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DAS THEMA

Heft 10 | 2015

Stefan Fulst-Blei

Die digitale Revolution frisst unsere Kinder

Die fortschreitende digitale Revolution wird unser Leben nachhaltig verändern. Ein Besuch im Silicon Valley im Mai 2015 im Rahmen einer Delegationsreise des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg zu den Themen Digitalisierung und Elektromobilität hat mir dies nochmals sehr verdeutlicht: Schlagwörter wie „Industrie 4.0“ oder breiter „Internet of Things“ sind in aller Munde. „Brave new digital world“ könnte man als erstes Fazit nach einer Woche eindrucksvoller Hintergrundgespräche und imponierenden Vorträgen ziehen, um dann wieder zum Tagesgeschäft überzugehen. Aber die dortigen Gespräche und Eindrücke lohnen einer schriftlichen Nachlese. Denn die gewährten Einblicke in die Gegenwart von Morgen erscheinen zu gravierend, um einfach zur politischen Tagesordnung zurückzukehren. Und so entstand ein Reisebericht, der als (unvollständiger) Beitrag in einer Debatte über die möglichen Vor- oder Nachteile einer Digitalen Zukunft verstanden werden kann.

Im Silicon Valley sucht man längst nicht mehr nach kleinen Verbesserungen. Dort versucht man täglich auf das Neue, die bisherigen Grenzen durch neue Denkansätze zu verschieben. Am Berkeley Lab wurde gerade der wohl leistungsfähigste Supercomputer der Welt in Betrieb genommen. Das Motiv der Handelnden im Silicon Valley ist eindeutig. Hinter dem Sacramento River herrscht wieder Goldgräberstimmung, lockt das große Geld. Als Anreize genügen Blicke auf die aktuellen Börsenkurse der Unternehmen, vorgemacht von den Zuckerbergs und Jobs dieses Tals. Risikokapital ist allseits vorhanden. In diesem Teil Amerikas setzt man auf den Horizont-Effekt: Nur wer an das Land hinter dem Horizont glaubt, wird auch losfahren. Der Venture Capitalist Andreas von Bechtolsheim führt bei seinem Vortrag Christoph Kolumbus und seine ertragreiche Entdeckungsreise nach Amerika als Beleg an. Nur wer wagt gewinnt – no risk no money. Eine durchaus bemerkenswerte Gründerkultur. Als aufgeklärter Europäer ist man angesichts solcher Vergleiche geneigt, die Frage nach den Gewinnern und den Verlierern solcher Eroberungsfahrten zu stellen – verkneift sich diese aber.
Denn die Einlassungen mit den neuen Verheißungen einer „smarten“ Industrie oder dem „Internet der Dinge“ besitzen durchaus Charme, aber eben auch eine erkennbare in sich innewohnende Ambivalenz: Den durchaus faszinierenden Potentialen von miteinander kommunizierenden Industrieprozessen steht die oftmals vernachlässigte Fragestellung nach den Risiken oder schlicht Gefahren gegenüber. In Anbetracht der Zukunftsprognose führender Industrieunternehmen erscheint die politische Debatte über die Steuerung solcher Prozesse dringend geboten. Tanja Rückert, Vorstand SAP Palo Alto, bringt die Tragweite der aktuellen Entwicklungen auf den Punkt: „Die Elektrizität hat alle Lebensbereiche verändert, das Internet of Things kann Ähnliches bewirken.“ Andere Äußerungen beziehen sich auf den Ausbildungssektor und prognostizieren, dass die digitale Revolution bis an die Hälfte aller gegenwärtigen Ausbildungsberufe in den nächsten zwanzig Jahren obsolet machen werde. Der 3-D-Drucker dazu stellt ganze Branchen auf den Rüttler.

Erste politische Handlungsansätze in einer digitalisierten Welt arbeitet Jaron Lanier in seinem Vortrag heraus. Seine Warnung: „Die digitale Welt beruht in großen Teilen auf einer Fake-Efficiency“. Diese Scheineffizienz ergibt sich aus dem Nutzen von Leistungen, die nicht bezahlt werden. Als Beispiel führt er Dolmetscherprogramme an, die auf der Analyse bzw. Datenerhebung von gedolmetschten Texten beruhen, ohne dass die geleistete Urleistung des Übersetzenden in irgendeiner Form entlohnt wird. Für Lanier liegt der Schlüssel bei den Datenrechten. Daten müssen per se als Wert begriffen und ihre Nutzung wider den Datenschutz als Diebstahl geahndet werden.

