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Neuere Bücher über historische und soziale Aspekte der Medizin Die Kunst des Heilens

Vom ersten Atemzug bis zum letzten: Medizin prägt unser Leben. Dabei spiegelt jede gesundheitspolitische Entscheidung die Frage, wie wir mit Verletzlichkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit umgehen. Sie zeigt, dass medizinische Praktiken stets in soziale, politische und ökonomische Zusammenhänge eingebettet sind – mit allen Irrtümern und Fehlern. Darauf machen in diesem Bücherherbst auch eine Reihe von Neuerscheinungen aufmerksam.

»Der beste Platz für die Hände der Geburtshelfer sind die Hosentaschen.« Dieser wunderbare Satz findet sich in Werner Bartens Reise durch die Geschichte der Medizin Leib und Seele. Im Allgemeinen Krankenhaus Wien starben 1840 ein Fünftel bis ein Drittel der gebärenden Frauen am sogenannten Kindbettfieber. Genauer gesagt, nur auf der Station, die nicht von Hebammen versorgt wurde, sondern von Medizinstudenten.

Sie kamen direkt aus dem Seziersaal und untersuchten nun die Frauen in der Geburtshilfe, ohne sich die Hände zu waschen, geschweige denn sie zu desinfizieren. Der leitende Assistenzarzt Ignaz Philipp Semmelweis erkannte den Zusammenhang und führte eine verpflichtende Händedesinfektion mit Chlorlösung ein. Innerhalb von Wochen starben nur noch zwei Frauen von Hundert.

Doch in der Ärzteschaft galt Semmelweis nicht als Pionier, sondern als Nestbeschmutzer. Widerstand und Hass schlugen ihm entgegen. Fachliche Anerkennung blieb ihm versagt und er starb unter mysteriösen Umständen in der Wiener Landesirrenanstalt Döbling, wo er mutmaßlich misshandelt wurde. Im Englischen existiert bis heute die Redewendung vom »Semmelweis-Reflex«. Damit ist gemeint, dass neue Erkenntnisse von Fachkollegen abgelehnt werden, ohne dass die Hypothesen zuvor ernsthaft überprüft worden wären.

Unterdrückung, Armut und Krankheit

Als der Posener Landarzt Robert Koch 1878 dem prominenten Chefarzt Rudolf Virchow seine aufregende Entdeckung des Milzbranderregers vorstellen wollte, stieß er beim Betreten des Saals einen Totenkopf um. Verärgert über dessen Ungeschick hörte Virchow seinen Ausführungen gar nicht mehr zu. Bei der anschließenden Diskussion meldete sich nur ein Assistent: »Können Sie mir vielleicht die Adresse Ihres Schusters verraten?« Höhnisches Gelächter im Auditorium. Koch war blamiert bis auf die Knochen. Dabei galt Rudolph Virchow keineswegs als ignorant. Schon als junger Arzt erkannte er 30 Jahre vor dieser Szene als Abgesandter der Preußischen Regierung in Oberschlesien den Zusammenhang zwischen Unterdrückung, Armut und Krankheit. Epidemien waren für ihn Symptome sozialer und politischer Missstände. Gegen den grassierenden Typhus könne nur volle und unumschränkte Demokratie helfen, formulierte er etwas hölzern.

Allerding unterschätzte er zeitlebens die Bedeutung der Bakteriologie. Wie auch Robert Koch nicht vor Selbstüberschätzung und Blindheit gefeit blieb. Nachdem er auch noch die Cholerabazillen und Tuberkuloseerreger identifiziert hatte und dadurch zu Anerkennung und Ruhm gelangt war, glaubte er im Tuberkulin ein vermeintliches Heilmittel entdeckt zu haben, an dem aber Dutzende seiner Patienten verstarben.

Werner Bartens erzählt von etlichen »Semmelweis-Reflexen« in der Medizingeschichte. Sein glänzend geschriebenes Buch ist thematisch faszinierend gegliedert in Kapitel, die jede chronologische Langeweile vermeiden. Beispielsweise in »Schauplätze und Räume«, »Einblicke und Durchblicke« und »Wirkstoffe und Wunderkuren«. Sein Fazit überzeugt: »Medizin ist schließlich keine Ingenieurwissenschaft am Menschen und auch keine Naturwissenschaft, obwohl sie entsprechende Methoden nutzt. Die Kunst des Heilens erfordert mehr, sie ist zutiefst humanwissenschaftliche Leib- und Seelenkunde«.

