Das Schreiben über Hoffnung scheint Konjunkturen unterworfen zu sein. In wahrgenommenen Krisenzeiten (wie Krieg, Umweltzerstörung, Katastrophen, Hunger, Armutszuwachs) wird durch die medialen Aufbereitungen der Hoffnungsbegriff vermehrt aufgerufen: »Armut, Gewalt – doch die Hoffnung bleibt«;»Leben auf der Straße zwischen Armut, Einsamkeit und Hoffnung«; »Kinder zwischen Trümmern und Hoffnung« lauten dann die Überschriften.
Widersprüche gehören zur Struktur der Hoffnung. Soziale und politische Hoffnung kann eine kollektive Kraft zur Bewältigung gesellschaftlich belastender Situationen werden. Die real existierende Möglichkeit eines Scheiterns ist dem Begriff der Hoffnung eingeschrieben. Sie wird mit Erwartungen positiv assoziiert, dass ein Ereignis sich zum Guten wenden wird oder das Wohlbefinden bestehen bleibt. Gleichzeitig setzt der Begriff der Hoffnung das Negative voraus. Die Redewendung »Die Hoffnung stirbt zuletzt« besagt: Bevor die Hoffnung aufgegeben wird, kann zuvor bereits einiges, symbolisch gesprochen, »gestorben« sein.
Täglich geraten Menschen in Situationen, die als existenzielle Bedrohung erlebt oder wahrgenommen werden: Krankheit, Palliativsituationen, anhaltende Armut, die Folgen einer Umweltkatastrophe, Kriegssituationen, Flucht- und Vertreibungssituationen oder das diffuse Gefühl, dass »alles immer schlimmer« wird. All diese Situationen möchten Menschen verändern, weil sie sich in ihnen unwohl, eingeschränkt fühlen, beziehungsweise weil sie existenzgefährdend sein können. Im Englischen wird dies mit der Redewendung »while there’s life, there’s hope« ausgedrückt. Hoffnung haben zu können, setzt voraus, dass es noch etwas gibt, woran sie geknüpft werden kann.
»Hoffnung birgt auch das Potenzial der Illusion, der Enttäuschung und Täuschung.«
Der Begriff der Hoffnung repräsentiert die Ambivalenz zwischen belastenden Faktoren im Hier und Jetzt und der Imagination einer Entlastung durch Veränderung der aktuellen Gegebenheiten. Somit birgt Hoffnung auch das Potenzial der Illusion, der Enttäuschung und Täuschung. Katastrophisierung, Menschen unter Angst zu setzen, entmächtigt. Die Hoffnung wird dann auf Führer*innen projiziert oder auf Gotteskonstruktionen, religiöse, politische Ideologien mit den Versprechen auf ein besseres Leben, gegebenenfalls durch Selbsttötung und Tötung. Wenn das Nachdenken abgegeben wird und Unterwerfung einsetzt, wird die soziale und politische Hoffnung vom Selber-Denken abgekoppelt und geht in den emotionalen Aufladungen von Stimmungen auf.
Das Leben aller Menschen ist von Prekarität und Vulnerabilität durchzogen, da jede Person in existenziell herausfordernde und bedrohliche Situationen jederzeit geraten kann. Genau betrachtet gehen wir Menschen jeden Tag Risiken ein, indem wir uns etwa in den Straßenverkehr begeben, Reisen, anderen Menschen begegnen, Nahrung aufnehmen. Damit ist immer die Hoffnung verbunden, wir mögen nicht in einen Unfall geraten, uns nicht mit einer Krankheit anstecken, nicht in Konflikte geraten, den Tag gut und freudvoll überstehen. Dies wiederum wird zum handlungsgebenden Rahmen, die Menschen gestalten die Hoffnung, indem sie sich vorsichtig, überlegt, ethisch angemessen verhalten und dies von Anderen erwarten.
Das muss gelernt werden, eine rationale Hoffnungsstrategie bedarf der Bildung. Wie viel Hoffnung dann in Krisensituationen aktiviert werden kann, hängt auch (nicht ausschließlich) vom sozialen Status der Personen ab. Psychologisch wird Hoffnung als Kombination des Gefühls der Handlungsmacht mit der Fähigkeit, Wege zur Umsetzung von Zielen zu finden, beschrieben. Die Hoffnung, sich aus schwierigen Situationen retten zu können, könnte evolutionsbiologisch mit der Ausbildung rationaler Fähigkeiten gekoppelt sein. Die Fähigkeit zu hoffen, wird in Zusammenhang mit der Verbesserung psychischen und allgemeinen Wohlbefindens, der Erhöhung der Motivation, dem Erreichen von Zielen oder der Herstellung von Verbindung mit anderen Menschen gesehen.
