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DAS THEMA

Die Macht der Stimmungen
Heft 10 | 2016

Gespräch mit Heinz Bude

Das Gefühl der Welt

Foto: Reiner Zensen

Stimmungen entscheiden darüber, wie die Menschen die Welt wahrnehmen. Der Soziologe Heinz Bude beschreibt in seinem neuesten Buch »Das Gefühl der Welt« u.a., warum Stimmungen auch in der Politik oft mehr bewirken als Argumente. Die Brexit-Entscheidung in Großbritannien und die Wahlerfolge der AfD sind dafür aktuelle Belege. Die Fragen stellte Thomas Meyer.

NG/FH: Der Ausgang des Brexit-Referendums war auf eine gewisse Art kontrafaktisch. Man hat den Eindruck, dass er, obwohl es eine klare numerische Mehrheit gab, doch den Interessen der meisten Menschen auch in Großbitannien widerspricht und vielen von ihnen dies nun allmählich klar wird. War das also eine Wahl, an der man exemplarisch die Macht von Stimmungen in der Politik erkennen konnte?

Heinz Bude: Ich glaube schon, weil für die Entscheidung ein Element ganz wichtig gewesen ist, das bei all den stimmungspolitischen Aufwallungen eine große Rolle spielt, mit denen wir es in der letzten Zeit zu tun haben: das antielitistische Moment. Man fühlt sich betrogen von einer politischen und gesellschaftlichen Elite, die falsche Versprechungen gemacht hat, die einen über Dinge nicht aufgeklärt hat, die dann am Ende passiert sind und die ganz andere Folgen gehabt haben als erwartet. Merkwürdigerweise haben wir jetzt wieder überall in Europa, vielleicht sogar weltweit, so ein neues vertikales Muster in der Wahrnehmung des politischen Raums. Denken Sie an die USA. Es gibt wieder die Leute im Palazzo und die Leute auf der Piazza. Und das Volk auf der Piazza denkt: Ja, die in den Palazzi sind smart und geschickt, aber letztlich denken sie nur an sich selbst. Ich glaube, dass diese Stimmung mit der merkwürdigen Verlassenheit nach der langen Phase des Neoliberalismus zu tun hat, mit dem Empfinden in weiten Teilen der Bevölkerung, dass etwas schief gelaufen ist – und zwar mit unserer Zustimmung.

NG/FH: Können bestimmte Politiker diese Stimmungen einfach abrufen oder werden sie auch ein Stück weit geschürt?

Bude: Sie werden natürlich auch genährt durch all die rechts- und linkspopulistischen Bewegungen. Denken Sie an Beppe Grillo und die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Da weiß man gar nicht so genau, ob das rechts oder links ist. Denken Sie auch an die relativ stabilen rechtspopulistischen Bewegungen in solch glücklichen Ländern wie Dänemark, aber auch in so unglücklichen wie Frankreich. In diesem Fall gibt es schon politische Bewegungen, die von diesen Stimmungen der Verlassenheit und der Verständnislosigkeit profitieren, die weit in der Bevölkerung verbreitet sind. Ihre Frage zielt aber darauf ab, ob da irgendwelche medialen Machenschaften am Werk sind, die gezielt Stimmungen erzeugen. Ich fürchte, so einfach ist das nicht.

NG/FH
: In Ihrem Buch finden sich interessante Formulierungen, z.B. »Stimmungen sind Münzen der Politik.« Wie ist das zu verstehen?

Bude: Also der wichtigste Punkt ist, dass diejenigen, die Stimmungen beobachten, sich erst einmal darüber im Klaren sein müssen, dass Stimmungen nicht immer nur die anderen haben und man selber ohne Stimmung ist. Auch die Vertreter der Aufklärung, der Rationalität, haben eine Stimmung. Stimmungen sind unhintergehbar. Das gilt für die Einzelnen wie für die Gesellschaft. Ich glaube, dass es zu einfach ist, zu sagen, dass Stimmungen nur geschürt und den Leuten übergestülpt werden. Stimmungen schaffen einen Resonanzraum für das Welterleben. Wenn man einen Zugang zu dieser Resonanz hat, dann kann man auch politisch mit Stimmungen etwas gestalten. Denken Sie nur mal an den – wie ich finde – größten Stimmungspolitiker der Nachkriegszeit, an Willy Brandt. Er war in der Lage, Stimmungen zu erkennen und ihnen gleichzeitig durch seine Deutung eine gewisse Richtung zu geben.

