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Heft 11 | 2018

Johano Strasser

SPD: Schmerzhafter Neuanfang oder Götterdämmerung?

Regieren ist gut, Opposition ist Mist. Wenn man mich fragte, ob ich dem Satz zustimme, wäre ich versucht, mit Radio Eriwan zu antworten: Im Prinzip ja. Denn ein bisschen hängt es schon noch davon ab, was man macht, wenn man regiert bzw. opponiert. Die SPD hat im Oktober 2007, also während sie bereits in der Großen Koalition mitregierte, ein umfangreiches neues Grundsatzprogramm beschlossen, das trotz vieler Mängel und Halbheiten durchaus geeignet gewesen wäre, in der Folgezeit Orientierung zu bieten, sowohl in Zeiten der Opposition als auch in Zeiten der Regierungsbeteiligung. Aber in der Mitgliederschaft blieb das Programm ein weitgehend unbekanntes Geheimdokument und in der Führung der Partei legte man es, kaum dass es beschlossen war, mit einem Seufzer der Erleichterung beiseite. Beim Regieren störte es eher und als man sich wieder in der Opposition befand, war es bereits vergessen.
          Über die Ursachen für den Massenexodus aus der SPD in der Spätzeit der Regierung Schröder und für die folgenden Wahlniederlagen, für den lähmenden Frust bei den verbliebenen Mitgliedern und die offenbar unaufhaltsame »Verzwergung« der SPD gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis heute in der Partei keine offene Diskussion. Unsere erfolgreiche Politik hat Deutschland vorangebracht, tönte es noch wie zuvor aus dem Willy-Brandt-Haus, als der Niedergang schon offen zutage lag. Und: Zur Agenda 2010 gab und gibt es keine Alternative. Soll heißen: Wir haben alles richtig gemacht, nur die Wähler haben es nicht begriffen und die meisten Mitglieder auch nicht, jedenfalls diejenigen, die die Partei in Scharen verlassen haben.
          Gab es wirklich keine Alternative? Ist überhaupt über Alternativen oder – weniger anspruchsvoll gefragt – ist über Kurskorrekturen ernsthaft nachgedacht worden? Hat man sich überhaupt die Mühe gemacht, den plötzlichen Kurswechsel nach dem Rücktritt Oskar Lafontaines vom Regierungs- und Parteiamt den Mitgliedern zu vermitteln? Bis heute tun die meisten in der Führung der SPD so, als sei der historisch einmalige Mitgliederschwund, die bisher nie dagewesene Serie verheerender Wahlniederlagen nach der Ära Schröder nur ein Unfall gewesen, ein unvorhersehbares, unerklärliches und natürlich gänzlich unverdientes Unglück. Man tut so, als gäbe es unter Sozialdemokraten nichts zu bereden, als gäbe es keinen Grund, über den Kurs der Partei, über den Umgang der Führung mit den Mitgliedern und über den Umgang der Mitglieder mit ihrer Führung nachzudenken. Aber kann es mit der SPD überhaupt wieder aufwärtsgehen, kann eine Erneuerung gelingen, wenn diejenigen,
die die Misere angerichtet haben, einfach weitermachen, als sei nichts geschehen, und eine Basis im Tiefschlaf sie weitermachen lässt?
          Sie können und müssen weitermachen, weil nach jeder Wahlschlappe immer schon wieder die nächste Wahl bevorsteht, bei der Geschlossenheit gefragt ist und in Voodoo-Ritualen beschworene Siegesgewissheit; sie können immer so weitermachen, weil sie es mit Sozialdemokraten zu tun haben, die statt des kompromisslosen Entweder-oder immer das kleinere Übel des Sowohl-als-auch im Auge haben.
          Es war nicht alles schlecht an der Agendapolitik. Richtig. Die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenunterstützung war überfällig. Sie hat sogar für einen kurzen Moment so etwas wie statistische Ehrlichkeit gebracht, weil auf einmal die versteckte Arbeitslosigkeit sichtbar wurde (was dann allerdings der politische Gegner schamlos auszunutzen wusste). Der Agendapolitik ist es zu verdanken, dass es in den ersten Jahren der Großen Koalition wirtschaftlich statistisch wieder aufwärtsging und die Arbeitslosigkeit sank. Auch das ist kaum zu leugnen. Aber während die Zahl der Arbeitslosen sank, schwoll der Niedriglohnsektor zu europäischem Rekordumfang an. Und so wie die Agendapolitik praktiziert wurde, war sie für viele Menschen eine offene Missachtung ihrer Lebensleistung.