»Heute überleben ungefähr 90–95 Prozent aller Frühgeborenen, selbst noch mit einem Körpergewicht unter 1.500 Gramm.«

Ein neugeborener Mensch ist kein Miniaturkind, denn sein Körper verwandelt sich noch dramatisch: Der Blutkreislauf setzt ein, die Luft öffnet die Lungen, im Herzen schließen sich Gefäße, andere erweitern sich. Atmung und Herzschlag verlangsamen sich, die fünf Wirbel am unteren Rücken verschmelzen zum Kreuzbein. Aus 300 weichen Knochen werden schließlich 206 feste. Ein »Alchimistisches Wunder« nennt das die französische Kulturjournalistin Clémentine Goldszal. Für ihr Buch Der erste Schrei. Über das rätselhafte Wesen des Neugeborenen verbrachte sie mehrere Monate in der Neonatologie des Pariser Necker-Krankenhauses. Diese ist spezialisiert auf kranke Neugeborene und Frühchen, und zwar insbesondere für die Fälle, mit denen andere Krankenhäuser überfordert sind. Vor 50 Jahren wären diese Babys noch in den ersten Stunden oder Tagen nach ihrer Geburt gestorben. Heute überleben ungefähr 90–95 Prozent aller Frühgeborenen, selbst noch mit einem Körpergewicht unter 1.500 Gramm.

Ein schwieriger Überlebenskampf

Für einige von ihnen, die mit einem Herzfehler, einer unreifen Lunge oder einer unvollständigen Luftröhre auf die Welt kommen, ist das Leben allerdings ein schwieriger Überlebenskampf. Über sie schreibt Clémentine Goldszal, die sich nach der Geburt ihres Sohnes wunderte, dass zwar inzwischen über die geburtshilflichen Aspekte der Mutterschaft mehr gesprochen wird, aus der Perspektive der betroffenen Babys aber kaum Literatur zu finden ist.

Ein Drittel der Frühgeborenen, die vor der 31. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, leiden an einer Retinopathie, die oft zur Erblindung führt. Ein prominentes Beispiel ist der Komponist und Sänger Stevie Wonder. In der Neonatologie des Necker werden heutzutage alle diese Frühgeborene auf Retinopathie untersucht und gegebenenfalls operiert. Meistens erfolgreich, wie im Fall der drei Pfund leichten Patientin Fiona. Aber nicht alle überleben. Dann fahren die Ärztinnen und Pfleger die Behandlung aktiv herunter. »Dieser Prozess findet langsam, wohlüberlegt, behutsam statt. Er ist das tragische Pendant zu dem, was am anderen Ende des Ganges vor sich geht, wo Babys, denen es endlich gut geht, für die Entlassung nach Hause vorbereitet werden.« Mit ihrem Buch will die Autorin diesen Neugeborenen eine Stimme geben, was ihr durch eine kluge Mischung aus einfühlsamer Beobachtung und medizin-historischer Sachkenntnis überzeugend gelingt.

Die in Berlin lebende amerikanische Wissenschaftshistorikerin haitianischer Abstammung, Edna Bonhomme, verspricht mit Eingesperrt und ausgegrenzt eine andere Geschichte der Medizin. Als Kind war sie selbst an Typhus erkrankt und musste quälend lange Wochen im Krankenhaus zubringen. Aus dieser Erfahrung schreibt sie ihre Medizingeschichte aus der Perspektive von Ausgrenzung und Eingesperrtsein. Im Gegensatz zu Bartens würdigt sie Robert Koch weniger als bedeutenden Begründer der Mikrobiologie, sondern kritisiert ihn insbesondere für seine medizinischen Experimente an Afrikanern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts leitete Koch eine Expedition nach Deutsch-Ostafrika. Dort wollte er die Schlafkrankheit erforschen. Am Viktoriasee waren Tausende von Männern, Frauen und Kinder daran erkrankt.

Medizinische Experimente

Um seine Untersuchungen und Experimente durchführen zu können, ließ Koch Patienten in Lagern internieren und behandelte sie mit einem arsenhaltigen Medikament namens Atoxyl. Das im Deutschen Reich verbotene Präparat verursachte bei der Injektion starke Schmerzen. Anfangs bewirkte es nur scheinbar eine leichte Besserung, letztlich aber hatte es nur starke Nebenwirkungen und trug nicht zur Linderung oder Heilung bei. Viele Patienten starben sogar daran. Nur vordergründig ging es Koch um die Bekämpfung der Schlafkrankheit, urteilt Edna Bonhomme. Tatsächlich sollte die Forschungsexpedition die deutsche Kolonialmacht stärken. Was die Autorin dazu an Fakten zusammenträgt, geht aber nur wenig über das hinaus, was man dazu auch bei Wikipedia nachlesen kann. Ihr Buch gliedert sie chronologisch in sechs Kapitel: Cholera, Schlafkrankheit, Influenza, AIDS, Ebola, Covid-19.

