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Eine neue Klassengesellschaft?
Heft 3 | 2012

Gespräch mit Heinz Bude

»Klassengesellschaft ohne Klassenspannung«

Leben in der fragmentierten Gesellschaft

Foto: Reiner Zensen

Heinz Bude hat den Lehrstuhl für Makrosoziologie an der Universität Kassel inne und ist zugleich Leiter des Bereichs »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist das Thema der sozialen Exklusion. Dazu veröffentlichte er 2008 »Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft« im Hanser- Verlag. Zuletzt leitete er die Langzeitstudie »ÜberLeben im Umbruch. Ansichten einer fragmentierten Gesellschaft am Beispiel der brandenburgischen Kleinstadt Wittenberge«. Die Fragen stellte Thomas Meyer.

 

NG/FH: Herr Bude, wie könnte man die Haupttendenzen der neueren Ungleichheitsentwicklung charakterisieren? 

 

Heinz Bude: Es gibt in allen, zumindest in den OECD-Gesellschaften, mehrere Entwicklungen, die in unterschiedlicher Intensität, aber doch in jeder Gesellschaft gleich verlaufen. Erstens: Die Veränderung der funktionalen Arbeitsteilung. Ich meine damit nicht die klassische Form der segmentären Arbeitsteilung in agrarischen, industriellen und Dienstleistungssektor. Wir erleben vielmehr – und das gilt insbesondere in Deutschland – eine Kompetenzrevolution innerhalb der klassischen, oftmals industriellen Arbeitsplätze durch die Hereinnahme von Wissens- und Dienstleistungselementen. 

 

Das reflektiert sich auch in einem Upgrading der Berufsstruktur: Die Qualifikationsniveaus steigen auf allen Ebenen, insbesondere aber in der exportorientierten Hochproduktivitätsökonomie. Bei uns in Deutschland ist das im Autocluster, im Werkzeugmaschinenbau, in der Medizintechnik der Fall. Ähnliches gilt aber auch im Dienstleistungsbereich.Für einen Hausmeister in einer Wohnanlage mit multiethnischer Zusammensetzung beispielsweise kann es durchaus sinnvoll sein, einen Kurs in interkultureller Kommunikation absolviert zu haben, um die Probleme lösen zu können,mit denen er tagtäglich zu tun hat. 

 

Durch die Veränderungen der funktionalen Arbeitsteilung entstehen neue, harte Trennlinien, zwischen denjenigen, die in der Lage sind, diese neuen Wissens- und Dienstleistungsanforderungen zu bedienen, und denjenigen, denen das nicht gelingt. Für Letztere gab es in der Vergangenheit immer noch eine Reihe von beruflichen Möglichkeiten, bei denen Loyalität wichtiger als Kompetenz war. Die werden aber immer weniger. Das heißt, es entsteht eine Spaltung innerhalb der Berufsstruktur selbst. Anders ausgedrückt: Das Problem der Proletarisierung wandert vom industriellen Sektor in den Dienstleistungssektor. Für eine Menge Leute bleibt nichts anderes übrig als zu sichern, zu säubern und Service zu leisten.

 

Und dieser Bereich steht zudem in offenen Gesellschaften unter einem harten Konkurrenzdruck durch offizielle und illegale Migration. Eine 24-Stunden-Pflege beispielsweise kostet in einem normalen Beschäftigungsverhältnis vielleicht 5 - 8.000 Euro im Monat, auf illegaler Basis nur 1.500 Euro. 

 

Neben dieser Verschärfung von Ungleichheit aus der Arbeit selbst heraus tritt die Migration als eine zweite Quelle neuer Ungleichheiten. Nicht die Migration ist das Problem, sondern die Spaltung zwischen Migrationsgewinnern und Migrationsverlierern. Die Allermeisten machen ihr Glück, aber immer bleiben welche zurück. Bei großen Migrationsgruppen naturgemäß mehr als bei kleinen. Die Migrationsverlierer verlieren den Kontakt zu den Migrationsgewinnern und werden von diesen der Ankunftsgesellschaft sozusagen vor die Füße geworfen. Das passiert zu einem Zeitpunkt, wo der Wohlfahrtsstaat von einer sorgenden Institution zu einer aktivierenden Organisation umgestaltet wird und wo die Frauen aufgrund ihrer unaufhörlich wachsenden Bildungs- und Erwerbsbeteiligung die Männer in die Defensive bringen. 

