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DAS THEMA

Blick nach rechts
Heft 5 | 2018

Judith Rahner 

Weiblich, bewegt und »knallrechts«

dpa/Carsten Rehder

Die aktuelle Ausweitung und Ausdifferenzierung rechter Bewegungen geht mit einer Ausdifferenzierung bei den weiblichen Akteurinnen und deren (geschlechter-)politischen Positionen einher. Was sie eint, ist, dass innerhalb rechter Lebenswelten die Kategorie Geschlecht eine signifikante Rolle spielt. Hier gilt eine Orientierung an traditionellen Geschlechterrollen, Eigenschaften und Fähigkeiten. Soziale Positionen werden qua Geschlecht zugeordnet. Rechte Bewegungen verfolgen also ein differenztheoretisches bzw. biologistisches Modell. Von Gesellschaft, Medien und Sicherheitsbehörden wird oftmals »übersehen« oder ignoriert, dass Frauen ebenso menschenverachtende und demokratiefeindliche Positionen vertreten und an politisch rechts motivierten Gewalttaten aktiv beteiligt sein können wie Männer. Auch wenn ihnen innerhalb rechter Bewegungen und Gruppierungen u. U. eine speziell weiblich konnotierte Rolle zukommt. Eine Position, in der Geschlecht bewusst oder unbewusst zur Durchsetzung ideologischer Ziele eingesetzt und instrumentalisiert wird. Wie Wissenschaftlerinnen des »Forschungsnetzwerkes Frauen und Rechtsextremismus« herausgefunden haben, unterwandern rechte Frauen zudem gezielt die demokratische Alltagskultur und geben rechtsextremer Ideologie und Lebenswelt einen harmlosen Anstrich. Die Strategie der Rechten: Frauen sollen in den Mainstream gehen, als Kommunalpolitikerin oder Kindergärtnerin, bürgerlich, vertrauensvoll, spießig, »volksnah«. Sie treten in der Öffentlichkeit teilweise elegant, kultiviert, freundlich und zurückhaltend auf. Sie melden Demos für rechte Akteure und Gruppierungen an, betreuen familienfreundliche Stände auf Stadtfesten und engagieren sich in Kitas und in der Kommunalpolitik für deutsche Kinder und Mütter.
          Die Identifikationsangebote für Frauen in rechten Bewegungen sowie die Motivationen sich reaktionären oder rechten Bewegung anzuschließen sind vielfältig: Aufwertung der Mutterrolle, gesteigerter Nationalismus und Rassismus, das Reklamieren von Etabliertenvorrechten, Politikverdrossenheit und Hass auf politisch Andersdenkende oder »die da oben«. Sie suchen nach einfachen Antworten in einer komplexer werdenden Welt, wie die Sehnsucht nach Vereindeutigung sich ausdifferenzierender Geschlechterrollen.
          Melanie Schmitz, 25 Jahre alt und Studentin, ist Mitglied bei der Identitären Bewegung (IB). Die IB ist eine europäische Bewegung und hat in Deutschland etwa 500 Mitglieder, auf Facebook etwa 65.000 Follower und auf Youtube 13.000 Abonnenten. Die IB macht in Guerilla-Aktionen und öffentlichkeitswirksamen Kampagnen auf ihre politischen Ziele aufmerksam und wird wegen ihrer Radikalisierung, ihrer Ablehnung demokratischer Prinzipien und feindlicher Positionen gegenüber Geflüchteten und Muslim_innen vom Verfassungsschutz beobachtet. Melanie Schmitz wird als »Postergirl« der IB bezeichnet und ist auf Instagram, Facebook und Youtube aktiv. Ihre Videos erreichen teilweise bis zu 500.000 Klicks, weshalb sie auch als Influencerin innerhalb der Neuen Rechten gelten kann. Melanie Schmitz und andere junge Frauen tauchen thematisch oft im Zusammenhang mit bevölkerungs- oder flüchtlingspolitischen Fragen auf. Denn Frauen seien diejenigen, die durch den vermeintlichen »Bevölkerungsaustausch«, eine »Überfremdung« oder die »Islamisierung« durch Einwanderung den größten Schaden nehmen würden. Frauen sind im Weltbild der IB aber auch gleichzeitig die Lösung, denn sie könnten durch eine gesteigerte Geburtenrate dem vermeintlichen Trend zur »Abschaffung der Deutschen« wirksam entgegentreten. Die IB, und mit ihr Melanie Schmitz, schüren massiv Ängste vor sexualisierter Gewalt durch Geflüchtete und sprechen darüber in öffentlichkeitswirksamen Kampagnen ein junges – oftmals nicht politisch interessiertes – Publikum an. Mit ästhetisch inszenierten und sich inszenierenden jungen Frauen, die geschminkt und in figurbetonten Klamotten vor Kameras posieren, sollen politische Ziele multipliziert werden und nicht zuletzt junge Männer für die IB gewonnen werden.
