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DAS THEMA

Heft 3 | 2014

Tom Schimmeck

Die Medienkritik boomt seit Jahren – eine Wirkung aber ist nicht zu erkennen

Foto: picture alliance / Künstler: Liu Bolin

Ein Medienmensch, der gerade nicht durch Arbeit abgelenkt ist, kann unter Seinesgleichen ganzjährig der Selbstkritik frönen. Der Wanderzirkus der Kritiker reist vom European Newspaper Congress zur re:publica, weiter zum Medienforum NRW, zur Jahrestagung des Netzwerks Recherche, zum Mainzer Mediendisput, zu den Münchener Medientagen, zu allerlei Stiftungen und Instituten. Zwischendurch locken weitere Medienkongresse, -dialoge und -treffpunkte, die moderneren setzen gern das Präfix Multi- davor.
Überall geht der Medienmacher auf Tuchfühlung mit den lieben, verhassten Kollegen, prostet den Alphatieren zu, menschelt im Lager der journalistischen Infanterie, mümmelt Häppchen und schlürft viel Kaffee. Er lernt, dass selbst Medienmächtige sich meist ohnmächtig fühlen. Weil die Strukturen ach so übermächtig wirken. Er sieht, dass es kaum einem Charakter gut tut, stets im Scheinwerferlicht zu stehen. Weshalb nicht nur die vom Fernsehen und ihre Stammgäste bald alle irre werden. Er begreift, nach gefühlt 1.000 Podiumsdiskussionen, dass der Dauertalk der üblichen Verdächtigen auf den Mediendiskurs eine ähnlich verheerende Wirkung entfaltet wie der Heuschreckenschwarm auf den Ackerbau: Übrig bleiben nur kahle Stängel.
Der Fairness halber: Man hört auf solchen Tagungen manch kluge, pointierte Kritik. Und stößt in Nischen auf inspirierte, hart arbeitende Idealisten, die sich einen gewissen Stolz bewahrt haben. Doch was nach längerem Zuschauen wirklich verblüfft, ist der Umstand, dass all diesen Impulsreferaten, Präsentationen, Diskussionen, ebenso wie all den Regalmetern voller Studien, Analysen und Abrechnungen am Ende ein Schicksal gemein ist: Sie bleiben vollkommen folgenlos.
So ähnelt die deutsche Medienkritik zunehmend der Konsumkritik zum Weihnachtsfest: Sie ist Teil des Rituals. Den Heiligen Abend, der nach der Überlieferung die Geburt des Gottessohnes in einem kärglichen Stall markiert, begehen wir in Deutschland mit einem Einzelhandelsumsatz von etwa 80 Milliarden Euro. Wir finden dies alle Jahre wieder ein bisschen obszön. Doch das ändert nichts.
So geht es auch der Medienkritik. Die Phänomene sind im großen Ganzen wie im Detail unzählige Male durchgenommen worden: Die Tricks der bezahlten Meinungsfrisöre und Stimmungskanonen, die Konzentration und Verflachung, der Schwund der Ressourcen zugunsten der Renditen, die Ratlosigkeit der Rechenschieber in den Verlagen, die immer höher und schneller schlagenden Erregungswellen, die multimediale Egomanie der Darsteller, die Personalisierung, Dramatisierung, Skandalisierung, Emotionalisierung, Eventisierung, Trivialisierung, Intimisierung, Sexualisierung des Journalismus. All dies ist umfassend dokumentiert. All dies erleben wir als Medienkonsumenten Tag für Tag. Und doch bleibt es, wie es ist.