NG/FH: Das Ganze ist ja ziemlich schwer zu fassen. Sie zitieren Martin Heidegger und schließen an, Stimmung sei die Verfasstheit des Menschen, ein Existenzial, das uns grundlegend bestimmt. Stimmungen sind immer schon da, wir alle sind immer schon in Stimmungen. Aus diesem Grund sind Stimmungen, wie Sie analysieren, gesellschaftlich wie auch politisch eine Macht. Das ist fundamental und existenziell. Nahezu alle Menschen sind andererseits aber auch argumentationsfähig und verlangen Argumente. Wir würden Sie sich das Verhältnis zwischen diesen beiden existenziellen Grundbefindlichkeiten vorstellen? Wie treffen bei einem Menschen Interessen, Werte, vielleicht sogar Ideologien und Stimmungen aufeinander?

Bude: Stimmungen stellen eine Form von Reflexivität dar, die einen insgesamt betrifft. Nicht nur meine Wertungen und Präferenzen, sondern auch meine Gefühle und Haltungen. Stimmungen überkommen mich zwar und versetzen mich insofern in einen Zustand der Passivität, aber sie stellen mich damit auch in meinem Dasein infrage. Mit einem Wort: In der Stimmung findet sich das Ich in seiner eigenen Welt vor. Darin steckt die Aufforderung, mich zu dieser Art und Weise, wie es mir ist und wird, zu verhalten. Ich bin mir in meinem So-oder-so-Gestimmtsein, wie Heidegger formuliert, selbst überantwortet.

NG/FH: Weiß ein Mensch, in welcher Stimmung er ist?

Bude: Stimmungen erfassen den Menschen im Ganzen. Sie bilden eine Brücke zwischen Empfindung und Wertung. Es handelt sich um unfokussierte Wertungszustände, die jedem Urteil, jeder Interessensbekundung, jeder Wunschvorstellung jenen Ton verleihen, der die Musik macht. Man kann den gegenwärtigen Zustand Europas mit erregter Fassungslosigkeit, gesammelter Klarheit oder panischer Angst zur Kenntnis nehmen. Man ist sich womöglich in der Sache einig, aber die jeweilige Stimmung macht einen Unterschied ums Ganze.

NG/FH: Wobei das dann natürlich nicht ausschließt, dass diese Reflexivität, wie ich mich zu meiner eigenen Stimmung verhalte, von außen stark mitbeeinflusst wird.

Bude: Genau. Wenn ich eine Stimmung der Enge, der Bedrücktheit oder eben der Gereiztheit spüre, kann ich mich entscheiden, ob ich mich ihr überlasse oder mich dagegenstelle. Aber ich kann nicht so tun, als ob es diese Stimmung nicht gäbe. Ein Beispiel: Wenn einige Leute heute der Meinung sind, man dürfe nicht mehr sagen, was los ist, dann kann man erwidern: Natürlich, wir sind in einem freien Land. Jeder darf sagen, was er will. Dann bekommt man jedoch zur Antwort: Ja, aber man ist dann gleich in einer rechtsradikalen Ecke, wenn man dies oder jenes sagt. Denen kann man nur antworten: Du darfst schon sagen, was du willst, aber du darfst nicht glauben, dass alle Leute dem zustimmen, was du sagst. Und du musst schon den Mut haben, das zu sagen, was du sagen willst. Du kannst anderen Leuten nicht vorwerfen, dass du nicht den Mut hast, das zu sagen, was du meinst.

NG/FH: Das ist ein interessanter Aspekt. Bei der Lektüre Ihres Buches bekommt man den Eindruck, dass Sie davon ausgehen, dass es letzten Endes mit der Stimmungsöffentlichkeit so ist, wie es Elisabeth Noelle-Neumann formuliert hat: Wir halten Dinge zurück, weil wir denken, wir treffen auf Stimmungen, die uns marginalisieren. Ist die Stimmungsöffentlichkeit der dominante Aspekt und die Habermas’sche Argumentationstheorie der Öffentlichkeit eher ein unterlegener Aspekt im Gesamtgefüge von realer Öffentlichkeit?

