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Internet und Demokratie
Heft 10 | 2011

Krystian Woznicki

Der Code des Gemeinsamen

Julian Assange und das Zusammenleben in der Global City

Wir müssen uns die heutige Großstadt, die laut Saskia Sassen eine Global City ist, als einen Knotenpunkt denken: Hier kommen fast alle relevanten sozialen Klassen zusammen; hier bündeln sich diverse kritische Infrastrukturen der modernen Welt. Hier schlummert auch das politische Potenzial, das kleinere und größere Veränderungen in Gang setzt.Was bedeutet dies für das moderne Zusammenleben?

 

Für das politische Potenzial in der Global City sind die Aufstände in Tunis und Kairo ein gutes Beispiel. Sie zeigen aber auch, dass es eines Auslösers bedarf, eines Katalysators, damit sich dieses Potenzial entfalten kann. In den westlichen Medien ist diese Rolle Netzwerken zugesprochen worden, so unterschiedlichen wie WikiLeaks, Facebook und Twitter. 

 

Ich bin kein Befürworter dieser Theorie, die, wie ich meine, einem narzisstischen Hype aufsitzt. Dennoch glaube ich:Wir müssen die Rolle von WikiLeaks als Katalysator ernst nehmen. Es geht mir dabei nicht um vormals geheime Regierungsinformationen, die WikiLeaks veröffentlicht hat und die mit Blick auf die Aufstände immer wieder als Ursache herbeizitiert werden.Es geht mir vielmehr darum, die WikiLeaks-Veröffentlichungen als ein Ereignis zu begreifen, das Menschen in neuer Weise miteinander zusammenbringt. Menschen, die sonst nebeneinander ihren Interessen nachgehen, fangen jetzt an, ihre Kräfte zu bündeln. Um es mit den Worten des Cyberphilosophen Franco Berardi zu sagen: »Die Lektion von WikiLeaks ist die Aktivierung von Solidarität, Komplizenschaft und Kollaboration unter diversen Akteuren der flexibilisierten Arbeitswelt: Hardware-Techniker, Programmierer, Journalisten, etc. arbeiten Hand in Hand mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen, die totalitäre Macht zu destabilisieren.« 

 

In diesem Kontext ist die Großstadt deutlich als ein Ort des politischen Umbruchs erkennbar – offen für verschiedene Menschengruppen, sich daran zu beteiligen. Kaum ein anderer personifiziert diese grenzüberschreitende Offenheit so gut wie WikiLeaks-Gründers Julian Assange: Er ist Journalist und Hacker,Unternehmer und Aktivist, versteht sich als Wissenschaftler und Diplomat. 

 

Sicherlich, es geht hier nicht um einen Assange, der unter Hausarrest steht, einer ungewissen Zukunft entgegenblickend. Sondern um einen Assange, wie ihn die Medien als aktive Figur gezeichnet haben. Im Hinblick auf dieses Image könnte man einwenden:Warum reaktiviert ausgerechnet ein aus dem Rucksack Lebender ohne festen Wohnsitz mit seiner Arbeit den Ort der vermeintlich Sesshaften als politische Bühne? Doch die Großstadt ist im zunehmenden Maße ein Durchgangsort und eine Schnittstelle von diversen Bewegungen. Kurz: Sie wird von einer wachsenden Menge von hochgradig mobilen Menschen »bevölkert «, oder sagen wir: frequentiert. 

 

Der Dauer-Nomade Assange steht an der Speerspitze dieser Entwicklung.Und er zählt als Symbolfigur des politisch mündigen Bürgers in einer weiteren, möglicherweise noch etwas entscheidenderen Hinsicht zur Avantgarde: Assange hat ein ausgeprägtes technologisches Bewusstsein, das in der Metropole von heute unabkömmlich ist.Überspitzt formuliert:Wer kein technologisches Bewusstsein hat, kann die zeitgenössische Stadt nicht begreifen. 

Welches Betriebssystem hat die Stadt?

