Aktuelles |
Heft 1/2 | 2010 |
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Gerhard Hofmann Die Leugner sind zufrieden Wie weiter nach Kopenhagen?
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Gut.Zwei Grad.Bis 2050.Aber wie verbindlich ist der Copenhagen Accord? Wo ist der Zeitplan? Kommt er überhaupt? Und wer hilft den Armen nach 2013? Angesichts des Scherbenhaufens von COP15 (Conferenceof- Parties) werden bei den Energie- und Autokonzernen die Champagnerkorken geknallt haben. Guter Laune waren sicher auch ihre willigen Helfer: bezahlbare Wissenschaftler, ethikfreie Journalisten und dienstbare Verschwörungstheoretiker.
Lange vor Kopenhagen hatten die Klimawandel- Verharmloser mobil gemacht. Das Prognos-Institut warnte vor einem deutschen Alleingang: Schädlich für die deutsche Wirtschaft! Im Internet schossen die Seiten der Leugner wie Pilze aus dem Waldboden. Ein »Forum gegen die Irrlehren von Treibhauseffekt und Klimaschutz« diente sich da etwa auf klimaskeptiker.info an, »über einen der am weitesten verbreiteten Irrtümer aufzuklären – nämlich über das Märchen von der Klimakatastrophe und ihre angebliche Ursache, die vom Menschen erzeugten Treibhausgase«. Verantwortet wird die aufwändige, täglich aktualisierte Seite von einem Herrn Kreuzmann aus Leopoldshöhe, wer bezahlt, bleibt im Dunkeln.
Henryk M. Broder,Dirk Maxeiner und Michael Miersch (letztere haben sich schon früh mit ihrem Lexikon der Öko-Irrtümer beim Anti-Klima-Lager angebiedert) – nennen ihre »Achse des Guten« selbst ganz bescheiden ein »Leitmedium für politische Analyse und Kritik«. Sie bieten »Raum für unabhängiges Denken«, lieben »die Freiheit und versuchen populären Mythen auf den Grund zu gehen«. Einer davon hat, so ein auf der »Achse« abgedruckter DeutschlandRadio- Essay von Cora Stephan, gar das Zeug zu einer »neuen Weltreligion«, ihre »neuen Priester, die mit ihrer Vorhersage des Weltuntergangs ein Milliardenpublikum Gläubiger versammeln, nennen sich Klimaforscher. Wie alle Propheten dulden sie keinen Zweifel an ihren Vorhersagen. Wer sie dennoch äußert, ist ein Verharmloser, ein starrköpfiger Lügner, mindestens aber ein bezahlter Agent des Bösen.« Überhaupt – das Religiöse taugt bestens zur Verächtlichmachung – in der FAZ verstieg sich der marktradikale Hans-Werner Sinn zu der Formulierung: »Der Politik geht es bei den Solardächern und Windflügeln schon lange nicht mehr um den Treibhauseffekt, sondern um die Schaffung von Sakralbauten für das neue Glaubensbekenntnis. «
Unentwegt werden die gleichen »berühmten « und »renommierten« Wissenschaftler, Fred Singer, Benny Peiser und J. Scott Armstrong, als Gewährsleute zitiert. Ersterer ließ sich von Marlboro dafür bezahlen, dass er das Passivrauchen für harmlos erklärte und steht heute auf der Payroll von ExxonMobil; der zweite ist Kulturwissenschaftler und beschäftigt sich mit der (natürlich übertriebenen) Angst der Menschen vor Katastrophen; der dritte spricht dem IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) die Wissenschaftlichkeit ab – eine ziemlich zwielichtige Gesellschaft, die in der Zeitschrift novo eilfertig zu einer »Phalanx der Kritiker« hochgejuxt wird.
Drei Tage vor COP15 trommelte diese Phalanx auf Einladung der FDP-nahen Naumann-Stiftung in Berlin ihre eigene »Internationale Klimakonferenz« zusammen. Hauptredner: Fred Singer, Guru der Klimaleugner. Das mit einladende »Committee for a Constructive Tomorrow« (CFACT) aus Washington ist von Chevron, DaimlerChrysler, Ford und Exxon einschlägig finanziert. Greenpeace USA hat im Internet 145 Institute zusammengestellt, die von Exxon-Geld leben – 22 Millionen Dollar seit 1998. CFACT will »Klima- Alarmismus« (in den USA »Climate- McCarthyismus«) bekämpfen. »Executive Director des Netzwerkes CFACT Europe« ist Holger Thuss, Jenaer CDU-Politik- Nachwuchs, auch »Präsident« des Vereins EIKE (Europäisches Institut für Klima und Energie), dessen Webseite vor Hass auf die Klimaforschung trieft. »Klimalüge widerlegt « und »Wie viele Menschenleben kostet erneuerbare Energie?« heißt es da. »Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit«. In Kopenhagen entfaltete ein CFACT-Boot längsseits des Greenpeace- Schiffes Rainbow Warrior ein Banner mit der Aufschrift »Propaganda Warrior «.Man habe »dem Treiben von Greenpeace « nicht länger zuschauen können und handeln müssen.