          Natürlich, es war nicht alles schlecht, was die rot-grünen Koalitionäre auf den Weg brachten. Neben der Agendapolitik gab es die erfolgreiche Förderung alternativer Energien, den Atomausstieg, die Absage an George W. Bushs Irakkrieg, den Einstieg in eine Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter, das neue Staatsbürgerrecht usw. Auch ich bin einer jener Sozialdemokraten, die aus lauter Verantwortung im Zweifelsfall das kleinere Übel wählen, wenn das wirklich Gute nicht zu haben ist. Alles oder nichts, das ist ein Spiel, das nur denjenigen wirklich Spaß macht, die ihr Schäfchen längst im Trockenen haben. Für die Partei der unpassenderweise oft sogenannten »kleinen Leute« kommt so etwas nicht infrage, weil für allzu Viele alles davon abhängt, ob am Ende auch für sie ein wenig mehr als nichts herauskommt. In der Schmollecke sitzen und recht haben, wenn man nicht recht bekommen kann, ist eine ziemlich unpolitische Haltung.
          Und haben uns nicht die Analysten der Wall Street für unsere »Reformpolitik« gelobt, haben uns nicht nahezu alle einheimischen Experten, haben uns nicht sogar die politischen Konkurrenten von Union und FDP bescheinigt, mit den Steuergeschenken für die Reichen, mit der Zulassung des Derivatehandels, mit der Vernachlässigung der Binnennachfrage und der ständigen Ausweitung des Niedriglohnsektors, mit Ein-Euro-Jobs, Ich-AG und Riester-Rente seien wir auf dem richtigen Weg? Wann hatte es das zuletzt gegeben, dass die Finanzwelt den Sozis bescheinigte, sie besäßen Wirtschaftskompetenz? Geradezu rührend, wie Sozialdemokraten in den Kommunen und in den Landtagen ihre Reden auf einmal mit Fachausdrücken aus dem Business English spickten: benchmarking, public private partnership, cross border leasing etc. Zwar konnten auch sie, wenn die Stadtwerke, die Straßenbahn oder die Kongresshalle an amerikanische Investoren verkauft wurden, um sie danach teuer zu leasen, im Zweifelsfall die von internationalen Agenturen abgefassten englischsprachigen Verträge nicht lesen, weshalb sie zunächst gar nicht bemerkten, wie sie übers Ohr gehauen wurden. Aber sie empfanden sich als moderne Sozialdemokraten, die mit der Zeit gingen. Nie war es für Sozialdemokraten einfacher, sich mit ein paar modischen Vokabeln aus der Welt der Finanzwirtschaft als Fachmann oder Fachfrau aufzuspielen, sich dynamisch zu geben und sich zugleich von den vorsichtigen Zauderern, den Bedenkenträgern und angeblichen Traditionalisten in den eigenen Reihen abzusetzen.
          Aber vielleicht hätte uns gerade das misstrauisch machen müssen. Als in den USA die Lehman-Bank zusammenbrach und damit eine weltweite Finanzkrise ausgelöst wurde, erkannten wir bestürzt, was das Lob der Finanzwelt wert war, mit dem sie uns umschmeichelt hatte. Die, die uns dafür lobten, dass wir eine Politik machten (oder doch tolerierten), die mit sozialdemokratischer Politik so gut wie nichts mehr zu tun hatte, waren dieselben, die die größte Krise seit den 30er Jahren anrichteten. Niemand, sagten sie hinterher, habe die Krise voraussehen können: ein Unheil, vergleichbar einer Naturkatastrophe! Und die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung, die auch nichts geahnt hatten, die aber nur zu gut wussten, dass sie selbst – natürlich gezwungenermaßen, weil es angeblich keine Alternative gab und eine weitgehend gleichgeschaltete öffentliche Meinung sie vor sich her trieb – am Kladderadatsch mitgewirkt hatten, legten sich wieder einmal mächtig ins Zeug und leisteten in einer Großen Koalition die Kärrnerarbeit der Krisenbewältigung. Um Schlimmeres zu verhüten. Weil man ja nicht tatenlos zusehen kann, wie immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren. Weil jetzt der Staat, den sie selbst, angesteckt vom neoliberalen Fieber, geschwächt hatten, auf einmal wieder gefragt  war.