Das politmediale Dschungelcamp

Ein so beliebtes wie augenfälliges Beispiel für Kritikresistenz und die sture Beharrungskraft  des Status Quo ist der Hauptstadtjournalismus. Seit mindestens einem Jahrzehnt arbeiten sich interne und externe Kritiker an der Politberichterstattung aus Berlin ab. (Auch der Autor zählte zu dieser Schar.) In einer Fülle von Artikeln, Sendungen, Studien, Büchern wurden Techniken und Usancen der Journalisten, ihr Stil, ihre Attitüde, ihre Kameradschaft ausgeleuchtet. Es ist wirklich kein Geheimnis mehr, dass hier stets große Eile herrscht – und übergroße Nähe zwischen Subjekten und Objekten der Berichterstattung, bis zur vertraulichen SMS aus der Sitzung. Jeder weiß, dass man am Spreebogen dazu neigt, einigen wenigen publizistischen Tonangebern zu folgen und die Akteure zyklisch hinauf und wieder herunter zu schreiben, Themen wie Typen begierig aufzupumpen oder auch lässig zu ignorieren. Kein Geheimnis auch, dass sich, im rasenden Lauf der Inszenierung oder schlicht mangels Lust am eigenen Denken, immer  wieder  ein  Mainstream der Deutung von Personen und Sachverhalten herausbildet, der über Monate fortgeschrieben wird. Wobei dieser Strom durchaus jäh die Richtung wechseln kann, ob des geschickten »Spins« eines Sprechers oder eines Stimmungswandels der Leittiere. Und offensichtlich auch, dass sich Politiker und Journalisten gegenseitig instrumentalisieren, eifrig fördern und zutiefst verachten.
Selbst Korrespondenten von Qualitätsorganen scheinen in diesem völlig auf sich selbst bezogenen Mikrokosmos die politischen Kriterien abhanden zu kommen. Weshalb ihre Berichte oft kaum mehr am inhaltlichen Kern kratzen, sondern ganz auf Karrieren, Kapriolen und Katastrophen konzentriert bleiben; darauf, welcher Würdenträger oder Hintersasse gerade welchen Furz lässt, wer welche Figur macht, wer wie »positioniert« ist. Und Position meint hier nie Haltung, sondern schlicht die Aufstellung des Akteurs X im machtstrategischen Raum. Die politische Debatte wird gern als Streit, besser noch als Showdown inszeniert, als Seifenoper mehr oder weniger raffinierter Schurken. Gewitterwölkchen, hinter denen der politische Kontext verschwindet. Nichts spricht dagegen, die Berichterstattung über Politik mit diesem dem Machtkampf zweifelsohne innewohnenden schurkischen Element zu würzen. Traurig wird es, wenn mangels Zeit, Platz, wohl auch mangels analytischer Wucht, nichts übrig bleibt als die Würze. Kombiniert mit allabendlichem Talk entsteht so die Berliner Kakophonie, ein endloses politmediales Dschungelcamp. Man verkostet hier kein Hirschsperma. Man verfüttert Halbsätze. Für die Teilnehmer scheint es kaum ein Entrinnen zu geben.
Wir sehen das. Wir wissen das. Selbst Insassen reagieren, auf solche Mechanismen angesprochen, oft mit nickender Zustimmung. Sie bestätigen die Hast, das absichtsvolle Geben und Nehmen, die zähe Konkurrenz um den griffigsten Halbsatz. Manche genießen dieses Spiel, leiten daraus für sich eine gewisse Bedeutung ab. Andere fügen sich achselzuckend bis zynisch in diese Entwicklung oder bedauern sie aufrichtig. Viele reduzieren sich auf eine Selbstdefinition als Dienstleister, als Handwerker, die eben ihren Job machen und Gewünschtes abliefern. Doch irgendwer hat ihnen wohl den Werkzeugkasten geklaut.
Man läuft als Kritiker dieser Umstände Gefahr, arrogant und allzu pauschal zu klingen, den Mühen der Politberichterstatter nicht den gebührenden Respekt zu zollen. Deshalb sei klargestellt: Erstens stößt der unermüdliche Zuschauer und Leser zuweilen auf rühmliche Versuche, die Politik und ihre Akteure tiefgründiger und trennschärfer zu beschreiben. Zweitens geht es hier einmal nicht um die Performance Einzelner oder gar die Pfauenhaftigkeit der Journalistendarsteller, sondern um Trends und Strukturen. Also um die gewachsenen Verhältnisse eines gesellschaftlich wichtigen Biotops, in dem es allen Anwesenden zunehmend an demokratischem Sauerstoff  mangelt. Der Begriff dafür lautet: Diskursverfall.

