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Kultur und Kritik

Heft 5 | 2010

Hans Christoph Buch

Apokalypse Haiti

Versuch, nach einer Jahrhundertkatastrophe meine Gedanken zu ordnen

»Haiti wie wir es kannten, liebten und hassten, existiert nicht mehr – seit Dienstag, 12. Januar, 16 Uhr 48 Ortszeit.«

Dieser Satz in einer E-Mail aus Port-au- Prince, die mich auf dem Umweg über Venezuela erreichte, trieb mir Tränen in die Augen. Ich weiß nicht genau, warum, denn vorher hatte ich tagelang in Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen und Freunden gelebt.Meine Verwandten waren zum Glück wohlauf, aber der Schriftsteller Georges Anglade, erst vor kurzem aus Kanada nach Haiti zurückgekehrt, starb unter den Trümmern seines Hauses zusammen mit seiner Frau Mireille, und der Oppositionsführer Michel Gaillard, Sohn der Deutschlehrerin Hedwig Gaillard, kam beim Einsturz eines Ministeriums ums Leben.

 

Was mir half, diese und andere Hiobsbotschaften zu verkraften,war die Notwendigkeit, Zeugnis abzulegen, E-Mails oder Artikel zu schreiben und Interviews zu geben – lebenserhaltender Stress, wenn man so will.Aber ich litt wie ein Hund,wenn ich die Fernsehbilder aus Port-au-Prince sah, wo ich fast jedes Haus und jede Straßenecke kenne. Haiti ist für mich keine ferne Insel am anderen Ende der Welt, sondern meine zweite Heimat, ein surreal anmutendes und doch reales Land, in dem viele meiner Romane spielen und in französischen Übersetzungen zirkulieren – Teil meines Lebens, meiner Geschichte, meiner Identität. 

 

Die eigene Familiengeschichte unter Schutthalden begraben 

Ende des 19. Jahrhunderts wanderte mein Großvater nach Haiti aus, weil die damals einflussreiche Hamburger Kaufmannskolonie einen Apotheker suchte. Er heiratete eine Einheimische aus der kreolischen Oberschicht,meine Großmutter Luce Laraque, die außer »Schwein« und »Kartoffeln« kein Wort deutsch sprach, und machte eine Apotheke auf, die jetzt in Trümmern liegt. Schon vorher war das in Hafennähe gelegene Stadtzentrum an der Place Geffrard zum Slum verkommen, aber unter den Trümmern verrottet nun das Inventar der Apotheke, beschriftete Gläser und Flaschen und Destillationsapparate zur Herstellung eines koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks, das mein Großvater noch vor der Erfindung von Coca Cola dort vertrieb.Die Herbarien mit den von ihm gesammelten und klassifizierten Pflanzen, von denen viele seinen Namen tragen, befinden sich im botanischen Museum von Kingston (Jamaica). Aber die Maschinen, mit denen er von ihm fotografierte und kolorierte Postkarten drucken ließ, sind unter Schutthalden begraben, ebenso wie die Mahagoni-Möbel und die mit Messing beschlagene Theke, so dass ich zur Rekonstruktion der Familiengeschichte, wie nach den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs, in Zukunft auf Fotos angewiesen bin. 

 

Mein Vater wurde in Haiti geboren und im Sommer 1914 zur Ausbildung nach Deutschland geschickt. 54 Jahre danach, an Ostern 1968, während Westberliner Studenten das Springer-Hochhaus belagerten, besuchte ich zusammen mit ihm Port-au- Prince, wo ein zerschlissenes Transparent mit der Aufschrift »Vive l’An X de la Révolution Duvaliériste!« (Es lebe das Jahr X der duvalieristischen Revolution!) uns am Flughafen begrüßte. Die Stadt war so dunkel wie nach dem jüngsten Erdbeben, die Telefone funktionierten nicht, man lebte in ständiger Angst vor den Tontons Macoutes, die Menschen spurlos verschwinden ließen, und man sprach nur im Flüsterton von Papa Doc, dem selbsternannten Präsidenten auf Lebenszeit. 

 

Damals dachte ich,Haiti habe den Tiefpunkt erreicht, und nach dem Ende der Duvalier-Diktatur würde alles besser werden. Doch hatte ich mich blutig geirrt.Der Voodoo-Doktor starb im Bett, zum Amtsantritt seines Sohnes wurde die Verfassung geändert, weil Jean-Claude Duvalier noch minderjährig war, und es dauerte bis Februar 1986, ehe er nach einem durch den Papstbesuch ausgelösten Volksaufstand die Koffer packte und ins Exil nach Frankreich floh. Rückblickend erscheint die Epoche von Baby Doc, in der Haiti Blutplasma und tiefgefrorene Leichen nach Kanada exportierte, wie ein goldenes Zeitalter: Er öffnete die Grenzen, liberalisierte die Wirtschaft, der Tourismus kam wieder in Gang, und Haiti erlebte einen bescheidenen Boom, bevor wechselnde Militärregimes das Land in den Abgrund rissen. 