»Nötig wäre eine politische Gesundheitsgeschichte aus rassismuskritischer Perspektive.«

So erfahren wir beispielsweise, dass im ersten Jahrzehnt der HIV-Epidemie Infektionen im US-amerikanischen Gefängnis von Bedford Hills weitaus häufiger vorkamen als draußen. Drei Frauen, eine HIV-positive und zwei ehemalige Mitglieder der linken Weather-Underground-Organisation gründeten daher im Gefängnis das »AIDS Committee for Education« zur Aufklärung und Beratung. Während der Ebola-Epidemie in Liberia wurden die schwarzen Einwohner von West Point unter Quarantäne gesetzt. Weiße und nicht afrikanische Menschen hingegen wurden evakuiert. Diese kurzen Beispiele unterstreichen, wie nötig eine politische Gesundheitsgeschichte aus rassismuskritischer Perspektive wäre. Aber Edna Bonhomme scheitert mit ihrem Versuch an ihrer Oberflächlichkeit und wegen ihres Betroffenheitsgestus’.

Dass eine persönliche Darstellungsweise inklusive vieler Fakten und Studien gelingen kann, beweist die US-amerikanische Biologin und Wissenschaftsjournalistin Caroline Williams mit ihrem Buch Sich fühlen über die neue Wissenschaft der Interozeption. Die Autorin hat einige Experimente aus der Intero­zeptionsforschung an sich selbst ausprobiert. Der sperrige Begriff bezeichnet die Summe der Innenwahrnehmungen, also wie unser Gehirn die Signale und Empfindungen wie Appetit, Müdigkeit, Energie, Freude und Schmerz interpretiert. Wobei der Begriff nicht wirklich neu ist. Der spätere Nobelpreisträger für Physiologie Charles Sherrington prägte ihn bereits 1906.

Die zentrale These der Interozeptionsforschung lautet: Weder ist das Gehirn der Ausgangspunkt für unser geistiges Erleben, noch ist es der Endpunkt. Gehirnaktivität kann nur funktionieren durch die unzähligen Kommunikationskanäle mit allen anderen Körperteilen. Geist ist das Zusammenspiel von allem.

Körper und Geist sind eins

Wenn wir uns energiegeladen fühlen, handelt es sich tatsächlich um eine interozeptive Einschätzung, wie viel Energie uns zur Verfügung steht. Vitalität ist entscheidend für ein gesundes und erfülltes Leben. Aber da man sie nicht messen kann, interessierte sich die westliche Medizin wenig dafür. Die chinesische Medizin hingegen kennt den Begriff des »Chi«, im indischen Ayurveda ist die Rede von »prana«. Zellulär entsteht Energie in den Mitochondrien. Die Interozeptionsforschung untersucht jetzt, wie effizient die Mitochondrien Energie freisetzen. Dadurch kam eine Arbeitsgruppe auf einen mitochondrial health index (MHI). Er misst die Konzentration von Schlüsselenzymen im Verhältnis zur Mitochondrienzahl. Je höher der MHI, desto effektiver die Mitochondrien. Auch weitere Biomarker kommen dafür in Frage.

Caroline Williams gelingt es, ziemlich komplizierte biologische Abläufe verständlich und spannend darzustellen. Es könnte sein, vermutet sie, dass Alte­rungsprozesse dereinst aufgehalten oder sogar gestoppt werden könnten. Die Vorstellung, dass Körper und Geist zusammengehören, ist mit der Interozeptionsforschung jedenfalls aus dem Schatten der Esoterik herausgetreten. Die neue Disziplin beweist: Körper und Geist sind eins.

Werner Bartens: Leib und Seele. Eine Reise durch die Geschichte der Medizin. Rowohlt, Berlin 2025, 528 S., 32 €.

Clémentine Goldszal: Der erste Schrei. Über das rätselhafte Wesen des Neugeborenen. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. dtv, München 2025, 288 S., 22 €.

Edna Bonhomme: Eingesperrt und ausgegrenzt. Armut, Ausbeutung und Rassismus – eine andere Geschichte der Medizin. Aus dem Englischen von Anna von Rath. Propyläen, Berlin 2025, 384 S., 26 €.

Caroline Williams: Sich fühlen. Die neue Wissenschaft der Interozeption als Schlüssel für körperliche und geistige Gesundheit. Aus dem Englischen von Susanne Warmuth und Jorunn Wissmann. C. H. Beck, München 2025, 240 Seiten, 25 €.

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