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DAS THEMA

1968
Heft 6 | 2018

Gespräch mit Annika Klose, Knut Nevermann und Gesine Schwan

Zwischen Mythos und Alltagserfahrung

Foto: Mina Gerngross

Was hat die Revolution von 68 an Veränderungen hervorgebracht? Was davon gilt heute noch und gibt es eine Gegenbewegung zu 68 von rechts? Darüber sprachen die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, der Jurist und ehemalige Staatssekretär Knut Nevermann sowie die Juso-Vorsitzende von Berlin, Annika Klose. Die Fragen stellte Thomas Meyer.

NG|FH:
Was von »68« ist nur Mythos, was bleibt und was verbinden Sie mit dieser Zeit?

Annika Klose:
Die 68er-Revolte spielt immer noch eine große Rolle in den Debatten, die wir bei den Jungsozialisten führen. Zum einen verbindet man damit die damaligen Studierendenproteste, zum anderen auch eine gesamtgesellschaftliche Protestbewegung, die da in Gang gesetzt wurde: ein antiautoritärer Protest, ein Protest etwa gegen die Notstandsgesetze, gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, ein internationaler Protest vor allem gegen den Vietnamkrieg. Dann hat man sich beispielsweise aber auch auf Karl Marx rückbesonnen und sozialistische Gesellschaftsvorstellungen diskutiert. Darin erkennen bis heute gerade die Jusos ihre Wurzeln. Die Linkswende der Jusos 1969 war für uns ein zentraler Moment, an den wir im nächsten Jahr mit einem großen Kongress erinnern werden.

NG|FH: Herr Nevermann, welche Erinnerungen haben Sie?

Knut Nevermann:
Für mich ist das Entscheidende gewesen, dass sich plötzlich eine Bereitschaft zum Antiautoritarismus herausgebildet hat. Dass man einem Rektor oder einem Professor widersprach, dass man hinterfragte, warum jemand eine Autorität ist. Oder ist der vielleicht belastet? Das Thema Nationalsozialismus hatte man dabei immer im Hinterkopf. Viele kamen aus autoritären Elternhäusern und Schulen, die Vorlesungen und der Betrieb in der Universität waren ebenfalls noch relativ autoritär.
          Man kann es sich heute kaum vorstellen, dass man damals mit Schlips und Kragen in die Vorlesung ging und die Kommilitonen siezte. Zwischen 1966 und 1968 wurde das alles hinweggefegt. Man wollte zunächst die Hochschule verändern, letztlich wollten wir aber mehr Demokratie.

Gesine Schwan: Als das 1967 begann, habe ich mir noch nicht vorstellen können, dass das so eine einschneidende Sache werden würde, weltweit, wenn auch mit unterschiedlichen Färbungen in Asien, den USA und auch in Osteuropa. Und immer war es eine Protestbewegung gegen das ganze System. Der Journalist Erich Kuby hatte die provozierende These aufgestellt, dass die Freie Universität mit ihrem Rückbezug auf die unfreie Universität in Ostberlin eigentlich keine freie Universität sein könne. Das gab damals furchtbaren Ärger, es war ja auch schon eine ziemlich fundamentale Kritik an der FU, Symbol der westlichen Freiheit.
          Ich habe die Entstehung der sogenannten kritischen Universität miterlebt, die alternative Themen zum bestehenden System aufwarf und vieles von studentischen Gruppen erarbeiten ließ. Und weil ich die kritische Universität verteidigte, was ja vergleichsweise harmlos war, sagte mir mein damaliger Vertrauensdozent, er glaube nicht, dass wir noch eine gemeinsame Basis hätten. Aus heutiger Sicht kann man darüber nur lachen, damals ging das aber schon sehr tief.

NG|FH: Die 68er-Bewegung war eine weltweite Bewegung, von Berkeley bis Tokio. Die Anlässe in Deutschland waren insbesondere die Notstandsgesetze und die massive Gewalt gegen die Demonstranten beim Besuch des Schah von Persien in Berlin mit dem Tod von Benno Ohnesorg. Gab es weltweit verbindende Ursachen?

