Das Thema |
Mut zur Vision |
Heft 3 | 2009 |
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Robert Misik Welt ohne Westen |
Prognosen,
sagte einmal ein kluger Kopf, sind immer riskant, besonders dann, wenn sie sich
auf die Zukunft beziehen. Dies betrifft die nüchternen Realisten nicht viel weniger
als die Utopisten. Malt sich der Utopist die Welt so aus, wie er sie gerne hätte
– mag er dabei auch reale, gegenwärtige Tendenzen berücksichtigen –,
so
schreibt der Realist einfach gegenwärtige Tendenzen fort. Für den Realisten ist
die Zukunft eine leicht veränderte Gegenwart. Was diese Art von Prognose
natürlich nie zu erfassen vermag, sind die historischen
»Überraschungen«.
Stellen wir uns kurz einmal vor, wie jemand vor zwanzig Jahren die »Zukunft« vorausgesagt hätte: Hätte er den Kollaps des
Ostblocks prognostiziert? Den spektakulären Aufstieg Chinas? Die Revolutionen
der Kommunikationstechnologie? Die Expansion der Finanzmärkte – und deren
Kollaps? Sind also mittelfristige Prognosen immer schon eine heikle
Angelegenheit, weil sie »Überraschungen« nicht in ihr Modell einbauen können,
so sind sie noch einmal komplizierter, wenn man gerade in der jüngsten »Überraschung«
drinnen steckt, aber deren Implikationen noch nicht vollends abschätzen kann.
Schließlich deutet vieles darauf hin, dass die Notprogramme zur Rettung der
Finanzmärkte, die im Herbst aufgelegt wurden, nicht ausreichen; dass viele der
systemrelevanten Banken praktisch pleite sind und dass sie faule Kredite in
ihren Büchern haben, die selbst die Rettungskapazitäten wohlhabender Staaten übersteigen
können. Wenn man annimmt, dass deutsche Banken in Wirklichkeit auf Risiken von
2.000 Milliarden US-Dollar sitzen, dann würde ein Kollaps auch das reiche
Deutschland überfordern – die Summe beläuft sich auf zwei Drittel des
deutschen
BIPs. Österreichs Finanzhäuser haben alleine in Mittel- und Osteuropa Kredite
im Ausmaß von mehr als 60 % des BIPs ausständig. Amerikas Banken stehen nicht
gerade besser da, die britischen eher noch schlechter. Man kann sich die
Zukunft vorstellen – aber kann man sich einen Kapitalismus ohne Finanzsystem
vorstellen? Natürlich nicht.
Risikobewirtschaftung
als Aufgabe
Überlegungen
wie diese stellen sich schnell ein, wenn man »Mapping the Global Future«, die
Vorausschau des US-amerikanischen National
Intelligence Council (NIC) zur Hand nimmt. Unser Wissen über
die Zukunft ist beschränkt. Aber dass es nur beschränkt ist, bedeutet
andererseits, dass wir einiges über die Zukunft wissen können. Denn erstens
ist es durchaus fruchtbar, ein Bild zu
entwerfen, wie unsere Welt aussehen würde, wenn sich gegenwärtige Trends ohne
allzu große dramatische Abweichungen weiter entwickeln würden. Und zweitens
ist es natürlich so, dass bestimmte säkulare
Langfristbewegungen auch durch systemische Schocks nicht vollends umgekehrt
werden.
Dazu
gehören: Bevölkerungsentwicklung, globale Machtverschiebungen,
Ressourcenknappheiten. Der NIC ist ein Think Tank innerhalb des amerikanischen
nachrichtendienstlichen Komplexes und das heißt, er hat eine bestimmte Aufgabe:
Risikobewirtschaftung. Möglichst früh auf neue Sicherheitsrisiken hinweisen.
