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Editorial

Heft 4 | 2009

Thomas Meyer

Die Rückkehr des Staates in der Krise der Märkte. Eine Renaissance des Sozialismus? Oder bloß eine neuerliche Geiselnahme des Staates durch bankrotte Banken und Großunternehmer? Die Deutung der laufenden Ereignisse ist hoch umstritten. Das neue Vertrauen, das dem Staat in der Niederlage der Marktideologie zuwächst, ist für westliche Demokratien fast beispiellos. In den USA hat es das seit der großen Depression, bei uns seit dem Schock der Nachkriegsjahre, nicht gegeben. Aber Vorsicht, ob die Einsicht in die Notwendigkeit eines Primates der Politik über die Märkte von Dauer sein wird, ist noch nicht ausgemacht. Gern hätten wir dazu auch etwas von den lauten Talkshow-Gurus der falschen Marktreligion gehört, die noch bis gestern Spott und Hohn über die Verantwortungsfunktion des Staates ausgossen. Aber da ist nur Schweigen im Walde. Die Dogmen sitzen fest. Immerhin, manches spricht dafür, dass die Gunst der Stunde nun zur Einrichtung dauerhaft wirksamer Strukturen politischer Gesamtverantwortung über den Kamikaze-Kapitalismus der Finanzmärkte genutzt wird.

 

Ein Glück auch, dass sich die Europäer nach den Monaten der nationalegoistischen Wirrungen beizeiten noch halbwegs einig wurden, wie das geschehen kann.Vielleicht auch ein Impuls für die Europawahlen. Es geht dabei nicht nur um die Bereitschaft und die Macht, sondern auch um die Möglichkeiten. Erfolgversprechende Vorstellungen, wie dem globalisierten Finanzmarkt die Giftzähne gezogen werden könnten, ohne dass er dabei sein Leben gleich ganz aushaucht, liegen auf dem Tisch – übrigens nicht erst seit gestern. Ob sie wirksam werden, hängt von der Kooperation vieler Akteure ab, in Europa und der Welt. Mit Obama-Amerika scheint nun die Blockade gebrochen. Eine solche Chance, eines der großen Probleme der Zeit nachhaltig zu entschärfen, würde so rasch nicht wiederkehren, sollten die Energien der Krise ungenutzt verpuffen. Bei alldem geht es, wie unsere Autoren in vielen Facetten zeigen, nicht um die sterile Konfrontation von Markt um Staat, sondern um eine kreative Balance, die stand hält.

 

Jubiläumsjahr: Die Varusschlacht im Jahre 9. Eine der großen Wegscheiden Europas. Die Geburtsstunde der Deutschen? Nicht als Realereignis, aber doch als Referenz für die unglückliche imagined nation. Ein generativer Mythos zum späteren Hausgebrauch. Dem Mythos einer Nation des Widerstands aus den Wäldern gegen die fortgeschrittenste Zivilisation der Epoche wohnte anlassbedingt stets ein ungut antizivilisatorischer Affekt inne.Wir sichten die wuchernde Literatur zum Thema. Dabei zeigt sich: Die Mythenproduktion geht munter weiter.

 

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