Wer in den 90er Jahren etwas über die zeitgenössische Stadt erfahren wollte, buchte einen Forschungsaufenthalt in Celebration – einer Stadt in Florida, die von Disney erbaut wurde.Heute greifen globale Konzerne aus der IT-Industrie nach der Weltherrschaft. Microsoft, Google und Co. unterstreichen ihren Machtanspruch nicht Disney- like mit einer Modell-Siedlung. Ihr Regime bildet sich nicht plakativ auf Fassaden oder in der Struktur eines von ihnen erschaffenen Stadtrasters ab.Vielmehr wird es unter den Oberflächen von Städten wirksam.Wer heute etwas über die zeitgenössische Stadt erfahren möchte, braucht nur ein paar Werkzeuge, beispielsweise Handy und Netbook.Und eine bestimmte Haltung: den Mut zum Experiment und die Lust am Selbermachen. 

 

All das hat übrigens der Cyberpunk vorgedacht – ein von angloamerikanischen Schriftstellern zu Beginn der 80er Jahre ins Leben gerufene Science-Fiction-Genre. Die von Global Playern aus dem IT-Bereich beherrschte Stadt erscheint im Cyberpunk comichaft überzeichnet: Der urbane Raum ist dunkel und wird von Dauerregen geplagt. Derart dystopisches Vokabular vermischt sich mit dem Zeichensatz der Atopie:Während auf den Straßen die nasse Nacht des Ghettos herrscht, lässt sich der Rest der gebauten Umwelt nicht greifen, nicht beschreiben, nicht einordnen, weil sich alles in Netzwerke verflüchtigt und letzten Endes ortlos wird. 

 

Es ist ein einsamer Kampf – meistens ist es »einer gegen das System«. Ein Jungs- Traum.Doch wir wollen nicht ins Träumen kommen. Die comichafte, teils pubertär anmutende Überzeichnung im Cyberpunk sollte uns vielmehr helfen, die Verhältnisse im digitalen Kapitalismus klarer zu sehen. Oder wenigstens zu hinterfragen – im Hinblick auf die Verteilung von Macht, Strukturierung von Klassen, etc. 

Was heißt hier eigentlich technologisches Bewusstsein?

Mensch und Umwelt werden von zusehends unmerklichen und unsichtbaren, ja: paradigmatisch atopischen Mächten konditioniert. Die Konditionierung steht im Zeichen von Algorithmen, also jenen komplexen Programmen, die seit geraumer Zeit anscheinend jedes Datennetzwerk strukturieren.Die Kontrolle über die Luft um mich herum und die kabellose Kommunikation, die sie ermöglicht, liegt jedenfalls nicht in meinen Händen. 

 

Dieser Kontrollverlust wird in den kursierenden Internet-Abschaltfantasien manifest: Das atopische Regime braucht nur einen Knopf zu drücken, um »uns« das Internet und »unsere« Kommunikation zu nehmen; die Deaktivierung der Kommunikation und ihrer Infrastruktur ist »just a clickaway«. Bei genauerer Betrachtung offenbart jedoch das Fantasma des »Internet-Abschaltknopfs« etwas anderes: Offenbar ist das atopische Regime an seine Grenzen gestoßen.Weniger an die Grenzen seiner Macht über die atopische Sphäre, als vielmehr an die Grenzen seiner Macht über die Straßen der Stadt. 

 

Als Kontrollinstrument ist das Internet auf den Straßen im Zweifelsfall nicht zu gebrauchen. Umgekehrt gilt: Auf der Straße bündeln Menschen ihre Kräfte, die ein unrechtmäßiges politisches Regime transformieren können. Die Bilder von den Straßen in Kairo sind in einem Raum zwischen Illusion und Desillusion suspendiert. Zwei komplementäre Zeichen der Zeit: ein hoffnungsvoll dreinblickender Aufständischer mit einem Schild in der Hand, das EGYPT mit den Logos führender Global Player aus dem IT-Bereich ausbuchstabiert: (E)xplorer (Microsoft), (G)oogle, (Y)ahoo, (P)latzhalter- Herz und (T)witter. Komplementär dazu: ein verwahrloster, in sich zusammengesunkener Aufständischer vor einer Wand, auf der in krakeliger Sprayer-Schrift Facebook geschrieben steht. 