          In diesen aufgewühlten Zeiten ist es eine Plage, wenn man mit einem guten Gedächtnis geschlagen ist. Ich erinnere mich noch genau, wie es war, als Heidemarie Wieczorek-Zeul und einige andere in der Partei die Initiative der französischen Regierung aufgriffen und die Einführung einer Tobin-Steuer forderten, um die ausufernde Spekulation einzudämmen. Das seien Rezepte von vorgestern, ließ uns Wolfgang Clement, damals in Amtseinheit sozialdemokratischer Wirtschaftsminister und Wirtschaftslobbyist, heute Mitglied der FDP, wissen. Mit solchen laienhaften Vorschlägen würde sich die SPD in der ganzen Welt nur lächerlich machen. Einige von denen, die die Zurechtweisung damals mit Beifall bedachten, schrieben, als die Krise da und das Kind in den Brunnen gefallen war, immerhin eine Börsenumsatzsteuer ins SPD-Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2009. Aber durchgesetzt wurde sie nicht.
          Inzwischen sind wir in der dritten Auflage der Großen Koalition und nun heißt es wieder einmal: Wir werden die Börsenumsatzsteuer in Europa, zumindest im Euroraum durchsetzen. Natürlich ist es schön, wenn Menschen, besonders die Auserwählten in hohen Partei- und Staatsämtern, noch dazulernen. Schöner wäre es allerdings, wenn sie ihren Lernprozess offenlegten und ehrlich Rechenschaft über ihre überwundenen Irrtümer ablegten, wenn sie uns erklärten, warum nun richtig  ist, was sie vor Kurzem noch für blühenden Blödsinn erklärten. Manager und Banker, die nicht vom Volk gewählt werden, brauchen sich öffentlich nicht zu rechtfertigen, wenn sie jahrelang jede Einmischung der Politik in die Wirtschaft als schädlich ablehnen und in der Krise nach staatlicher Hilfe rufen. Für sie zählt nur, was ihnen selbst und ihresgleichen nützt, allenfalls auf die Aktionäre haben sie Rücksicht zu nehmen, nicht auf das Volk, den Staat, die Demokratie. Aber in der Demokratie haben Politiker vor der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen, und eine Partei, die dies von ihren Funktionären und Amtsinhabern nicht mehr einfordert, gibt sich als Bestandteil dieser Demokratie auf.
          Die Wahrheit ist progressiv. Dieser aufklärerische Glaube, der einst auch die Arbeiterbewegung inspirierte, der bei allen dogmatischen Fehlentwicklungen auch noch die Mehrheit der 68er beseelte, ist heute verblasst. Kein professioneller Politikberater würde noch zu Parteitagen raten, wie die SPD sie in den 70er Jahren kannte: mit heftigen Auseinandersetzungen um die Inhalte der Politik, mit Delegierten, die durch keine Geschäftsordnungstricks davon abgehalten werden können, sich Gehör zu verschaffen, wenn es etwas zu kritisieren gibt, die beim geringsten Anschein von Manipulation durch das Präsidium sofort auf die Barrikaden gehen. Die PR-Strategen glauben, dass man, wenn man die Öffentlichkeit beeindrucken will, gut daran tut, interne Auseinandersetzungen nicht nach außen dringen zu lassen und nach Möglichkeit jede offene Kritik an der eigenen Partei und ihrer Führung zu unterbinden. Ihr Ideal ist die Geschlossenheit, die machtvolle Einheit unter dem Kommando eines charismatischen Führers. Von diesen angeblich so charismatischen Führern hat die Partei seit dem Rücktritt Willy Brandts sage und schreibe zehn verschlissen. Aber immer noch setzt die Parteiführung auf Überredung statt auf Überzeugung, auf die Macht der Bilder, auf glänzende Inszenierungen, setzte zu lang auf die Ausstrahlung des einen Kandidaten. Erst die Kandidatin Andrea Nahles hatte zuletzt mit Simone Lange eine Gegenkandidatin.
