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DAS THEMA

aktuell.hinterfragt
Heft 12 | 2018

Paul Scheffer

Migration und Integration – Wege zum »neuen Wir«

Meine Gedanken zu unserem Thema werde ich in vier, hoffentlich gut nachvollzieh­baren Argumenten präsentieren. Ich halte die vieldiskutierte Polarisierung in unseren Gesellschaften für real – aber nicht für unabwendbar. Die klassischen Parteien haben bisher darin versagt, weiterführende Ideen zu Migration und Integration zu präsentieren und damit eine Brücke zur Überwindung dieser Polarisierung zu bauen. Die Spaltungen zwischen denen, die in unserer Gesellschaft mobil sind und denen, die es weniger sind, sind sowohl in soziologischer wie psychologischer Hinsicht bedeutsam. Um die Gesellschaften, in denen wir heute leben, besser zu verstehen, könnten wir mit einem kleinen Artikel aus der französischen Tageszeitung Le Monde beginnen, in dem kürzlich stand, dass sieben von zehn Menschen in Frankreich immer noch in der Region leben, in der sie geboren wurden. In dem viel zitierten Buch von David Good­ hart (The Road to Somewhere. The New Tribes Shaping British Politics, 2017) kann man lesen, dass in Großbritannien 60 % der Menschen innerhalb eines 30-­km-­Radius um den Ort leben, an dem sie bereits mit 14 Jahren gelebt haben. So mobil sind unse­re Gesellschaften also gar nicht. Der Horizont vieler Bürger ist weitaus stärker lokal definiert als wir bisher angenommen haben, und das sollten wir uns bewusst machen.
          Die wichtigste Aufgabe für Sozialdemokraten, aber auch für Christdemokraten und Liberale, besteht im Brückenbauen, um die soziale und politische Spaltung zwi­schen den besonders Mobilen und den eher Sesshaften zu überwinden, die heute unsere Gesellschaft prägt.
          Im Folgenden entwickle ich vier Argumente zu den Themen Immigration, Inte­gration und Brückenbauen. Das erste lautet, dass wir keine echte Diskussion über In­tegration führen können, wenn wir nicht über eine klar definierte Immigrationspolitik verfügen. Wir haben 20 Jahre mit Diskussionen über Integration zugebracht; in den Niederlanden, in Schweden, Frankreich, Deutschland, Großbritannien – überall, wo ich hinkomme, wurde jahrelang über Integration geredet, aber nie über einen lang­ fristigen Plan für die Immigration. Wenn Immigration aber als etwas gesehen wird, das über eine Gesellschaft hereinbricht wie eine Naturgewalt und daher nicht sinnvoll kontrolliert oder reguliert werden kann, dann wird sie für die Mehrheit zu einem Sym­bol für eine Gesellschaft, für eine globalisierte Welt, die außer Kontrolle geraten sind.
          Wenn Liberale im weitesten Sinne des Wortes, also auch Sozialdemokraten und Christdemokraten, die an die Idee einer offenen Gesellschaft glauben und am Ge­danken eines sozialen Gesellschaftsvertrags festhalten, keinen Plan für die langfris­tige Regulierung von Migration haben, dann wird das Bedürfnis in der Gesellschaft nach Kontrolle einen autoritären Ausdruck finden. Und das ist ja genau das, was momentan passiert. Beim Brexit ging es um Einwanderungskontrolle. Allen For­schungen zufolge war für 80 % der Befürworter der ausschlaggebende Grund: »Take back control« (»Die Kontrolle zurückgewinnen«). Wenn wir dies nicht ernst neh­men, wird uns jede ernsthafte Diskussion über die Zukunft unserer Gesellschaften entgleiten.
