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Heft 4 | 2009 |
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Falsche Fragen, kaum Antworten
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Wenn die Schlagzeilen erst einmal über die Nachrichtenticker von dpa, ddp und Reuters gegangen sind, fragt keiner mehr nach dem Wahrheitsgehalt der Neuigkeiten. Dann schnauft die mediale Maschinerie los und läuft immer schneller. Sie wird zum Selbstläufer. Nach einigen Tagen ist das Thema wieder beerdigt, und man fragt sich: War da was
Ja, da war was: Vor einigen Wochen hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie mit dem Titel »Ungenutzte Potenziale – zur Lage der Integration in Deutschland« veröffentlicht. Die Grundthese der Studie: Die Türken sind schlecht integriert, die Aussiedler dagegen gut. In seiner Knappheit war dieses Ergebnis nahezu perfekt schlagzeilentauglich, und die Medien von ARD bis Bild-Zeitung, von FAZ bis RTL-Extra sprangen bereitwillig auf den medialen Zug auf. Selbst die Autoren der Studie, allen voran der Institutsleiter Reiner Klingholz, sahen ihre Studie als Bestätigung einer angeblich allgemeinen Ansicht, dass »ein großer Teil der Migranten nach öffentlicher und politischer Vorstellung unzureichend integriert« sei. Kurzum: Zuerst dem Volk aufs aul geschaut, um dann zu bestätigen, dass es Recht hat.
Schade eigentlich: Die sehr oberflächliche Diskussion der Ergebnisse lässt kaum Platz für einen differenzierten Blick. Die Studie ist nämlich eines weitaus gründlicheren Blickes wert, bietet sie doch in methodischer wie inhaltlicher Hinsicht ein wenig Licht, dafür aber umso mehr Schatten.
Sie bietet Licht, weil sie auf den aktuellsten Daten basiert, die Aufschluss über die Situation von Migranten liefern können: den Daten des Mikrozensus 2005.Das ist eine Stichprobenerhebung von einem Prozent der Haushalte, bei der vor vier Jahren erstmals nach der nationalen Herkunft der Menschen gefragt wurde. Bisher waren bei Migrationsstudien meist Ausländer im Fokus, also die rund sieben Millionen Menschen mit ausländischen Pässen. Darüber hinaus leben jedoch noch einmal so viele Migranten mit deutschem Pass zwischen Kiel und Konstanz – insgesamt also rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die Studie bietet somit ein realistischeres Bild als ältere Erhebungen. Auch zeigen die Daten, dass die größte Gruppe der Migranten diegut vier Millionen Aussiedler sind, die aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion stammen und deutsche Vorfahren haben. Das ist insofern erwähnenswert, weil in den Debatten die türkischstämmigen Migranten meist als die zahlenstärkste Population bezeichnet wird.
Die Studie wirft allerdings mehr Schatten als Licht,weil sie analytisch keine Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen rund um Integration zu geben weiß. Im Soziologenjargon spricht man von »Validität« und »Reliabilität« der Daten- und Methodenwahl.
Auf dem sozialen Auge blind
Die Forscher geben vor, den Grad von Integration messen zu können. Anhand von bestimmten Kriterien der Mikrozensusdaten berechnen sie einen »Index zur Messung der Integration« (IMI). Dabei verstehen sie Integration als »Annäherung von Lebensbedingungen von Menschen mit Migrationshintergrund an die Einheimischen im Sinne gleicher Chancen und Teilhabe«. So weit so gut, aber können die in diesem Index versammelten Kriterien Integration in diesem Sinne überhaupt messen? Die Antwort lautet:Wohl eher nicht. Denn die Studie fragt zwar nach 20 Kriterien aus den Bereichen Assimilation, Bildung, Erwerbsleben und sozialer Absicherung, unterteilt die Migranten nach Herkunft und vergleicht die Ergebnisse mit jenen der einheimischen Deutschen. Aber dieser Ansatz birgt gleich zwei riesige Probleme:
Zum Einen werden die unterschiedlichen Sozialstrukturen nicht gewichtet. Es ist doch wichtig zu wissen, welchen Einfluss die soziale Schicht, in der man lebt, auf den Integrationserfolg hat. Statt also generell etwa Türken und Kroaten miteinander zu vergleichen, müsste man eher nach den Schulerfolgen von türkischen Kindern mit zwei arbeitslosen Elternteilen und kroatischen Kindern aus der gleichen Schicht mit den gleichen Problemen fragen. Oder die Frage stellen: Sind Akademikerkinder aus Kasachstan erfolgreicher in der Ausbildung und im Studium als Akademikerkinder aus Marokko? Und wenn ja, warum ist das so? Echte Vergleichsgruppen würden hier zu sinnvollen Ergebnissen führen – die Studie des Berlin-Instituts vergleicht jedoch leider Äpfel und Birnen, weil sie Klassen- und Schichtbedingungen nur unzureichend berücksichtigt. Die Studie ist auf dem sozialen Auge blind.
Stattdessen münzen die Forscher Integrationserfolge und -misserfolge auf Herkunft und Ethnie, indem sie feststellen, dass Zuwanderer aus anderen EU-Ländern am besten integriert sind. Das ist auf einer beschreibenden Ebene natürlich richtig, sagt aber nichts über die Ursachen aus – vermutlich liegt die gute Integration der EU-Bürgerinnen und Bürger unter anderem an ihren besseren Bildungsvoraussetzungen und der leichteren Anerkennung von Abschlüssen. Darüber erfahren wir aber nichts.