          Aber was, wenn das alles nicht den erhofften Erfolg bringt? Offenbar macht sich die stille Pflichterfüllung und die Komplizenschaft bei den vielen Halbheiten in der Abgasaffäre und beim Klimawandel in der erneuten Großen Koalition für die SPD nicht bezahlt, wie das Wahldebakel vom 14. Oktober wieder einmal gezeigt hat. Sollte man nicht spätestens jetzt darüber nachdenken, ob man mit dem Mut zur offenen Diskussion nicht doch besser führe? Immerhin war die SPD in den 70er Jahren, als in ihr noch leidenschaftlich gestritten wurde, für die Menschen, auch für die jungen, attraktiv. Nie hat es einen solch gewaltigen Zustrom an Mitgliedern gegeben wie in diesen Jahren. Und die Partei war bei Wahlen erfolgreich, so erfolgreich wie nie zuvor und nie danach. Auch, weil sie gegen gewaltige Widerstände an ihrer Ost- und Entspannungspolitik festhielt.
          Und überhaupt: Ist nicht der argumentative Streit die Essenz der Demokratie? Hängt nicht die Legitimität von Mehrheitsentscheidungen – auf Parteitagen ebenso wie im Parlament –, hängt nicht ihre bindende Wirkung davon ab, dass ihnen eine offene und faire Diskussion mit sorgfältiger Prüfung des Für und Wider vorangegangen ist? Wer so fragt, bekommt ziemlich regelmäßig zur Antwort: Theoretisch ja. Aber dann folgen sofort lauter Einschränkungen: dass die Mehrheit der Menschen eben noch nicht so weit sei, womöglich nie so weit sein werde, dass man sich gegenüber dem politischen Gegner und der gegnerischen Presse keine Blöße geben dürfe, dass in der Mediengesellschaft keine Partei ohne Personalisierung und fernsehgerechte Inszenierungen auskomme, dass man dieses Feld nicht den anderen überlassen dürfe usw.
          Hier der Theoretiker der Demokratie, der Idealist, dort die nüchternen, realistischen Macher. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, diese Aufteilung der Sphären zu akzeptieren. Aber die Fakten, sagen die Macher, sprechen für die Macher und gegen die Idealisten, und die Fakten müsse auch ich akzeptieren. Ist es so? Was, wenn die Menschheit zu allen Zeiten die Fakten hingenommen hätte, statt contra factum auf Veränderung zu drängen? Hätte es dann je so etwas wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gegeben? Ist es denn etwa nicht richtig, dass aller Fortschritt in der Geschichte der Menschheit immer nur zustande kam, wenn die Akteure des Fortschritts mehr Mündigkeit unterstellten, als sie empirisch je hätten nachweisen können? Und warum sollte, was historisch einmal funktionierte, heute ganz und gar unmöglich sein?
          Eine Bewegung, die sich der Emanzipation verschrieben hat, die für die gleiche Freiheit aller kämpft, kann auf Dauer nicht mit listiger Täuschung und augenzwinkerndem Selbstbetrug reüssieren. Die SPD, die sich ausweislich ihres geltenden Grundsatzprogramms in die »stolze Tradition des demokratischen Sozialismus« stellt, sollte sich nicht der Illusion hingeben, sie könne sich mit ein paar PR-Tricks und einer geschickten Parteitagsregie an die Macht schleichen, um dann politisch durchzusetzen, was an Richtigem und Wichtigem in ihrem – ihren eigenen Mitgliedern wie erwähnt zumeist völlig unbekannten – Grundsatzprogramm steht. Die SPD wird nur dann wieder ihre einst große politische Gestaltungskraft zurückgewinnen, wenn sie offen und ehrlich diskutiert – über die Fehler der Vergangenheit und über die Erfordernisse der Zukunft.
          Fangen wir mit den Fehlern an! Die Basta-Politik, mit der die Agenda 2010 der eigenen Partei aufgezwungen wurde, war sie unvermeidlich, war sie klug? Ich kenne viele Delegierte, die auf dem Sonderparteitag am 1. Juni 2003 der Agenda ohne Diskussion zustimmten, aber, kaum dass sie wieder zu Hause waren, sich von ihren eigenen Beschlüssen zu distanzieren begannen. In den Medien galt die Art, wie der Kanzler und die Seinen sich durchgesetzt hatten, zumeist als ein glänzendes Husarenstück. Nichts lieben unsere Medienvertreter mehr, als wenn ein »Vollblutpolitiker«, ein »Alphatier«, jeden Widerspruch im Keim erstickt und der eigenen Partei seinen Willen aufzwingt. Welch ein Triumph! Nur sind solche Erfolge zumeist Pyrrhussiege, weil den erzwungenen Beschlüssen die bindende Kraft fehlt, weil überrumpelte und gedemütigte Parteimitglieder nicht halb so engagierte Wahlkämpfer sind wie überzeugte.