Bude: Ich suche einen Mittelweg zwischen Noelle-Neumann und Habermas. In der Gesellschaft treffen Stimmungen immer auf Gegenstimmungen. Es gibt nicht die Stimmung, die für alle gilt. Das hat Noelle-Neumann mit ihrer Schweigespirale richtig gedeutet. Es gibt eine herrschende Stimmung, die von denen zum Ausdruck gebracht wird, die ihre Stimme in ihrem Umkreis erheben, und es gibt die Stimmungen jener, die sich auf die Lippe beißen und lieber zu dem, was scheinbar alle von sich geben, schweigen. Das ist insgesamt ein sehr labiler Zustand. Wir hatten im Spätsommer 2015 die herrschende Stimmung der Willkommenskultur und nach der Silvesternacht von Köln den Stimmungsumschwung. Da kamen viele aus der Schweigespirale raus und sagten: »Haben wir doch immer schon gesagt.«

NG/FH: Ihre Analyse definiert zwei Hauptstimmungsklassen in unserem Land: »empörte Antikapitalisten« und »entspannte Systemfatalisten«. Ihre Vorstellung ist es nun, dass diese beiden Stimmungsklassen doch etwas verbindet: eine Grundstimmung der Gereiztheit. Wie groß sind diese beiden Stimmungsklassen? Sind das die einzigen? Oder sind das etwa bestimmte Sektoren der Mittelklasse?

Bude: Den heimatlosen Antikapitalismus findet man unter gut dotierten Facharbeitern, unter Geringverdienenden aus der Branche der Gebäudereinigung, aber man stößt darauf auch bei Vorstandsvorsitzenden außerordentlich kompetitiver mittelständischer Unternehmen. Die sagen zum Teil wörtlich dasselbe: Dass wir uns in einer Phase des Kapitalismus befinden, der die Menschheit in den Untergang führt. Warum? Weil die Finanzkapitalisten die Macht übernommen haben. Das heißt, man macht einen Unterschied zwischen der guten sozialen Marktwirtschaft und dem bösen Finanzkapitalismus. Wenn man nachfragt, wie man denn letzteren besiegen könne, kommt bei allen drei Gruppen eine antikapitalistische Ohnmacht zum Vorschein: Man könne gegen den globalen Kapitalismus – der sich vor unseren Augen, mit Bertolt Brecht gesprochen, zur Kenntlichkeit entstellt – gar nichts ausrichten, und wenn, dann ginge das nur von Grund auf. Diese Stimmung zieht sich durch alle Milieus.

NG/FH: Ihrer Vorstellung nach können diese Stimmungen über eine lange Zeit schwelen. Mit einem Mal kann daraus plötzlich eine irrational agierende Masse hervorgehen. Beschreibt das die Gegenwart zutreffend?

Bude: Ich glaube schon. Dieser schwelende Antikapitalismus formuliert sich im Augenblick eher rechtspopulistisch oder in Formen, von denen man nicht so genau weiß, ob sie rechts- oder linkspopulistisch sind. Das ist auch der Grund des antielitistischen Motivs: Die an der Spitze, ob in Brüssel, in Washington, in Paris oder auch in Berlin, haben uns über die grausame Wirklichkeit des Raubtierkapitalismus getäuscht. Die sind vielleicht smart und effizient, aber kalt und rücksichtslos.

NG/FH: Das sind die Systemfatalisten.

Bude: Ja, oft verstehen die sich so. Die Systemfatalisten haben sich mit dem Verlust des vernünftigen Ganzen arrangiert. Komplexe Systeme beruhen nun mal auf der Willkür von Einzelnen und der Zufälligkeit von Effekten. Die halten die heimatlosen Antikapitalismen für naiv und gefährlich. Was allerdings beide Stimmungstendenzen eint, ist die Vorstellung einer verbauten Zukunft. Nach 30 Jahren Neoliberalismus ist ein Endpunkt erreicht. Terror und Irrsinn beherrschen weltweit die Politik. Aber wir wissen nicht, was wir tun sollen.