Wie wird die Welt also nach Einschätzung des NIC im Jahr 2025 aussehen? Der
Westen und die USA werden ihre führende Rolle behalten, aber ihre dominante
verlieren. Ein »multipolares System« wird sich entwickeln. Besonderes Gewicht
legen die Studienautoren auf den Aufstieg Chinas und Indiens. Die
Weltbevölkerung wird noch einmal um zusätzlich 1,2 Milliarden Menschen wachsen,
57 % der Weltbevölkerung werden in Städten leben (gegenwärtig 50 %). Dies führt
zu weiterer Ressourcenknappheit. Schon heute leiden 21 Staaten mit einer
Bevölkerungszahl von 600 Millionen an einem Mangel an Frischwasser und
bebaubarem Land. Diese Zahl wird
sich
auf 36 Länder mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden erhöhen. Der Einstieg ins
»Post-Erdöl-Zeitalter« wird gelungen sein, die technologischen Voraussetzungen sind
geschaffen, aber die allgemeine technologische
Umrüstung
hat gerade erst begonnen. Einerseits wird das den Ländern, die jetzt schon ihre
Potenz auf Erdölreichtum begründen, angesichts schwindender Förderungen und
wachsendem Energieverbrauch noch mehr an Macht geben, doch wird diese Macht
bereits zu schwinden beginnen. Vor allem Länder wie Saudi-
Arabien,
deren Einkommen wesentlich vom Erdölgeschäft abhängen, werden schwierigen Zeiten
entgegengehen.
In
Summe wird sich das internationale System« soweit verändern, dass der Begriff »System«
selbst schon eine fragwürdige Hilfsvokabel ist. Früher, als Europa noch dominant
war, gab es zwar auch das »europäische
Konzert«
mit mehreren Mächten, die waren aber immer in Allianzen organisiert. Später gab
es führende Weltmächte, zeitweilig zwei strukturierende Blöcke. Die Welt des
Jahres 2025 könnte aber, so die Befürchtung der Autoren, eine Welt ohne eine
solche strukturierende Ordnung sein.
Global
Governanceals Lösung
Zusätzlich
zur Heterogenität der Staatenwelt kommen weitere Diskontinuitäten: transnationale
Organisationen und global agierende NGOs werden ihren Einfluss ebenso geltend
machen wie das internationale organisierte Verbrechen. Manche Staaten werden zu
unregierbaren Failed States, andere
werden von der Mafia praktisch
übernommen
werden. Die Risikokandidaten sind nicht nur Staaten wie Afghanistan und
Somalia, sie sind »uns«, also dem stabilitätsgewohnten Westen, nahe: die
Ukraine oder Mexiko können leicht zu Herden der Instabilität werden. Regieren
ist in diesem sowohl horizontal wie vertikal zerfaserten Mehrebenensystem
schwierig und wird wohl eher subtile Formen globaler Governance
verlangen. Diese Transformationen des
globalen Systems führen die Autoren dazu, die kommenden 15 bis 20 Jahren als
einen »der großen historischen Wendemomente« zu charakterisieren.
Schließlich
ist die Verschiebung des relativen Wohlstandes – grob gesprochen von West nach
Ost – »ohne Beispiel in der modernen Geschichte«. Grundsätzlich ist das eine
globale Success-Story. 135 Millionen Menschen sind allein zwischen 1999 und 2004
drückender Armut entkommen, die »globale Mittelklasse« wird in den nächsten zwanzig
Jahren auf 1,2 Milliarden Menschen anwachsen – und damit auch in relativen Zahlen
an Bedeutung gewinnen. Werden ihr heute 7,6% der Weltbevölkerung zugerechnet,
dürfte sie demnächst bald
16%
stellen. Auch manche Länder – vornehmlich in Asien, Nahost und Afrika –,die heute
noch dem »Bogen der Instabilität« zugerechnet werden, könnten in ruhigeres Fahrwasser
kommen. Heute sorgen hier Millionen zukunftsloser Jugendliche für Revolten und
gewalttätige Eruptionen. Aber die jungen Angehörigen der Unterschicht werden
einerseits selbst älter – und ruhiger –, andererseits ist eine
überdurchschnittlich junge Bevölkerung, die in Phasen ökonomischer Stagnation
eine Gefahr darstellt, in Phasen des Aufschwungs ein Plus: dann gibt es junge
Arbeitskräfte und relativ wenige Alte, die zu versorgen sind. Das Bild ist hier
durchaus nicht eindeutig und die Autoren prophezeien zumindest in einigen Ländern
eine Entspannung der Lage.