Nevermann: Da muss man den Vietnamkrieg erwähnen. Die immer drastischer werdenden Bildberichterstattungen haben einen wirklich umgehauen. Ich war zu der Zeit sehr amerikafreundlich und habe am Anfang auch nur für das Selbstbestimmungsrecht der Völker und dergleichen plädiert. Aber dann hat man an sich selber gemerkt, dass man plötzlich Parolen benutzte wie »Amis, raus aus Vietnam«. Man radikalisierte sich von einem Monat auf den anderen und war plötzlich für den Vietcong. Das hatte einen europäischen Hintergrund, nämlich Frankreichs Vorgehen im Algerienkrieg. Bereits in meiner Zeit als junges Mitglied bei den »Falken« spielte Algerien eine große Rolle. Dieser große moralische Protest, mit dem man gegen den Kolonialismus war, hat dann auch ein bisschen auf Vietnam abgefärbt.

NG|FH:
Rudi Dutschke hat ja intensiv versucht, das stimmungsmäßig zusammenzubringen. Wir führen hier denselben Kampf, den die Vietnamesen gegen die Amerikaner führen. Es gibt einen Zusammenhang, nur hier wird mit anderen Mitteln gekämpft. Das hat natürlich rhetorisch ungeheuer gewirkt.

Schwan: Zudem gab es die tiefgründige Frage, wie weit sich denn die Bundesrepublik, also Westdeutschland, wirklich demokratisiert hatte. Gab es nicht die Kontinuität der nationalsozialistischen Eliten, z. B. an den Universitäten? Selbst an der Freien Universität, die eine Neugründung war und im Vergleich zu vielen Traditionsuniversitäten mit Burschenschaften und dergleichen als fortschrittlich galt. Aber auch in anderen Bereichen wie der Justiz, den Ministerien gab es diese Kontinuitäten. Ich selbst wollte aber trotz kritischer Haltung gegenüber der mangelnden demokratischen Qualität der Adenauerzeit, als Westberlinerin im Vergleich zu Ostberlin dann eigentlich auch nicht gerne Westdeutschland rundum verurteilen.

NG|FH: Die Vorstellung, die Revolution ist da und die neue Gesellschaft biegt schon um die nächste Straßenecke, war auch bei sehr klugen und reflektierten Leuten sehr real vorhanden.

Schwan: …das habe ich an keiner einzigen Stelle geglaubt, muss ich gestehen…

Nevermann: …nicht ernsthaft, aber als rhetorische Floskel war das da.

Klose: Hat das nicht auch mit der damaligen Großen Koalition zu tun und mit dem Bundeskanzler Georg Kiesinger? Natürlich war das 1968 eine andere gesellschaftliche Situation als heute, aber gerade junge Menschen haben ja auch aktuell den Eindruck, einer sehr großen Mehrheit gegenüberzustehen, gegen die man vermeintlich gar nicht viel machen kann. Es macht sich eine Form von Ohnmacht breit, gegen die man aufstehen und widersprechen wollte, oder?

Schwan: Zumindest in meiner subjektiven Erinnerung nicht so sehr. Kiesinger als ehemaliger Nazi war ein Stein des Anstoßes. Die Große Koalition habe ich aber damals als Sprungbrett in die Zukunft für die SPD gesehen und nicht so sehr als Sackgasse, wie man das heute zum Teil empfindet.
          Und dann gab es ja in der Großen Koalition einen Minister, der auch für die Notstandsgesetzgebung zuständig war, für mich aber immer ein Ideal gewesen ist – Gustav Heinemann. Er war als Innenminister aus dem Kabinett Adenauer und auch aus der CDU ausgetreten und er hat auch Kommunisten immer verteidigt. Er war über jeden Zweifel erhaben. Diese Ohnmachtserfahrung gegenüber der Großen Koalition habe ich damals nicht so empfunden, vielmehr habe ich die Perspektiven für eine baldige sozialdemokratische Regierung gesehen. Willy Brandt kam ja mit einer Alternative, im Hinblick auf die Ostpolitik oder die inneren Reformen, beim Ehe- oder Familienrecht beispielsweise.