Bei den türkischstämmigen Menschen konstatiert man hingegen schlechte Integrationswerte, wie auch bei »den Afrikanern«. Bei letzterem Beispiel dürfte deutlich sein,dass die Herkunftskategorien sehr willkürlich sind, weil man gleich die Bewohner eines ganzen Kontinents in einen Topf wirft. Zudem wissen wir schon lange, dass unter türkischen Migranten eine besonders hohe Arbeitslosenquote herrscht. Warum? Liegt das daran, dass sie besonders unter dem Wegfall industrieller Arbeitsplätze zu leiden haben? Oder werden Türken stärker als andere diskriminiert? Welche Rolle spielen Religion und Patriarchat? Sind Atheisten besser integriert als Religiöse? Sind Türken, Bosnier und Afrikaner vielleicht grundsätzlich fauler als der Rest der Welt?
Hier sei ein wenig Zynismus erlaubt, denn das Argument »Herkunft entscheidet über Integrationserfolg« (so als Schlussfolgerung in der Studie zu finden) folgt schlichtweg alten ethnisch-verbrämten und kulturalistischen Erklärungsmustern. Den Autoren der Studie ist sicherlich nicht daran gelegen, alte Klischees aufzuwärmen. Aber sie schlussfolgern anhand von Daten und Kategorien, die solche Kausalbeziehungen keineswegs zulassen. Und so interpretiert ein jeder die Ergebnisse, wie sie in die eigenen Klischees passen: Die umstrittene Soziologin Necla Kelek beispielsweise reklamiert die »Studienergebnisse« gleich für sich und ihre These, »dass es eben nicht die sozialen oder ökonomischen Verhältnisse sind, die über Erfolg oder Misserfolg der Einwanderer bestimmen, sondern in großem Maße die sozio-kulturellen und religiösen Bedingungen und auch patriarchale Familienstrukturen«. Diese Analyse ist schon bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass die Studie weder etwas zu »sozialen und ökonomischen Ursachen« noch »religiösen und patriarchalen Familienstrukturen« sagt.
Ursachenforschung ist also Fehlanzeige. Zumindest geben das die Autoren der Studie auch zu (»keine Aussagen über Ursachen und Hintergründe misslungener Integration«). Dennoch geizt die Studie keineswegs mit nicht belegten Behauptungen.
Die Frage bleibt, ob die Studie zumindest zur Beschreibung von Integrationsdefiziten taugt. Auch das gelingt ihr nur bedingt, wenn der Integrationsindex IMI wertet das Kriterium »Heirat mit einem Einheimischen« beispielsweise als Integrationserfolg. Diese Feststellung ist willkürlich und durch nichts zu belegen – denn danach müssten die durch Heiratsvermittler »importierten Ehefrauen« aus Thailand und Russland von vorneherein gut integriert sein, dabei liegt es doch »in der Natur der Sache«, dass sie nach Deutschland kommen, eben weil sie einen Einheimischen geheiratet haben. Über Integration sagt das gar nichts!
Wichtige Kriterien fehlen stattdessen: Sprache, Religion und Kriminalitätsrate. Aussiedler sind beispielsweise in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert. In der Studie fehlt das Kriterium Kriminalität jedoch völlig, so dass die Lage von Aussiedlern beschönigt wird. Es ist auch wahr, dass sie mit weniger Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben als andere Migranten. Dafür arbeiten sie umso öfter in unqualifizierten Jobs, obwohl sie im Durchschnitt sehr gut gebildet sind. Ist das ein Zeichen für gute Integration? Letztlich sagt die Studie wenig über Gründe und Ursachen – dafür spielt sie die verschiedenen Migrantengruppen gegeneinander aus.
Unbewiesene Schlussfolgerungen
Ursache- und Wirkungsketten sind in der Studie oftmals willkürlich und verleiten zu falschen, zumindest aber unbewiesenen
Schlussfolgerungen:Türkischstämmige mit deutscher Staatsangehörigkeit seien beispielsweise besser integriert als jene ohne Pass. Hier stellt sich die berühmte Frage nach dem Huhn und dem Ei:Was war zuerst da? Die Integration und dann der Pass? Oder der Pass und dann die Integration? Immerhin gibt die Studie an der Stelle zu, keine Antwort zu wissen.Dabei würde sich die Politik dafür brennend interessieren. Ähnliches gilt im Übrigen auch für die Ansicht des Institutsleiters Reiner Klingholz, die Zuwanderer der ersten Generation seien besser integriert als ihre Nachfahren, weil Letztere viel öfter arbeitslos sind. Natürlich sind die Zuwanderer der zweiten Generation öfters arbeitslos, weil ihre Väter nur nach Deutschland gekommen sind, eben weil sie hier eine Arbeit hatten. Außerdem sind die industriellen Arbeitsplätze ihrer Väter mittlerweile meist weggefallen. Welche Erkenntnis gewinnen wir durch solche Feststellungen?
Letztlich nährt die Studie Zweifel am Integrationsbegriff, den wir hierzulande immer noch nutzen: Integration bedeutet diesem Verständnis nach Inklusion (soziale Teilhabe) und Assimilation (Beispiel: Heirat mit einem Deutschen). Im angelsächsischen Raum ist der Begriff Integration hingegen viel weniger defizitorientiert, weil er sich vornehmlich auf Inklusion bezieht: soziale messbare Teilhabe an den gesellschaftlichen Ressourcen. In der Behindertenpolitik haben wir diesen Paradigmenwechsel schon lange vollzogen, warum tun wir uns bei der Integrationspolitik so schwer? Und somit bleibt die Studie am Schluss eine Antwort schuldig, wie die »ungenutzten Potenziale« denn genutzt werden können. Sie bleibt eine Antwort schuldig, weil sie nicht die richtigen Fragen stellt.