NG/FH: Daneben nimmt aber auch die Ungleichheitsentwicklung nach oben zu, zunehmende, exorbitante Spitzeneinkommen und -vermögen sowie Absonderung von der Gesellschaft ganz oben. Ist das in strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen begründet, die das herbeiführen, etwa dem Finanzkapitalismus, oder was ist der Grund für die Exklusion der obersten Schichten?

 

Bude: In der Tat gibt es da eine Form von Selbstexklusion gerade in den Reihen der neuen globalen Klasse. Geldvermögensbesitzer und deren Dienstleister aus der Finanzindustrie, den »Law Firms« und den »Prime-Medien« umgehen ruhigen Gewissens die Zahlung von Steuern und finden sich stattdessen großartig als »Charity Celebreties «. Das kann man in der Starnberger Gesellschaft studieren, wo man auf kommunale Projekte schimpft, aber sich für Afrika engagiert. Diese Leute nehmen sich heraus, selbst zu wissen, wie das eigene Geld zum Nutzen der Menschheit besser angelegt ist. Man fühlt sich, um ein Begriffspaar von Michael Walzer zu variieren, im dünnen Globalbewusstsein dicht und macht sich in den dichten Territorialbezügen dünn. In einem solchem Milieu ist selbst Josef Bierbichler eine verlorene Gestalt. 

 

NG/FH: Wie könnte man die aktuelle Situation auf einen einfachen Begriff bringen? Es kursieren ja viele Begriffe, die aber zumeist nur einzelne Elemente bezeichnen und nicht das ganze Phänomen der neuen Ungleichheiten kennzeichnen. 

 

Bude: Treffend lässt sich die Ungleichheitsstruktur der Gegenwartsgesellschaft wohl mit dem Begriff Fragmentierung beschreiben. Es ist aber wichtig, sich klarzumachen, was darunter zu verstehen ist. Fragmentierung bedeutet, soziologisch gesehen, dass wir es mit Prozessen wechselseitiger Vergleichgültigung zu tun haben. Dass die Gewinner alles nehmen, davon träumen sowohl diejenigen, die am Drücker sind, als auch diejenigen, die das Nachsehen haben. Solidarität wird unter solchen Bedingungen zu einem sehr knappen Gut. 

 

NG/FH: Man kann also von einem Verlust des sozialen Bewusstseins sprechen? 

 

Bude: So ist es. Man will mit den jeweils anderen nicht mehr viel zu tun haben.Das passiert unten ganz genauso. Das Allensbach- Institut hat ermittelt, dass in Deutschland selbst bei Wachstumsraten von 3%, wie im letzten Jahr, ein wachsendes Gefühl von Statusfatalität vorhanden ist.Und dies hat damit zu tun, dass insgesamt in der Gesellschaft sich das Empfinden ausbreitet, dass die sozialmoralische Sensibilität nicht mehr lebendig ist. Der Begriff der Entkoppelung von Robert Castel scheint mir dafür sehr passend. 

 

NG/FH: Geht bei dem Begriff der fragmentierten Gesellschaft nicht das Element der Ungleichheit verloren? Das Problem der Trennung, der Vergleichgültigung geht in den Begriff der Fragmentierung ein, aber es gibt auch Modelle, in denen das gesellschaftliche Oben und Unten, die Ungleichheit im Begriff enthalten ist. Wie kann man denn dieses Element der Ungleichheit mit ins Bild nehmen? 

