Aktuelles |
Heft 1/2 | 2009 |
Leitkultur durch die Hintertür |
Selten
hat ein Parteitagsbeschluss für so viel Aufregung gesorgt, wie die auf dem CDU-Parteitag
Anfang Dezember in Stuttgart beschlossene Aufnahme der deutschen Sprache ins
Grundgesetz. Doch die deutsche Sprache muss nicht gerettet werden – sie ist
vital genug.
Die
aufkommende Sozialdemokratie mochte der alte Dubslav von Stechlin genauso wenig
wie die »Namensmanscherei«, und das fing schon bei ihm selbst an: Seine Mutter,
eine Pommersche, hatte ihm den pommerschen Namen Dubslav gegeben, obwohl er
doch ein Märkischer war. »Was ein Märkischer ist, der muss Joachim heißen oder
Woldemar. Bleib im Land und taufe dich redlich. Wer aus Friesack is’, darf nicht
Raoul heißen.«
Theodor
Fontane führt in seinem Alterswerk Der Stechlin an
der Figur des Dubslav vorzüglich jenen Typus alten Landadels vor, der gegen
Ende des 19. Jahrhunderts langsam aber sicher ausstarb: stramm am Bestehenden
festhaltend, wenig bis gar nicht beweglich und so offen für Neuerungen wie ein
nordkoreanischer Betonkopf. Am augenfälligsten wird Dubslavs Konservatismus, wann
immer er sprachliche Einflüsse von außen kritisiert. Das Französische – die
Sprache, die auch an den Höfen gesprochen wurde – schien ihm noch annehmbar und
charmant, das Englische jedoch war ihm ein Dorn im Gehörgang.
Vor
Kurzem hat die CDU den alten Dubslav wieder aus der märkischen Mottenkiste geholt.
Deutsch solle ins Grundgesetz, so will es der Landesverband Saar, der sich mit
diesem Antrag auf dem Bundesparteitag gegen die Kanzlerin und ihren Generalsekretär
durchgesetzt hat. Kurz nachdem Ronald Pofalla empfohlen hatte, den Antrag an
die Bundestagsfraktion zu überweisen, stürmte der saarländische
Ministerpräsident Peter Müller zum Rednerpult, um fürs Deutsche im Grundgesetz
zu werben. Eigentlich kein drängendes Problem, das einer Lösung harrt, sollte
man meinen. Peter Müller jedoch befindet sich im Wahlkampf für die nächste
Landtagswahl
2009,
und er sieht sich wohl zwischen seinen Herausforderern Heiko Maas und Oskar Lafontaine
in der Zange. Ein bisschen Sprachpatriotismus schien ihm da hilfreich.
Warum
eigentlich nicht? Schon Anfang Juli 2008 hatten der Verein
Deutsche Sprache und der Verein
für Deutsche Kulturbeziehungen im
Ausland eine gemeinsame Unterschriftenaktion gestartet, den Artikel 22 im
Grundgesetz, der bislang die Farbe der Bundesflagge regelt, um einen Passus zu
erweitern: »Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch«. Klares Vorbild ist Frankreich,
das wie weitere 16 EU-Staaten die Sprache in der Verfassung erwähnt – freilich
im Falle Frankreichs mit besonderem Nachdruck, schließlich wacht die Académie
Française
schon seit 1635 über die Reinheit des
Französischen. Der Präsident des Deutschen Bundestags, Norbert Lammert, hat
sich auch für die Grundgesetzänderung ausgesprochen. Warum also nicht?
Weil
vor der Frage »Warum also nicht?« eine andere Frage steht: Warum eigentlich? Ist
der Verfassungsrang für die deutsche Sprache überlebensnotwendig? Der
wissenschaftliche Dienst seines Hauses, des Bundestags,
widerspricht Lammert vorsichtig: Die überwiegende Auffassung der rechtswissenschaftlichen Literatur gehe davon aus, »dass die deutsche Sprache bereits jetzt Verfassungsrang« habe. Das Grundgesetz legitimiere sich durch »das deutsche Volk«, es statuiere eine »Bundesrepublik Deutschland« und sichere die »deutsche Staatsangehörigkeit«. Nicht zuletzt sei »die Sprache des Grundgesetzes selbst Deutsch«.Zudem stehe Deutsch in einfachen Gesetzen, wie jenen für gerichtliche Verfahren oder Verwaltungsverfahren.