NG/FH: Wolfgang Streeck hat die Vorstellung, dass die Mittel des Finanzkapitalismus, sich selbst zu reparieren, immer wieder neue Instrumente fürs Überleben zu finden, erschöpft sind. Es geht nicht mehr weiter. Alternativen sieht er keine. Er sagt: »Vielleicht brauchen wir eine Phase, in der erst einmal auf der Straße Steine geworfen werden.« Die einen wollen noch etwas verändern. Die anderen haben resigniert, sind aber auch mit den Verhältnissen nicht einverstanden. Das ist wahrscheinlich die Grundsituation.

Bude: Es gibt ein Unbehagen in der Gesellschaft, welche die diffuse Legitimität unserer Gesellschaft berührt. Die Orthodoxie der Politikwissenschaft war immer der Auffassung, dass man sich keine Sorgen machen muss, solange die meisten glauben, dass bei allen Fehlern im Einzelnen das Ganze in Ordnung ist. Das ist so nicht mehr der Fall.

NG/FH: Gibt es sozialwissenschaftliche Instrumente, die so etwas fassen und quantifizieren können?

Bude: Die gibt es schon, denken Sie nur an den Geschäftsklimaindex des ifo-Instituts. Damit wird versucht, Stimmungen zu operationalisieren. Und das hat, wie wir alle wissen, einen großen Einfluss auf ökonomische Prozesse. Man darf auch nicht vergessen, dass die akademische Psychologie seit 150 Jahren über Stimmungen forscht. Es gibt auch eine Indikatorenforschung über Stimmungen. Diese macht meiner Ansicht nach nur einen Fehler, sie analysiert nicht die dynamische Konstellation von Stimmung, also das Für und Wider innerhalb eines Stimmungsraums. Tendenzaussagen darüber, wie hoch der Anteil derer mit guter oder schlechter Stimmung ist, gehen an der dynamischen Konstellation vorbei, die von Kipppunkten und Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnet ist.

NG/FH: Die beiden bereits genannten Hauptstimmungsklassen und die Grundgereiztheiten dieser Gesellschaft sind Ihrer Meinung nach weitestgehend flächendeckend? Das ist natürlich eine sehr bedrohliche Diagnose, weil das im Grunde heißt: In den Fundamenten der Gesellschaft fault und gärt es.

Bude: So kann man das sehen. Die Epoche, die mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher und Deng Xiaoping begonnen hat, ist im September 2008 mit einem Schlag zu Ende gegangen. Jetzt fragen sich viele: Was ist da eigentlich schief gelaufen? Es gibt unglaublich viel mehr Geld auf der Welt, 2.000 % mehr als zu Beginn der 80er Jahre, die reicheren 10 % der Haushalte haben sich in der OECD-Welt, was Lebensstandard und Lebenszuschnitt betrifft, von den ärmeren 40 % entkoppelt, und den Ärmsten der Armen geht es schlechter denn je. Man kann in der Tat den Eindruck gewinnen, dass Kapitalismus und Demokratie immer weniger zusammenpassen. Und man fragt sich, ob ein Ausweg aus dieser Sackgasse existiert. Eigentlich eine klassische Frage für Sozialdemokraten, die aus ihren Kämpfen mit den Kommunisten die Differenz zwischen transkapitalistischem Vorstellungsvermögen und antikapitalistischem Affekt zur Genüge kennen. Kann man das eine zum Leben erwecken, ohne dem zweiten zu verfallen?

NG/FH: Das würde ja heißen, auch weg vom Zynismus und weg von der Ironie. Dass man auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger wieder ein gewisses Maß an reflektierter Naivität zurückgewinnt. Die Frage ist nur, wer ist dann auf der Gegenseite der Ansprechpartner dafür? Wenn jemand solche Ideen entwickelt, würde man ja erwarten, dass da z.B. Politiker von Hause aus eine gewisse Glaubwürdigkeit für sie mitbringen.

Bude: Genau. Dazu bedarf es aber einer gewissen Kraft. Man muss die Kraft besitzen, den Leuten eine Deutung der Lage anzubieten, die ihnen nicht nach dem Mund redet, sondern ihnen etwas abfordert. Das politische Publikum will nämlich nicht nur in seiner Stimmung bestätigt, sondern auch von ihr befreit werden.