 

Bude: Da gibt es ein wichtiges soziologisches Argument: Der Begriff der Ungleichheit ist soziologisch gesehen nur dann sinnvoll anzuwenden, wenn zwischen den Teilen, zwischen denen eine systematische Ungleichheit besteht, auch irgendein sozialer Zusammenhang existiert, das heißt, wenn es eine Vorstellung davon gibt, dass die eigene Position mit der Position der anderen vergleichbar ist, oder möglicherweise, dass diese Ungleichheiten durch irgendwelche gemeinsamen Vorhaben und gesamtgesellschaftlichen Vorgänge aufzuheben wären. Mit Fragmentierung ist gemeint, dass solches Zusammenhangsbewusstsein verloren geht. 

 

NG/FH: Aber wir erleben doch gerade weltweit Proteste von Menschen gegen ihre Machtlosigkeit, gegen ihren Ausschluss, gegen ihre Nichtanerkennung, gegen die wachsende Ungleichheit. Und wir wissen auch, dass wir nach wie vor in einer gemeinsamen Gesellschaft leben. Da gibt es doch gemeinsame Legitimitätsvorstellungen, der Glaube, es gäbe eine Gerechtigkeit, die die Gesellschaft zusammenhält; gerechte Verteilung, gerechte Anerkennung. Wir haben auch immer noch die Vorstellung vom Wert einer Leistung, von der fairen Verteilung von Lebenschancen. Die Gesellschaft ist doch auf Legitimität angewiesen, sie kann davon nicht abstrahieren. 

 

Bude: Das ist alles richtig. Die Frage ist nur die, ob die Legitimitätsformen nicht abstrakter geworden sind. Ein schönes Beispiel ist die – vor allem für Sozialdemokraten – wichtige Gerechtigkeitstheorie von Rawls. Dieses Konzept ist derart abstrakt geworden, dass es schwer fällt, darin ein gelebtes Verständnis der moralischen Ökonomie einer Gesellschaft zu erkennen.Das wird auch theoretisch gar nicht mehr vorausgesetzt. Mit solcher Art von moralphilosophischen Argumenten wird man den moralischen Sinn in Gesellschaften unserer Art weder bekräftigen noch klären können. Deshalb liegt für die Politik Ressentiment und Demagogie allemal näher als öffentliche Leidenschaften und soziale Empathie. 

 

Ich habe überhaupt den Eindruck,dass wir aus einem Jahrhundert kommen, das mehr oder minder von der Idee der sozialen Integration beherrscht war. Die Totalitarismen haben diese Idee mörderisch überzogen.Aber ich glaube, dass wir in eine Gesellschaft hinein gehen, der dieses Ideal abhanden gekommen ist. 

 

NG/FH: Wir beobachten also eine gesellschaftliche Segmentierung, die gleichzeitig eine Fragmentierung ist. Die meisten soziologischen Modelle dafür, die aktuell in der Diskussion eine Rolle spielen, skizzieren die Lage etwa so: Da gibt es eine neue Oberschicht, bzw. die Oberklasse, die sich zunehmend selber reproduziert und nur noch ihren eigenen Nachwuchs hereinlässt. Eine Abwärtsmobilität gibt es da nicht. Die Mittelschicht ist zerrissen, ein Teil lebt relativ sicher, ein großer Teil ist von Abstiegsängsten und -risiken zunehmend bedroht. Und die Unterklasse,weit abgeschlagen,hat alle Aufstiegshoffnungen verloren. Eine solche blockierte Gesellschaft ist doch im Grunde das Muster einer harten klassischen Klassengesellschaft. 

Bude: Das ist richtig. Ich glaube auch, dass Max Weber recht hatte: Es gibt Zeiten, in denen die Frage des Standes und des Status im Vordergrund steht, und es gibt Zeiten, wo das nackte Klasseninteresse die Leute packt.Von der Interessenkonstellation her betrachtet, haben wir gegenwärtig eine Entwicklung hin zu einer Klassengesellschaft, weil das Klasseninteresse dominanter wird als das Standesinteresse.

 

Gleichzeitig ist es wichtig, sich über Gruppen Klarheit zu verschaffen, die in dieses Bild eine Unordnung hineinbringen, insofern sie neue Verbindungen schaffen, die soziologisch nur schwer zu durchschauen sind.Nehmen Sie die so genannte kreative Klasse. Angeblich machen sie in Berlin 15 % der Wertschöpfung aus, aber die Hauptstadt ist eine Sondersituation. Diese Gruppe hat ganz eigene Modelle der Lebensführung, die auf der einen Seite sehr neoliberal zu sein scheinen: Ich brauche kein standardisiertes Beschäftigungsverhältnis, ich verachte Gehaltsempfänger und erhebe mich als Honorarsteller. 