NG|FH: Angesichts der umfassenden Infragestellung der bestehenden Gesellschaft hätte man erwarten können, dass eine Vorstellung davon entwickelt wird, was an deren Stelle treten solle? Aber die Diskussionen wurden reichlich abstrakt geführt.

Nevermann: Ich habe öfters die Frage gestellt: Gibt es denn in der Rätedemokratie mehrere Parteien oder nicht? Dann herrschte meistens Ruhe. Es war eben nicht durchdacht. Ein bisschen wurde aus Schriften von 1918/19 übernommen, mehr nicht. Der Kontext stimmte aber nicht.
          Ich glaube, dass wir relativ wirkungsvoll waren, auch längerfristig, lag auch daran, dass wir Themen hatten, für die man mobilisieren konnte, und die hatten nur wir. Gegen den Vietnamkrieg war z. B. außer uns eigentlich niemand, auch keine Partei, das begann später.
          In Berlin hatten wir noch das Thema Pressekonzentration. 70 % der Zeitungen kamen vom Springer-Konzern, von dem wir wie die letzten Idioten behandelt wurden. Und das Thema Antiautoritarismus. Wie gehen wir um mit den autoritären Strukturen in Staat, Gesellschaft und Familie? Auch da waren wir weitgehend allein.
          Auch heute entdeckt ab und an eine Minderheit plötzlich ein Thema, z. B. die »Überfremdung«. Diese Minderheit hat aber Unrecht und wird deshalb auch untergehen. Dass die 68er so wirkungsvoll geblieben sind, liegt auch daran, dass wir – auch aus heutiger Sicht – mit unseren Themen einfach recht hatten.
          Heute ist es sehr viel schwerer, ein Thema zu finden, das man einerseits in einen historischen Kontext setzen kann, bei dem man eine entsprechende Protestform entwickeln kann, das aber auch richtig ist und das man durchhalten kann. Heute gibt es immer schon irgendeine Partei, die das abdeckt. Die Ökologie von den GRÜNEN, die linkspopulistischen Themen von der Linkspartei usw. Es ist also schwer etwas zu finden, was der große Teil nicht will und wo man sich als Minderheit ein Profil verschaffen kann.

NG|FH: Frau Klose, haben Sie den Eindruck, dass die Themen der 68er auch noch heute relevant sind? Oder haben sie sich durch die Auswirkungen von 68 erübrigt?

Klose: Ich glaube, es hat sich viel verändert. Gerade wenn man sich die Frauenbewegung anguckt. Da ist es enorm vorangegangen. Das heißt aber nicht, dass wir da bereits am Ziel angekommen sind. Die Kämpfe um die Themen, die uns nach wie vor bewegen, müssen weitergeführt werden. Auch international gäbe es ja nach wie vor Themen, bei denen man sicherlich historisch auf der richtigen Seite stehen würde und die man politisieren müsste. Beispiele wären die Militäroffensive der Türkei gegen Kurdinnen und Kurden in Afrin, oder die Tatsache, dass im Mittelmeer immer noch viele Menschen ertrinken. Das widerspricht meinem Gerechtigkeitsverständnis massiv. Diese Dinge müssten doch eigentlich viele sehr bewegen, man hat aber das Gefühl, damit gar nicht so richtig durchzudringen.
          Dann die Frage der Ausbeutungsverhältnisse, die heute immer noch bestehen, sich aber auch gewandelt haben. Oder die Frage nach den neuen Formen der Arbeitsorganisation. Noch keine Gruppe hat es bisher geschafft, das Thema so zu politisieren, dass man dann eine Masse hinter sich versammeln könnte. Das müssen die Jusos, die gesellschaftliche Linke insgesamt anpacken. Offensichtlich gelingt das aber derzeit nicht, denn das Nichtwählerlager ist nach wie vor groß. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr repräsentiert oder haben das Gefühl, dass die parlamentarische Demokratie im kapitalistischen System gerade keine Antworten auf ihre Fragen zu formulieren vermag. Ich glaube, da gäbe es ein sehr großes Potenzial für Mobilisierung, vielleicht ist aber noch nicht das Momentum gekommen.