          Ellen Kositza ist Journalistin und Verlegerin und nach eigener Auskunft »knallrechts«. Die Mutter von sieben Kindern ist mit dem neurechten Verleger Götz Kubitschek verheiratet. Sie wird gegenwärtig als die führende Vertreterin der intellektuellen Rechten wahrgenommen. Schon während ihres Lehramtsstudiums publizierte sie für die Junge Freiheit und setzte sich dort thematisch vor allem für die Aufwertung traditioneller Frauenrollen ein. Sie veröffentlichte in verschiedenen rechten Zeitschriften und trat als Referentin in der neurechten Denkfabrik »Institut für Staatspolitik« (IfS) auf. Sie vertritt antifeministische Positionen und ihre politische Einstellung zur Migration oder ihre Forderungen nach »Todesstrafe für Kinderschänder« können als rechtsextrem eingeordnet werden. Sie polemisiert in ihren Reden, Büchern und auf ihrem Youtube-Kanal gegen den Islam, gegen Gender und politische Gegner. Sie zieht in ihrem Buch Die Einzelfalle – Warum der Feminismus ständig die Straßenseite wechselt eine Analogie zur vermeintlich unterdrückten schleiertragenden Frau, die nur einen Sehschlitz habe und der europäischen Frau, die zwar selbstbewusst ihren Körper zeige, aber blind sei für »Multikulti-Wahn«, »Umvolkung« oder »Islamisierung«. Schuld daran sei auch die weibliche Biolgie und Anthropologie, die Frauen eher dem Mainstream – also der »linken Meinungsdiktatur« angehören ließen. Was für Kositza im Umkehrschluss heißt: »Wer heute ein rebellisches Herz hat, ist rechts«. Sie erklärt in Buchpräsentationen und Lesetipps, warum ein Mann Frauen langweile, wenn er mit dem »Alice-Schwarzer-Gütesiegel« ausgestattet sei. Er habe die »feministische Doktrin inhaliert«, übernehme daher Hausarbeit und Kindererziehung, aber er langweile damit die Frau, die sich deshalb nach einem »richtigen« Mann umsehe.
          Sigrid Schüssler, diplomierte Schauspielerin und Ex-NPD-Frau, ist eine langjährige rechtsextreme Aktivistin. Für diese Kreise beginnt sie ihre Aktivitäten recht klassisch mit der Erziehung von Kindern. Als »Hexe Ragna« tritt sie in Schulen und Kindergärten und im Kinderprogramm der NPD auf. 2013 war sie Spitzenkandidatin der NPD bei der bayerischen Landtagswahl und Bundesvorsitzende vom Ring Nationaler Frauen und sie schreibt für diverse rechte Presseorgane. Ihr Ex-Mann war Mitglied in der verbotenen »Wiking-Jugend« und Vorsitzender der ebenfalls verbotenen »Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei«. Es gibt Fotos von einer Demonstration, die ihn zusammen mit den Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zeigen. Sigrid Schüssler trat als Hauptrednerin bei Pegida Magdeburg und Braunschweig auf. Sie spricht in ihren Reden von einer »totalitären Regierung« in Deutschland und bezeichnet die Antifa als »neue SA dieses Staates«. Politiker seien »Volksverräter« und die Bundesrepublik ein »Dreckssystem«. Schüssler schürt Angst vor Geflüchteten und fordert ein Nationalbewusstsein für die »Zukunft unserer Kinder«. Um Aufmerksamkeit für ihre politischen Überzeugungen zu bekommen und gegen den »Gender-Irrsinn« und »Homokult« zu agitieren, macht sie erotische Fotoshootings für einen eigenen Kalender.