          Aber worin besteht eine liberale Regulierung der Immigration? Es muss ja alarmie­ren, dass eine Person in der durch Immigration geprägten Einwanderungsgesellschaft der USA zum Präsidenten gewählt wurde, deren zentrales Vorhaben darin besteht, eine Mauer zur Abschottung gegen Migranten zu bauen (»…es wird eine großartige Mauer sein«; »Keiner baut Mauern besser als ich, glaubt mir.«). Was brauchen wir noch, damit wir endlich merken, was los ist. Wie könnte eine sinnvolle, langfristi­ge Einwanderungsregulierung also aussehen? Derzeit – das ist ein großes Versagen der Progressiven – bestimmen Einzelinteressen der Unternehmer unsere Politik zur Arbeitsmigration. Die Gewerkschaften fallen aus und die Sozialdemokraten haben keine klaren Vorstellungen davon, wie eine Arbeitsmigration auf lange Sicht aussehen könnte und sollte. Sie wird daher von den kurzfristigen Interessen der Unternehmer geprägt. Es ist ja unbestreitbar, dass diese Interessen in einer offenen Gesellschaft berechtigt sind. Aber wir sagen den Menschen doch auch nicht, dass unsere Umwelt­politik nur von Landwirten bestimmt werden sollte oder dass die Zukunft der Gesetz­gebung allein in den Händen von Anwälten liegen kann. Genau das tun wir jedoch, wenn es um Immigration geht. Wir lassen zu, dass die Zukunft der Immigration in unserer Gesellschaft wesentlich von Unternehmerinteressen bestimmt wird.
          Das ist völlig falsch, denn wir haben es in der Vergangenheit erlebt und wir sehen es jetzt wieder: Es dominieren kurzfristige Interessen, die auf Profitmaximierung angelegt sind. Wenn ich die Wahl hätte, jemanden aus den Niederlanden einzustellen oder einen polnischen Arbeiter, ich würde natürlich auch immer Letzteren nehmen. Der geht nach sechs oder sieben Tagen Arbeit mit 400 oder 500 Euro nach Hause, ohne irgendeinem Sozialvertrag gerecht zu werden. Diese Form der Migration unter­ gräbt häufig den Sozialvertrag unserer Gesellschaft. Wir schauen uns das an und tun nichts dagegen, weil wir keinen langfristigen Plan für die Arbeitsmigration haben.
          Und das Gleiche trifft auf unsere Flüchtlingspolitik zu. Ich bin überzeugt, dass es in unseren Gesellschaften klare Mehrheiten dafür gibt, Menschen in Not zu hel­fen, aber nicht unbegrenzt. Eine Politik der offenen Grenzen wird die gesellschaft­liche Mitte, das soziale Zentrum in unseren Gesellschaften zerstören. Sie polarisiert zwischen denen, die »Grenzen öffnen« sagen und denen, die »Grenzen schließen« wollen. Die Menschen wollen Veränderung, aber die Mehrheit will vor allem auch Berechenbarkeit und Orientierung. Es ist wahr, wir haben eine humanitäre Ver­pflichtung gegenüber den Migranten – aber nicht nur für ein einziges Jahr wie 2015. In Deutschland höre ich oft: »Ja, wir mussten diese große humanitäre Geste machen, aber wir werden es im nächsten Jahr nicht wiederholen. Das können wir uns nicht leisten.« Wenn man eine wirkliche moralische Verpflichtung hat, muss man dafür sorgen, ihr nachhaltig gerecht zu werden, Jahr für Jahr, für Jahrzehnte.
          Es ist offensichtlich, dass die Flüchtlingsproblematik angesichts der Welt, in der wir leben eine humanitäre Herausforderung auf lange Sicht sein wird. Und wir kön­nen dieser humanitären Verpflichtung nur langfristig gerecht werden, wenn wir auf nachhaltige Weise mit ihr umgehen, organisiert und planvoll, sodass die Menschen im Land das Gefühl haben, die Entwicklung bleibt unter Kontrolle und die Orientie­rung geht nicht verloren.
          Schauen wir nach Kanada. Manche hier sagen: »Kanada ist weit weg von den eigentlichen Konflikten.« Wir könnten aber von Kanada etwas lernen. Stattdessen fallen uns immer nur Antworten auf die Frage ein, was nicht geht. Wir sollten aber wie die Kanadier zuerst die Frage stellen: Was ist unser Ziel? Danach können wir fragen: Wie können wir unser Ziel erreichen? Das ist der demokratische Weg.
          Die Kanadier sagen: »Wir haben eine organisierte Immigrationspolitik, 300.000 Menschen 2017, 58 % Arbeitsmigration mit dieser oder jener Qualifikation, die wir brauchen, nicht kurz-­, sondern langfristig, 28 % Familiennachzug und 14 % Flücht­ linge. Das ist die Grenze in diesem Jahr«, eine festgelegte, klare humanitäre Verpflich­tung. Die öffentliche Meinung in Kanada ist mehr oder weniger die gleiche wie in Deutschland oder den Niederlanden. Der große Unterschied ist, dass Immigration kein politisch umstrittenes Thema ist. Warum? Weil es Vorhersehbarkeit, Transpa­renz und demokratische Handlungsfähigkeit gibt. Und die haben wir verloren. Also, was wollen wir? Das sollten wir als Erstes fragen.