Ob Musik, Bücher, Dolmetscherleistungen u.v.a.m. immer mehr scheint der Vermarktende die Oberhand über den Schaffenden zu bekommen. Eine Schnorrer-Mentalität als Erfolgsgeheimnis? Europaminister Peter Friedrich (SPD) stellt diesbezüglich die Gretchenfrage für die Politik des kleinen Mannes und des Mittelstandes: Wie können Schaffende (Arbeitnehmer/innen wie Real-Schaffende) in Zukunft ihre emanzipatorischen Rechte behalten?

Im Silicon Valley erscheinen solche kritischen Anmerkungen bestenfalls als Randnotiz. Das Tempo ist zu hoch und die Gefahr zu groß von anderen überholt zu werden. Denn um es mit den Worten von Venture Capitalist Andreas von Bechtolsheim zu sagen: „Die Zukunft wird kommen, egal ob man mitmacht oder nicht.“ Als Bildungs- und Sozialpolitiker möchte man ergänzen: Egal ob man mitmachen kann oder nicht.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) setzt in seiner Grundsatzrede in Berkeley auf die Digitale Revolution gleichfalls als Hoffnungsträger zur Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch. Der postulierte Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie besteht danach für das 21. Jahrhundert so nicht mehr. Die Digitalisierung kann ihm zufolge an drei wesentlichen Stellen Hilfe leisten: Simulation optimiert die Entwicklung, Produktion und ökologische Prozesse. Kommunikation zwischen Speichern und Verbrauchern mittels intelligenter Netze ermöglicht die Energiewende über das Einbinden unstetiger Energiequellen wie Wind und Solar. Die Mobilitätskultur erfährt durch E-Mobilität und der Vernetzung verschiedener Konzepte den nachhaltigen Schwung.

Diese grüne Betrachtung der schönen, neuen, digitalen Welt enthält durchaus eine visionäre Kraft und greift doch zu kurz. Denn auch sie vernachlässigt die soziale Frage. Staatssekretär Peter Hofelich (SPD) führt in einem anderen Zusammenhang aus: „Wir erleben hier eine exzessive Spreizung der Einkommen. Dies mag am oberen Ende inspirierend sein. Am unteren Ende ist es oft nur deprimierend. In den Straßen von San Francisco sieht man heute nicht mehr Karl Malden, sondern zu viele Bettler. Die Digitalisierung überspielt nicht die soziale Frage, sondern provoziert sie neu.“

Neben Persönlichkeitsrechten, Datenschutz und Urheberrechten gerät auch die Bildungspolitik in den Sog der „brave new digital world“. Die rasant dynamische Technologisierung habe Auswirkungen auf sämtliche schulische, berufliche und Außerberufliche Lehr- und Lernformen. Im Vorteil sei zukünftig wer programmieren und Quellcodes lesen kann. Programmieren scheint zur Lingua Franca des Arbeitsmarktes der Zukunft zu werden. Die Herausforderung für die Bildungspolitik ist auch hier offensichtlich: Diejenigen konsequenter als bisher zu fördern, die eine Leidenschaft für Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik haben, und darüber hinaus die Leidenschaft der Generation App aus der Konsumfalle herauszuführen und zu mündigen Usern zu erziehen.

Ungeachtet dessen offenbart das Silicon Valley, dass der versierte Umgang und das sich Zurechtfinden in der digitalen Welt bereits als neue Kulturtechnik auf Meta-Ebene vorausgesetzt wird. Meta deshalb, da ohne Grundkenntnisse der alten Techniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen eine Teilhabe nicht möglich ist.
Diese Einsicht muss von älteren Semestern, die ihre Abschlussarbeit auf der Schreibmaschine verfasst haben und das Smartphone lediglich zum Telefonieren nutzen noch (an)erkannt werden. Gebietet es doch die politische Verantwortung und Vernunft eine Kulturtechnik möglichst allen Teilen der Gesellschaft zu vermitteln. Für die Schule bedeutet dies folglich, dass digitale Erziehung oder Medienbildung nicht separat in einem Fach behandelt, sondern aktiv in jedem Unterricht Eingang finden sollte. Wie ein Unterricht ohne Schreiben nicht vorstellbar ist, wird auch zunehmend ein Unterricht ohne digitale Unterstützung kaum mehr denkbar sein. Vor diesem Hintergrund ist das baden-württembergische Kultusministerium auf dem richtigen Weg. Medienbildung wird zur Leitperspektive für alle Fächer und allgemeinbildende Schularten. Das Fach Informatik wird am Gymnasium aufgewertet. 2017 wird es erstmals eine schriftliche Abiturprüfung geben. Diese Bemühungen sind das politische Bekenntnis auf einen wachsenden Handlungsdruck. Weitere Schritte werden folgen (müssen).