NG/FH: Wie verhält sich das zu den Meinungsumfragen? Das, was Politiker tun, ist ja stark von anderen Umfragen gesteuert, nicht nur bei Frau Merkel. Die checken fast jede Aussage, jeden Schritt daraufhin ab, was die Menschen in diesem Augenblick zu wollen scheinen. Sind diese Stimmungen, die wir hier besprochen haben, in den Meinungsumfragen nicht präsent? Oder warum entdecken die Politiker nicht, dass da eigentlich etwas anderes im Hintergrund ist?

Bude: Ich glaube, dass das wirklich ein großes Problem ist. Das können Sie an Donald Trump sehen. Das ganze Instrumentarium der Meinungsumfragen einschließlich Fokusgruppen wurde in diesem Fall demontiert. Warum? Weil der einfach das Spiel verändert hat. Und das bringt ihm plötzlich Zustimmungswerte von Leuten, die man ihm aufgrund ihrer sozialstrukturellen Kriterien eigentlich nicht zurechnen würde. Das liegt völlig außerhalb jeder Orientierungslogik der Meinungs- und Wahlforschung. Wir brauchen also auch eine neue Art von Selbstinformierung der Gesellschaft. Die Idee von Niklas Luhmann, der mit einer gewissen Berechtigung gesagt hat, dass sich die moderne Gesellschaft über die Massenmedien über sich selbst informiert, ist in einem Punkt nicht richtig. Luhmann macht nämlich die Differenz zwischen den Massenmedien und dem, was die Leute empfinden, gar nicht zu einem eigenen Motor des Wissenswollens der Leute. Die Idee einer stellvertretenden Deutung ist nicht mehr präsent in dieser Vorstellung von kollektiver Selbstdeutung. Dabei befinden wir uns in einer gesellschaftlich-geschichtlichen Situation, die in geradezu ungeheurer Weise nach Deutung und Verständnis verlangt. Möglichweise sieht die Welt nach den Wahlen in den USA, in Frankreich und dann noch in Deutschland ganz anders als heute aus. Ich sage nicht, dass es so kommt, aber es ist nicht völlig ausgeschlossen. Wenn Sie das im Hinterkopf haben, schauen Sie anders auf die Art und Weise, wie politische Willensbildung in Demokratien, wie wir sie kennen, zustande kommt.

NG/FH: Die Medien leben davon, täglich eine Stimmung zu entfachen – Stichwort Stimmungsdemokratie. Politiker reiten dann meist irgendwie auf diesen Wellen, direkt beeinflussen können die das nicht, wenn sie keine ganz großen Oratoren sind, und das sind die meisten ja nicht. Welche Rolle spielen die Medien in diesem Prozess?

Bude: Die Medien haben die Bereitschaft oder die Fähigkeit zur Einflussnahme auf den Prozess der Stimmungsbildung offenbar verloren. Ein Beispiel: Die einzige Zeitung, die meiner Ansicht nach in Deutschland im letzten halben Jahr im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise einen gewissen Einfluss auf die Stimmungen gehabt hat, ist DIE ZEIT gewesen. Sie hat die Frage nach der Legitimität von Unbehagen formuliert, aber sie hat auch gesagt: Ja, es gibt Probleme, aber man darf das nicht übertreiben. DIE ZEIT hat sich als eine Art von Familienzeitung in Szene gesetzt, wo die Geschwister, die Eltern und sogar entfernte Verwandte mit ziemlich differierenden Ansichten und Überzeugungen zu Wort kommen. Das ist interessant, weil der Journalismus hier nur den Rahmen vorgegeben hat, in dem sich unterschiedliche Stimmungsausdrücke berühren konnten, aber nicht mehr eine, sagen wir linksliberale oder kulturkonservative oder wohlfahrtschauvinistische für bindend erklärt hat.

NG/FH: Stimmungen werden ja auch mit Argumenten und Erfahrungen bearbeitet.

Bude: Erfahrungen sind ganz wichtig. Etwa die Journalistin, die die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel aus der Perspektive ihrer eigenen Zuwanderungsgeschichte beurteilt und sich dabei plötzlich als Verteidigerin einer Hierarchie des Hierseins wiederfindet.

