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Editorial

Heft 1/2 | 2009

Thomas Meyer

All unseren Lesern wünschen wir, dass das Jahr 2009 besser werden möge als sein vorauseilender Ruf. Ein Jahr der schlechten Nachrichten würde es wohl, hat die Kanzlerin salvatorisch verkündet. Dann sollte es doch wenigstens, so meint die Redaktion, ein Jahr der guten Nachrichten über kluge Politik werden.

 

Peter Glotz, Ausnahmeerscheinung der Republik, produktiver Unruhegeist zwischen Politik, Wissenschaft und Publizistik, wäre am 6.März siebzig geworden. Wir erinnern uns seiner dankbar und nachdenklich. Vielfalt und Vielheit seines öffentlichen Wirkens wurden sprichwörtlich. Die langjährige Leitung dieser Zeitschrift gehört zur Fülle des von seinem stets vorwärtstreibenden Geist inspirierten Engagements. Er hat dafür gesorgt, dass sie zu einem »Sprechsaal der Linken« wurde, der über Parteigrenzen hinweg Ansehen genießt und Interesse findet.

 

Dieses Heft ist Peter Glotz gewidmet, indem es das Thema ins Zentrum rückt, dem wie keinem zweiten seine intellektuelle Aufmerksamkeit und sein praktisches Wirken galten. Wir fragen nach dem allerneusten Strukturwandel der Öffentlichkeit, der, wie es scheint, unter anderem auch die Rolle der Intellektuellen im politischen Leben von Grund auf verändert. Der Typ des literarischen oder sozialwissenschaftlichen Intellektuellen, der öffentlich interveniert, um die moralischen Energien des Gemeinwesens zu mobilisieren und zur Aufnahme vernachlässigter Diskurse zu nötigen, verschwindet Zug um Zug von der Bildfläche. Die ehrwürdigen Heroen dieses Metiers, selbst keineswegs verstummt, scheinen keine Nachfolger von vergleichbarem Format mehr zu finden, weder Söhne noch Enkel. An ihre Stelle ist ein Typ von Alpha-Journalisten getreten, der in einflussreicher Position nicht nur die Thematisierung, sondern auch die Entthematisierung politischer Fragen organisiert. Er will durch eine kommerziell angetriebene Netzwerkarbeit über die ehemaligen Blatt- und Genregrenzen hinweg entscheiden, was herrschende Meinung im Lande werden soll. Präsentismus und Privatismus der daraus resultierenden Öffentlichkeit erzeugen ein Klima und schaffen Zugangsbedingungen, die es oft schwer machen, politische Richtungsdebatten überhaupt noch zu führen. Kommerzialisierung, Entertainisierung und Heiligung des Status Quo verschmelzen. Es ist der Schritt von Habermas zu Schirrmacher und Diekmann.

 

Peter Glotz wirkte in beiden Welten, als klassischer Aufklärer und zugleich medienfit wie nur irgendeiner, ohne das Eine vor dem Anderen zu kompromittieren. Eine Erscheinung des Übergangs oder ein Modell, wie beides zueinander kommen könnte? Unsere Autoren gehen der Frage nach.