          Mein zweites Argument ist sehr ähnlich, aber auf eine andere Art. Wir sollten uns bewusst machen, dass jegliche Integration immer eine Geschichte von Konflikten ist. Ich habe kein einziges Beispiel in der amerikanischen oder europäischen Geschichte dafür gefunden, dass Integration nicht mit Konflikten auf allen Seiten verbunden ist. Wir müssen lernen, den rationalen Kern dieser Konflikte zu verstehen und nicht sofort die Menschen, die an den traditionellen Sichtweisen auf Religion oder Fami­lienleben hängen, als Integrationsverweigerer zu sehen oder ihnen gar Fremdenhass zu unterstellen. Solche Begriffe verfehlen den Kern der Konflikte, die immer mit In­tegration einhergehen. Und gewaltfreie Konflikte sind eher ein Zeichen erfolgreicher Integration als ein Zeichen ihres Fehlschlags.
          Wo haben diese Konflikte ihre Ursprünge? Es gibt drei nachvollziehbare Ursa­chen. Die erste ist sozioökonomischer Natur. Geringqualifizierte Migranten, die stets vorherrschende Gruppe in der Geschichte der Migration, sind natürlich vom Unternehmerstandpunkt ein gutes Geschäft, aber nicht zwangsläufig auch vom Standpunkt der Gesellschaft als Ganzes. Wenn man sich die Geschichte der gering qualifizierten Migration anschaut, fällt auf, dass sie Gesellschaften ungleicher macht. Daher waren die amerikanischen Gewerkschaften am Ende des 19. Jahrhunderts für strikte Einwanderungsbeschränkung.
          Fatal sind die Folgen der Immigration gering Qualifizierter für den Sozialstaat. Es ist kein Zufall, dass klassische Einwanderungsländer wie die USA, Kanada oder Australien schwache Sozialstaaten haben. Deshalb stellt sich die Frage nach dem Zu­sammenhang zwischen dem Zugang zum Sozialstaat und der Staatsangehörigkeit. Langfristige Immigrationspolitik muss vor allem eine Frage klären: Wie kann der erhebliche Interessenkonflikt zwischen der Sicherung eines großzügigen Sozialstaats auf der einen Seite und der Entscheidung für eine großzügige Migrationspolitik ge­handhabt werden.
          Die zweite Konfliktursache, die man die ganze Geschichte der Migration hindurch beobachten kann, ist normativ. Es gab eine Zeit, in der katholische Immigranten aus Italien, Irland und Polen in den USA stark abgelehnt wurden, weil ihre Konfession im Widerspruch zum protestantischen Selbstbild Amerikas stand. Sie waren nicht willkommen. Zurück in unsere Zeit. Es ist doch sehr verständlich, dass in einer Ge­sellschaft, die sich in den letzten 50 Jahren so stark liberalisiert hat wie die unsrige, ein tiefer normativer Konflikt entsteht, wenn Migranten aus autoritären Gesellschaften in großer Zahl hinzukommen, die auf eine entsprechend autoritäre Art sozialisiert wurden, vom Familienleben, der Beziehung zwischen den Alten und den Jungen bis hin zu ihrer Rolle in Gesellschaft und Staat. Dies ist ein Konflikt zwischen sozialen Normen, der völlig verständlich ist, den wir durch die Geschichte der Migration hin­ durch beobachtet haben und der nun in der Gegenwart bei uns wieder aufflammt. Das hat nichts mit Schuld zu tun, für die jemand verantwortlich gemacht werden muss.
          Die dritte Konfliktursache, die in Wahrheit nicht viel mit Fremdenfeindlichkeit oder Integrationsverweigerung zu tun hat, besteht darin, dass in einer Einwanderer­ gesellschaft internationale Konflikte zu nationalen Konflikten werden. Das zeigt etwa die Geschichte der Deutschen in Amerika. Während des Ersten Weltkriegs wurde riesiger Druck auf diese Gemeinschaft, die größte Migrantengemeinschaft in Ame­rika um 1900, ausgeübt, sich entweder für Amerika zu entscheiden, das sich zu der Zeit im Krieg gegen Deutschland befand oder sich für neutral zu erklären. Natürlich wollten die Menschen das Letztere. Das war ein großer Loyalitätskonflikt.
