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Wie wir der Komplexitätsfalle entkommen und den Zukunftskater hinter uns lassen Eine bessere Zukunft ist möglich!

Wer in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen ist, müsste heute längst tot sein. Nukleares Wettrüsten, Waldsterben, Tschernobyl, AIDS – die Prognosen für unsere heutige Zeit ließen nur das Allerschlimmste erwarten. Es sei unverantwortlich, in diese Welt noch Kinder zu setzen, hörte die junge Generation damals sogar von manchen Lehrerinnen, Politikern oder den eigenen Eltern. Die Geburtenrate sank danach tatsächlich, die große Katastrophe blieb jedoch aus, zumindest in Europa. Heute, auch so kann man es entgegen mancher aktuellen Bewertung sehen, geht es der Menschheit im globalen Durchschnitt besser als je zuvor. Lebenserwartung, Bildung und Gesundheit – die Indikatoren des menschlichen Fortschritts haben sich global enorm verbessert. Noch nie in der Geschichte haben die Menschen mehr Zeit, mehr Bildung, eine bessere Gesundheit und höhere Einkommen gehabt. Das Problem ist und bleibt eher die Verteilung.

Fast 90 Prozent der Menschen haben heute Zugang zu Bildung und können lesen und schreiben. Der globale Wohlstand und damit die Chancen, ihn für immer mehr Menschen gerecht zu verteilen, wachsen. Für die zweite Hälfte des Jahrhunderts wird der Höhepunkt des Bevölkerungswachstums erwartet. »Überbevölkerung« wird dann ein aussterbender Begriff, der uns keine Angst mehr machen muss.

Und dennoch scheint die Zeit des Zukunftsoptimismus (zumindest in Deutschland) vorbei. Der Publizist Tom Junkersdorf schildert das real existierende Lebensgefühl unserer Tage in der Zeitschrift Tomorrow als »Post Future Hangover«, als Zukunfts-Verkaterung: »Wir alle haben offenbar einen Kater. Aber es geht nicht nur um eine Krankheit, sondern um das, was wir Leben nennen. Wir haben uns auf den Fortschritt gefreut. Die Technik. New Work. Die Chance auf Homeoffice, neue Werte und neue Wertschöpfung. Wir haben die Digitalisierung umarmt wie gute Gastgeber. Jetzt haben wir all das. Und spüren, dass es unserer Lebensqualität und unserem Wohlbefinden nicht besser geht. Wir wollten Wellbeing und haben plötzlich Toxic Care. Wir wollten Wohlstand und haben plötzlich Notstand überall. Wie wollten Frieden und haben plötzlich Krieg.«

»Das Spannungsverhältnis zwischen Hoffnung und Handlungsmacht wird zu groß.«

Zukunft und Fortschritt werden hierzulande nicht mehr als glückliche Utopie gesehen. Statt Work-Life-Balance, Klimaschutz, Künstliche Intelligenz, Migration, New Work und die Verheißung einer neuen Wirtschaft, die Wohlstand und Wohlfühlen für alle bringt, zu feiern, wuchsen Überforderung und Ernüchterung. Die Folgen sind Enttäuschung, Resignation, Unsicherheit oder gar Wut und Hass. Das Spannungsverhältnis zwischen Hoffnung und Handlungsmacht wird zu groß. Die Realitäten sind komplexer als wir angenommen haben. Wie kommen wir aus der Komplexitätsfalle wieder heraus und lassen den Zukunftskater hinter uns? Indem wir den Umgang mit Enttäuschungen lernen und uns pragmatische Ziele setzen.

»Die heutige Omnikrise ist vor allem eine Erwartungskrise«, so der Zukunftsforscher Matthias Horx. »Eine Steigerungskrise: Wir haben von der Zukunft viel erwartet. So viel, dass wir gar nicht merkten, wie sich überall Paradoxien und Widersprüche auftürmten. Was wir verloren haben, ist die Vorstellung, dass die Welt trotz allem besser wird.«

Die Zukunftswette

Warum nicht gegen den Strich denken? Es kommt dann aber auch darauf an, etwas zu tun, damit es anders kommt, als viele es kommen sehen. Fünf Positiv-Prognosen gegen den Pessimismus, die zu einer einzigen Zukunftswette werden: Erstens werden wir zwar älter, bleiben aber kreativ und innovativ. Die Begriffe »Überalterung« und »Überbevölkerung« braucht niemand mehr. Treiber der demografischen Entwicklung sind der medizinische Fortschritt, die gestiegene Lebenserwartung und ein globaler Wertewandel, der das Thema Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt.

Zweitens wird die Welt friedlicher, weil sie immer mehr zum Dorf wird. Aus fernen Ländern werden Nachbarn, aus fremden Gesellschaften werden Netzwerke, die voneinander abhängen. Kriege wie zuletzt im Irak, in Afghanistan und in Gaza wird es nicht mehr geben.

Drittens: Eine globale Mittelschicht entsteht, die wohlhabender sein wird als alle Generationen zuvor. Eine Welt ohne extreme Armut und Hunger ist damit möglicher denn je. Gesellschaften, die offen sind für Migration, profitieren mehr als geschlossene Gesellschaften.

Viertens: Bis 2030 werden wir den »Carbon Peak«, den Höhepunkt des globalen CO2-Ausstoßes, erreichen. Es wird uns gelingen, die Wirtschaft weltweit bis 2050 klimaneutral zu machen. Wir werden mit erneuerbarer und grüner Energie so viel fliegen und Autofahren können, wie wir wollen. Die Kreislaufwirtschaft ersetzt bis 2050 die lineare Verschwendungswirtschaft.