          Beatrix von Storch ist Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD-Fraktion und war bis 2017 Abgeordnete im Europäischen Parlament. Von Storch vertritt in ihren Wortbeiträgen oder auf ihren Social-Media-Kanälen explizit rassistische Positionen und verbreitet Hetze gegen Geflüchtete und den Islam. Sie vertritt zudem eine dezidiert antifeministische Haltung. So leugnet sie geschlechterbezogene gesellschaftliche Ungleichheiten, bezeichnet Gender-Mainstreaming als »intellektuellen Wohlstandsmüll« und polemisiert gegen die Gleichstellung der Ehe für homosexuelle Paare. Sie agitiert gegen Schwangerschaftsabbrüche und ist Mitgründerin der »Initiative Familienschutz«, die die »Demos für alle« organisiert. Die jährlich stattfindende Demonstration gehört zur »Lebensschutz-Bewegung«, die jeden Schwangerschaftsabbruch als Mord wertet. Mit Kampagnen und Informationsmaterialien mit dem Titel »Ein Fisch ist kein Fahrrad und eine Frau ist kein Mann« setzt sich von Storch mit ihrer Initiative für den Erhalt der traditionellen Familie und gegen geschlechtliche Vielfalt bzw. sogenannte »Frühsexualisierung« und »Gender-Ideologie« ein. Gemeinsam mit ihrem Mann bietet von Storch über ihre Nachrichten- und Kampagnenseiten eine wichtige Infrastruktur und Vernetzungsmöglichkeiten für verschiedene antifeministische Akteure – vor allem mit rechtskonservativen und christlich-fundamentalistischen Positionen.
          Die hier vorgestellten Frauen aus rechten Bewegungen werfen ein Schlaglicht darauf, dass Lebenswege, biografische Zugänge, Sozialisationen, politische Positionen und Haltungen von Frauen innerhalb rechter Bewegungen vielfältig sind – aber auch einen gemeinsamen Nenner haben: der Umgang mit Themen wie Feminismus und Gender – bzw. dem was darunter jeweils verstanden wird. Diese changieren zwischen »Feminismus als Feindbild der Moderne«, welches an der »Umvolkung« schuld sei, einem »nationalistischen Feminismus«, in dem Frauen durch biologistische und ultrakonservative Argumentationen eine Aufwertung »typisch weiblicher Eigenschaften« erfahren und einer Inszenierung rechter Frauen als »wahre Feministinnen«, die im Gegensatz zu »Fake-Feministinnen« deutsche Frauen vor sexualisierter Gewalt durch »Fremde« schützen würden. Vor allem letztere Argumentation wird von Rechten gekapert, rassistisch instrumentalisiert und hat gegenwärtig hohe Konjunktur und ein enormes Mobilisierungspotenzial bis weit in konservative und bürgerliche Kreise der Gesellschaft hinein. Geschlechterpolitische Fragestellungen, feministische Anliegen oder sogenannte »Frauenthemen« werden in (neu)rechten Bewegungen – und eben auch von weiblichen Vertreterinnen – widersprüchlich verhandelt: Propagierte Geschlechterbilder und ihnen zugrunde liegende sexistische Ideologien passen oft nicht mit gleichzeitiger Vereinnahmung feministischer Anliegen oder der eigenen aktiven politischen Rolle innerhalb der Bewegung zusammen.
          Frauen spielen in rechten Bewegungen eine wichtige Rolle – auch und gerade beim Transportieren ideologischer Ziele und geschlechterpolitischer Themen. Sie geben antifeministischen oder sexistischen Argumentationen Gewicht – nach dem Motto: »Wenn die das sogar als Frau sagt ...« und sie geben rechten Bewegungen ein weibliches, vermeintlich friedfertiges Gesicht und machen sie damit anschlussfähig zur gesellschaftlichen Mitte.

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Medial ist es um das Weltsozialforum (WSF), das Gipfeltreffen sozialer Bewegungen, zwar still geworden, aber es existiert noch. Trotzdem könnte das 14. Treffen, das Mitte März im brasilianischen Salvador de Bahia stattfand, durchaus das letzte » mehr...

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Große Feiern überall, in Sälen, Ausstellungen und seit Langem schon in den Massenmedien aller Gattungen und Richtungen. Der Aufwand könnte größer und – wie merkwürdig! – die Stimmung einhelliger kaum sein. Es geht um einen Geburtstag (am 5. Mai), den eines »bedeutenden Sohnes« unseres Landes. Je länger dieser zurückliegt (200 Jahre), umso mehr weichen Zweifel und altgewohnte Ablehnung einer Art neuer Heldenverehrung. Es geht um Karl Marx, über eine sehr lange Zeit in der deutschen » mehr...


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