          Es ist also nicht überraschend, dass ein nicht offiziell erklärter Bürgerkrieg in der Türkei große Konsequenzen für unsere Schulen, unsere Straßen, die türkische Gemeinschaft bei uns und vieles mehr hat. Wenn wir aber nicht verstehen, dass inter­ nationale Konflikte durch Immigration zu nationalen Konflikten werden, mit all den Konsequenzen, die diese für den sozialen Frieden mit sich bringen, dann verstehen wir nicht, worum es bei Integration eigentlich geht.
          Mein drittes Argument: Wenn wir uns die sehr konfliktträchtige Geschichte der Migration und der Integration anschauen, dann stellt sich natürlich die Frage: Wie müssen wir mit diesen Konflikten umgehen? Dabei helfen uns abstrakte Begriffe nicht. »Diversität« ist ein leeres Wort, weil es alles umfasst und am Ende nichts meint. Alles ist divers, aber es gibt verschiedene Arten von Diversität, Arten von Extremis­ mus, die im Konflikt mit der Idee einer offenen Gesellschaft stehen. Analphabetis­ mus ist auch eine Art von Diversität, wir begrüßen sie aber nicht. Wenn wir uns also nicht über unsere Werte im Klaren sind und uns hinter Verlegenheitsworten wie Diversität verstecken, verlieren wir die Orientierung.
          Es gibt mittlerweile eine Datenbank über die gesamte Bevölkerung der Nieder­lande, mehr als 17 Millionen Menschen. Neue Forschungen, die wir in den Nieder­landen, aber auch darüber hinaus betrieben haben, zeigen zweierlei. Erstens, dass wir im empirischen Sinn viel diverser sind als wir dachten, weil wir uns bisher nur die klassischen Immigrationsgemeinden angeschaut haben. In der Stadt, aus der ich komme, leben Menschen aus 180 verschiedenen Nationen. Es gibt einen klassischen Diversitätsindex, der von null bis eins reicht und der die schlichte Frage stellt: Wenn du Menschen zufällig in einer Stadt triffst, haben sie einen anderen Hintergrund oder haben sie den gleichen Hintergrund wie du? Auf dieser Skala liegt Amsterdam bei 0,75, also drei von vier Personen, die man dort auf der Straße trifft, haben einen verschiedenartigen Hintergrund. Das ist ein sehr hohes Maß an Diversität.
          Zweite Beobachtung: Es gibt in den Nachbarschaften einen deutlichen Zusam­menhang zwischen dem Grad der Diversität und dem Verfall des sozialen Zusam­menhalts. Zu dem gleichen Ergebnis sind auch die umfassenden Forschungen von Robert Putnam in den USA gelangt. Es darf keine Missverständnisse darüber geben, dass zwischen dem Ausmaß der Diversität und dem Ausmaß des Vertrauens und des sozialen Zusammenhalts innerhalb einer Gesellschaft eine negative Wechselwirkung besteht. Hingegen wurde kein positiver Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Maß an Diversität gefunden. Im Gegenteil, im am dichtesten besiedelten Teil unseres Landes, einschließlich solcher Städte wie Amsterdam, Rotter­ dam oder Utrecht gibt es eine negative Korrelation zwischen dem Grad der Diversität und dem wirtschaftlichen Wachstum.
          Dies sind die harten Fakten. Wenn wir nicht über diese Tatsachen reden wollen und vor ihnen zurückschrecken, uns hinter Verlegenheitsworten wie Diversität verstecken, die nicht nur die wahren empirischen Fragen verschleiern, sondern uns auch im normativen Sinn keinen Anhaltspunkt geben, in welche Richtung wir gehen sollen, dann können wir nicht ernsthaft über Migration und Integration reden.
          Mein letztes, positiveres Argument lautet, dass die Spaltungen und Brüche in unseren Gesellschaften, die wir rund um diese Fragen sehen können, natürlich nicht unabwendbar sind, sondern überwunden werden können. Voraussetzung dafür ist, dass wir über Wörter wie Multikulturalismus oder Diversität hinausgehen, denn sie sagen uns nicht, was uns verbindet. Wir brauchen Begriffe, Ideen und einen poli­tischen Stil, die uns sagen, was wir gemeinsam haben, um in der Lage zu sein, auf friedliche Weise über die Fragen zu streiten, in denen wir nicht übereinstimmen. Aber wenn wir nur Wörter haben, die beschreiben, was wir nicht gemeinsam haben und uns eine Sprache dafür fehlt, die uns sagt, wo wir übereinstimmen sollten oder könnten, dann gelangen wir nicht zu dem, was wir eigentlich wollen.