Wir stehen bei weitem nicht bei Null, aber die Bildungspolitik sollte die Diskussion forcieren, bspw. unter dem prägnanten Arbeitstitel „Bildung 4.0“. Ansonsten laufen wir möglicherweise auf eine Entwicklung zu, an dessen Ende die digitale Revolution ihre Kinder frisst. Unsere Kinder. Die Kinder des digitalen Konsums, die die digitale Nutzung aktiv als User praktizieren und zugleich in Gefahr geraten, von der Entwicklung überrollt zu werden. Manch einer könnte sich auch fragen, ob am Ende eines solchen Szenarios nicht gar die Errungenschaften der Aufklärung an der Spielkonsole abgebeben werden.
Deshalb stellt sich gerade im Bildungsbereich die drängende Frage nach dem „Wie viel, wann, wozu?“ über die Thesen des Ulmer Wissenschaftlers Manfred Spitzer zu den Gefahren einer „Digitalen Demenz“ lässt sich viel streiten. In jedem Fall sollten sie nicht pauschal zur Seite gelegt werden. Und in der Wirtschaft gibt es bereits eine mahnende Gegenbewegung, gibt es Bücher und Seminare zur „digitalen Entgiftung“. Beschäftigte sollen wieder lernen, frei von Smartphone und Stress zurück zu Produktivität und Kreativität zu finden. Brauchen wir eine solche Debatte nicht bereits auch für unsere Kinder?

Neben dem theoretischen Wissen und der Anwendung sowie das Vermeiden von Fallen der Konsumwirtschaft ist die Teilhabe gleichfalls erschwert, wenn keine oder nur eine schlechte technische Ausstattung verfügbar ist. Tablets für alle? Die deutsche Schule im Silicon Valley arbeitet konsequent mit Tablets. Das entsprechende private Geld scheint auch vorhanden zu sein, alle Schüler damit auszustatten. In der Tat setzt auch Apple voll auf diesen Markt: Apps zur Darstellung von Zusammenhängen und Prozessen quer über alle Professionen sollen das Lernen erleichtern. Das Angebot ist beeindruckend. Die potentiellen Kosten für den Schulträger wohl aber auch. Als Praktiker stellt sich auch die Frage, welche Lehrkraft sich in Zukunft in der Masse des Angebots noch zurechtfinden soll. Unvorstellbar auch, die große Anzahl der Angebote auf ihre pädagogische Sinnhaftigkeit durchzuprüfen. Für die Kultusadministration wird dies bedeuten, dass ergänzend zum klassischen Zulassungsverfahren von Schulbüchern Auswahl- und Zulassungsverfahren von Apps und anderen computerbasierten Instrumentarien an Bedeutung gewinnen.

Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass die virtuellen Instrumente nicht die Lehrkraft ersetzen können. Auf meine Nachfrage erklärte Jason Ediger von Apple, dass natürlich weiterhin das Design des Unterrichts durch die Lehrkraft von entscheidender Bedeutung sei. Zentral bei der Anwendung von Apps etc. sei die Guiding Experience, die vor allem auch neben der Schüler-Lehrer-Interaktion den Austausch zwischen den Schülern im Fokus haben muss. Also mal wieder: „It’s the teacher, stupid!“

Unsere generelle Aufgabe als Politik: Wir müssen Leitplanken für die digitale Zukunft definieren. Wir müssen die Handlungsfähigkeit unserer Schulabgänger sicherstellen. Wir müssen die Lehrerbildung laufend an den neuen Anforderungen ausrichten, ohne den tatsächlichen pädagogischen Mehrwert aus dem Auge zu verlieren. Wir müssen die soziale Nachhaltigkeit in die digitale Zukunft implementieren. Letzteres eine Überlebensfrage unserer demokratischen Gesellschaftsordnung. Das Silicon Valley träumt den Traum des schnellen Geldes für eine paar Spitzenkräfte. Die Sozialdemokratie träumt den Traum, die Errungenschaften der digitalen Gesellschaft einer breiten Bevölkerung nutzbar und dienlich zu machen. Dies schließt die Förderung von Exzellenz und die kritische Reflexion mit ein.

Mein zweites Fazit lautet daher: „Brave new digital world“ ja, aber bitte nicht nach dem kalifornischen Prinzip: Finde dein Glück und ansonsten Pech gehabt. Sondern im Einklang mit einer demokratischen Grund- und Werteordnung und klaren gesetzlichen Regelungen.

 

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Zum Autor:
Stefan Fulst-Blei
ist MdL in Baden-Württemberg, Parlamentarischer Geschäftsführer und Bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion.
stefan.fulst-blei@spd.landtag-bw.de
 

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