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Heft 10 | 2011

Nesma Tellema

»Wir alle sind Khaled Said«

Das Internet entflammte die Revolution in der arabischen Welt

Die Welt staunte nicht schlecht über die Massenproteste, die seit Ende letzten Jahres die despotischen Regime Nordafrikas erschütterten und hinwegfegten. Ohne das Internet hätten die Demonstrationen aber bei Weitem nicht diese Wucht entfalten können.Unsere Autorin hat diese Entwicklung begleitet.

 

Niemand in meinem wunderbaren Land Ägypten, in dem das Internet zu 80 % zur Unterhaltung genutzt wird, hätte sich vorstellen können, dass der Aufruf zur Revolution aus einem der bekannten sozialen Netzwerke kommen würde – nämlich Facebook. Heute, ein dreiviertel Jahr später, stehen die Ägypter dem Internet offener gegenüber. Eine Studie der auf Mobilfunknetzvermarktung spezialisierten ägyptischen Firma TechnoWireless belegt dies: Die Netzinhalte passten sich den Themen der Revolution an und die Zahl der Internetnutzer stieg von 21,2 auf 23,1 Millionen. Es sind also 1,9 Millionen Nutzer innerhalb weniger Monate dazugekommen. Auch die durchschnittliche Nutzungsdauer pro Nutzer stieg von 900 auf 1.800 Minuten im Monat. 

 

Die Töchter und Söhne meines Heimatlandes Ägypten gingen fast geschlossen auf die Straße, demonstrierten ihren Willen und forderten lauthals Reformen, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Sie riefen »Das Volk will den Sturz des Regimes«. Dadurch wurde die ganze Welt auf sie aufmerksam und bewunderte beispielsweise den Mut und die Entschlossenheit einer jungen Frau, die einem Polizisten direkt gegenüber stand und das Victoryzeichen zeigte. 

 

Es war eine Volksrevolution, keine Revolution der Armen. Es begann mit einem Internetaufruf der Netzgruppe »Wir alle sind Khaled Said«, benannt nach einem jungen Mann, der ein Jahr vor dem Ausbruch der Revolution starb,nachdem ägyptische Polizisten, die dem ehemaligen Unterdrückungsregime dienten, ihn brutal gefoltert hatten. 

 

Diese Netzgruppe hatte anfangs ca. 400.000 Mitglieder. Dem Aufruf folgten unerwartet viele Menschen, auch viele meiner Bekannten. Sie bezogen ihre Informationen über diese Webseite und verbreiteten den Aufruf wiederum unter ihren Bekannten. Viele ließen sich durch die enge Verbundenheit mit der Heimat, die Sehnsucht nach Freiheit oder durch die Einsicht in die Notwendigkeit motivieren, sich an den Demonstrationen und Protestaktionen zu beteiligen.Es war ein recht emotionaler Moment in einer hoch aufgeladenen Situation. 

 

Im Verlauf der Revolution stieg die Zahl der Mitglieder von »Wir alle sind Khaled Said« auf ca. 1,5 Millionen.Auch das allgemeine Interesse am Internet stieg währenddessen enorm, die Zahl der Facebook-Nutzer in Ägypten stieg z.B. von 4,2 auf 5,2 Millionen, bei Twitter von 26.800 auf 44.200. Dies war wahrscheinlich ein ausschlaggebender Faktor für die Revolution. All das hat neue Möglichkeiten im Kampf für Demokratie in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und anderen Staaten eröffnet. 

Möglichkeiten und Grenzen

Wird das Internet weiterhin einen Einfluss auf die politische Lage in der arabischen Welt ausüben? Die Cyberwelt hat offenbar tatsächlich etwas bewegt,doch bekommen wir eigentlich jemals ein Gesamtbild der Lage? Über das Internet verbreiten sich Nachrichten innerhalb von Sekunden, genau so schnell reagieren die Leser mit Kommentaren.Wo jeder die Möglichkeit hat, sich zu äußern, dort können sich auch Meinungen bilden.Dies blieb dem Höchsten Militärrat und der neuen Regierung in Ägypten nicht verborgen.Beide reagierten jeweils mit einer eigenen Facebook-Seite. Ihr Ziel ist es, mit der jungen Generation ins Gespräch zu kommen. 

