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DAS THEMA

Bildungsgerechtigkeit
Heft 3 | 2010

Marei John-Ohnesorg

Balance zwischen Bildungsgerechtigkeit und Spitzenförderung

Aktuelle Förderprogramme zur Studienfinanzierung

Ein Bildungssystem muss sich daran messen lassen, inwieweit es Leistungsfähigkeit und hohe Leistungsanforderungen mit Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit verbindet.Momentan wird das deutsche Bildungssystem auf Leistung getrimmt. Das zeigt sich, wenn man Maßnahmen zur Studienfinanzierung auf ihre soziale Dimension untersucht. Hier ist die Diskrepanz zwischen öffentlicher Rhetorik und praktischer Politik besonders groß.

»Bei der Förderung der Studierenden setzen wir auf einen Dreiklang aus BAföG, Stipendien und Bildungsdarlehen«, so Bildungsministerin Schavan in einer Presseerklärung vom 13.01. 2010. »Dreiklang« suggeriert vielfältige Möglichkeiten und breite Förderung, die alle einschließt.Ganz in diesem Sinne wird ergänzt: »Junge Menschen aus einkommensschwächeren Familien werden sich auch künftig auf ausreichende finanzielle Unterstützung durch das BAföG verlassen können.« Diese Ankündigung muss – betrachtet man die zukünftige Ausrichtung der vorhandenen und geplanten Fördermaßnahmen – bezweifelt werden.

 

Neue Hürden türmen sich auf

Keine Frage: Auch in Zukunft werden Begabte aus allen Schichten Wege finden, erfolgreich zu studieren. Im letzten Wintersemester drängten laut Statistischem Bundesamt 423.000 Studierende an die Hochschulen, mehr als je zuvor. Dies ist in erster Linie den doppelten Abiturjahrgängen und dem geburtenstarken Jahrgang geschuldet. Für einige wenige mag die persönliche Hemmschwelle, ein Studium aufzunehmen, auch angesichts der Einführung des zeitlich überschaubaren dreijährigen Bachelor, gesunken sein. Insgesamt sind die Bedingungen für unterrepräsentierte Gruppen wie Jugendliche aus einkommensschwachen Familien und mit Migrationshintergrund jedoch schwieriger geworden. Neue Hürden türmen sich auf. Das Ziel der Bildungsgerechtigkeit rückt in weitere Ferne. 

 

Dabei sind hohe Erstsemesterzahlen politisch erwünscht: Höhere Studienanfänger- und Absolventenzahlen sind erklärtes Ziel der Bildungspolitik. Es wird auf ökonomische Notwendigkeiten und den internationalen Wettbewerbsdruck verwiesen. Gleichzeitig sind direkte Wirkungen des Bildungsabschlusses auf Beruf und Einkommen nachweisbar: Zwischen dem Bildungsstand des Einzelnen und dem Risiko, arbeitslos zu werden, besteht nachweislich ein klarer Zusammenhang. 

 

Paradoxerweise fehlt vielen jungen Menschen trotzdem die Gewissheit, dass sich ein Studium für den zukünftigen Lebensweg auszahlt. Die Schülerinnen und Schüler, die nach dem Abitur vor der Entscheidung über den weiteren Lebensweg stehen, wissen: Der Einstieg in den Arbeitsmarkt gestaltet sich für viele selbst mit Bestnoten schwierig und langwierig. Ist er gelungen, ist die Stelle nicht selten befristet und gering bezahlt. Je nach Familienhintergrund unterstützt oder erschwert ein unterschiedliches Maß an Vertrauen in die Zukunft und die eigenen Fähigkeiten diese Entscheidung. In vielen Fällen wird das Wissen um den immer schwierigeren Berufseinstieg abschreckend wirken.

 

Liegt die Hochschulzugangsberechtigung vor, sind jedoch schon einige Hürden im Bildungsweg genommen. Nach wie vor gilt, dass die Übergänge im deutschen Bildungssystem schwer zu bewältigen sind und nicht in erster Linie von der persönlichen Leistungsfähigkeit abhängen: frühkindliche Bildung und Förderung stehen Kindern in höchst unterschiedlichem Maß zur Verfügung, gute Schulen gibt es, das gegliederte System sortiert aber nicht leistungsgerecht. Auch der Hochschulzugang und damit der spätere Berufseinstieg hängen von der sozialen Herkunft ab.An jeder Stufe dürften zuerst diejenigen scheitern, die weder die materielle noch die ideelle Unterstützung durch das Elternhaus haben. 

