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Heft 11 | 2009

Gesine Schwan

Welche Krise?

Die internationale Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hat einmal mehr deutlich gemacht, dass unsere Gesellschaften von einer geistlosen Kultur des entfesselten Ehrgeizes dominiert werden. Eine radikale Umkehr ist nötig – und möglich.

Seit einem Jahr ist viel von Krise die Rede. Man ist versucht sich abzuwenden, weil man das Wort nicht mehr hören kann. Zumal bisher offenbar nur ein kleiner Teil unserer Gesellschaft am eigenen Leibe etwas davon spürt. 

 

Viel spricht allerdings dafür, dass sie uns bald deutlicher packt. Nicht nur diejenigen, die ihre Alterssicherung oder Bankguthaben verloren haben.Vermutlich wird demnächst auch die Arbeitslosigkeit steigen. Vor allem aber ist eine große Schuldenmenge angehäuft worden, die wir in den nächsten Jahren abbauen müssen. Im Zweifel wird das zu Lasten dessen gehen, was wir mehr denn je brauchen: öffentliche Güter wie Bildung und Forschung, Gesundheit, eine gute Verkehrsinfrastruktur etc. Deshalb müssen wir uns über eine gerechte Verteilung der Lasten verständigen. Im Übrigen wissen wir letztlich trotz neuer atemberaubender Bankengewinne nicht, ob uns nicht bald die nächste Marktkrise einholt. 

 

Zwar hat das Treffen in Pittsburgh gezeigt, dass die Staaten die Notwendigkeit begreifen, zu internationalen Marktregeln zu kommen.Aber noch – oder wieder – stehen kräftige Interessen dagegen, die zum Teil wie früher argumentieren: Man dürfe Innovationen und Gewinne nicht behindern. Dabei wird auch von hochrangigen Finanzrepräsentanten immerhin in Erwägung gezogen, dass eine Entschleunigung der wirtschaftlichen Dynamik und selbst eine Senkung der Gewinne dann positiv einzuschätzen wären, wenn dies weltweit, also auf dem internationalen Markt zu gleichen Bedingungen für alle geschähe. Also gilt es, darüber möglichst international zu Übereinkommen zu gelangen.

 

Mit welchen Mitteln sollte das geschehen? Viele technische Instrumente werden allenthalben diskutiert.Sie sind wichtig,beschränken sich aber auf den Wirtschaftsbereich und sehen die Krise auf eben diesen Teil unserer Gesellschaft begrenzt.Das greift zu kurz.

 

Partielle Selbstkritik

Allerdings gibt es inzwischen zumindest in denWirtschaftswissenschaften auch Analysen, die tiefer gehen. Sie sehen diese selbst in der Verantwortung, sei es, dass sie in unzähligen MBA-Programmen theoretisch einseitig und ohne ethische Elemente jene Methoden gepriesen und jene Art von Managern ausgebildet haben, deren Verantwortungslosigkeit im Geschäft wir nun beklagen. Sei es, dass ihnen zu ihrer Beschämung die Anzeichen für die heraufkommendeWeltwirtschaftskrise entgangen sind, nicht zuletzt weil sie versäumt haben, einen Pluralismus von Erklärungsansätzen gegenüber dem Monopol von angebotsorientierten und marktradikalen Positionen zu bewahren. Sei es schließlich, dass sie aufgrund ihrer Ausrichtung auf eine mathematisch und politikfern modellierte »Exzellenz « im internationalen Wissenschaftswettbewerb und im Verzicht auf ordnungspolitisches Nachdenken praktisch den Anschluss an die Wirklichkeit und die mit ihr verbundenen Probleme verloren haben. 

 

Die anderen Sozialwissenschaften haben sich m.E. analoge selbstkritische Fragen bisher kaum gestellt. In den Feuilletons gibt es allerdings Diskussionen, die die Finanzkrise in einem größeren Zusammenhang deuten. Mir scheint, dass dies dringend geboten ist.Denn die gängige Alternative, moralisierend die Gier von Managern anzuklagen und die systemischen und tiefer liegenden Gründe für die weltumspannenden Fehlentwicklungen auszublenden, ist analytisch völlig unbefriedigend und verfolgt, gewollt oder ungewollt, nur das Ziel, in der Sache möglichst alles beim Alten zu belassen. 