Die Geschwätzexplosion

Nun   scheint   es,  als werfe die Kritik ihre Flinte ins Korn. Nur gelegentlich bricht sich noch Unbehagen über das grassierende Politainment Bahn. Etwa im vergangenen Jahr, als ein von Finanzinvestoren gesteuerter Privatsender seinen Stefan Raab zum Politjournalisten beförderte. Oder Anfang dieses Jahres, als der Entertainer Markus Lanz in seiner ZDF-Redeschau beim Geplänkel mit der Politikerin Sahra Wagenknecht frageästhetisch verunfallte.
Es sind aus dem peinlichen Moment entstandene Empörungswellen. Hier zeigt sich, in kurzen Eruptionen, ein viel größerer Unmut, ein genereller Überdruss an diesen Meinungs- und Befindlichkeitsjahrmärkten, der langsam in Verachtung gegen alle Beteiligten umzuschlagen droht. Die Frage nach der Geistesgröße des Lächlers Lanz ist dabei weit weniger relevant als die nach der Verantwortung für dessen Platzierung und den Sinn seiner Sendung. Sie geht direkt an die Programmverantwortlichen, an all jene Intendanten, Direktoren, Chefredakteure, die darüber befinden, wer was macht. Die glauben, einem Lanz nicht nur ein Kochstudio und die nationale Samstagabendbespaßung übertragen zu müssen, sondern gleich auch noch einen Teil des politischen Diskurses. Die, wechseln wir zur ARD, einen Quizmaster Jauch zur Krone der politjournalistischen Schöpfung erheben und ihm den besten, weil todsicheren Sendeplatz nach dem Sonntags-Tatort überantworten.
Neben den fünf bekanntesten Talkunternehmern Jauch, Plasberg, Maischberger, Will, Beckmann, allesamt Inhaber eigener Produktionsfirmen, finden sich auf den Dritten, auf Phoenix und anderen ARD-Filialen noch etliche weitere Plauderstündchen. Nicht einmal die Politiker, denen hier eine billige Bühne bereitet wird, scheinen wirklich begeistert ob dieser Geschwätzexplosion. Trotzdem gibt es keine Hoffnung auf Veränderung. Wäre es ein Gesichtsverlust für die ARD-Intendanten, einzugestehen, dass die Inflationierung des Formats eine Schnapsidee war? Darf man die Programmdirektoren überdies fragen, warum Telenovelas, Tiere, Kochen, Promis, viel Natur und noch mehr Heimat ihren Fahrplan bestimmen? Führend scheint hier der Hessische Rundfunk, wo der Lokalpatriotismus heute schon im Titel lärmt: Geschichten aus Hessen«, »Hallo Hessen«, »Herrliches Hessen«, »Hessen à la carte«, »Hessenreporter«, »Hessentipp«, »Hessenquiz«, »Leckeres Hessen«, »Made in Hessen« und so weiter.
Zudem sind etliche Radioprogramme der in der ARD zusammengeschlossenen Anstalten in den letzten Jahren derart durchformatiert und intellektuell planiert worden, dass man sie über Nacht privatisieren könnte, ohne dass ein Zuhörer es bemerken würde. Das sorgt bei der anspruchsvollen Kundschaft, aber auch bei begeisterten Radiomachern für Verdruss. Inhalte zählen gar nichts mehr«, sagte mir unlängst ein Abteilungsleiter eines der besseren Radiosender. Mitarbeiter berichten von einer zunehmend gereizten Gesprächskultur in ihren Häusern. Interne Kritik gilt in mancher der streng hierarchisch geführten Anstalten schnell als Insubordination. Dabei werden die Verantwortlichen ihrerseits von Räten eingesetzt, die eigentlich als Werkzeug gesellschaftlicher Kontrolle gedacht sind. Hier liegt offenbar ein Systemversagen vor.
Wieder gilt: Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um die Strukturen und den Geist dahinter – die herrschende Lehre, genauer: die herrschende Leere. Angesichts mancher Zeitungskampagne gegen das öffentlich-rechtliche System mag man die Bunkermentalität der Intendanten sogar ein bisschen verstehen. Werden hier im Mantel der Kritik doch nur die Interessen der Privatverleger vertreten, die seit einem halben Jahrhundert mehr vom TV-Kuchen erkämpfen wollen. Auch ist etwa die Gattung Talkshow nicht an sich schlecht. Man stößt bei Stichproben auf Gesprächskreise, die Themen tatsächlich erhellen. Es hilft, wenn die Teilnehmer nicht um des Effekts Willen aufeinander gehetzt werden. Und nicht genau die Sau grillen, die gerade eh durchs Dorf getrieben wird. Richtig ist auch: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten, besonders der Rundfunk, bieten eine Vielzahl kluger, mutiger, witziger, Sendungen. Ich lebe als Autor von diesem Umstand. Ich höre sie oft. Das Problem sind nicht einmal Seichtwellen per se. Das Problem ist, dass um 20:15 Uhr geschunkelt wird und erleuchtender TV-Stoff in tiefster Dunkelheit zur Ausstrahlung kommt und dass klügeres Radio aus den zuhörerstarken Hauptkanälen in Info- und Kulturwellen abgedrängt wird. Es geht also um die Trennung von Unterhaltung und Information, Leichtigkeit und Geist. Das scheint mir nicht der öffentlich-rechtliche Auftrag zu sein.
Am eindrücklichsten aber präsentiert sich die Folgenlosigkeit von Kritik und Selbstkritik am Wirtschaftsjournalismus. Zur Erinnerung: Der Herbst 2008 brachte eine die Welt erschütternde Krise des Finanzmarktes, die auch den ihn begleitenden publizistischen Mainstream in Bedrängnis brachte.