Bestandschutz nicht notwendig
Deutsch
im Grundgesetz ist wohl kaum schädlich, zumindest aber überflüssig wie ein
Kropf. Die Befürworter des Vorschlages reklamieren einen »schleichenden
Bedeutungsverlust« der Sprache (Verein Deutsche Sprache),
alleine gibt es hierfür kaum Indizien:
Nach Schätzungen sprechen heute rund 100 Millionen Menschen Deutsch als
Muttersprache, darunter natürlich in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in Luxemburg,
Liechtenstein, Italien (Südtirol), aber auch in Rumänien, Argentinien, Australien,
Frankreich (Elsass-Lothringen), Brasilien, Russland und den USA. 18 Prozent der
EU-Bürger unterhalten sich in ihrer Muttersprache Deutsch – das ist der Spitzenplatz
vor Französisch und Englisch. Als Fremdsprache wird Deutsch am zweithäufigsten
nach Englisch und gleichauf mit Französisch gesprochen.
Zwar
verliert die deutsche Sprache in Ländern wie Frankreich und den USA gegenüber dem
Spanischen an Boden. Dafür lernen viele Slowaken, Ungarn, Tschechen und Russen
Deutsch, ja im Osten ist Deutsch als Fremdsprache sehr beliebt. Nach Englisch ist
Deutsch die im Internet am meisten verbreitete Sprache, gefolgt von
Französisch, Japanisch, Spanisch und Chinesisch. Ein Blick auf die Startseite
von Wikipedia verrät: gut 2,6
Millionen Seiten des Amateur-Lexikons sind in englischer Sprache, gefolgt von
832.000 deutschsprachigen Seiten und 733.000 französischen.
Von
der Notwendigkeit eines Bestandsschutzes kann also keine Rede sein, gleichwohl damit
noch nichts über die Qualität der Sprache ausgedrückt ist: Natürlich ist gerade
im Internet oftmals ein Deutsch gebräuchlich, das in Sachen Stil, Orthografie und
Interpunktion nur schwer erträglich ist. Im Fernsehen und Journalismus, vor allem
im Boulevard, wird teilweise ein Stil gepflegt, der Prägnanz mit bloßer Kürze und
Wortschatzarmut verwechselt. Und wie schon zu Dubslav von Stechlins Zeiten, fällt
hierbei natürlich die Jugendsprache besonders negativ auf.
Nach
den Irrungen und Wirrungen der 90er Jahre bis in unsere Tage, jeden Hausmeister
plötzlich und ohne Not Facility Manager zu
nennen, hat die Öffentlichkeit ein größeres Gespür für unnötig-lächerliche Anglizismen
entwickelt. An dieser Sensibilisierung haben Vereine, wie jener für die
Deutsche Sprache, einen verdienten Anteil, aber auch einzelne Publizisten wie
Bastian Sick (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod) oder
Wolf Schneider (Speak German – Warum Deutsch manchmal
besser ist). Derlei Mahner stoßen die Selbstheilungskräfte
einer ansonsten vitalen Sprache gelegentlich an, und das Deutsche ist vital: Der
hiesige
Tageszeitungsmarkt
ist der größte in Westeuropa und der fünftgrößte weltweit. Deutschsprachige
Literatur erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, und französische –
und israelische Jugendliche lernen mittlerweile
deutsche Liedtexte auswendig, Tokio Hotel sei
dank.