          Aber offenbar gefiel sich Gerhard Schröder in der Rolle des Zuchtmeisters, der mit der Peitsche knallt und die lahmende Partei zur Freude des Publikums zwang, immer wieder durch den Feuerreifen zu springen, den er ihr hinhielt. Im Jahr 2005 folgte der nächste Akt einsamer Willkür, als der Kanzler, verärgert über anhaltende Kritik aus der eigenen Fraktion am Afghanistan-Abenteuer, vorzeitige Neuwahlen herbeiführte, indem er vorsätzlich an einer fingierten Vertrauensabstimmung scheiterte. Ein genialer Schachzug auch dies – allerdings mit dem kleinen Fehler, dass die SPD die Wahl, die sie am Ende der regulären Amtsperiode sonst vermutlich gewonnen hätte, durch die verfrühte Ansetzung der Wahl verlor. Bis heute gab es auch hierüber in der SPD keine Diskussion. Wer aber alte Fehler nicht diskutiert – das lehrt die Erfahrung – ist verdammt, sie zu wiederholen.
          Mag schon sein, dass unsere moderne Medienwelt Narzissmus und Cäsarenwahn begünstigt. Aber eine lebendige Partei mit selbstbewussten Mitgliedern, in der Solidarität und Kooperation großgeschrieben werden und ein ziviler und respektvoller Umgang miteinander vorherrscht, könnte hier durchaus ein Korrektiv sein. Stattdessen erlebten wir, wie der Starrummel auch in der SPD immer weiter um sich griff. Und wenn in der Führung der Partei gleich zwei solcher aufgeblähten Egos aufeinandertreffen, ist früher oder später der Showdown unausweichlich. Obwohl alle nüchternen Politikbeobachter sich darin einig waren, dass der Wahlsieg vom Herbst 1998 der subtilen Arbeitsteilung zwischen dem Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine und dem Kandidaten Gerhard Schröder zu verdanken war, ging es den beiden »Lichtgestalten« alsbald nur noch darum, dem jeweils anderen den Rang abzulaufen. Oskar Lafontaine versuchte sich als Superminister und Weltökonom zu profilieren, der als Einziger in der nicht eben glücklich gestarteten rot-grünen Regierung den Überblick besaß. Als er in dieser Rolle schärfere Kontrollen des Weltfinanzsystems forderte – eine Forderung, die heute sogar die CDU-Kanzlerin erhebt – und dabei mit den regierenden Casino-Kapitalisten von New Labour in Konflikt geriet, bot sich für Gerhard Schröder die Chance, den Rivalen auszubooten.
          In der englischen Boulevardpresse galt Lafontaine als »gefährlichster Mann Europas«, eine Belastung nun auch für die Schröder-SPD, die im Kielwasser von New Labour von Erfolg zu Erfolg zu segeln versprach. Munitioniert von »gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen« aus der Regierung und aus der SPD machten sich nun auch bei uns die Medien an die Demontage Lafontaines. Bald schon war dieser von dem Intrigenspiel, der Obstruktion im Kabinett und den ständigen Indiskretionen in den Medien so zermürbt, dass er das Handtuch warf. Auch dies ein Sieg seiner Widersacher, der sich für die Partei alsbald als schwere Niederlage erwies.
          Dass Oskar Lafontaine nicht nur als Minister zurücktrat, sondern auch gleich das Amt des Parteivorsitzenden hinschmiss, haben ihm bis heute auch eher Wohlwollende nicht verziehen. Sie sahen und sehen darin ein Zeichen dafür, dass es ihm ausschließlich um die eigene Person ging und ihm die Partei und die Menschen, die ihn einst in das Amt des Vorsitzenden gewählt hatten, ziemlich egal waren. Nun mag dies nicht ganz falsch sein, aber merkwürdig bleibt doch, dass kaum jemand auf den Gedanken kam, dass das Messerattentat vom 25. April 1990 auch etwas mit dem Rückzug Lafontaines zu tun haben könnte. In jedem Fall hätte Lafontaines mangelnde Loyalität gegenüber seiner Partei kein Grund sein dürfen, das Vorgehen der Lafontaine-Gegner nachträglich zu rechtfertigen. Nützlicher wäre es, darüber nachzudenken, wie es dazu kommen kann, dass jemand – und Lafontaine ist ja nicht der Einzige –, der jahrzehntelang Mitglied dieser Partei ist, mit ihr und durch sie in höchste Ämter und Funktionen gelangt, offenbar so gut wie gar kein belastbares Gefühl der Zugehörigkeit entwickelt.