          Ich möchte vier Antworten auf die Frage geben, was wir alle gemeinsam haben. Dabei geht es zuerst um die Idee einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft, nicht als Abs­traktion, sondern als gelebte Realität. Sie verlangt vor allem, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. In den Niederlanden haben wir den Migranten Jahr für Jahr gesagt: »Lass es, du musst nicht niederländisch lernen. Es ist nicht so wichtig. Ist sowieso eine kleine Sprache.« In Wahrheit haben wird ihnen damit aber gesagt: »Du wirst nie ein Bürger dieser Gesellschaft sein, weil du nicht in der Lage sein wirst, dich richtig mit deinen Mitbürgern zu unterhalten, du bleibst marginalisiert.« Das war die eigentliche Be­deutung hinter dem Gedanken, Sprache nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Dann fanden wir heraus, dass viele der Migranten in der niederländischen Bevölke­ rung einen sehr niedrigen Bildungsstand haben. Es gab beträchtliche Defizite bei ihrer Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Aus dieser Diskussion über Integration ergab sich eine weit folgenreichere darüber, wie Bildung und Bürgerschaft zusammenhängen.
          Das zweite Beispiel ist Wissen. Was muss man wissen, um ein vollwertiger Bürger zu sein? Das führte uns zu der Diskussion über Integration und die Bedeutung einer dafür geeigneten Reform der Lehrpläne in unseren Schulen – nicht nur für Kin­der mit Migrationshintergrund, sondern für alle. Was muss man über seine eigene Geschichte wissen und dann über all die schwierigen Fragen zu Kolonialismus und Sklaverei? Ich habe selbst beim Bau eines Denkmals mitgewirkt, das in einem zentral gelegenen Park in Amsterdam der Sklaverei gedenkt, denn wenn man ernsthaft über Geschichte redet, darf man auch deren schmerzhaften Aspekten nicht ausweichen. In Deutschland sagen einige: »Aber ihr werdet doch nicht mit Kindern aus Migran­tengemeinschaften über die Jahre 1933–45 sprechen. Das ist nicht ihre Geschichte.« Aber was, wenn all diejenigen, die nach dem Krieg geboren wurden, gesagt hätten, Vergangenheitsbewältigung sei nur etwas für die Leute, die in dieser Zeit gelebt haben? Wir alle, die nach 1945 geboren wurden, sind ja Neuankömmlinge in die­ser Gesellschaft. Und wir sind alle eingebunden in eine moralische Gemeinschaft, die versucht, eine Beziehung zu diesen Jahren mit all ihren Lektionen und all den moralischen Mehrdeutigkeiten, die diese mit sich bringen, aufzubauen. Eine Lehr­planreform, die fragt, was wir über unsere Geschichte wissen müssen und über den Rechtsstaat, das ist eine gemeinsame Aufgabe, die die ganze Gesellschaft bereichert.
          Das dritte Beispiel ist Teilhabe. Staatsbürgerschaft bedeutet immer Teilhabe. In unserem Sozialstaat gehören Migranten zu den risikoanfälligsten, den abhängigsten Teilen unserer Bevölkerung. Das führt zu der Frage nach einer Reform des Sozial­staats. Dabei darf es nicht um eine Reduzierung der Unterstützung gehen, denn wir dürfen uns nicht an der Frage orientieren, ob wir uns das leisten können. Maßgeblich muss vielmehr die Frage der Staatsbürgerschaft sein. Wie muss ein Sozialstaat auf­ gebaut sein, der nicht Abhängigkeit erzeugt, sondern in das gesellschaftliche Leben einbezieht und soziale Mobilität ermöglicht?
