Editorial |
Heft 1/2 | 2009 |
All unseren Lesern wünschen wir, dass das Jahr 2009 besser werden
möge als sein vorauseilender Ruf. Ein Jahr der schlechten Nachrichten würde es
wohl, hat die Kanzlerin salvatorisch verkündet. Dann sollte es doch wenigstens,
so meint die Redaktion, ein Jahr der guten Nachrichten über kluge Politik
werden.
Peter Glotz, Ausnahmeerscheinung der Republik, produktiver
Unruhegeist zwischen Politik, Wissenschaft und Publizistik, wäre am 6.März
siebzig geworden. Wir erinnern uns seiner dankbar und nachdenklich. Vielfalt
und Vielheit seines öffentlichen Wirkens wurden sprichwörtlich. Die langjährige
Leitung dieser Zeitschrift gehört zur Fülle des von seinem stets
vorwärtstreibenden Geist inspirierten Engagements. Er hat dafür gesorgt, dass
sie zu einem »Sprechsaal der Linken« wurde, der über Parteigrenzen hinweg
Ansehen genießt und Interesse findet.
Dieses Heft ist Peter Glotz gewidmet, indem es das Thema ins
Zentrum rückt, dem wie keinem zweiten seine intellektuelle Aufmerksamkeit und
sein praktisches Wirken galten. Wir fragen nach dem allerneusten Strukturwandel
der Öffentlichkeit, der, wie es scheint, unter anderem auch die Rolle der
Intellektuellen im politischen Leben von Grund auf verändert. Der Typ des
literarischen oder sozialwissenschaftlichen Intellektuellen, der öffentlich
interveniert, um die moralischen Energien des Gemeinwesens zu mobilisieren und
zur Aufnahme vernachlässigter Diskurse zu nötigen, verschwindet Zug um Zug von
der Bildfläche. Die ehrwürdigen Heroen dieses Metiers, selbst keineswegs
verstummt, scheinen keine Nachfolger von vergleichbarem Format mehr zu finden, weder
Söhne noch Enkel. An ihre Stelle ist ein Typ von Alpha-Journalisten getreten, der
in einflussreicher Position nicht nur die Thematisierung, sondern auch die
Entthematisierung politischer Fragen organisiert. Er will durch eine kommerziell
angetriebene Netzwerkarbeit über die ehemaligen Blatt- und Genregrenzen hinweg
entscheiden, was herrschende Meinung im Lande werden soll. Präsentismus und Privatismus
der daraus resultierenden Öffentlichkeit erzeugen ein Klima und schaffen
Zugangsbedingungen, die es oft schwer machen, politische Richtungsdebatten
überhaupt noch zu führen. Kommerzialisierung, Entertainisierung und Heiligung
des Status Quo verschmelzen. Es ist der Schritt von Habermas zu Schirrmacher
und Diekmann.