Auf den rauchenden Trümmern ein Inquisitionsgericht

Daran haben auch Aufstieg und Fall des Armenpriesters Aristide nichts geändert – ein Hoffnungsträger, der sich als Scharlatan erwies und die Abwärtsspirale noch beschleunigte, indem er Slumbewohner bewaffnete und Kolumbiens Drogenmafia Tür und Tor öffnete. Aristide,mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt, droht jetzt aus dem südafrikanischen Exil seine Rückkehr an,um in der Stunde der Not seinem Volk beizustehen. Ein Alptraum für jeden, der die Verhältnisse kennt, weil der populistische Demagoge wie kein anderer Haiti polarisiert und auf den Trümmern des Erdbebens alte Rechnungen begleichen würde – wie in Voltaires Candide, wo das Inquisitionsgericht auf Lissabons rauchenden Ruinen Hexen und Ketzer verbrannte.

 

»Brausend erhebt sich das Meer im Hafen und zerschellt die dort vor Anker liegenden Schiffe. Flammen und Aschenwirbel hüllen Straßen und Plätze ein, Häuser stürzen zusammen, Dächer fallen auf die Mauern, die Mauern zerbersten. Dreißigtausend Einwohner jeglichen Alters und Geschlechts werden unter den Trümmern begraben.« 

 

So beschrieb Voltaire das Erdbeben von Lissabon 1755, das die Philosophen der Aufklärung an Gott und menschlicher Vernunft zweifeln ließ. Die Sätze lassen sich Wort für Wort auf Haiti übertragen, wo mein bester Freund, der Voodoo-Forscher Laennec Hurbon, das Beben im Zentrum der Stadt so erlebt hat: »Ich stand vis à vis vom Nationalpalast, die Kathedrale im Rücken, als beide einstürzten… Ich kann die unbeschreibliche Apokalypse nicht in Worte fassen, die mit Leichen übersäten Straßen, dazu das Geheul und Geschrei von Millionen Menschen und das Nichtstun der Regierung. Ich bin zufällig noch am Leben, aber viele meiner Freunde und Kollegen sind tot, die neu erbaute Universität Quisqueya und das einzig noch funktionierende Hospital Canapé Vert eingestürzt. Wir rechnen mit 200.000 Toten allein in Port-au-Prince, Provinzstädte wie Léogane nicht mitgezählt…« 

Ein welthistorisches Unikum

Aber es war nicht die unvorstellbare Zahl, sondern der eingangs zitierte Satz, der mir Tränen in die Augen trieb: »Haiti, wie wir es kannten, liebten und hassten, existiert nicht mehr – seit Dienstag, 12. Januar, 16 Uhr 53 Ortszeit.« 

 

Warum hat gerade er mich so betroffen gemacht? Dafür muss ich weiter ausholen. Im Januar 1804 von befreiten Sklaven gegründet, die eine von Napoleon entsandte Invasionsarmee vernichtend schlugen, war die schwarze Republik ein welthistorisches Unikum, ein Präzedenzfall, den Europas Kolonialmächte, aber auch die damals noch Sklaven haltenden USA, nicht dulden wollten. Der von der französischen Revolution inspirierte Freiheitskampf ging einher mit despotischer Willkür und Gewalt. Beides hat Haitis Geschichte geprägt, vom selbsternannten Kaiser Dessalines bis zur Voodoo- Diktatur von Papa Doc. Rechtsstaat und Demokratie hatten keine Chance, stattdessen herrschte das Recht des Stärkeren, gepaart mit Raffgier und Selbstbereicherung, einem Erbe der französischen Freibeuter und spanischen Konquistadoren, die in nur einer Generation die Urbevölkerung ausrotteten. An Stelle der Indios traten aus Afrika verschleppte Sklaven, deren Arbeitskraft Haiti zur reichsten Kolonie Frankreichs machte, das Kanada an England abtrat, um Saint Domingue behalten zu können – so hieß der Westteil Hispaniolas im 18. Jahrhundert. Zur Pest unfähiger und korrupter Regierungen kamen, als langfristig wirksame Faktoren, Überbevölkerung und Umweltzerstörung hinzu: Bergwälder wurden abgeholzt, fruchtbare Erde ins Meer geschwemmt, und Haiti, einst eine grüne Insel, die halb Europa mit Zucker und Kaffee belieferte, konnte seine Bevölkerung nicht mehr ernähren und musste nicht nur Luxusgüter, sondern auch Lebensmittel einführen. 