NG|FH: Frau Schwan, die Kritik, die damals vorgetragen worden ist, war äußerst radikal, radikalisierte sich sogar noch im weiteren Verlauf. Man hat sich gar nicht vorstellen können, welche Veränderungen dieser Kritik hätten Genüge tun können. Als sich dann ab 1969 alles verlief, der SDS aufgelöst wurde, bildeten sich ein paar Spaltprodukte. Eine kleine Gruppe hat den ganz langen Weg, den Marsch durch die Institutionen, angetreten und Schritt für Schritt versucht, die Gesellschaft zu verändern.
          Dann gab es die K-Gruppen, militärisch organisiert, diszipliniert, autoritätsfixiert, die mit Gewalt etwas verändern wollten. Und es gab die RAF. Wie erklären Sie sich diesen Prozess, dass aus der antiautoritären Bewegung am Ende solche Spaltprodukte hervorgingen, die ja auch nicht lange hielten, aber immerhin über zehn Jahre die Republik in Atem hielten.

Schwan: In meiner Erinnerung ist es nicht so, dass der »Mythos 68« Ende 1967 beginnt und 1969 aufhört. Es war eine Art Explosion, die 1967 begann, sich dann 1968 vor allem durch den Sommer der Notstandsgesetzgebung fortsetzte, sich dann aber in verschiedenen Schattierungen weiterentwickelte. Das ist für mich noch alles ein Zusammenhang. Ein Teil des mobilisierenden Elements war, dass das Private politisch wurde oder das Politische privat existenziell erfahren worden ist. Das galt vor allem, aber nicht nur für die Frauen. Das Autoritäre hatten die Menschen persönlich in ihren Familien erlebt und nun rieben sich viele Männer an ihren Vätern und viele Studentinnen ärgerten sich darüber, dass ihre Mütter die ganze Zeit gekuscht hatten.
          Das heißt, es gab nicht nur das weit weg gelegene Vietnam, sondern wir erlebten auch viele der Probleme ganz direkt zu Hause. Und der Protest war ja auf Umsetzung ausgelegt, und dass sich das dann aufsplitterte, ist eigentlich klar. Radikalität trägt immer das Potenzial der Gewalt mit sich, je radikaler man verfährt, umso geringer ist die freiwillige Anhängerschaft. Den Werdegang von Ulrike Meinhof interpretiere ich als die Verzweiflung einer Frau, die es überhaupt nicht mehr für möglich hielt, dass es eine Veränderung in der Gesellschaft, gerade auch bezogen auf den Nationalsozialismus, gab. Sie kam aber aus keinem rechten Milieu. Die Radikalisierung erfolgte dann durch eine immer verengtere Sicht und Gewalt.
          In der SPD gab es natürlich reformistische Folgen. In der CDU spielte das eigentlich so gut wie keine Rolle. Ein Teil der SPD wurde von vorneherein als rechts angesehen, dazu gehörte ich dann später auch, andere waren radikaler, zum Beispiel in der Wirtschaftsanalyse marxistisch antikapitalistisch orientiert.
          Das Aufbrechen des Autoritären hat nach meiner Meinung fast notwendig auch Folgen für eine Aufspaltung mit z. T. erneut autoritären Erscheinungen. Im Nachhinein ist mir aber aufgefallen, dass das Aufbrechen des Autoritären auch in Frankreich und Italien eine Rolle spielte, nicht aber in England. Die britischen Studenten hatten eine ganz andere Vätergeneration und haben diese fast heroisiert. Und in Polen waren es die Kinder der Kommunisten, die gegen die Stalinisierung ihres ursprünglich normativ vorgestellten Kommunismus opponierten. Und in den USA waren es auch nicht die Naziväter oder der Autoritarismus, sondern eher Vietnam, der Rassismus, die Missachtung der eigenen Werte.

NG|FH: Erleben wir gegenwärtig eine Art Rückschlag, der sich gegen den Erfolg der 68er und die damit verbundene antiautoritäre Einstellung richtet? Manche sagen, 68 habe die gesellschaftliche Ordnung, Disziplin und Leitungsbereitschaft zerstört, vielleicht sogar die Demokratie gefährdet.