Man
muss auch nicht gleich bei jedem Anglizismus den Untergang des Abendlandes ausrufen:
Deutsch ist seit jeher eine Sprache in der Mitte Europas, stark beeinflusst durch
Latein (»Fenster«, »Kloster«), Griechisch (»Demokratie«,»Philosophie«), Französisch
(»Boulevard«), Arabisch (»Algebra«), Slawische Sprachen (»Gurke«), sogar Hindi
(»Shampoo«) und natürlich Englisch. Es reicht aus, gegen Imponiergehabe durch
Sprachpanscherei zu sensibilisieren: »Voten« statt »wählen« ist derzeit in der
Sprache des Jugendsenders Viva sehr
angesagt, ein unnötiges Duplikat. Aber neudeutsche Begriffe wie »World Wide
Web« machen Sinn (Vorsicht: »Sinn machen« ist ein Anglizismus, eigentlich muss
es »Sinn haben« heißen), da sie internationale
Standards
sind, die eine Kommunikation über die Landesgrenzen hinaus ermöglichen. Andere
Begriffe sind
einfach
geläufiger als die urdeutschen: »Telefon« ist doch »Fernsprecher« vorzuziehen, oder?
Im Übrigen hat selbst der Verein Deutsche Sprache nichts
gegen Anglizismen, wie »fair« oder »Interview«. Warum eigentlich nicht? Man
könnte doch statt »fair« einfach »gerecht« sagen und statt »Interview«
»Gespräch« – das wäre wohl doch nicht dasselbe.
Wie
man unvernünftig mit der eigenen Sprache umgeht, zeigen uns aktuell auch einige
osteuropäische Länder: In der Slowakei steht der Gebrauch eines »unsauberen Slowakisch«
neuerdings unter Strafe, und einige befürchten, die Regierung könne in Zukunft
die Medien ethnischer Minderheiten wegen »schlechter Sprache« zensieren. Übertriebenen
Sprachstalinismus kann man auch im ehemaligen Jugoslawien entdecken. In
Kroatien beispielsweise merzt man Fremdwörter per Gesetz aus, so dass der
Helikopter mittlerweile, sinngemäß übersetzt, »Drehantriebsflugmaschine« heißt
– na gut, wer dann glücklicher ist ...
Sowohl
das Grundgesetz (Artikel 3: »Niemand darf wegen ... seiner Sprache ... benachteiligt
oder bevorzugt werden«) als auch europäische Regelungen sehen im Übrigen schon
lange den Schutz von Minderheitensprachen
vor: Die Länder Schleswig-Holstein und Brandenburg schützen beispielsweise die
Sprachen ihrer Minderheiten, der Dänen und Sorben. Gerade in der Europäischen
Union ist es wichtig, den
kleinen
Volksgruppen und Nationen bei der Erhaltung ihrer Sprachen zu helfen – das schützt
Identitäten und kommt zuletzt der Akzeptanz einer immer größer werdenden Europäischen
Union zugute. Eine Grundgesetzänderung um ein weiteres Staatsziel ist dann
sinnvoll, wenn – wie beim Tier- und Umweltschutz in Artikel 20a, die 1994 und
2002 hinzugefügt wurden – eine für Deutschland lebenswichtige Grundlage bedroht
ist. Das kann man von der deutschen Sprache ernsthaft nicht behaupten.
Man
darf sich allerdings schon fragen, warum Deutsch eine von 23 Amtssprachen der
EU und eine von drei Arbeitssprachen ist, in der täglichen Arbeit der
Kommissionsdienststellen de facto jedoch Englisch und Französisch dominieren.
Zur Erinnerung: Deutsch ist die am meisten gesprochene Muttersprache innerhalb
der Europäischen Union.
Diese
Frage wird von einer Grundgesetzänderung, die das Deutsche verbindlich in die
Verfassung schreibt, aber überhaupt nicht angepackt. Der CDU-Vorschlag ist vielmehr
der Versuch, die gescheiterte Leitkulturdebatte durch die Hintertür wieder einzulassen.
Vielleicht ist vor diesem Hintergrund demnächst auch eine weitere Initiative der
CDU zu erwarten: Sauerbraten mit Klößen ins Grundgesetz! Oder das Neuzeller
Brauersteak mit Schwarzbier-Backobstsauce! Dubslav von Stechlin wäre begeistert.