 

Mich stimmt der Blick auf einen anscheinend gelungenen politischen Aufstand in Kairo äußerst nachdenklich,wenn ich registriere, wie zugleich die Ausbreitung von IT-Konzernen als Demokratie- Versprechen kommuniziert wird. Dieses Nachdenken kann und darf nicht folgenlos sein für das Verhältnis von »ich« und »Stadt« (»Welt«).Wie kann »ich« in meiner eigenen Stadt, in meiner unmittelbaren Umwelt mündig werden? Wie kann »ich« dazu beitragen, dass die Verhältnisse demokratischer werden? Sobald einen diese Fragen zu plagen beginnen, wird man früher oder später von Folgefragen belästigt, die sich nicht leichter aus dem Weg räumen lassen: Muss man selbst coden können? Oder reicht es nur die Maschine und ihren Code zu verstehen? 

 

Anders gefragt:Was ist die Grundlage für einen mündigen Bürger? Ist es die Möglichkeit in die Quellcodes der atopischen Sphäre selbst eingreifen zu können? Oder reicht schon das Bewusstsein darüber, wie die Programme gemacht sind und welche politischen, kulturellen, ökonomischen und sozialen Mechanismen sie torpedieren? 

Ist der Hacker das neue Rollenmodell?

Wir kommen bei dieser Grundsatzdebatte nicht umhin darauf zu verweisen, dass radikale Selbstermächtigung im Computer- Kosmos ein weitgehend schlechtes Image hat. Kriminalisierung ist an der Tagesordnung. Der Hacker, an sich kein Bandit, sondern in erster Linie ein Bastler und Weber, gilt als Schreckensfigur und Terrorist. 

 

Für den Politikwissenschaftler Christoph Bieber führt der Fall des Julian Assange zu einer Rehabilitation des Hackers. Mit der Nominierung des WikiLeaks-Gründers für den Friedensnobelpreis hat diese These Rückenwind bekommen.Allein die Tatsache, dass der in den USA als »High- Tech-Terrorist« (Sarah Palin) verschriene Assange nominiert worden ist, sollte zu einem grundlegenden Imagewandel des politischen Programmierers führen. 

 

Was also bedeutet es im Hinblick auf das Prinzip der Demokratie, dass die Welt, wie Vilem Flusser einst postulierte, in Programmierer und Programmierte zerfällt? Sind die Programmierten die Sklaven des Informationszeitalters? Können sie nur aus der Umklammerung des atopischen Regimes ausbrechen, indem sie sich auf die Seite der Programmierer schlagen, wie Medienwissenschaftler Norbert Bolz behauptet? 

 

Oder reicht es,die Arbeit des Programmierers lediglich zu verstehen? Also die Funktionsweise von Programmen und ihre Wirkung zu begreifen? Mit Blick auf den derzeit wohl berühmtesten Algorithmus der Firma Google sagt Bunz: »Ich finde, es muss schon in der Schule vermittelt werden, wie das Sortieren von Information geschieht. Dafür muss man Google nicht zwingen, seinen Suchalgorithmus zu veröffentlichen; es geht nicht um die Programmierebene. Aber ich sollte als aufgeklärter Bürger verstehen, wie ein Suchergebnis zustande kommt.« 

 

Abgesehen von der Frage, ob das tatsächlich reicht, stellt sich die folgende Frage: Lässt sich dieser Typus Durchblick (Wissen über Wissen) auch auf die Stadt übertragen? – eine Stadt, deren weitgehend unsichtbare Netzwerke zwar ebenfalls von Algorithmen organisiert werden. Algorithmen allerdings, die nicht nur Wissen organisieren, sondern den Fluss und Zusammenhang von Menschen,Müll,Maschinen und jedwedem Verkehr. Kommen wir da mit Wissen allein weiter? Oder sollten wir in der Lage sein, in die Strukturen einzugreifen? Mehr noch: gemeinsam mit anderen BürgerInnen eigenhändig solche Strukturen aufzubauen? 

 

Die historische Chance der Welt nach »Cablegate« (also der Veröffentlichung von Depeschen US-amerikanischer Botschaften durch WikiLeaks Ende 2010) liegt darin, Menschen mit den unterschiedlichsten technischen Kompetenzen miteinander zusammenzubringen. Die Zeit ist reif für einen grundlegenden Erfahrungsaustausch über die Grenzen der technischen Kompetenz hinweg. Was in der Luft liegt, ist nichts weniger als die Auflösung einer digitalen Ordnung, die Andrian Kreye ganz treffend als »Hierarchie der Eingeweihten mit ihren vielfältigen Stufen der Abstraktion und des Herrschaftswissens« beschreibt. 


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