Schwan: Das ist kein neuer Rückschlag. Dass die 68er die Werte zerstört hätten, haben bestimmte Leute immer wieder gesagt, aber sie können nicht benennen, welche Werte das denn nun waren. Denn man kann ja nicht sagen, dass wir vorher ein vorbildliches Deutschland hatten.
          Ich selbst habe aber auch erhebliche Vorbehalte gegenüber einer Reihe von Aktionen nach 68 gehabt, weil ich den Eindruck hatte, dass die Führer dieser Revolte in ihrem autoritären, intoleranten und überhaupt nicht mehr kommunikativen Verhalten den Habitus der kritisierten Eltern wiederholten, auch wenn es inhaltlich anders war. Klar, Unanständigkeit, Brutalität, Rücksichtslosigkeit, Unhöflichkeit sind immer schlecht. Aber das ist ja nicht der Kern von 68.

Nevermann: Manche Entwicklungen sind in der Tat völlig aus dem Ruder gelaufen. Dazu gehört die ganze RAF-Geschichte. Ich hätte mir nie in meinem Leben vorstellen können, dass irgendeiner meiner Kommilitonen eine Knarre in die Hand nimmt. Es ist aber auch eine ganz kleine Gruppe geblieben, das darf man nicht vergessen. Selbst die Sympathisanten drum herum, von denen es ein paar mehr gab, hätten nie selbst eine Knarre in die Hand genommen.
          Und auch die K-Gruppen an den Hochschulen mit ihrer autoritaristischen und zum Teil auch unmenschlichen Art waren recht klein und wurden immer kleiner, aber auch immer selbstradikalisierender. Mitte der 70er Jahre verschwand das allmählich wieder.
          Die große Mehrheit aber ging ins Studium zurück, in die Parteien, Gewerkschaften, in die kirchlichen Kreise usw. Viele Menschen waren aber immer noch erfüllt von den Ideen und darin besteht der eigentliche Effekt. Daraus sind später DIE GRÜNEN entstanden, die Anti-AKW-Bewegung usw.

NG|FH: Wir beobachten aber heute doch, dass es wieder einen Drang hin zum Autoritarismus gibt, bei einigen, die ihn predigen, bei vielen, die ihm nachlaufen und die entsprechenden Parteien wählen, nicht nur hier in Deutschland. Ist das eine Gegenbewegung, kann daraus noch viel mehr entstehen?

Schwan: Ich sehe darin keine rechte Gegenbewegung gegen 68. Das würde sonst bedeuten, dass die jetzige Bewegung rein kulturalistisch zu erklären wäre.
          Die kulturelle Wirksamkeit von 68 reichte vielleicht noch bis in die 90er Jahre. Ich weiß nicht, ob man den Zeitgeist danach noch auf 68 zurückführen kann. Manche haben das gemacht, ich sehe das nicht so. Für das, was wir jetzt erleben, sind vielmehr neue sozioökonomische, psychologische, soziale Gründe ausschlaggebend, einen Backlash gegen 68 erkenne ich darin nicht.
 
Nevermann: Dass nun viele wieder den starken Mann zurückhaben wollen, liegt wohl eher an einer gewissen Ratlosigkeit und Verunsicherung. Auf eine Frage wie: »Wie viele Flüchtende lassen wir denn nun ins Land?« können viele Menschen gar keine Antwort geben, ich im Übrigen auch nicht.
          Und wenn die Menschen dann noch das Gefühl haben, die Bundeskanzlerin mit ihrem in der Tat sehr unkommunikativen Führungsstil entscheidet nichts, dann wollen viele Klarheit, sie wollen die Antworten, die sie selbst nicht geben können, und sie wollen Entscheidungen, wahrscheinlich ist es ihnen sogar egal, wie entschieden wird.