Von »Einbläsern« und CO2-Freunden
Der US-Physiker und Lobbyist Kenneth Green räumt zwar die Erderwärmung ein, das sei aber kein Grund für Aktionismus. Wenn in Bangladesch der Meeresspiegel steige, sei das so schlimm auch wieder nicht.Die Menschen dort besäßen ohnehin wenig, sie könnten leicht von den Küsten ins Inland umziehen.Zynisch findet Green das nicht.Zynisch seien neue Steuern.Lobbyisten wie er fuhren allein 2008 90 Millionen Dollar ein. Laut »Center for Public Integrity« haben 770 Unternehmen 2.340 Einbläser zur Politik-Beeinflussung auf der Payroll, die vor keinem noch so abstrusen Argument zurückschrecken. Etwa: Die Ökosysteme seien »nicht zerbrechlich«, sondern »stark,widerstandsfähig, von Gott mit Weisheit erschaffen«. Inzwischen glauben denn auch 41% der US-Amerikaner nach einer jüngst publizierten Studie der Washington Post, die globale Erderwärmung aufgrund von Treibhausgasen sei schlicht erfunden.
Die CO2-Freunde behaupten allen Ernstes, die Klimaschützer hätten sich weltweit nicht nur zum Abzocken gigantischer Drittmittel verschworen, sondern in Wirklichkeit wollten sie Öko-Diktaturen errichten, mit ihren Untergangsszenarien die Demokratie aushebeln. Unsinnige Panikmache, Mythen, Lügen und Übertreibungen sollten »unsere politischen und wirtschaftlichen Eliten« dazu bringen, »unbedingt auf diese apokalyptische Endzeitideologie zu setzen, um so jenseits demokratischer Spielregeln zusätzliche Macht und Kontrolle an sich zu reißen« (Internet-Lesermeinung). Diese Öko-Diktatur befördere dann in Wirklichkeit den Hunger in der Welt, Krankheiten und den frühen Kindestod. Am Nordpol habe sich längst »alles normalisiert, die Eisfläche ist 2009 um 25 % größer geworden«. Thomas L. Friedman nennt in der New York Times die gesamte Kampagne »funded by big oil« (vom großen Öl bezahlt).
Scheinbar seriösere Verharmloser bezweifeln die Computersimulationen des IPCC, verlangen gar, die Forscher sollten ihre Schlussfolgerungen beweisen. Doch Beweise zu fordern, ist unwissenschaftlich. Wissenschaftlich korrekt ist seit Carl Popper das Falsifizieren, nicht das Verifizieren. Das IPCC spricht denn auch immer nur von hoher Wahrscheinlichkeit. Der unwiderlegbare Beweis liegt erst dann vor, wenn die Katastrophe praktisch eingetreten ist. Politik muss aber vorher handeln, ohne auf Beweise zu warten. Die Bezeichnung Klima-»Skeptiker« ist falsch – Skepsis sollte die wissenschaftliche Grundhaltung sein. Doch daran hat es die Zunft gelegentlich fehlen lassen,manche haben Gegenmeinungen allzu hochnäsig abgetan, es den Kritikern dadurch leicht gemacht. Etwas von dieser Haltung zeigt sich in den gehackten Mails (die selbstverständlich rein zufällig kurz vor Kopenhagen hochkamen!) der Gruppe um Phil Jones. Im Zulassen anderer Meinungen, im ernsthaften Beschäftigen damit liegt wissenschaftliche Professionalität. Das heißt nicht, dass man jeden Unsinn wie den oben Erwähnten bzw. das Folgende aus einem Weblog erst einmal akzeptieren muss: »Schade, dass Pflanzen nicht sprechen können. Mich würde interessieren was sie dazu zu sagen hätten, dass ein Haufen Klimahysteriker ihnen ihre Lebensgrundlage, nämlich das CO2,wegnehmen wollen.«
Fataler Bedeutungswandel
Übrigens stammt das Zwei-Grad-Limit gar nicht von einem Klimaforscher und ist eher zufällig entstanden. Der an Umweltfragen interessierte US-Ökonom William Nordhaus zeichnete es 1977 in die Grafik eines Diskussionspapiers. Damals schon überstieg die von ihm erwartete Erwärmung diese Grenze im Jahr 2040. Jahre später fand das Limit Eingang in offizielle Entwürfe – 1995 zitierte es dann der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Obwohl die willkürlich gewählte Zahl womöglich zu hoch liegt, ist im öffentlichen Bewusstsein aus der keinesfalls zu überschreitenden »Grenze« inzwischen ein anzustrebendes »Ziel« geworden. Ein fataler Bedeutungswandel. Fatal deshalb,weil der Mensch zum ersten Mal in seiner Geschichte unumkehrbare Veränderungen auslöst. Wir haben bisher keinen besonderen Handlungsdruck empfunden – weil wir nicht gewohnt sind, in zeitlich oder räumlich größeren Dimensionen zu denken.Wir reagieren wie das gebrannte Kind sofort auf sofort eintretende Wirkungen – bei Wirkungsverzögerung setzt unser Reaktionsschema aus.Weil der Schlag mit dem Hammer auf den Daumen weh tut, versuchen wir ihn nach dem ersten Mal tunlichst zu vermeiden. Träte der Schmerz aber erst in drei Jahren ein, und wäre mit dem Daumenhauen ein Vergnügen oder ein Gewinn verbunden – wir täten’s dauernd.Die Älteren unter uns fanden es noch normal, dass unsere Väter die leere Zigarettenschachtel aus dem Auto warfen; heute ist das zwar schwer verpönt – es gibt also Hoffnung, dass wir bald anders mit fossiler Energie umgehen – aber der Mentalitätswandel nahm Zeit in Anspruch.Umdenken geht nicht plötzlich. Dennoch: Es eilt.
