Nur wenige Wochen nach Kriegsende, im Juni 1945, öffneten sich in Görlitz wieder die Türen des städtischen Theaters. Die Stadt an der Neiße war zwar von Bomben weitgehend verschont geblieben – doch die sieben Brücken, die Ost und West miteinander verbanden, hatten Wehrmachtssoldaten am letzten Kriegstag gesprengt. Aus dem Ostteil, der von nun an als Zgorzelec zu Polen gehörte, wurden die deutschen Bewohner in den Westen getrieben, gemeinsam mit Schutzsuchenden aus dem Sudetenland und Schlesien. Die halbierte Stadt war den Menschenmassen nicht gewachsen. Hunderte starben an Hunger und Erschöpfung. Vielleicht entschied die Theaterleitung angesichts dieses Elends, das Haus im November 1945 nach dem Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann zu benennen. Die Entscheidung griff die Stimmung in der Stadt zwischen Aufbruch und Verzweiflung auf, gilt Hauptmann doch als erster Dramatiker, der soziale Verelendung als Folge der Industrialisierung zum Bühnenstoff erkor und zugleich vom Bedeutungszuwachs des Theaters im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs profitierte.
Knapp 70 Jahre später rüttelt eine große Verkaufsaktion an der Bedeutung Gerhart Hauptmanns. Um auf die chronische Unterfinanzierung des Hauses aufmerksam zu machen, das zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren vor der Insolvenz steht, schreibt Intendant Daniel Morgenroth im Sommer 2024 den Theaternamen zum Verkauf aus.
Der höchstbietende Sponsor könne fortan sein Logo nicht nur auf der Frontfassade oder vor den Text-Übertiteln im Saal platzieren, sondern auch auf den Krawatten der Orchestermusiker oder den Tütüs der Tänzer. Was einige als Marketing-Gag kritisierten, andere als gelungene Performance feierten, wurde zu einem Lehrstück über den Marktmechanismus des Tauschwerts, der längst alle Lebensbereiche beherrscht. Morgenroth schob so landesweit eine Debatte darüber an, was der Gesellschaft seine einzigartige Theaterlandschaft wert sei und warum bei Einsparungen immer reflexhaft zuerst bei Kunst und Kultur gestrichen werde. »Wenn man Theater schließt, baut man auch eine funktionierende Zivilgesellschaft ab«, so Morgenroth.
Kulturelles Rettungspaket
Ein Jahr später, im Herbst 2025 trägt das Görlitzer Theater noch immer den Namen Gerhart Hauptmanns. – Ein geeigneter Sponsor sei nicht gefunden worden, erklärt Morgenroth, aber die Politik habe nach heftigem Protest vor dem Landtag endlich reagiert. Im Sommer wurde ein neues Rettungspaket verabschiedet, bis 2026 sind die Theater und Orchester in Sachsen abgesichert. Trotzdem stehe das Land in der Pflicht, die Kulturfinanzierung auf stabile Beine zu stellen, wenn ihm das Bekenntnis zur Kunstvielfalt und kulturellen Teilhabe ernst sei. Doch wie wird die politische Zustimmung zu einem vielfältigen Theater in einer Region aussehen, in der die Zustimmungswerte für die AfD innerhalb eines Jahres von 36 auf fast 47 Prozent gestiegen sind?
»Das Land steht in der Pflicht, die Kulturfinanzierung auf stabile Beine zu stellen.«
Morgenroth will möglichst viele Görlitzerinnen und Görtlitzer – auch die AfD-Wählerschaft – erreichen und warnt davor, es sich mit der Analyse des Rechtsrucks leicht zu machen. »Wir trennen immer haarscharf in Gut und Böse. Dadurch spalten wir und geben vielen zu verstehen, ihr gehört nicht dazu. Aber genau das ist doch der Nährboden für Extremismus!« Gerade weil sich die AfD in Görlitz seit 2017 als stärkste Kraft und damit sukzessive als »neue Mitte« etabliert hat, wolle er im Gespräch bleiben – und verstehen, was die Menschen antreibe.
