Das Gespräch |
Bildungsgerechtigkeit |
Heft 3 | 2010 |
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Gespräch mit Hannelore Kraft, Jürgen Bröcker und Sara Zulu »Bildung braucht Mut zur Strukturveränderung« |
NG/FH: Unser Land leidet an dem wachsenden Widerspruch zwischen den raschen Fortschritten von Wissensgesellschaft, kultureller Vielfalt und Globalisierung auf der einen Seite und dem beklagenswerten Zustand unseres Bildungssystems auf der anderen. Seit den Pisa-Studien vor 10 Jahren gibt es eine große Debatte über die Notwendigkeit einer gründlichen Bildungsreform. Die entscheidenden Fortschritte stehen jedoch weiterhin aus. Was läuft schief? Welches sind die größten Defizite in Deutschland, aber auch in NRW?
Hannelore Kraft: Es fehlt an Mut zur Strukturveränderung. Die Daten und Fakten sind seit langem bekannt, etwa,wenn es um die mangelnde soziale Durchlässigkeit unseres Bildungssystems geht.Wir wissen, dass wir mehr junge, gut ausgebildete Menschen brauchen. Trotzdem geht die Schere immer weiter auseinander.Um dem entgegen zu steuern, müssen wir Strukturen verändern.Wir wissen inzwischen um die Bedeutung von frühkindlicher Bildung.Wir wissen aber vor allem, dass wir es uns aus sozialer, aber auch aus wirtschaftspolitischer Sicht nicht leisten können, auch nur ein Kind aufgrund des sozial schwächeren Elternhauses oder des Migrantenstatus’ und der dadurch fehlenden oder mangelhaften Unterstützung zurück zu lassen, weil sonst am Ende ein gigantischer Fachkräftemangel entsteht.
NRW ist ein Export- und Hochtechnologieland und wird auf den Märkten der Zukunft nur bestehen, wenn wir besser statt billiger sind. Zwei Voraussetzungen müssen allerdings erfüllt sein:Wir brauchen mehr exzellent ausgebildete, innovative und kreative junge Menschen. Das muss im Bildungssystem angelegt werden. Da vor allem fehlt es.Denn:Wer ist kreativ und innovativ? Das ist jemand, der nicht zur Konformität ausgebildet ist. Seit CDU und FDP in NRW regieren, führt der Weg hin zu Kopfnoten, zu erhöhtem Druck, zu dauernden Prüfungen in den Studiengängen nach der Methode: Kopf auf,Wissen rein, Kopf zu. Bildung ist rein auf Verwertbarkeit und auf Geschwindigkeit ausgerichtet, anstatt sie in einem sehr viel umfassenderen Sinn zu betreiben, was uns dann auch hilft, kreativer und innovativer zu sein als andere.
Und dann das Arbeitsmarkt-Problem. Um jungen Menschen Perspektiven zu bieten, brauchen wir eine Ausbildungsplatzgarantie. Auch dürfen wir junge Menschen nicht in Unsicherheit belassen, wenn sie ein Studium gut abgeschlossen haben. Diese weit verbreitete Praxis der Aneinanderreihung von zum Teil unbezahlten Praktika – das ist Ausbeutung! Letztlich können die Betroffenen zufrieden sein, wenn sie nur einen Zeitvertrag bekommen.Da müssen wir einen Riegel vorschieben. In Unsicherheit entsteht nämlich weder Kreativität noch Innovation.
Es geht also um Mut zur Strukturveränderung, aus sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Gründen. Beides geht zusammen.
NG/FH: Herr Bröcker, Sie kommen aus der beruflichen Ausbildungspraxis. Entspricht diese Diagnose ihren Erfahrungen?
