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Editorial

Heft 4 | 2010

Thomas Meyer

Ein Klientel-Staat, der nicht aus Ohnmacht, sondern aus Willfährigkeit den Starken zu Diensten ist, das ist es nun, wozu sich die unmäßige Kritik der FDP am angeblich teuren Versager Staat gemausert hat, kaum dass sie das Heft in die Hand bekam. Die Unverblümtheit,mit der sie nun Regierungsmacht in den Dienst privater Interessen stellt, von der Übernahme fast der ganzen FDP-Parteizentrale in den Staatsdienst,über die ökonomisch sinnlosen steuerlichen Großgeschenke an FDP-Spender aus dem Beherbergungsgewerbe bis hin zu den peinlichen Mauscheleien des Außenministers vor den Augen der Welt – ein politisch-kultureller Quantensprung ins Abseits. Ein Lichtblick nur, dass die Qualitätsmedien erwachen und den Tätern auf der Spur bleiben. Und die Kanzlerin? Sie gibt allerorten mit schmollender Geste zu erkennen, dass ihr das Treiben der liberalen Beutemacher gar nicht recht ist, scheint sich aber mit dem Prestigegewinn aus dieser Distanzierungs-Geste zufrieden zu geben. »Fremdschämen«, das Wort des Jahres?

 

Neue Bürgerlichkeit,Thema dieses Hefts – das soziale Pendant der »bürgerlichen Regierung«? Es geht um mehr. Zu beobachten sind tektonische Verschiebungen in der sozial-kulturellen Statik der Republik.Als Gunter Hofmann nach einem neuen Bürgertum rief, beschwor er das Selbstbewusstsein jener zivilgesellschaftlichen Aktivbürger, die dem rot-grünen Zukunftsprojekt in seinen Anfangsjahren Richtung, Leben und Dauer verleihen sollten. Schnell war ihm der Begriff entwunden und zur Sammlungsparole für jenen Teil der neuen Leistungs- und Kommunikationseliten geworden, die ihr Selbstverständnis im neukonservativen Sinnbezirk zwischen Biedermeier, »Ich-AG«, nach unten abgrenzendem Lebensstil und Verachtung für alles Linke, die Themen und die Leute, eint. 

 

Immer schon, das zeigen die Beiträge unseres Heftes, hat der Begriff des Bürgerlichen als Wechselbalg gedient, um die gegenläufigsten politischen Ansprüche zu schmücken oder zu denunzieren. Heute wird er in Dienst genommen für die soziale Fundierung des schwarz-grünen Koalitionsprojekts. In Wahrheit verläuft aber der Graben,der die politischen Lager trennt,geradewegs durch die bürgerlichen Milieus im soziologischen Sinne hindurch. Die eine Hälfte, tatsächlich wohl deutlich weniger, wendet sich mit Aplomp ins Private und aggressiv Anti-Linke, die andere stellt jene zivilgesellschaftlichen Aktivbürger, die Individualismus und Solidarität produktiv verbinden.Auf sie könnte sich eine neue Mitte-Links-Politik stützen, so das Fazit einiger unserer Beiträge, sofern sie deren waches politisches Interesse mit glaubwürdigen Projekten bedienen kann. 


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