 

Und nun versucht diese Gruppe, die von den drei K’s (Kompetenzen, Kontakten, Konzepten) lebt, eine bestimmte Art von Lebensstil in die Gesellschaft einzuführen. Sie bilden sozusagen eine unruhige Klasse innerhalb der Gesellschaft, insofern sie Verbindungen schafft unter der Bedingung eines nicht mehr geteilten sozial- moralischen Empfindens. 

 

NG/FH: Das lässt sich nachvollziehen, trotzdem folgender Einwand:Wenn man von einer reinen Lebensstil- oder Milieudifferenzierung der Gesellschaft ausginge, könnte man doch sagen: Na gut, sie ist fragmentiert, aber jeder lebt eben sein eigenes Leben und wir haben miteinander nichts zu tun.Aber wir haben es doch mit einer Differenzierung hinsichtlich der Lebenschancen und der Lebenssicherheit zu tun.Hier stellen sich für viele existenzielle Fragen:Warum ist das so? Wie kann ich Sicherheit zurückerlangen? Sicherheit ist doch ein fundamentales Bedürfnis. 

 

Bude: Da haben Sie absolut recht. Ich glaube, es besteht ein Bedarf an der Wiederbelebung einer Kultur öffentlicher Güter. Die Menschen sind sehr viel mehr daran interessiert als noch vor 20 Jahren, weil sie das Gefühl haben, öffentliche Güter ermöglichten es ihnen, überhaupt als Personen überleben zu können. Dabei spielen neue Arten von öffentlichen Gütern eine Rolle, für die Foucault den merkwürdigen Begriff der Biopolitik erfunden hat.Da geht es um gutes Essen, um einigermaßen saubere Luft, um Begrenzung von Lärmbelästigung, um den Zustand öffentlicher Grünanlagen, aber auch um work-life-balances, um Kinderbetreuung sowie um Aktivitäten im Alter. 

 

Hinzu kommt eine deutliche Veränderung des Wohlfahrtsstaates.Der klassische Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit war um das Thema Arbeit zentriert. Es ging um Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und betriebliche Mitbestimmung. Der Wohlfahrtsstaat der 70er bis 90er Jahre war um das Thema Bildung zentriert.Der beinhaltete nicht nur, die Idee zu sichern – etwa im Fall von Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Armut – sondern auch, die Idee zu ermöglichen, etwa durch Bildung.Der Wohlfahrtsstaat heutiger Prägung ist durch das Thema Gesundheit charakterisiert.Für die Ungleichheitsproblematik ist das alles deshalb so wichtig, weil immer noch Gruppen in unserer Gesellschaft existieren, die auf das Thema Arbeit als dem zentralen Bezugspunkt wohlfahrtsstaatlicher Leistungen angewiesen sind. Wir haben daneben aufsteigende Gruppen, die sehr auf das Thema Bildung abheben. Die relativ Privilegierten unserer Gesellschaft, die immer mehr werden, haben indessen schon das Thema Gesundheit als ihr vorrangiges Interesse am Wohlfahrtsstaat identifiziert.Wie man mit Lebensqualität altert und in Würde stirbt, ist für diese Gruppen viel wichtiger als die Fragen von Arbeitsrecht oder Studiengebühren. 

 

NG/FH: In der wissenschaftlich-politischen Semantik ist mit solchen Großbegriffen, mit denen gesellschaftliche Ungleichheitsordnungen bezeichnet werden, immer auch eine Bewertung verbunden – ob man das beabsichtigt oder nicht.Wenn man von Milieu-Gesellschaft spricht,klingt die Gleichgültigkeit der Gruppen untereinander an, bei Schichtengesellschaft wird zwar die Ungleichheit akzentuiert, die aber nicht dramatisch erscheint. Der Begriff Klassengesellschaft klingt nach Antagonismus, ja nach Kampf.Welche Botschaft ist dann mit dem Begriff Fragmentierte Gesellschaft verbunden? 