Jürgen Bröcker: Ich kann das nur unterstreichen. 2030 werden in Deutschland noch 74,7 Mio. Menschen leben. Davon 16,9% jünger als 20 und 35,4% älter als 60 Jahre.Das entscheidende Problem liegt bei den Schulabgängern.Wir werden in 2020 31% weniger Abgänger mit Hauptschulund 22 % weniger mit Realschulabschluss haben. Das heißt, wir haben ein großes Problem, überhaupt die vorhandenen Stellen zu füllen.Unser Unternehmen wird bis 2020 mehrere 100 Mitarbeiter verlieren, die ihre Altersgrenze erreichen. Deshalb engagieren wir uns sehr für die Jugend. Die momentane Ausbildungsquote liegt bei uns bei 7,2%, im Bundesdurchschnitt bei 4,2%.Aber unser Hauptproblem ist es, geeignete Leute an den Schulen zu finden. Beim Einstellungsverfahren 2009 haben sich im Bereich Krefeld für 58 Stellen 448 Leute beworben. Davon sind letztlich nur 225 zum Test eingeladen worden.Warum? Beispielsweise wiesen manche Zeugnisse 150, 200 Fehlstunden aus. Bei anderen waren die Leistungsdefizite so groß, dass sie nicht geeignet schienen für eine dreieinhalbjährige, hochqualifizierte Ausbildung.
NG/FH: Was erwarten Sie denn vor dem Hintergrund dieser Defizite von einem guten Bildungssystem?
Bröcker: Es müsste sich in den Schulen eine ganze Menge ändern. Damit wir überhaupt noch ausbildungsfähige junge Leute bekommen, haben wir z.B. seit zwei Jahren eine Kooperation mit einer Hauptschule entwickelt, die wir »Lernwerkstatt« nennen. Dabei geht jeweils ein Ausbilder in die Schule und gestaltet mit den Schülern der 9. und 10. Klasse einen Nachmittag, auf freiwilliger Basis. Er motiviert die jungen Leute für eine Berufsausbildung. Denn viele sind extrem demotiviert und sagen: »Uns Hauptschüler will keiner,wir werden nirgendwo gebraucht«.
Kraft: Wir müssen viel früher anfangen. Strukturelle Veränderungen brauchen nicht nur das Bildungssystem, sondern auch die Unterstützungssysteme für die Eltern. Wir müssen sie im Grunde schon von der Schwangerschaft an massiv unterstützen. Dazu gehören dann auch Bereiche wie die Jugendhilfe oder Schuldnerberatung. Ich mache zur Zeit eine Tatkraft-Tour und gehe regelmäßig einen Tag lang in die unterschiedlichsten Einrichtungen. Dabei lerne ich die Lebens- und Arbeitswirklichkeit hautnah kennen. Dort treffe ich Menschen, bei denen im Leben eine oder mehrere Weichen falsch gestellt wurden. Viele von den jungen Erwachsenen haben oft schon im Elternhaus Gewalt,Missbrauch, Drogenkonsum etc. erlebt. Irgendwann haben sie vielleicht auch selber Weichen falsch gestellt.
Hier Hilfe und Unterstützung schon im Kindesalter zu geben, zahlt sich auch unter dem Strich für die Gesellschaft aus. Nur ein Kind aus der Familie heraus zu holen, weil die Eltern es nicht mehr packen, kostet den Steuerzahler jedes Jahr rund 84.000 Euro. Allein Köln hat im Durchschnitt 400 sogenannte Inobhutnahmen pro Jahr! Das sind allein rund 34 Millionen Euro jedes Jahr. Mit jedem Euro, den wir zu Beginn in die Unterstützung und individuelle Förderung der Kinder investieren, sparen wir auf Dauer drei Euro für ein teures Reparatursystem, für Qualifizierungsmaßnahmen bis hin zum Jugendstrafvollzug. Besser stecken wir das Geld in frühkindliche Bildung und Kindergartenplätze.
Um das System umzustellen,muss man aber zunächst Geld in die Hand nehmen. Das Drehen an der einen oder anderen Stellschraube reicht da nicht. Die Milliardenhilfen, die in der Finanzkrise möglich waren, sollten auch für unsere Kinder möglich sein.
NG/FH: Frau Zorlu, die Studenten haben ja jüngst in ihren Protestveranstaltungen artikuliert, worin sie die Probleme im Bildungssystem sehen. Erkennen Sie sich in der Analyse von Frau Kraft wieder? Was sind Ihre Erfahrungen?
Sara Zorlu: Der Leistungsdruck beginnt bereits in der Schule: Die Selektion nach der vierten Klasse, dann die Unterteilung in drei verschiedene Schulen. Bei mir fing es an mit der Empfehlung, auf eine Hauptschule zu gehen.Meine Eltern haben dem aber nicht zugestimmt und mich dann trotzdem auf ein Gymnasium geschickt.