          Derselbe auffällige Mangel an Loyalität wie bei Lafontaine zeigte sich später bei Wolfgang Clement, der nur, weil ihm ihre energiepolitischen Vorstellungen nicht gefielen, von der Wahl der Spitzenkandidatin der eigenen Partei in Hessen abriet und, als die Schiedskommission der Partei ihm dafür eine Rüge erteilte, umgehend austrat und schließlich zur FDP wechselte. Sofern diese Dinge in der SPD überhaupt diskutiert werden, werden sie als Problem der jeweils betroffenen Personen, nicht aber als Problem der Partei diskutiert. Dabei wäre die einzig interessante Frage, was am Innenleben einer Partei nicht stimmt, in der Mitglieder, die alles was sie wurden, durch die Partei geworden sind, ihr Parteibuch ohne zu zögern wegwerfen, wenn ihr Ego einen Dämpfer erhält.
          Wer sich lästigen Fragen nach den Ursachen des eigenen Scheiterns entziehen will, empfiehlt gern, den Blick nach vorn zu richten. Vorn, das ist da, wo die neuen Aufgaben warten, wo die Morgenröte lockt, wo es die Zukunft zu gewinnen gilt. Der Appell, den Blick nach vorn zu richten, hat immer etwas Unwiderstehliches. Er weckt die Hoffnung auf einen von allen Beschwernissen der Vergangenheit unbelasteten Neuanfang. Der Haken daran ist freilich, dass wir niemals bei Null beginnen können, ganz besonders dann nicht, wenn der Neuanfang mit dem alten Personal gelingen soll. Wo die Vergangenheit – zumindest teilweise – einfach abgehakt statt diskutiert und verarbeitet wird, schleppt man sie, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht, als Ballast mit sich in die Zukunft. Eine Partei, die nicht bereit ist, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit zu befassen, die glaubt, mit ein bisschen umgerüsteter Rhetorik schmerzfrei einen Neuanfang bewerkstelligen zu können, kann nur scheitern. Und erst recht gilt das, wenn auf Parteitagen die problematische Vergangenheit auch noch glorifiziert wird. Wer hatte die geniale Idee auf dem Parteitag, auf dem die Wiederwahl des bereits deutlich angeschlagenen Martin Schulz zum Vorsitzenden anstand, ausgerechnet Gerhard Schröder reden zu lassen? Musste das nicht als Signal angesehen werden, dass die von Martin Schulz anlässlich seiner ersten Wahl zum Parteivorsitzenden versprochenen Korrekturen an der Agendapolitik nicht ernst gemeint seien?
          Ich habe einige Jahre in Berlin in einem Haus gewohnt, in dem der Marinemaler Hans Bohrdt sein berühmtestes Werk, eine Darstellung des Untergangs des Kreuzers Nürnberg in der Seeschlacht bei den Falklandinseln am 8. Dezember 1914, gemalt hat. Das Gemälde, im Original verschollen, aber als Reproduktion auf zahlreichen Postkarten erhalten, zeigt einen Matrosen, der auf dem sinkenden Schiff, bis zu den Knien im Wasser stehend, die Reichskriegsflagge in den Himmel reckt. Der Titel des Bildes: Der letzte Mann. Es ist ein sehr deutsches Bild. Außer den Deutschen sind es in Europa wohl nur noch die Serben, die ihre eigenen Niederlagen so grandios in Szene zu setzen wissen. Die Schlacht auf dem Amselfeld, der Untergang der deutschen Flotte bei den Falklandinseln – über beiden Szenen liegt der fahle Glanz der Götterdämmerung. Wenn eine Partei anfängt, ihre Niederlagen zu glorifizieren, statt sie zu analysieren, um es künftig besser zu machen, wenn ihre Hauptakteure sich als die letzten Aufrechten verstehen, die alles richtig gemacht haben, nur leider von den harthörigen Wählern nicht verstanden wurden, dann ist zu befürchten, dass von Wahlkatastrophe zu Wahlkatastrophe alles beim Alten bleibt.


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