 

Die von Entwicklungshelfern beschworene »Hilfe zur Selbsthilfe« funktionierte ebenso wenig wie pragmatische Reformen oder eine radikale Revolution. Der letzte Versuch dieser Art, das Regime des Ex- Priesters Aristide, scheiterte kläglich und machte die Slums der Hauptstadt zum Stützpunkt der Drogenmafia. Seit Aristides unrühmlichem Abgang steht Haiti unter Vormundschaft der Vereinten Nationen, die mit Blauhelmsoldaten aus Ländern der Dritten Welt mehr schlecht als recht für Ordnung sorgen.Derzeit ist die UN-Truppe mit der Suche nach ihren eigenen Vermissten beschäftigt. Staat und Kirche sind eingestürzt – buchstäblich und nicht bloß im übertragenen Sinn,und unter den Trümmern liegt Monsignore Miot, der Erzbischof von Port-au-Prince, ebenso wie der Tunesier Hannabi,Chef der UN-Mission. 

 

»Das Unzulängliche /Hier wird’s Ereignis /Das Unbeschreibliche /Hier ist es getan«, schreibt Goethe im Schlusschor des Faust: Prophetische Verse, die auf die Naturkatastrophe selbst ebenso zutreffen wie auf das bürokratische Desaster einer Hilfsaktion, die nicht zu den Bedürftigen gelangte, obwohl sich Megatonnen von Hilfsgütern am Flughafen stapelten – dabei liegt das Stadtzentrum wenige hundert Meter vom Airport entfernt.Auf jedes »wie durch ein Wunder« gerettete Kind kommen Abertausende, die qualvoll zugrunde gingen. Doch selbst mit einer verantwortlichen Regierung und intakten Infrastruktur hätte das Megabeben mit Epizentrum unter der Hauptstadt verheerend gewirkt. 

Die beste aller möglichen Welten?

Ich weiß nicht, was Leibniz meinte mit der Behauptung, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, über die Voltaires Candide sich mit Recht mokiert: »Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist«, ruft er beim Erdbeben von Lissabon, »wie müssen dann erst die anderen sein?« 

 

Ich bin kein Philosoph oder Theologe, der das Rätsel der menschlichen Existenz auf handliche Formeln bringt. Doch eines weiß ich mit Bestimmtheit: Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, mit einem der am schlimmsten geschundenen Völker der Welt, hat dieses Schicksal nicht verdient: Es war und ist durch Gott oder seine von Menschen gemachte Geschichte mehr als genug gestraft. Trotz aller Krisen und Katastrophen, zu denen in letzter Zeit noch Erdrutsche,Überschwemmungen und Hurrikans kamen,hat das haitianische Volk seine Würde, seinen erotischen Charme und seinen Galgenhumor bewahrt,mit dem es auch dem Schaurigsten eine komische Seite abgewann, obwohl der Alltag in Portau- Prince auch ohne Erdbeben kaum noch lebbar war. 

 

Am Morgen des 12. Januar brachte meine Cousine ihre Tochter zum Flughafen, doch der Flug nach Montreal startete mit mehrstündiger Verspätung, und die Achtzehnjährige spürte beim Abheben der Maschine einen durch Erdbewegungen oder Luftdruck ausgelösten, heftigen Schock. Als sie aus dem Fenster blickte,verschwand Port-au-Prince in einer Staubwolke, die von oben gesehen einem Atompilz ähnelte und sich auch nach Stunden nicht verzog. Inzwischen war ihre Mutter nach Hause zurückgekehrt und sah, aus dem Auto steigend, wie die nur wenige Meter entfernte Nachbarvilla in sich zusammenbrach, lautlos, wie sie sagt: Ein aus dem Innern der Erde dringendes, infernalisches Poltern habe alle anderen Geräusche verschluckt. 

 

Schon früher, avant la lettre, hat der bei dem Beben getötete Schriftsteller Georges Anglade die in Haiti grassierende Endzeiterwartung auf den Punkt gebracht, satirisch überspitzt und mit ironischem Hintersinn, der erst jetzt, im Zeichen der Katastrophe, seine grausige Aktualität offenbart: »Alle blickten starr zum Himmel in der Hoffnung auf ein Zeichen oder sonst etwas, seien es auch Bomben oder Fallschirmjäger. Wählerisch sein kam nicht in Frage, man nimmt, was runterkommt, mitsamt den dazugehörigen Kollateralschäden.« 


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