Kraft: Das könnten sie in diesem Lande ja heute gar nicht mehr. Heute treffen die Lehrerinnen und Lehrer die Entscheidung und nicht mehr die Eltern.
Zorlu: Genau.Wenn meine Eltern damals diese Möglichkeit nicht gehabt hätten, hätte ich heute kein Abitur und würde nicht studieren.Aber da fängt diese Konkurrenz und der Leistungsdruck an, und er zieht sich durch bis zum Abitur. Und auf der Hochschule setzt er sich fort. Es gibt eine Regelstudienzeit, wenn man auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, die schafft zusätzlichen Druck. Zum einen sind die Studiengebühren ein Thema, aber auch ganz allgemein muss man das Studium finanziell ja bewerkstelligen, je nachdem aus welchen Verhältnissen man stammt. Wenn bei vielen nicht das BAföG wäre oder die Unterstützung durch die Eltern, würde es schwierig.
NG/FH: Gesine Schwan sagt, das Problem liegt viel tiefer. Die Inhalte des ganzen Bildungssystems seien von Anfang an problematisch. Sie plädiert für ein anderes Bildungsideal, gekennzeichnet durch Reflexionswissen und Persönlichkeitsbildung, Hin zu selbstbewussten, kommunikationsfähigen und reflexionsfähigen Menschen, weniger schmalspuriges Leistungswissen und reduzierte Marktorientierung. Ist das der Hauptpunkt? Andererseits leben wir ja schließlich in einer Leistungsgesellschaft. Ganz ohne Druck geht es wohl auch nicht.
Kraft: Ich stimme Gesine Schwan da absolut zu. Es kommt auf den Bildungsbegriff an. Schulen können nicht Ersatzort für Erziehung sein, aber sie müssen natürlich ihren Beitrag dazu leisten. Ich habe ja auch einmal selber Auszubildende eingestellt. Zum Teil scheitert die Einstellung nicht nur am Zeugnis, sondern daran, dass manche Bewerber nicht in der Lage sind, sich zu artikulieren oder die Gepflogenheiten eines Bewerbungsgespräches nicht kennen. Ich mache den jungen Menschen gar keinen Vorwurf.Sie haben das nicht anders gelernt. Aber Bildung im ganzheitlichen Sinne tut wirklich Not.
NG/FH: In welchen Bereichen des Bildungssystems müssen neue Akzente gesetzt werden?
Kraft: Das beginnt in der Kindertagesstätte. Dort gibt es zum Teil Kinder, die es nicht gewohnt sind, an einem Tisch mit Messer und Gabel zu essen.Das müssen sie dort erst lernen. Dazu kommen z.B. soziale Fähigkeiten in einer nicht homogenen Gruppe, ganz wichtig heute in der Wirtschaft. Diese Vermittlung muss dann weitergehen in der Schule und im Studium.Im Studium lernt man heute fast nur noch für die nächste Prüfung. Das Lernen lernen und die Persönlichkeitsentwicklung werden viel zu sehr an den Rand gedrängt.
NG/FH: Es heißt ja immer: Dir Wirtschaft verlangt, dass von Anfang an marktorientiert gebildet und ausgebildet wird. Herr Bröcker, würden Sie es eher schätzen,wenn die Kinder, die Jugendlichen mehr Allgemeinbildung vermittelt bekämen und bei Ihnen dann die nötige Spezialisierung erführen?
Bröcker: Ganz sicher. Die ThyssenKrupp Nirosta beteiligt sich seit Jahren an der Einstiegsqualifizierung Jugendlicher, mit Erfolg. Hier geht es nicht nur um die Vermittlung fachlicher Kompetenzen, sondern im Vordergrund stehen die Vermittlung sozialer Kompetenzen und Allgemeinbildung. Viele Teilnehmer haben im Vorfeld bereits mehrere Ehrenrunden in den verschiedenen Schulformen hinter sich und sind nach mehreren hundert erfolglosen Bewerbungen total frustriert.
Wir bieten jeweils 16 bis 20 Jugendlichen pro Jahr die Chance, an der Einstiegsqualifizierung teilzunehmen.Wir sind positiv überrascht, wie gut die Teilnehmer durchstarten, wenn wir sie an der richtigen Stelle unterstützen. Einige Teilnehmer legten die Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer sogar vorzeitig ab.