 

Bude: Ich würde sagen:Wir leben in einer Klassengesellschaft ohne Klassenspannung. Und zwar deshalb ohne Klassenspannung, weil es keine plausiblen Kollektivierungsideen in politischer und sozialmoralischer Absicht mehr gibt... 

 

NG/FH: ...aber werden die durch die heutigen Debatten nicht gerade wieder erzeugt? 

 

Bude: Das ist ein sehr interessanter Punkt. Die Proteste gegen »Stuttgart 21« sind für diese Frage exemplarisch, weil die Artikulation von Interessen, auch von gemeinsamen Interessen, heute offenbar eine ganz eigenartige Kompetenzstruktur voraussetzt. Das heißt, in dem Protest selbst ist schon wieder eine Exklusionslogik am Werk, eine kompetente protestierende Gruppe hier, eine inkompetente, rumorende Gruppe dort. Der IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber hat das zu Recht sehr früh gesehen und im Blick auf das Stuttgarter Trotzbürgertum gefragt, ob es denn gar keine Probleme mehr im Bereich von Arbeit und Beschäftigung gäbe. Diese neue Frage der Selbstorganisation von öffentlichen und gemeinschaftlichen Interessen wird also selbst wieder von Gruppen in Gang gesetzt, die sich verunsichert fühlen, die aber beispielsweise gegenüber dem Dienstleistungsproletariat eine völlig abgehobene Rhetorik an den Tag legen. 

 

NG/FH: Für Ihr Buch Die Ausgeschlossenen haben Sie als Untertitel Abschied von einer Hoffnung gewählt.Würden Sie das immer noch so sehen oder war das mehr als Provokation gemeint? 

 

Bude: Das ist insofern eine Provokation, weil ich glaube, dass sich die Frage der sozialen Gerechtigkeit in einem anspruchsvollen Sinne erst heute stellt. In der gesamten Nachkriegszeit haben wir, jedenfalls in Deutschland, geglaubt, wir würden eine sozial gerechtere Gesellschaft erreichen, indem die Mitte unserer Gesellschaft immer tiefer und immer breiter würde. Das ist das, was man in den soziologischen Kategorien die regulative Moral einer Arbeitnehmergesellschaft nennen könnte. Durch die Generalisierung von Rechten bei der gleichzeitigen Erweiterung von materiellen Absicherungschancen würde die Gesellschaft immer gerechter. 

 

Jetzt muss man nüchtern feststellen: Dieses Modell scheitert erstens daran, dass es Gruppen produziert, die den Anschluss an diese Logik der Lebenschancenverteilung auf Dauer und zunehmend verlieren. Und es scheitert zweitens daran, dass quer laufende Entwicklungen von der Mitte aus zum Rand der Gesellschaft hervortreten, die man mit dem Begriff der sozialen Exklusion zu erfassen sucht. 

 

NG/FH: Sollte man nicht versuchen, soziale Gerechtigkeit durch Partizipation, durch eine bestimmte Grundausstattung für alle zu erreichen, unabhängig von sonstigen Ungleichheiten und Differenzierungen? 

 

Bude: So ist es. Und die Frage der sozialen Gerechtigkeit muss von der Grundüberlegung ausgehen, wie wir soziale Gerechtigkeit bei hartnäckiger Ungleichheit herstellen können.Was heute nicht mehr funktioniert, ist die Strategie der langen Nachkriegszeit, nämlich soziale Gerechtigkeit dadurch erreichen zu wollen, dass Ungleichheit unsichtbar gemacht wird. 

 

Es geht darum, eine anständige Gesellschaft zu wollen, sich aber darüber belehren zu lassen, dass sich an bestimmten Ungleichheitsstrukturen jedenfalls durch politische Maßnahmen nicht viel ändern lässt.Umso mehr besteht daher ein Bedarf an der Wiederbelebung einer Kultur öffentlicher Güter. 

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