beginnen.
Altmodisch,
gemessen am heutigen Politikbetrieb, klingt natürlich dieses ganze Antonio-Gramsci-Vokabular
von der Meinungsherrschaft, das Glotz einschleppte in unseren Alltag. Er wollte
ja wie Kurt Biedenkopf »Begriffe besetzen«, und er betrachtete aus der Warte
des Ollenhauer-Hauses auch später den CDU-General Heiner
Geißler
nicht nur als satisfaktionsfähig. Nein, ein begnadetes Talent erkannte er in ihm,
er wusste, wie man eine Partei »kampagnenfähig« machen kann – und eindeutig überwog
der Respekt davor den Ärger über die Inhalte solcher Feldzüge. Immerhin taufte
dieser bewunderte Geißler die SPD die »fünfte Kolonne Moskaus«, warf ihr
Stabilitätsversessenheit und Freiheitsvergessenheit vor, oder sprach davon, der
Pazifismus habe »Auschwitz erst möglich gemacht«. Demokratie als Verfahren hat Peter
Glotz eben brennend interessiert,
und
wer sich als kunstfertig und scharfsinnig dabei erwies, den erkannte er einfach
an ohne jeden Vorbehalt.
Politik
fängt in Worten an
Es
waren ja immerhin Worte, die sie ernst nahmen – wie er –, auch wenn dieses
demokratische Verfahren nicht völlig abgekoppelt war von politischen Inhalten.
Damals noch nicht. Darin war Glotz in der Tat »ein Brandt-Mann«, wie er selbst
gern bekannte, einer, der sich die Politik gerne ersprochen hat, der zu Papier
brachte, was er denkt, und das dann zur Debatte stellt. Schwarz auf weiß, in
Worten, so fängt Politik an. Eine geradezu
klassische
Welt, verglichen mit dem kommunikativen Gewerbe von heute – obwohl man vermuten
darf, dass der Prediger der Moderne selbstredend seinen eigenen »blog« hätte,
sich in aller Herrgottsfrühe online über
die Nachrichtenlage informierte und sich verkämpfte für solche Segnungen wie Hart
aber fair oder Anne Will, weil
das doch die wahren Foren des Politischen seien.
Selbst
Marcel Reich-Ranicki oder einem, den er so schätzte wie Hans Magnus Enzensberger,
hätte er widersprochen, wenn die dem Fernsehen vorwerfen, das Publikum zu
»verblöden«. Ob er es mit solchem Einspruch wirklich ernst gemeint hätte – was
für die beiden wohl nicht gilt –, steht auf einem anderen Blatt. Entgangen wäre
einem politischen Temperament wie ihm kaum, welche Entpolitisierung auf Talk-Show-Niveau
auch in den öffentlich-rechtlichen Anstalten stattfindet. Aber Glotz hat ja
immer geglaubt, den Tiger reiten zu können. Ist man erst mal an der Spitze der
Bewegung, folgt die »Bewegung« schon. Diese Überzeugung wird inzwischen nicht
mehr von vielen geteilt.
Aus
heutiger Sicht erscheint es mir daher so, als hätte man mit ihm zugleich einen radikalen
Medien-Modernisten und den letzten Verteidiger eines klassischen
Öffentlichkeitsbegriffes vor Augen. In die Moderne
wollte
er Konterbande miteinschleppen. Vergleichbar vielleicht Alexander Kluge, dem
Münchner Freund, der sich früh genug seine Fernsehnische eroberte und diesen Platz
seitdem nutzt, um den hektischen Betrieb
eigensinnig
zu verlangsamen, das Diskursive hervorzuheben, das Unzeitgemäße zu präsentieren
– zuletzt Marx’ Kapital in Tageslängenformat,
wie es sonst nur Peter Stein mit Wallenstein oder
dem Faust wagt.
Ging
es ihm um bestimmte Politiken oder wollte er am eigenen Exempel illustrieren, wie
Politik in Gang gesetzt und vermittelt wird? Ich will hier zwar keine
nachträgliche Glotz-Exegese betreiben, aber haften bleibt ja zweifellos
weniger, wofür er sich exponierte, als eben die Figur des öffentlichen Intellektuellen
in der politischen
Arena.
Sein Anti-Nationalismus, das Europa-Engagement (wenn auch gebremst, seit er der
erweiterten EU die Überlebenschance absprach), sein Hochschulreform-Impuls, meinethalben
auch seine (befremdliche) Begeisterung für Erika Steinbachs »Zentrum gegen
Vertreibung« – das alles sei nicht unterschätzt.
Faszinierender
aber ist die Frage, wie einem das glückt – sich auf der politischen Bühne zu
bewegen, deren Gesetzen zu folgen, sich der Parteidisziplin zu beugen oder das
von anderen zu verlangen, und zugleich vernehmbare »Stimme« zu bleiben. Ich
entsinne mich, dass man Peter Glotz von Anfang an zuhörte. Es waren
nicht
nur seine »Tagebücher«, in ihrer seltsamen Mischung aus subjektiven Tupfern, reflektierten
Anmerkungen zur Politik von außen und Innenansichten der Macht. Einmischungen in
unserem Blatt, der Zeit, im Spiegel,
in der Süddeutschen,
der FAZ oder der taz,
bei Fernsehauftritten, man konnte sich
bald diesen Glotz nicht anders denn als Dauerkommunikator vorstellen, und man
konnte sich die Politik schwerlich denken ohne springende Brunnen wie ihn: Da
verteidigte einer das Dialogische an und für sich. Das freilich in einer Zeit,
in der es auch stärker genutzt wurde. Politiker wie Horst Ehmke, Erhard Eppler,
Kurt Biedenkopf intervenierten per Essay in öffentliche Debatten, oder stießen
sie überhaupt erst an.Günter Grass, Heinrich Böll, Claus Offe, Oskar Negt, sie
alle wollten mitmischen und suchten die Medien, die sie dafür nutzen könnten
und die übrigens nicht nur unter dem Druck standen, dabei stets nach Auflage
oder Quote zu fragen.