NG/FH: Viele sprechen bereits von einer neuen Spaltung, einem neuen gesellschaftlichen Grundkonflikt, den der Identitätspolitik. Die Identitären oder Kommunitaristen einerseits, die Kosmopoliten andererseits. Beide sind Idealtypen, Fiktion wenn man so will. Aber auf diesem Gebiet spielen Stimmungen eine sehr große Rolle. Wenn man diese nicht eindeutig rational argumentativ reflektiert, werden sie sehr mächtig.

Bude: Ganz sicher. Ich würde es freilich noch ein bisschen anders formulieren: Hier stehen sich die Territorialisten und die Globalisten gegenüber. Der amerikanische Historiker Charles Maier hat das schon vor zehn Jahren als den Kern der Auseinandersetzung herausgestellt. Dieser unbedarfte Globalismus ist doch genauso merkwürdig wie der vertrotzte Territorialismus. Man kann die Türen weder einfach aufmachen noch mit Macht geschlossen halten. Über dieses Dilemma muss man angesichts der Tatsache, dass Europa in zehn Jahren vielleicht noch 6 % der Weltbevölkerung ausmacht, miteinander ins Gespräch kommen.

NG/FH: Wo könnte eine solche Kommunikation stattfinden?

Bude: Man wird der Öffentlichkeit sagen müssen, dass sie diese Probleme nicht durch Verdammung oder Hochpreisung des politischen Spitzenpersonals in den Griff bekommt. Die Bürgergesellschaft muss sich sehr viel mehr mit sich selbst beschäftigen. Nehmen Sie das Thema Europa: Die Generationen, für die Europa ein Friedensprojekt ist, die noch einen Nachhall der Kriegserfahrung verspüren, sterben aus. Für die 50-Jährigen von heute, für die der globale Pop wichtiger gewesen ist als der Posttotalitarismus, ist Europa noch zu entdecken. Jedenfalls war man nach dem Brexit doch ein bisschen erschreckt.

NG/FH: Man hat den Eindruck, dass diese rechtspopulistische Stimmung aus Fremdenangst, Abgrenzung, Sicherung des Eigenen, Heimatverlust usw. europaweit um sich greift, sich selbst steigert, sich selbst legitimiert und überall nach der Macht greift. In Ungarn etwa ist sie schon an der Macht. Gibt es überhaupt noch Gegenstrategien oder müssen die erst einmal scheitern, um zu sehen, dass dieser stimmungsbedingte Weg, den sie gewählt haben, auch nicht der richtige ist. Braucht es also ein böses Erwachen?

Bude: Stimmungen halten sich manchmal unheimlich lang, manchmal vergehen sie ganz plötzlich. Warum das so ist, weiß man erst im Nachhinein. »Irony is over / Byebye«, hieß es schon 1998 auf dem vorletzten Studioalbum der britischen Band Pulp mit dem Titel This Is Hardcore.

NG/FH: Oder es tut irgendwann weh.

Bude: Es tut leider irgendwann richtig weh. Aber man darf nie vergessen, da hat Michel Foucault recht, wer spricht. In Deutschland wollen wir in böser Erinnerung an die Epoche der faschistischen Weltanschauung die Kirche gern im Dorf lassen. Die Mehrheit der Leute müht sich und streckt sich und lässt sich von einer Million Flüchtlinge nicht ernsthaft aus der Ruhe bringen, obwohl viele auch dieses Grummeln und dieses Rumoren spüren. Hierfür müssen wir wieder Begriffe finden. Aus sozialdemokratischer Sicht könnte man mit dem Begriff der Solidarität wieder etwas anfangen. Nicht Gerechtigkeit, für die man mit John Rawls und anderen einen Algorithmus berechtigter Anteile entwickeln kann, sondern Solidarität aus der Erfahrung wechselseitiger Hilfe. Das könnte eine ganz andere Stimmung mit sich bringen. Nicht diese furchtbare Gereiztheit, die immer nur fragt, wem was aus welchen Gründen zusteht, sondern das gemeinsame Gefühl zu wissen, was auf dem Spiel steht.

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