 

Krise der verabsolutierten Konkurrenz

Dabei geht es nicht nur darum, dass Gelegenheit Diebe macht und die Chancen, ungestraft auf Kosten anderer mit hohen Risiken viel Geld zu verdienen, ergriffen worden sind.Vielmehr hat sich in allen Bereichen der Gesellschaft seit dem neuen Schub der ökonomischen Globalisierung Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und vor allem seit der Deregulierung der Finanzmärkte eine verallgemeinernde Philosophie der Deregulierung mit Macht durchgesetzt, die ihrerseits auch die Manager wie in einem Hamsterrad rotieren ließ.An die Stelle von Regeln und Verhaltensnormen wie Verantwortung, Rücksichtnahme oder verlässlicher und vertrauensstiftender Kooperation trat die Idee, dass die Gesellschaft und die Individuen zu ihrer Leistungssteigerung ausschließlich vom Wettbewerb angetrieben werden müssen. Wettbewerbsgesellschaft anstelle der bisherigen Wettbewerbswirtschaft war die Parole.Die mächtigen Interesen, die sie trugen, verwandelten die tradierten Verbindungen von wirtschaftlichem Wettbewerb mit anderen gesellschaftlichen Werten in eine geistlose Kultur des entfesselten Ehrgeizes. Wichtig war nur noch,Erster zu werden und die anderen aus dem Feld zu schlagen. Zur Elite zu gehören wurde das oberste Ziel, das Sinn und Selbstwert stiftete.

 

Daraus folgte eine strukturelle Verantwortungslosigkeit, weil alle Aufmerksamkeit sich auf das überlebensnotwendige Gewinnen in der Konkurrenz konzentrierte, der Gesichtskreis sich damit notwendig verengte und »störende« Gedanken über die Folgen des eigenen Verhaltens für die anderen systematisch ausgeblendet blieben. Deren Beachtung hätte den eigenen Erfolg beeinträchtigt. 

 

Im Kern ist die Finanz- und Wirtschaftskrise daher eine »kulturelle« Krise der verabsolutierten Konkurrenz, die alle Bereiche unserer Gesellschaft erfasst hat. Überall ging es nur noch um die »Besten«, die sich am »Markt« behaupten müssen und deren Bedeutung in Geldwert gemessen wird. Damit zerfallen unsere Gesellschaften immer mehr in einzelne Interessengruppen, die kein Grundkonsens mehr eint, der aber für das Gelingen von Demokratie unabdingbar ist.Der Niedergang der Volksparteien hat auch damit zu tun.Was früher durch Milieus zusammengehalten wurde, driftet auseinander. Angst, demnächst zu den Verlierern zu gehören, verbreitet sich. 

 

Ernsthafter Neubeginn

Deswegen müssen wir aus der Gesellschaft heraus einen neuen Grundkonsens entwickeln, der die Zerstörung unserer Ligamente überwindet und die verschiedenen sozialen Sektoren übergreift.Dazu kann es in einem ersten Schritt helfen, wenn kompetente Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen sich an einem »runden Tisch« treffen und Fehlentwicklungen in ihren je eigenen Bereichen benennen, deren professionelle Analyse einen kostbaren Beitrag zur »Umkehr« leisten würde. Es ginge also nicht darum, andere anzuklagen, sondern vor der eigenen Türe zu kehren.Das bekräftigt die Ernsthaftigkeit des Neubeginns und bewahrt davor, Luftschlösser zu bauen. 

 

Ein zentraler Bereich, in dem sich Umkehr ereignen muss, ist die Bildung. Hier geht es nicht nur darum, dass alle Menschen Zugang zu ihr bekommen müssen. Allmählich gewinnt immerhin die Einsicht an öffentlicher Unterstützung, dass die Vernachlässigung eines großen Teils unserer Kinder und Jugendlichen zugunsten einer geradezu manischen Fixierung auf Elitenbildung selbst im »globalen Wettbewerb« kontraproduktiv wirkt,weil sie viele Talente, die sogar volkswirtschaftlich relevant sind, verschleudert. 

 

Mir geht es noch mehr um einen neuen Geist in der Bildung. Auch hier haben wir nur auf Konkurrenz gesetzt, nicht mehr auf das fruchtbare und bereichernde Miteinander unterschiedlicher Begabungen und Charaktere.Wir haben in der Verabsolutierung des Wettbewerbs als einzigem effektivem Motivationsmotor und zugleich als ungefragt gültigem Auslesekriterium Kinder, Jugendliche und Studierende gegeneinander gehetzt und die 90 % Verlierer entmutigt, deren Fähigkeiten im Wettbewerb gerade nicht abgefragt wurden. Deren Selbstwertgefühl und Lernfähigkeit wurde auf diese Weise erfolgreich degradiert, zum Schaden für die Kinder, für ihre Talente und für den notwendigen solidarischen Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Eine radikale Umkehr ist hier durchaus möglich, denn empirische Untersuchungen zeigen, dass eine Bildung, die die Individuen in ihrer Unterschiedlichkeit ernst nimmt und fördert, im Ergebnis auch die Standardfähigkeiten verbessert. 

 

Es wäre reizvoll, mit einem »runden Tisch« eine ganze Reihe von Grundkonsensgesprächen anzuregen, mit denen wir die konkurrenzgetriebene Zerstückelung unserer Gesellschaft überwinden und zu einem neuen Gemeinwohlverständnis gelangen können.