Das Thema und seine Folgen ist weder zeitlich noch räumlich so weit weg. Spanien trocknet aus. Nirgendwo in Südeuropa ist die klimabedingte Wüstenbildung so weit fortgeschritten wie auf der iberischen Halbinsel.Bei Almeria sieht es heute schon aus wie auf dem Mond.Die Sahara beginnt bald diesseits der Straße von Gibraltar. Der spanischen Wirtschaft, vor allem dem Fremdenverkehr und Ackerbau, drohen Milliardenausfälle. In den Pyrenäen sind von 27 Gletschern vor 100 Jahren noch neun übrig – nicht mehr lange.
Die Sorgen der pazifischen Atollbewohner sind bekannt – weniger bekannt das Elend der Ärmsten wie Haiti.Dort haben die Tropenstürme aus Armut Elend gemacht. 243 Millionen Menschen sind jedes Jahr von Naturkatastrophen (deren Zahl sich in zehn Jahren fast verdoppelt hat) betroffen, die mit dem Klimawandel zu tun haben. 2008 verließen 20 Millionen Klimaflüchtlinge ihre Heimat, bis 2040 werden es eine Milliarde sein.
»Extrem enttäuschend«
Spätestens seit Nicholas Stern wissen wir: Klimaschutz und Armutsbekämpfung gehören zusammen.Als sich die Bundesregierung nach einer Massen-Mail-Kampagne, dem Pfeifkonzert der NGOs und unter dem Stirnrunzeln der Entwicklungsländer (deren dank eines gewissen Klaus Töpfer seit der UNCED in Rio 1992 gewonnenes Vertrauen Deutschland inzwischen verscherzt hat) in Brüssel dazu bequemte, doch ihr Scherflein (kleinste Münze des Mittelalters) in Höhe von 420 Millionen Euro jährlich beizutragen, da hatte sie bereits 600-mal so viel für die Sicherung einer einzigen Bank (HRE) bereit gestellt, die Steuer-Entlastung der Hotelbranche kommt teurer.Ursprünglich wollte der Entwicklungsminister, der, seit er ihm vorsteht, sein Haus jetzt doch nicht mehr abschaffen will, die Klima-Hilfen für die Habenichtse mit der »normalen« (ohnehin ehrlos niedrigen) Entwicklungshilfe »verrechnen«. Die FAZ nannte das einen »Skandal«. Ein Skandal auch, dass die Konferenz den Accord nicht beschlossen, sondern nur »zur Kenntnis genommen« hat. Heiligendamm und sein 2007 vorschnell gefeiertes »We-seriously-consider« lassen grüßen. »Extrem enttäuschend besonders für die Ärmsten der Armen«,urteilte CAREKlimakoordinator Poul Erik Lauridsen.
Es geht jenseits des Klimas um Gerechtigkeit. Denn die Atmosphäre gehört allen gleich und alle leiden unter ihr – einige stärker.Aber wir Reiche verbrauchen mit einem einzigen Flug nach Mallorca die Hälfte der uns künftig zustehenden Jahresdosis von zwei Pro-Kopf-Tonnen CO2, wir haben seit 1850 drei Viertel der Treibhausgase in die Luft geblasen, und damit unseren heutigen Luxus und Reichtum entwickelt – zum Teil durchaus auf Kosten der heutigen Entwicklungsländer. Nicht umsonst hieß bereits die Umwelt-Konferenz 1992 in Rio de Janeiro UNCED, für Umwelt und Entwicklung. Mit jedem Prozent Anstieg des weltweiten Pro-Kopf-Vermögens aber war bisher auch 1% mehr CO2-Ausstoß verbunden.Ab 2015 müssen die CO2- Emissionen sinken, sonst wird ein nicht mehr kontrollierbarer Automatismus in Gang gesetzt. Es muss sich also schnell etwas ändern, trotz des unverbindlichen COP15-Ergebnisses.Und Änderung ist ohne Wohlstandseinbuße möglich. Dafür liegen Beweise vor.