Glaube wird oft mit Hoffnung in Verbindung gesetzt. Glaube allein schafft jedoch selbst für Gläubige keine Hoffnung. Diese ist an Wissen gebunden, ohne Wissen kann Hoffnung kaum entstehen. Ein Teil davon basiert, wie bei jedem Wissen, auf dem Vertrauen, dass dieses Wissen korrekt ist und der Mensch sich darauf verlassen kann: das Wissen, dass medizinische Interventionen zur Gesundung beitragen; das Wissen, dass Länder juristischen Schutz für Asylsuchende bieten; das Wissen, dass es Verkehrsregeln gibt, an die sich Menschen halten; das Wissen, dass es ein Recht auf staatliche Unterstützung in Armutssituationen gibt. Dieses Wissen ist jeder Hoffnung unterlegt und ermöglicht die Transformation in Handeln.
Spannungsfeld Hoffnung
Wenn Menschen von Armut betroffen sind, kann diese Hoffnung durch strukturelle Unterstützung wie staatliche Zuwendungen, Netzwerke, politisches Engagement, Anerkennung statt Diskriminierung, Hilfe durch Therapie und Beratung, eine passgenaue Adressierung ihrer Bedürfnisse gestärkt werden und damit zu einer Form von Empowerment beitragen. Die Hoffnung repräsentiert dann ganz konkret einen Horizont, der wahrnehmbar, spürbar, gangbar ist. Die Rabbinerin Sarah Freidson erinnert daran, dass Hoffnung auf Hebräisch »tikvah« heißt und unter anderem die Bedeutung »eine gespannte Schnur oder ein Seil« hat. Darin liegt die Erkenntnis, dass Hoffnung ein angespannter Zustand ist, an dem dennoch festgehalten werden muss.
»Wenn Menschen aus Armuts- und Kriegssituationen flüchten, vertreibt die Hoffnung die Angst vor den Risiken.«
Das Eingeschrieben-Sein der Möglichkeit, Negatives in Positives zu verwandeln, spannt einen Erwartungshorizont. Diese Anspannung birgt durchaus auch die Gefahr des Reißens und des Kipppunktes in die Hoffnungslosigkeit. Wenn von Armut betroffene Menschen bereits auf der Straße leben, den Kontakt zu sozialen Systemen verloren haben und ihre Traumata nicht adressiert werden, entsteht der tägliche Kampf ums Überleben und die Anspannung kann von Tag zu Tag und von Situation zu Situation wachsen, bis sie in Hoffnungslosigkeit, Resignation oder den Tod umschlägt. Lebensstandard und Lebensqualität hängen eng mit sozialer Hoffnung zusammen. Traumata können Hoffnung durch die Überflutung mit existenziellen Angstgefühlen schwächen.
Der Zugang zum qualitativ hochwertigen Gesundheitssystem sowie zu den für das Leben existenziellen Ressourcen Bildung, Ernährung, Wohnung, Freundschaft und friedliche, glückliche Beziehungen schafft die Voraussetzungen auch in komplexen, herausfordernden Situationen Hoffnungspotenziale aktivieren zu können. Hoffnung kann dennoch auch im Kontext von Palliativsituationen bedeuten, dass das Sterben sich nicht zu lange hinziehen möge, um das Leiden zu verringern. Wenn Menschen aus Armuts- und Kriegssituationen flüchten, vertreibt die Hoffnung die Angst vor den Risiken, weil zuvor die Hoffnungslosigkeit durch Hoffnung ersetzt worden ist.
Benedict Vigers vom Meinungsforschungsunternehmen Gallup rekonstruiert in einer Studie Hoffnung in einer globalen Perspektive. Demnach verlieren die reichen Länder des Westens an Hoffnung, während ärmere Regionen der Welt offenbar einen Zuwachs erleben. Studien wie die von Espinoza im mexikanischen Kontext zeigen eine starke Korrelation zwischen dem Mangel an Hoffnung und dem Grad der Armut. Je schlechter die Situation für die Betroffenen persönlich ist, desto geringer ist das Hoffnungsdenken. Dies kann sich auch auf die Hoffnung für die Gesellschaft als Potenzial für Verbesserung auswirken.