Rückbesinnungen

Wirtschaftsjournalisten diagnostizierten bestürzt, dass diese ihre Begleitung allzu emsig, eilfertig, ehrfürchtig, geradezu »embedded« ausgefallen war, dass sie Fakten verkannt, Glaubenssätze nachgebetet und die winzige Schar der Mahner wie Aussätzige behandelt hatten. Auch hier, wie im Politgewerbe, thematisierten die Berichterstatter nun ihre intime Nähe zu den Akteuren, den CEOs und Finanzgurus, den Bankiers und ihren Analysten«. Selbst hartleibige Marktradikale entblößten Zweifel. Rainer Hank, Wirtschaftschef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sinnierte »zum Ende dieses vermaledeiten Krisenjahres« über die »Retractationes« des Kirchenvaters Augustinus: »Die Wut der Öffentlichkeit ist groß und die Enttäuschung auch. Man kann das gut verstehen. Schließlich sind wir eine Art Wiederholungstäter.«
Und heute? Scheint all dies vergessen. Wie ein schlechter Traum. Schalte ich etwa die Wirtschaftssendung des Deutschlandfunks, meines Lieblingssenders ein, höre ich wieder diese atemlose Verfolgungsjagd an der DAX-Kurve, die an die Formel 1-Reporter erinnert; lausche wieder den gleichen ahnungslosen Analysten. Wieder werden flott der Dollar, der Euro und das Gold abgefragt, wird unser aller Wirtschaftsleben auf Quartalsbilanzen, Managerweisheiten und das Geschehen auf jenem Frankfurter Parkett« reduziert, das bekanntlich nur mehr Kulisse ist – ein Potemkinsches Dorf für Funk- und Fernsehberichterstatter. Die eigentliche Börse ist aus steuerlichen Gründen vor Jahren in den Vorort Eschborn abgewandert. Aber da gibt es ja nichts zu sehen.
Ist es also wohlfeil, über die Verflachung, Verblödung, Verblendung der Medien und die Haltungsschäden ihrer Macher zu lamentieren? Womöglich. Sollte sich der Journalist besser an jene Survival-Strategie halten, die bis weit hinauf in die Chefetagen en vogue zu sein scheint: Bloß nicht unangenehm auffallen? Sich vielleicht hinter dem gern zitierten Spruch von Hanns Joachim Friedrichs verstecken, man solle »sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten«? Nein. Der Satz ist der wohl am liebsten missverstandene des Metiers. Er war nicht als Entschuldigung für Feiglinge gedacht, sondern als Hinweis für den Moderator: Distanz zu halten. Friedrichs hat auch gesagt, man müsse »cool bleiben, ohne kalt zu sein«. Das wäre vielleicht eine provisorische Haltung. Bis die Kritik endlich fruchtet.

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