Der
Grenzgänger
Glotz
wollte mehr. Als jemand, der nicht ganz zur Politik und nicht ganz zur Welt der
Sozialwissenschaftler gehörte, oder der glaubte, modern seien beide nur, wenn
die Barrieren dazwischen eingerissen würden – als solcher Grenzgänger suchte
Glotz nicht nur Kategorien und brauchbare Begriffe. Er wollte sie als
Instrumente benutzen. Das war es, was er die »Arbeit der Zuspitzung« nannte,
und das war mit »Kampagnefähigkeit« gemeint. Man könnte auch sagen:
interessiert haben ihn die Nahtstellen zwischen den Eliten, jene Grauzonen, in denen
erst der wirkliche Diskurs und die kreative Arbeit beginnt. Erst allmählich spricht
sich in der Wissenschaft herum, dass sie
selber auch diesen Elitenaustausch betreiben muss, also heraus muss aus dem
Elfenbeinturm
beziehungsweise sich befreien muss von den Krakenarmen reiner Fachdisziplin.
Ganz
anders beispielsweise nehmen sich die Verhältnisse aus Anfang der 70er Jahre,
als Jürgen Habermas nachdachte über den »Strukturwandel der Öffentlichkeit« und
die deliberierende Bürgerlichkeit hinüberretten wollte in die Moderne. Der öffentliche
Intellektuelle spielte in dieser Phase eine aus heutiger Sicht geradezu
klassisch wirkende Rolle – wenn er denn à la Mitscherlich, Adorno, Sternberger,
Dahrendorf oder Eschenburg intervenieren wollte. Zugegeben, es herrschten
Bedingungen, die ihre Stimme hörbarer machten, als es heute der Fall ist.
Der
Jüngere, Peter Glotz, wollte dazu gehören, spielte aber insofern eine
Sonderrolle, als er glaubte, er müsse selber den permanenten Strukturwandel
dieser Öffentlichkeit mitdenken, unsereins mit der Nase darauf stoßen, und
zugleich jeweils an der Spitze dieses Neuen seinen Part spielen. Das ließ ihn
so ungeheuer atemlos wirken, nahm aber auch etwas vorweg von der »nervösen
Zone«, in der heute Politik und Meinung entsteht. Wenn die Eliten sich nicht
untereinander verknüpften, nun, dann musste er es halt machen, schien Glotz zu
denken. Er exerzierte sozusagen vor. Und so pickte er sich von den Sozial oder auch
Geistes- und Naturwissenschaften heraus, was er für bemerkenswert hielt, und
spießte auch eklektisch in der Politik auf, was er zur Debatte stellen wollte –
und hielt es den jeweils Anderen vor Augen.Und ins Auge fiel es, das war ihm
bewusst, am ehesten dann, wenn man diese Position von diesem Autor gerade nicht
erwartete. Glotz tanzte damit aus der Reihe, heute ist das Zeitgeist.
Die
Methoden der einen Arena sind auch die der anderen Arena, hat er geglaubt. Manchmal,
aber das ist oft geschrieben worden, erhöhte er dann die Schlagzahl seiner Publikationen,
Texte, Interviews, als könne es so gelingen, doch weiter gehört zu werden –
aber gelegentlich glich das schon einem Kampf gegen Windmühlen. Vorbei war
nicht einfach die Ära der Großintellektuellen oder Großjournalisten, im
dissonanten öffentlichen Konzert waren die einzelnen Stimmen kaum noch
herauszuhören, die Talk-Shows machten zum Prinzip, dass jede Stimme gleich viel
zählt, je schräger und lauter, je besser, Kompetenz war nicht mehr vonnöten.
Diese Kommunikationswelt ohne Trennlinien zwischen den Rollen, also zwischen
Politikern, Journalisten, Intellektuellen, Wissenschaftlern, Public-Relations-Experten
oder Demoskopen, hatte Peter Glotz antizipiert.
Allerdings:
Derart applaniert und monoton trotz des Vielerlei dürfte er sie sich kaum
vorgestellt haben. Aus der deliberierenden Öffentlichkeit sind Pausenlos-TV-Gesprächsrunden
über alles und jedes geworden, aus den Salons mit ihren »Diskursen« ein
mediales Durcheinanderplaudern, auch wenn die einzelne Stimme zur Sache nichts
zu sagen hat. Kaum zu glauben, dass einer wie Glotz nicht durchschaut hätte,
wie die liberale Öffentlichkeit die Ressourcen verzehrt, von denen sie lebt, oder
auch ganz handfest die Zeitungen (»altes Medium« nannte Hans Magnus
Enzensberger sie liebevoll in einem Gedicht) als traditionelles Instrument der
politischen Öffentlichkeit auszusterben drohen. Aber freilich, er hätte sich
solche Gedanken als kulturpessimistisch zugleich auch verboten. So scheint es
mir heute, er habe sich aus der politischen Arena zurückgezogen, bevor er
verschlungen wurde.