 

Studienbedingungen und -finanzierung: Der Druck steigt

Erfolgreich an der Hochschule angekommen, kann sich ein Teil der Studierenden ohne Ablenkung dem Studium widmen. Andere begleitet die Frage, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen. Rund 780 Euro sind im Monat erforderlich – ohne Studiengebühren, die in einigen Bundesländern noch hinzukommen. Ein erheblicher Teil der Studierenden, über 90 %, wird ganz oder teilweise von den Eltern unterstützt. BAföG oder (selten) ein Stipendium ergänzen die Hilfe der Eltern.Die danach verbleibende finanzielle Lücke wird durch Arbeiten oder Kredite geschlossen. 

 

Nach der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes (DSW) 2006 müssen rund zwei Drittel der Studierenden in Deutschland neben dem Studium noch Geld verdienen. Der Anteil der erwerbstätigen Studentinnen und Studenten steigt mit zunehmender Semesterzahl.Während eine Nebentätigkeit vor einigen Jahren mit einer gewissen Selbstdisziplin durchaus zu schultern war, wird diese im Bachelor- Studium zur echten Belastung. In den verschulten Studiengängen wird durch den engen zeitlichen Rahmen, durch hohen Prüfungsdruck und Anwesenheitspflichten Druck aufgebaut. Nicht zuletzt fehlt die Zeit, in der gearbeitet wird, an anderer Stelle, dadurch steigt der Leistungsdruck. Wenn der Studienabbruch in den Bachelor- Studiengängen nach ca. 2,3 Fachsemestern erfolgt (in herkömmlichen Studiengängen erst nach 7,3 Fachsemestern), liegt die Vermutung nahe, dass Leistungsdruck, finanzielle Situation und erfolgreiches Studium eng zusammen hängen. 

 

Aktuelle Umfragen bestätigen die Zusammenhänge. Rund drei Viertel derjenigen, die sich gegen ein Studium entscheiden, nennen das Fehlen der nötigen finanziellen Voraussetzungen und spätere Schulden als bedeutende Gründe für den Studienverzicht. Das Bild spiegelt sich bei den Abbrechern: Für 19 % der Befragten sind finanzielle Probleme ausschlaggebend für den Studienabbruch, bei 53 % haben sie eine wichtige Rolle gespielt (HIS-Studien 2009). Auch bei denen, die nicht abbrechen, wirkt sich eine unsichere Finanzierung ungünstig auf die Leistungen aus, was den Zugang zum Master gefährden kann. Zu den Besten zu gehören, ist nicht mehr allein eine Frage der individuellen Fähigkeiten und des persönlichen Anspruchs: In Zeiten erschwerter Zugänge werden Bestleistungen zur Notwendigkeit. 

 

Erleichtert wird jungen Menschen die Entscheidung für ein Studium, wenn die Finanzierung gesichert ist. 2008 erhielten im Durchschnitt 333.000 und damit rund 17% der Studierenden BAföG-Förderung. Im Januar 2010 hat das BMBF erfreuliche Verbesserungen angekündigt: die Freibeträge werden um 3%, die Bedarfssätze um 2% angehoben. Das Eintrittsalter für den Beginn eines Masterstudiums wird aufmaximal 35 Jahre angehoben. Zu begrüßen sind auch die verlässliche weitere Förderung nach einem Wechsel der Fachrichtung und Änderungen bei den Altersgrenzen wegen Kindererziehungszeiten. Die BAföG-Erhöhung soll zum 1.Oktober 2010 in Kraft treten.Offen bleiben weiterhin nötige Anpassungen an das Bachelor/Master- System oder die Frage, wie die BAföG-Förderung mit einem Teilzeitstudium vereinbart werden kann. 

 

Auf Leistung getrimmt:

das nationale Stipendiensystem

Anders als die BAföG-Förderung, die einkommensabhängig ausgezahlt wird, erhebt das von der Regierung geplante nationale Stipendiensystem den Leistungsgedanken zum Programm. Langfristig soll damit der Anteil der Studierenden, die ein Stipendium erhalten, auf 10 % steigen.Obwohl die Stipendien von 300 Euro rein begabungsorientiert und einkommensunabhängig vergeben werden sollen, nimmt die FDP für sich in Anspruch, auch damit einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit zu leisten. Gute Leistungen werden jedoch besonders die vorweisen können, die bereits früher intensive Förderung erhalten haben. Die Finanzierung soll hälftig von Staat und Wirtschaft erfolgen. 