Das
Signum der kommenden Ära wird aber durch den Aufstieg Chinas und Indiens geprägt.
China wird, wenn die gegenwärtigen Trends nur annähernd beibehalten werden, 2025
die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sein und eine führende militärische Macht.
Chinas Führung wird den »historischen Kompromiss« aufrecht zu halten versuchen:
beschränkte Freiheit und Machtmonopol der Kommunistischen Partei im Austausch
gegen stetige Wohlstandszuwächse. Dieser Kompromiss ist aber stets gefährdet. Wenn
das Wachstum einbricht, wird die Führung auf die stille Zustimmung der
Bevölkerung nicht mehr ohne Weiteres bauen können, was durch folgenden
Sachverhalt noch verschärft werden kann: »In der Geschichte haben die Menschen,
wenn sie einmal wachsenden Wohlstand gewohnt waren, zornig reagiert, wenn ihre
Erwartungen nicht mehr länger erfüllt wurden und sehr wenige Menschen hatten
mehr Grund für hohe Erwartungen als die heutigen Chinesen.« Sowohl China wie
auch Indien werden weiter wachsen, werden aber zunehmend Schwierigkeiten haben,
das bisherige Wachstum fortzuschreiben. Als eines der größten globalen Risiken
schätzen die Autoren der Studie darum die Möglichkeit ein, dass sich China und
Indien zunehmend in die Quere kommen können – insbesondere in ihrer Jagd nach
Ressourcen. Von harter Konkurrenz bis bewaffneten Auseinandersetzungen
ist
hier alles möglich.
Die
Denker des NIC analysieren nüchtern und ohne Alarmismus, und doch schleicht
sich ein dunkelgrauer Ton in ihre Prognose. Als Szenario erscheint eine
chaotische »Welt ohne Westen« – also ohnestrukturierende hegemoniale Weltmacht
– am Wahrscheinlichsten, mit mehreren aufstrebenden neuen »Welt«-Mächten, die
im
Extremfall
auch noch miteinander in Konflikt geraten können. Europa wird weiter in sich
verstrickt sein und zudem einen wachsenden Anteil seines Reichtums für die
alternde Bevölkerung aufbringen müssen, mit allen Wohlstandsverlusten, die das
impliziert. Japan sitzt am absteigenden Ast. Russland hat in der Vergangenheit
zu wenig in Human Ressources investiert,
was sich in zunehmenden Maße rächt, und wird mehr und mehr von ethnischen
Konflikten geprägt sein – da die slawische Bevölkerung schrumpft und die
nichtrussischen Ethnien nicht länger die zweite oder dritte Geige spielen
wollen.
All
das ist möglich. Freilich, wir wissen schon aufgrund vergangener Prognosen: Es
kommt nie, wie man glaubt. Dennoch ist das Dokument des NIC eine inspirierende Lektüre.
Mag es uns auch nicht mit Sicherheit sagen, wie die Welt wird, informiert es in
jedem Fall über die gegenwärtigen Tendenzen der Welt, wie sie ist.
Mit
denen ist es wie mit dem Waldsterben, vor dem mit Recht gewarnt wurde, und das
gerade deshalb nicht eintrat: Man muss sie kennen, wenn man dafür sorgen will,
dass Negativszenarien nicht Wirklichkeit werden.
(Die
Prognose des NIC ist abrufbar unter: http://www.dni.gov/nic/NIC_globaltrend2020.html)