Und fünftens wird die Zahl der Demokratien wieder zunehmen. Demokratien führen keine Kriege untereinander, weil sie die Freiheit zur Entscheidung ihren Bürgern und nicht Despoten überlassen, so der Begründer der Aufklärung Immanuel Kant vor 250 Jahren. Liberale Systeme sind, das zeigen Patentanmeldungen und Erfindungen wie Impfstoffe gegen Corona, lernfähiger und innovativer als autoritäre Systeme und Diktaturen.

Und fünftens wird die Zahl der Demokratien wieder zunehmen. Demokratien führen keine Kriege untereinander, weil sie die Freiheit zur Entscheidung ihren Bürgern und nicht Despoten überlassen, so der Begründer der Aufklärung Immanuel Kant vor 250 Jahren. Liberale Systeme sind, das zeigen Patentanmeldungen und Erfindungen wie Impfstoffe gegen Corona, lernfähiger und innovativer als autoritäre Systeme und Diktaturen.

Was uns für eine bessere Zukunft am meisten fehlt, ist Zukunftskompetenz, »Future Literacy« als die Fähigkeit, sich nicht von Problemen vereinnahmen zu lassen, sondern sie von den Lösungen her zu sehen und kreativ und resilient auf sie zu reagieren. Individuell, gesellschaftlich und unternehmerisch. Zukunftskompetenz gehört auf die Agenda von Schulen, Unternehmen und Politik. Der »Lehrplan« umfasst eine offene Lern- und Fehlerkultur, psychologische Sicherheit, Empathie, Veränderungsbereitschaft und Ambiguitätstoleranz als Fähigkeit, mit Unklarheit und Widersprüchen umzugehen und ruhig und handlungsfähig zu bleiben.

Wandel bedeutet nicht immer gleich Fortschritt, sondern vor allem Veränderung. Vielleicht leben wir in einer neuen, prototypischen Aufbruchszeit, ohne es zu merken. Auch wenn es paradox klingen mag: Es ist grundvernünftig, gerade jetzt mutig zu denken, zu handeln – und zu entscheiden. Nur dann verharren und erstarren wir nicht in Angst, sondern können uns und die Welt um uns herum weiterentwickeln. Das Bessere ist dann das weniger Schlimme oder die Vermeidung des Allerschlimmsten.

Wie macht man die Welt wieder frisch?

Mutige, auch riskante Entscheidungen zu treffen, etwas Neues auszuprobieren das war noch nie so einfach wie heute. Zum einen zählen die Maßstäbe der Vergangenheit immer weniger, zum anderen stehen uns in der heutigen Gesellschaft mehr Möglichkeiten denn je offen. Um sie zu nutzen, braucht es frisches Denken und den Mut, Neues zu wagen: Zuversicht im Umgang mit Unsicherheit und Risiko, eine positive Sicht auf Veränderungen und Dynamiken. Der Philosoph Zygmunt Bauman hatte in seinem ganzen Leben nur eine zentrale Frage: »Wie macht man die Welt wieder frisch?« Bauman verstand darunter die Fähigkeit, die Welt staunend und neugierig immer wieder neu zu betrachten und nach vorne zu denken.

»Es geht nicht um einfache Antworten, es geht um neue Perspektiven, Beziehungen und das aktive Aushandeln von Zukunft.«

Das Neue kommt in Wahrheit von innen, aus der Beziehung zur Welt, zu Technologien und zu sich selbst. Zukunft und Zuversicht entstehen, wenn wir unsere Zukunftsenttäuschung nicht als End-, sondern als Startpunkt für Verbesserungen und neue Optionen betrachten. Es geht nicht um einfache Antworten, es geht um neue Perspektiven, Beziehungen und das aktive Aushandeln von Zukunft. Voraussetzung für diesen Zukunftsvertrag ist ein Kulturwandel, der aus drei Maximen besteht: Vertrauen ist besser (und billiger) als Kontrolle. Dezen­trale (subisidiäre) Lösungen sind effektiver und effizienter als zentrale Maßnahmen. Prävention, Bildung und Resilienz sind die wichtigsten Investitionen in die Zukunft und nicht Reparatur und Ultrastabilität.

Der Religionswissenschaftler James P. Carse unterscheidet in seinem Buch The Infinite Game zwischen zwei Arten von Spielen: Fußball, Wahlen und rein profitorientiertes Business sind »endliche« Spiele, in denen es immer Gewinner und Verlierer gibt. Dagegen sind Familie, Lachen, Liebe, Kunst und Kochen sowie gemeinnütziges, sinnhaftes Business »unendliche« Spiele. Sie kennen nur Gewinner. Wir spielen sie immer wieder, verbessern sie und uns und lernen dabei ewig hinzu. Wir müssen uns für eine Art von Spiel entscheiden und ob dabei alle gewinnen sollen. Wir entscheiden, was wir sein wollen und was wir sein können. Wir können aus weniger Armut, Hunger und Klimazerstörung mehr Wohlstand, Frieden und Freiheit machen.

Was eine moderne und liberale Gesellschaft zusammenhält, ist das Narrativ einer besseren Zukunft für kommende Generationen. Gefragt sind Mut und Beweglichkeit statt Panik und Besitzstandsdenken. Während die Retros das Rad der Geschichte zurückdrehen, muss die progressive Mitte das Rad der Zukunft neu spannen.

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