Menschen, die vor Banken in Deutschland in der Hoffnung auf ein wenig Sicherheit in Schlafsäcken übernachten, haben dementsprechend vermutlich wenig Hoffnung und kaum Vertrauen in die soziale Gemeinschaft und die sozialen Systeme. Dieses wieder herzustellen, erfordert ein funktionierendes soziales System, erkennbar dadurch, dass eben keine Menschen auf der Straße unbeachtet liegen müssen. Umfragen zeigen häufig, dass Menschen von Politiker*innen die Verbreitung von Hoffnung erwarten.
»Gebildete Hoffnung setzt ein auf hohem Niveau ausgestattetes und reflektierendes Bildungs- und Sozialsystem voraus.«
Wenn diese Erwartungshaltung und Delegationsbereitschaft existieren, können Menschen anfällig für Manipulation und die Annahme von extremistischen Ideologien werden. Migration gehört zur Geschichte und zum Leben und Überleben der Menschheit und das wird so bleiben. Dennoch wird durch die Verbreitung der rassistischen Ideologie, ohne Migration würde alles gut, Hoffnung in Sprachhülsen gefasst, die faktisch bedeutungsleer sind. Gebildete Hoffnung resultierend aus Bildungsprozessen und Gestaltungsfreiheit setzt ein finanziell, materiell und personell auf hohem Niveau ausgestattetes und reflektierendes Bildungs- und Sozialsystem voraus.
Pädagogik der Hoffnung
Der brasilianische Denker und Lehrer Freire hat eine Pädagogik der Hoffnung ausgearbeitet. Er verortet die Hoffnung im Kontext von Bildung: in Solidarität mit Verbündeten und Marginalisierten selber denken lernen, selber handeln, gemeinsam lernen. Der Dialog, das Verstehen, dass Wissen im Austausch verändert Perspektiven und öffnet Bildungsmöglichkeiten. Die Freiheit von Überflutung mit ideologischen Botschaften, Informationen, Fake News, die Abwendung des Negativen und der Täuschung braucht Kraft und dialogische Räume.
Hoffnung entsteht aus Handlungsmacht, diese ist verbunden mit politischem Handeln. Im weiten Sinne heißt das, sich für die eigenen Interessen gemeinsam mit anderen zu verständigen und aktiv zu werden. Freires Verbindung von Pädagogik und Hoffnung erinnert uns daran, dass die Art und Weise, wie Menschen hoffen, gebildet wird und selbst Gegenstand von Veränderung sein kann. Der Begriff »politische Hoffnung« ist mit einer Bewusstheit über real vorhandenes Leiden, Schmerz, aufgrund von Ausgrenzung und Unterdrückung gekoppelt. Hoffnung erinnert an die immer gleichzeitig gegebene Erfahrung und ein Wissen um diese Erfahrung, dass es anders sein kann und auch immer wieder ist. Deshalb werden die politisch Aktiven und Engagierten zu Botschafter*innen der humanitären Alternativen. Im Erleben politischer Handlungsfähigkeit können sich sowohl Hoffnungslosigkeit als auch Pessimismus und erlebte Ungerechtigkeit in eine andere Erfahrung transformieren und als politische Hoffnung ausformen.
Mit dem Fokus auf Wandel und Veränderung wird die Vision in die Realität hineingeholt. Es geht nicht nur um eine Vision bezüglich eines bestimmten Inhalts oder Themas, sondern um eine Idee davon, dass Veränderung überhaupt möglich ist und die Situationen so wie sie sind, nicht akzeptiert werden müssen. Manche sprechen auch von »komplexer Hoffnung« und meinen damit eine Haltung, in der historische und strukturelle Schwierigkeiten in politischen Veränderungsprozessen mitgedacht werden. Andere verwenden den Begriff »educated hope«(gebildete Hoffnung)und erinnern daran, dass Hoffnung keine einfache Konstante ist, sondern gesellschaftlich konstruiert wird und damit beeinflussbar ist. »Social hope« oder »complex hope« oder »educated hope« sind Denkformen der Hoffnung. Diese Art von Hoffnung speist sich ursächlich daraus, dass Menschen Veränderungsmacht erfahren haben und dem Wissen, dass diese Erfahrung erneut hergestellt werden kann.
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