          Die letzte und schwierigste Frage ist die nach dem normativen Aspekt der Staats­bürgerschaft, die oft eine ganz überflüssige Verlegenheit hervorruft. Wir können eine Sprache finden, die Gemeinschaft erzeugt. Wir müssen zunächst feststellen, dass es in einer offenen Gesellschaft nicht ausreicht, sich an die Gesetze zu halten. Denn man kann ja auch mit einer abweisenden Gesinnung die Gesetze äußerlich beachten. Es ist durchaus möglich, in einer offenen Gesellschaft mit einer sehr orthodoxen Religion oder Weltanschauung zu leben. In der Gesetzgebung gibt es nichts, das einen daran hindert zu sagen: »Ich habe ein Wahrheitsmonopol und ich verachte jeden, der nicht die gleiche Überzeugung teilt wie ich« – ganz gleich, worin diese Überzeugung be­ steht. Wir müssen über die Gesetzgebung hinausblicken und nach Einstellungen su­chen, die eine offene Gesellschaft zu einer lebenswerten Gesellschaft für Viele macht. Die Idee dahinter ist sehr einfach: Gegenseitigkeit. In den 60er Jahren und danach haben wir allen gesagt: »Du hast Rechte.« Aber wir haben vergessen, den Leuten zu sagen, dass diese Rechte sehr schnell untergraben werden, wenn wir nicht ein Be­wusstsein dafür entwickeln, dass eben diese Rechte auch für andere, mit denen wir überhaupt nicht übereinstimmen, verteidigt werden müssen.
          Wenn ich in eine Moschee eingeladen werde, sage ich den Menschen dort: »Ja, ihr habt ein Recht auf Religionsfreiheit, aber wenn ihr nicht die Verantwortung da­für übernehmt, die Freiheit derjenigen zu verteidigen, die eure Religion kritisieren, werdet ihr langfristig eure eigene Freiheit verlieren.« Die politischen Parteien der Mitte müssen jene Teile unserer Bevölkerung, die die Religionsfreiheit anderer nicht mehr respektieren, mit der Tatsache konfrontieren, dass sie in einer offenen Gesell­schaft ihre eigene Religionsfreiheit nur genießen können, wenn sie das gleiche Recht auch allen anderen zubilligen. Wenn ich mit Jugendlichen mit marokkanischem oder türkischem Hintergrund rede, frage ich sie: »Warum seid ihr so wütend?« »Wir werden diskriminiert.« »Was ist das Problem mit Diskriminierung?« »Wir wollen gleichbehandelt werden.« »Okay. Das ist wichtig. Findet ihr, dass in eurer eigenen Gemeinschaft Gläubige und Nichtgläubige, Frauen und Männer, Homosexuelle und Heterosexuelle auch gleichbehandelt werden sollten?« Dann wird ihnen klar, worin die Fairness in diesem Argument besteht.
          Eine solche gemeinsame Sprache brauchen wir, um Haltungen entgegenzutreten, die zwar rechtlich innerhalb der Grenzen unserer Gesetzgebung bleiben, aber auch letzten Endes die Einstellungen zerstören, von denen eine offene Gesellschaft lebt. Gegenseitigkeit ist der Schlüssel. Und wenn wir nicht die Sprache und die Zivilcourage finden, um Menschen allerorten zur Rede zu stellen, die eine solche Haltung ablehnen, dann können wir auch nicht die Brücken bauen, die wir brauchen.
          Zum Abschluss eine kleine Anekdote. Ich sprach mit Mitgliedern der surinami­schen Gemeinschaft in Amsterdam, Migranten aus einer ehemaligen niederländi­schen Kolonie. Vor 40 Jahren galten sie als nicht integrierbar – ein ziemlich großes Problem, das nie gelöst werden konnte. Eine Person stand auf und sagte: »Niemand redet mehr über uns. Es geht nur noch um die türkische Gemeinschaft, die marokka­nische Gemeinschaft.« »Seid doch dankbar dafür.« Natürlich ist es auch in den Nie­derlanden so, dass man nur Geld und Fördermittel vom Staat bekommt, wenn man als Problem wahrgenommen wird. Also war das ihr zentraler Punkt. Und ich dachte: Das ist es, was ich in meinem 500-­seitigen Buch versucht habe zu beschreiben, ein Satz wie: »Niemand redet mehr über uns« zeigt, wie Integration gelingt. Ich bin sehr zuversicht­lich, dass wenn ich in zehn Jahren mit Menschen aus der marokkanischen Gemeinde spreche, jemand aufstehen und sagen wird: »Niemand redet mehr über uns.«
(Aus dem Englischen von Anne Gräfe.)


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