 

Die Harvard University veröffentlichte 2009 eine Studie, in der sie die Frage stellte: »Ist die Demokratisierung mit Hilfe des Internets in Ägypten möglich«? Darin wurden 35.000 politische Blogs, die die innenpolitischen Themen, insbesondere auf Facebook diskutieren, erforscht.Diese und andere Studien belegen, dass der Kampf für Demokratie über das Internet bzw. die sozialen Netzwerke möglich und effektiv geworden ist. Das alte Regime versuchte dies zu verhindern, indem es die Blogger und die Internetaktivisten, die die Willkür der Polizei und die Unterdrückung des Staates aufdeckten, verfolgte. 

 

Als ägyptische Internetnutzerin und Journalistin kann ich nur bestätigen, dass das Internet einen enormen Beitrag zur Veränderung in den arabischen Gesellschaften leistet. Es hat einen großen Einfluss auf den arabischen Frühling und bietet einen Raum zur Organisation von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten wie z.B. Demonstrationen. Ich schätze, dass durch das Internet noch mehr Druck auf die Staaten, in denen noch keine Revolutionen ausgebrochen sind, ausgeübt wird.Auch die neuen Regierungen in den Ländern, in denen die Revolution gesiegt hat, werden den Druck des Volkes weiter spüren. 

 

Wir müssen die realen Möglichkeiten und Grenzen erkennen, die uns das Netz im Hinblick z.B. auf die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Beeinflussung der Medien, die Schaffung von Transparenz und die Bekämpfung von Korruption bietet. Die zivilgesellschaftlichen Organisationen in Ägypten und Syrien z.B. verbreiten ihre Nachrichten und Botschaften über das Internet und bilden Foren, in denen die Nutzer in einen Dialog mit ihnen und miteinander treten. Es werden Fragen gestellt, Kommentare abgegeben und manchmal entstehen sogar neue Initiativen, die den Standpunkt der politisierten Massen auf der Straße vertreten und reflektieren. In Syrien wurden allein 400 Menschen auf den Straßen getötet, während sie die Massaker des Regimes von Bashar Al-Assad aufzeichneten, um die Videoaufnahmen auf YouTube hochzuladen. Diese werden in der Regel von den Nachrichtenagenturen gerne entgegengenommen und weiter verbreitet. So erfährt die Welt erst von den schrecklichen Ereignissen vor Ort. 

 

Deshalb legen Ägypter auch großen Wert darauf, eine digitale Kamera mitzuführen, wenn sie ihre Meinungen auf den Straßen kundtun. Fotos und Videoaufnahmen sind gern eingesetzte Kampfmittel zur Dokumentation und Veröffentlichung von willkürlichen Handlungen der Polizei. Zeitungen und Zeitschriften sind nicht mehr die Hauptinformationsquelle. Man betrachtet das Internet nicht mehr als ein reines Unterhaltungsmedium, sondern als eines, das über das Schicksal der Gesellschaft und des Landes mitentscheiden wird. 

 

Eine ägyptische Studie stellt eine Veränderung in Art und Weise der Internetnutzung nach dem 25. Januar fest.Vor diesem Datum interessierten sich die Internetnutzer überwiegend für Unterhaltungsthemen, doch während der Revolution lernten sie das Internet als alternatives Mittel der Informationsverbreitung kennen. Allmählich wurden Umgehungsserver installiert und die Blockierung und Zensierung der sozialen Netzwerke umgangen. Glaubwürdige Nachrichtenquellen wurden ausfindig gemacht, und das Augenmerk lag auf hochaktuellen Berichten. Eine Freundin erzählte mir z.B., wie sie zu den Demonstrationen des 25. Januar gekommen ist. Sie stand in der Kairoer Universität und war dort an diesem Tag allein. Deshalb ging sie zum nächstgelegenen Internetcafe, besuchte die Webseite »Wir alle sind Khaled Said« und erkundigte sich nach der nächstgelegenen Demonstration. Eine Teilnehmerin meldete sich, machte mit ihr einen Treffpunkt aus und sie gingen gemeinsam hin. Viele meiner Freunde wurden von den Ereignissen erst durch das Internet mitgerissen, schrieben hier Kommentare zur politischen Lage in Ägypten und lösten dadurch wiederum neue Diskussionen aus. 

 

Letztendlich bleibt das Internet zwar eine virtuelle Welt, die aber eine wichtige Rolle in unserem realen Alltag spielt.Vielleicht können wir seine Bedeutung und seinen Wert noch nicht richtig ermessen. Sicher ist jedoch, dass künftige Historiker es würdigen werden. »Lieber eine Kerze anzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.« Diese alte Weisheit ist jedenfalls heute in den Köpfen der arabischen Internetnutzer präsent wie nie zuvor. 

 

(Aus dem Arabischen von Youssef Hijazi.)


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