Klose: Ich glaube tatsächlich auch, dass die Haltung, zu sagen, es sei eine Gegenbewegung gegen die 68er, die Sache zu sehr vereinfacht. Klar hetzt die rechte Bewegung gerne gegen das von ihnen sogenannte »linksgrün versiffte Milieu«. Aber ich stimme Herrn Nevermann zu, dass vor allem massive persönliche Verunsicherungen für das Erstarken der Rechten ursächlich sind. Die Wurzel dieser Bewegung ist eine weit verbreitete Unzufriedenheit darüber, wie das Gesellschaftssystem funktioniert und auch in den Auswirkungen einer neoliberalen Politik zu suchen. Diese führte dazu, dass die Individuen auf sich selbst gestellt sind, einer Konkurrenz- und Leistungslogik unterworfen sind und große Teile des sozialen Sicherungsnetzes weggekürzt wurden. Die resultierenden Ängste und fehlende Solidarstrukturen machen Menschen für vermeintlich »einfache Antworten« und autoritäre Bewegungen empfänglicher.

Schwan: Ein Grundthema von 68 war die Demokratisierung gesellschaftlicher Teilbereiche unter dem Aspekt, dass die Demokratie nach dem Nationalsozialismus noch nicht wirklich verankert war. Heute ist die Demokratie wieder ein Thema, aber in einem anderen Kontext. Der Demokratie, obwohl sie jahrzehntelang nationalstaatlich, zumindest in Europa und Nordamerika, etabliert war, wird nicht mehr zugetraut, die Probleme zu lösen. Entweder man reagiert darauf, indem man ergänzende Formen der Demokratie einführt oder man lehnt die liberale Demokratie ab. So werden dann plötzlich wieder illiberale Strukturen attraktiv, und das nicht nur in Mittelosteuropa. Auch bei uns gibt es viele Anhänger, etwa in Teilen der Unternehmerschaft. Dort gibt es die verbreitete Meinung, es werde zu viel palavert, es gäbe zu viele rechtliche Hürden usw. Da helfe nur Deregulierung.
          Eigentlich ist die Demokratie 68 als Normengefüge nicht wirklich infrage gestellt worden, aber über Rätedemokratie und Basisdemokratie wurde ganz viel diskutiert und manche konnten dann – und ich gehörte auch dazu – sagen: Das ist nicht durchdacht, das kann nicht hinhauen. Neuerdings wird die Verbindung von Demokratie und politischem Liberalismus infrage gestellt. Allerdings glaube ich, dass sich die Menschen nicht ganz klar machen, wovon sie sich verabschieden würden, und was eine Rückkehr zum Autoritarismus bedeuten würde, denn das wäre die Alternative.

Klose: In der Kritik, dass »die Demokratie« nicht funktioniere, zeigt sich ja eigentlich nur wieder, welches Bild von ihr existiert. Demokratie wird auf das Parlament verkürzt und eine der Forderungen der 68er war ja gerade die »Demokratisierung aller Lebensbereiche«. Davon sind wir immer noch sehr weit entfernt. Tatsächlich haben heute beispielsweise nur etwa 40 % aller Beschäftigten eine gewählte Vertretung in ihrem Betrieb, die zudem nur über begrenzte Rechte verfügt. Die Menschen merken eben, dass die gesamtgesellschaftliche Produktion überhaupt nicht mehr auf nationaler Ebene demokratisch geregelt werden kann. Und viele andere Bereiche wie die Bildungsinstitutionen sind auch längst noch nicht demokratisch strukturiert.

Schwan: Im Gegenteil…

Klose: Man müsste also weitere Lebensbereiche demokratisieren, die Rechten aber lenken da ja gerade in die falsche Richtung.

NG|FH: Ist denn durch 68 in den Wirtschafts-, Bildungs- und politischen Strukturen etwas Entscheidendes verändert worden?