Kraft: Deshalb brauchen wir individuelle Förderung und eine Ausbildungsplatzgarantie. Wenn die Wirtschaft das nicht vollständig leistet,muss sich der Staat dort engagieren. Die Jugendlichen brauchen eine Perspektive und eine Grundorientierung.
NG/FH: Frau Zorlu, nach den Erfahrungen Ihrer bisherigen »Bildungskarriere«:Welche Vorschläge oder Forderungen richten Sie vor allem an die Landespolitik, die ja im Wesentlichen die Bildungspolitik verantwortet?
Zorlu: Zum einen die Abschaffung der Studiengebühren. Zusammen mit anderen Kosten für Bücher und Materialien sind diese schon eine immense Belastung. Und dass es eine bessere Förderung für Studierende gibt, so dass sie sich nicht verschulden müssen, bevor sie überhaupt einen Job haben. Im Bereich der Schule sollte die Differenzierung nach der vierten Klasse abgeschafft werden. Und allgemein würde ich mir wünschen, dass überhaupt ein Umdenken stattfindet und die Umstrukturierung angepackt wird.Dabei sollte man sich an den im Bildungsbereich führenden Ländern orientieren.
NG/FH: Sind Sie mit der Betreuung an der Uni zufrieden? Haben Sie genügend Ansprechpartner? Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich in Ihren Lernprozessen entfalten können, wie Sie das gerne hätten, um erfolgreich zu lernen?
Zorlu: Da ist viel Eigeninitiative gefragt. Man muss zusehen, dass man alles mitbekommt und hat nicht das Gefühl, dass man ausreichend Ansprechpartner hat. Beratungen sind auch relativ oberflächlich und auch nicht immer individuell. Das bringt dann nicht viel. Und in den Seminaren sitzen acht-, neunhundert Studierende...
Kraft: ... und das Schlimme ist ja,die zahlen alle Studiengebühren, aber verbessert hat sich trotzdem nichts.
Zorlu: Die Konkurrenz beginnt schon im ersten Semester. Ich habe es anfangs nicht wahrgenommen, vielleicht nicht wahrnehmen wollen. Aber es wurde gesagt: Schaut euch eure Nachbarn an, die meisten sitzen im nächsten Semester nicht mehr da. Von vornherein wird differenziert und selektiert, anstatt mit allen etwas zu erreichen.
Kraft: Wir müssen möglichst alle Hürden wegräumen – vor allem die finanziellen. Durch die Gebühren von der Kita bis zur Hochschule findet eine soziale Selektion statt. Durch Kindergartenbeiträge verliert man sicherlich nicht jene, die ganz wenig Einkommen haben, weil sie in der Regel nicht zahlen müssen. Aber jene mit einem Einkommen knapp oberhalb von Hartz IV. Und nun plant die Bundesregierung auch noch ein Betreuungsgeld, das die Anreize verstärkt, ohnehin schlechter gestellte Kinder aus finanziellen Gründen zu Hause zu behalten.
Dann selektieren wir im Schulsystem. In NRW kommt auf acht Absteiger im Schulsystem nur ein Aufsteiger. Jedes Schuljahr 60.000 Sitzenbleiber.Was das an Ressourcen vergeudet, dabei wäre individuelle Förderung gefragt. Und zwar nicht nur für die schwachen Schüler, sondern auch für die Starken. Die gehen nämlich in diesem System gleich mit unter.
NG/FH: Ist dafür denn das Geld vorhanden?
Kraft: Man muss den Mut haben, Schwerpunkte anders zu setzen.Wir werden als Landesregierung den Schwerpunkt verstärkt auf Kinder, Bildung und Jugend legen. Völlig falsch ist es jedenfalls – und auch in der Bevölkerung ist großer Unmut darüber zu verspüren –, Hoteliers und Erben steuerlich zu entlasten, anstatt in Bildung und damit in die Zukunft zu investieren. Ich glaube auch, dass viele Menschen auf die 20 Euro mehr Kindergeld verzichten würden, wenn stattdessen endlich die Strukturen im bereits genannten Sinne verändert würden.Das ist machbar.Und es zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Es gibt dazu eine interessante Studie der Bertelsmann Stiftung, der zufolge wir eine Verdoppelung unseres Bruttoinlandprodukts um rund 2,8 Billionen Euro erreichen könnten, wenn wir es schafften, 90 % der Schulabbrecher zu einem Schulabschluss zu führen.
