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Editorial

Heft 6 | 2013

Thomas Meyer

 Jeder einzelne Tag, an dem die verschleppte Europakrise sich in die Fundamente der Union einfressen kann, zerstört ein Stück ihrer Lebensgrundlagen. Alle wichtigen Probleme bleiben ungelöst, ebenso wie die Frage nach dem Kurs, auf dem das halbherzige Staatsgebilde nach dem Willen seiner uneinigen Lenker am Ende wieder Fahrt aufnehmen könnte. Die Resignation der Menschen in Europa wächst, und die Solidarität der Regierungen weicht handfestem Misstrauen, wenn nicht Schlimmerem. Schon fragen wir uns, woher das Vertrauen noch kommen mag, ohne das die Union weder erhalten werde noch wachsen kann. Der Irrtum,
der diese bewusste Verschleppung bedingt, liegt auf der Hand:Auf diese Weise sind weder
Zeit noch neue Energien zu gewinnen. Im Gegenteil, die vertane Zeit spielt kräftig gegen den Erfolg der baldigen Wiederaufnahme des Weiterbaus an einem krisenfesten, demokratischeren Europa. Kein Zweifel, das Thema und der Streit um die überzeugende Antwort gehören ins Zentrum des deutschen Wahlkampfs, denn auch unser Schicksal steht hier auf dem Spiel.
Das Tiefergreifen der gesellschaftlichen Spaltungen ist ein europäisches und ein deutsches Thema. Zwar oft schon medial intoniert, immer mal wieder, aber kaum in seinem Gesamtzusammenhang gesehen und in seinen absehbaren sozialen und vor allem polischen Folgen konsequent durchdacht und verfolgt.
Die Beiträge dieser Ausgabe sind dem Versuch gewidmet, die vielfältigen Dimensionen der neuen und alten gesellschaftlichen Spaltungen, von den immensen Ungleichheiten der Einkommens- und Vermögensverhältnisse, den Geschlechterbeziehungen und dem Stadt-Land-Problem bis hin zur persönlichen Ausgrenzung der Prekären in ihren jeweiligen Arbeits- und Lebenswelten im Zusammenhang zu sehen und zu verstehen. Eine Gesellschaft, die sich blind stellt für die allmähliche Korrosion der sozialen Bänder zwischen ihren wichtigsten Gruppen und Milieus, zwischen unten und oben,drinnen und draußen, darf sich nicht wundern, wenn schon bald, vielleicht sogar ganz überraschend und radikal, wie in einigen der anderen großen politischen Umbrüche der jüngsten Zeit, die mürben Fäden plötzlich reißen. Hans-Ulrich Wehler hat Recht, einer der Gründe für diese fahrlässige Ignoranz ist die Ungleichzeitigkeit
von der realen Entwicklung der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse und dem fortwirkenden Gebrauch einer öffentlichen Sprache der irreführend beschönigenden Beschreibung für sie. Von Konfuzius wäre zu lernen,dass wir zuerst unsere Begriffe richten müssen, wenn wir die gute Ordnung in unseren öffentlichen Dingen zurückgewinnen wollen.

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