Nevermann: Im Bildungswesen hat sich tatsächlich durch 68 relativ viel verändert. Auch deshalb, weil viele derjenigen, die damals mitgemacht haben, später dann auch in diese Institutionen eingewandert sind. Legt man Fotos einer Schulklasse von 1970 neben Fotos von 1965, so ist das Kulturrevolutionäre deutlich erkennbar – von den Frisuren bis zur Kleidung und Körperhaltung. Man könnte meinen, man habe das Land gewechselt. Oder die Institution der Kinderläden, die man ja zum Teil durchaus auch kritisieren kann. Oder der Ausbau der Kindergärten insgesamt, bis zum heutigen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz: Schwerpunktsetzungen, die ihren Ursprung auch in der 68er-Zeit haben. Und es hat sich auch etwas im politischen System verändert. Durch die plötzliche Offenheit entstanden neue Protestformen: die Bürgerinitiativen, soziale Bewegungen, die Aktivisten der Zivilgesellschaft; sie haben andere Formen von politischer Einflussnahme herausgebildet. Das hat für die Bundesrepublik sogar strukturelle Bedeutung gehabt.

Schwan: Das glaube ich auch. Spätestens in den 90er Jahren aber hat es eine andere Form der Einschränkung der Demokratie gegeben – vor allem in den Hochschulen, aber auch in anderen Bereichen, nämlich indem demokratische Mitbestimmung, Selbstbestimmung und Freiheitsräume durch ein stark ökonomisch geprägtes Modell ersetzt wurden und damit Technokratie gegenüber der Demokratie begünstigt wird.
          Wenn man bedenkt, dass der Erfolg von Hochschulen mehr und mehr an der eingeworbenen Drittmittelsumme gemessen wird und nicht an dem geistigen Erfolg. Wenn man bedenkt, dass das, was 68 als politisch entdeckt wurde, nun plötzlich wieder rein technokratisch interpretiert wird, und die ökonomische Effizienz das entscheidende Kriterium sein muss, dann ist das die Entdemokratisierung, die nicht im traditionellen Sinne vollzogen wurde, sondern so, wie das Milton Friedman wollte: Rückbildung von Politik zugunsten des Marktes.
          Nach meiner Wahrnehmung ist es heute viel schwieriger, Demokratie wirklich zu leben. Ich glaube, dass es darauf eine ganz wichtige und vielversprechende Antwort gibt: Stärkung der Teilhabe, mehr Macht und finanzielle Mittel auf die kommunale Ebene, auf der wir wieder Primärerfahrungen von Demokratie sammeln können und nicht auf mediale Vermittlung angewiesen sind.
          Und hier kommen wir in gewisser Weise zurück zu den Wurzeln von 68, weil wir ja immer gesagt haben, die Gemeinde ist die Urstätte der Demokratie. Von der nationalen Ebene erwarte ich im Moment wenig Hilfe für partizipatorische Demokratie, weil demokratische Eliten auf der nationalen Ebene, zum Teil auch auf Länderebene in einer Weise, wie ich mir das 68 nicht vorgestellt habe, in einen Strudel hineingezogen werden, in dem Demokratie eigentlich nur noch als Machterwerbs- und Machterhaltungsmechanismus gesehen wird.
          Noch einmal zur SPD: Willy Brandt wollte in den 60ern eine andere Politik und ich bin innerlich gehüpft, als er 1969 endlich Bundeskanzler war. Wenn wir heute fragen, welcher Partei wir denn eine ganz andere Politik zutrauen, ist die Antwort nicht mehr so ganz einfach.

NG|FH:
Frau Klose, erörtern Sie auf dem Kongress, den die Jungsozialisten organisieren, auch die aktuellen politischen Fragen oder soll dort mehr über die Geschichte und ihre Wirkungen reflektiert werden?

Klose: Sowohl als auch. Wir wollen den Blick zurückwerfen und fragen, wo wir eigentlich herkommen. Das sehen wir auch als wichtigen Teil unserer Identität als Verband. Welche Kämpfe wurden damals ausgefochten, welche fechten wir heute aus? Aber es geht natürlich auch um die Frage, was »demokratischer Sozialismus im 21. Jahrhundert« heute eigentlich meint. Welche Bedeutung hat eine neue Produktivkraftentwicklung, welche neuen Formen von Demokratisierung brauchen wir? Aber diese Diskussionen müssen eben auch mit internationaler und feministischer Perspektive geführt werden.
          Ich glaube, dass wir derzeit ohne Protest und ohne Druck auf der Straße keine grundlegenden Veränderungen hinbekommen werden. Darin besteht auch eine Verbindung zu 68.

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