 

Als rein zusätzliche Förderung lässt sich dagegen auf den ersten Blick nichts einwenden.Das BMBF äußert sich in Pressemeldungen eindeutig, dass das geplante nationale Stipendienprogramm nicht zu Lasten des BAföG gehen wird. Bei näherer Betrachtung kommen allerdings Zweifel auf.Wie realistisch ist es, dass dauerhaft zwei gänzlich voneinander unabhängige Systeme unterhalten werden? Welche Summen werden zukünftig – angesichts knapper Finanzmittel – in welches System fließen? Wo liegen die Prioritäten? 

Die Stipendien der Begabtenförderwerke

Stipendien der Begabtenförderwerke eröffnen eine alternative Finanzierungsquelle. Zwölf deutsche Förderwerke ermöglichen begabten jungen Menschen durch Stipendien den Zugang zum Hochschulstudium. Gefordert werden hohe Motivation und Verantwortungsbereitschaft, überdurchschnittliche Leistungen sowie gesellschaftliches Engagement. Derzeit werden insgesamt 2% der Studierenden durch Stipendien gefördert, die Hälfte davon durch die Begabtenförderwerke. Die Förderung erfolgt analog zum BAföG, gut situierte Studierende erhalten nur ein Büchergeld. Auch wenn darüber hinaus eine soziale Dimension angestrebt wird – was längst nicht bei allen Werken der Fall ist – erreichen die Werke zwangsläufig nur die Spitze der Studierenden. Hier sind sozial besser gestellte Studierende aufgrund der aufgezeigten Ungerechtigkeiten im System deutlich häufiger vertreten als Studierende aus einkommensschwachen Elternhäusern. 

 

Um zu vermeiden, dass immer mehr Abiturientinnen und Abiturienten aus einkommensschwachen Familien oder mit Migrationshintergrund aus finanziellen Erwägungen auf ein Studium verzichten, bietet die Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem »Stipendium auf Probe« eine frühzeitige finanzielle Unterstützung schon ab dem ersten Hochschulsemester an. Dafür wird in den genannten Zielgruppen gezielt geworben. Die Einzelnen haben zwei bis drei Semester Zeit, durch überdurchschnittliche Leistungen und Persönlichkeit zu überzeugen. Das Interesse ist außerordentlich groß, die vorhandenen Mittel setzen dem jedoch enge Grenzen.

 

Für Herbst 2010 wurde vom BMBF außerdem die Erhöhung des bisherigen Büchergeldes für Stipendiaten in der Grundförderung von 80 auf 300 Euro angekündigt. Dabei handelt es sich um eine pauschale Erhöhung unabhängig vom elterlichen Einkommen. Für viele wird diese Erhöhung eine teils willkommene, teils nötige Erleichterung darstellen. Gleichwohl: eine soziale Ausgleichsfunktion fehlt gänzlich.Warum wurde nicht der allgemeine Stipendiensatz deutlicher erhöht? 

 

Wenn das Geld nicht reicht:

Studienkredite

Wenn das Geld nicht reicht, weichen die Studierenden auf Kredite oder Darlehen aus. 2008 wurden nach einer aktuellen Studie 60.000 Vertragsabschlüsse verzeichnet (Centrum für Hochschulentwicklung 2009). Studienkredite müssen – anders als das BAföG – unabhängig vom tatsächlichen späteren Einkommen komplett zurückgezahlt werden. Eine begründete Entscheidung macht es erforderlich, sich auf einem unübersichtlichen Markt zurechtzufinden. Wer nicht bereit ist, sich zu verschulden, verzichtet lieber auf das Studium, bricht es ab oder versucht, das Geld über Nebentätigkeiten aufzubringen.

 

Weder Bildungsgerechtigkeit noch Spitzenleistungen lassen sich ohne dauerhafte frühzeitige Förderung und gute Schulen erreichen. Ein Studium wird nur bei guten Studienbedingungen und verlässlich gesicherter Finanzierung gelingen. Um sich auf eine unsichere Planung einzulassen, sind Vertrauen in die Zukunft oder finanzieller Rückhalt erforderlich. Gerade daran mangelt es bei Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien und mit Migrationshintergrund. BAföG- und Stipendien- Systeme bieten Unterstützung. Damit werden sowohl Breitenförderung als auch Leistungsorientierung erreicht. Diese vorhandenen Systeme sollten großzügig ausgebaut, nicht weitere etabliert werden. So erfreulich die Aufstockungen im Bildungsbereich grundsätzlich sind: Ein Programm für mehr Bildungsgerechtigkeit und gleiche Zugangschancen sieht anders aus. 

Termine

 

12. Mai 2010

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