Bröcker: Damit Studierende die Theorie gleich mit der betrieblichen Praxis verbinden und aber auch die anfallenden Studiengebühren kompensieren können, haben wir mit der Hochschule Niederrhein einen kooperativen Studiengang aufgelegt. Abiturienten machen bei uns die Ausbildung zum Industriemechaniker kooperativ, d.h. in den ersten zwei Jahren sind sie drei Tage im Ausbildungsbetrieb und zwei Tage an der Hochschule. Dadurch haben sie schon vier Semester Studium absolviert und bekommen in der Zeit eine Ausbildungsvergütung, dann haben sie nach zwei Jahren den Abschluss als Industriemechaniker. Ab dem fünften Semester steigen sie in ein Vollzeitstudium ein. Dabei werden sie von uns in ein Nachwuchsförderungsprogramm integriert und können z.B. in den Semesterferien als Ferienjobber bei uns arbeiten und ihre Bacheloroder Masterarbeiten bei uns mit werkseigenen Tutoren begleiten und entwickeln.
NG/FH: Erstreckt sich das Recht auf Bildung auch auf berufliche Weiterbildung? Und wer ist dafür letzt- bzw. gesamtverantwortlich? Die Wirtschaft? Die Politik?
Bröcker: Ich sehe durchaus auch eine Verantwortlichkeit der Wirtschaft im Bereich der beruflichen Weiterbildung.Wir haben trotz Wirtschaftskrise unser Weiterbildungsbudget nicht gekürzt.
Kraft: Für mich ist Weiterbildung ein ganz zentrales Feld der Bildungspolitik. Da haben wir nachgelassen. Heute ist es ja nicht mehr der Regelfall, dass man einen Beruf lernt und ihn bis zur Rente ausübt. Man muss sich immer wieder qualifizieren. Stichwort »lebenslanges Lernen«.
Wichtig ist, dass Politik auch an den Schnittstellen tätig wird. Dazu gehört auch die politische Bildung. Soeben habe ich aber auch miterlebt, dass der Staat auch an anderer Stelle gefordert ist:Weiterbildung muss auch honoriert werden. Bei meinem letzten Besuch in einer Kindertageseinrichtung erzählte mir eine Erzieherin, dass sie eine zweijährige Weiterbildung zur Motopädin gemacht hatte, um die Bewegungsabläufe etc.bei Kindern besser unterstützen zu können. Sie hat das selbst bezahlt – das war nicht billig – und sie bekommt nun keinen Cent mehr Gehalt als vorher.Hier muss in öffentlicher Verantwortung und bei den Tarifverträgen mehr getan werden. Das Bewusstsein und die Bereitschaft bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist sehr hoch. Dieses Engagement für Weiterbildung muss sich auszahlen.
NG/FH: Frau Kraft, NRW wählt im Mai. Welche Maßnahmen werden Sie, wenn Sie regieren, sofort umsetzen, um die Weichen anders zu stellen?
Kraft: Ab dem ersten Lebensmonat mit der Kinderbildung beginnen und kostenfreien Zugang zu den Kindertagesstätten ermöglichen. Dafür brauchen wir auch die erforderlichen Qualifikationen der Betreuungskräfte. Schrittweise Gebührenfreiheit – vom Kindergarten bis zur Hochschule.Wir werden den Hochschulen das Geld aber nicht wegnehmen – das ist ganz wichtig. Außerdem muss das frühe Einsortieren der Kinder in Schubladen, aus denen sie dann faktisch nicht mehr herauskommen,aufhören. Eine aktuelle Umfrage hat gezeigt, 60% der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land halten längeres gemeinsames Lernen für richtig. Übrigens unabhängig von Alter, Einkommen und Schulabschluss. Das lässt uns hoffen, dass dieses Thema zentral wird. Wir haben den Mut, Strukturen zu verändern. Und das ist das, was erforderlich ist.