Die Oberlausitz zählt heute zu den ärmsten Gegenden der Republik. In früheren Zeiten galt sie als wohlhabend, schrieb Geschichten von Aufschwung und Bildung. Durch den Handel mit der Waidpflanze zur Blaufärbung stieg Görlitz im Mittelalter zu einem bedeutenden Handelszentrum auf. Mit der Gründung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften 1779, die heute als eine der ältesten noch existierenden Gelehrtengesellschaften Mitteleuropas gilt, wurde der Grundstein für einen Wissenschaftsstandort von internationaler Ausstrahlung gelegt. 1847 begann durch den Anschluss ans Eisenbahnnetz die Industrialisierung – vor allem Schienenfahrzeugbau, Stahl- und Textilherstellung brachten Wohlstand. Jahrzehntelang warb man mit einer günstigen Steuerpolitik um wohlhabende Pensionäre. Noch heute gehört der Landkreis Görlitz mit einem Durchschnittsalter von 49,7 Jahren zu den Regionen Deutschlands mit der ältesten Bevölkerung. Mit über 5.000 Baudenkmälern aus Gotik, Renaissance, Barock, Gründerzeit bis Art-Deco umspannt Görlitz zudem das flächengrößte Denkmalgebiet. Hollywood nutzt es seit mehr als zwei Jahrzehnten als Filmkulisse.
Positive Entwicklungen trotz allem
Doch während die Altstadtfassaden nach der Wende von Subventionen profitierten, litten die Menschen unter der Abwicklungsstrategie der Treuhand. Kein einziger ehemaliger VEB-Betrieb überlebte. Mit der Schließung des Tagebaus Berzdorfs 1997 starb auch die 170 Jahre alte Tradition der Braunkohle-Förderung. Mehr als 6.000 Görlitzer verloren ihre Arbeitsplätze. In der Folge wanderten immer mehr, vor allem junge Menschen ab. 1998 erklärte sich Görlitz gemeinsam mit dem polnischen Teil Zgorzelec zur Europastadt, doch das Zusammenwachsen gestaltete sich holpriger als erhofft. Seit einigen Jahren baut das Deutsche Zentrum für Astrophysik an einem Großforschungszentrum in der Region – was namhafte Institute wie Fraunhofer, Helmholtz und Leibniz angelockt hat. Man verspricht sich Impulse für wettbewerbsfähige Unternehmen. Eine neue urbane Subkultur, die aus vielen Privatinitiativen entstand und eine sozialpolitisch aktive Bürgerschaft machen die Stadt zusätzlich attraktiv.
Man erleidet Verletzungen, wenn einem nicht nur die Demokratie, sondern auch die eigene Biografie erklärt wird.
Trotzdem steigt die Zustimmung zur in Teilen rechtsextremen AfD. Einer, der die aktuelle Stimmung der Stadt genau beobachtet und versucht, Gründe dafür zu finden, ist der Autor Lukas Rietzschel. Er wurde nach der Wende in der Lausitz geboren und entschied sich nach dem Studium in Kassel wieder für die ostdeutsche Provinz. In Görlitz engagiert er sich als SPD-Mitglied in der Stadtpolitik und hilft beim Aufbau der jüdischen Bibliothek in der alten Synagoge. Als Autor schreibt er Romane und Theaterstücke: »Das beispielhafte Leben des Samuel W« entstand als Auftragsarbeit für das Gerhart Hauptmann-Theater – eine Collage aus rund 100 Interviews, die das Porträt eines AfD-Bürgermeisterkandidaten skizzieren und an einen realen Wahlkampf aus dem Jahr 2019 erinnern. Rietzschel eröffne eine Polyperspektive auf den vom Westen immer noch so unbegriffenen Osten, schreiben Kritiker/innen. Mit Empathie, von innen heraus skizziert Rietzschel Alltagsfragen – Rente, Pflege, Infrastruktur, Migration – Themen, auf die die politischen Akteurinnen und Akteure immer weniger adäquat zu reagieren wissen. Er skizziert Verletzungen, die man erleidet, wenn einem nicht nur die Demokratie, sondern auch die eigene Biografie erklärt wird. Nebenbei entzaubert Rietzschel DDR-Mythen, wie die von der konsequenten Entnazifizierung oder der Beruf und Familie gleichermaßen lässig stemmenden Ostfrau.
Mit Stücken wie diesen baut das Görlitzer Theater jenseits von Weihnachtsmärchen, Opern-und Schauspielklassikern, Brücken in seine Vorstädte. Doch auch abseits seiner großen Hauptbühne am Demianiplatz sucht es den Dialog mit der Geschichte: Wie in dem Tanzstück »Jawoll«, das in der Synagoge der Otto-Müller-Straße die Sogwirkung von Totalitarismus und Gewaltverherrlichung erforschte, oder in der Gedenkstätte Stalag 8, einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager wo die Premiere einer Kammeroper von Karl Amadeus Hartmann gespielt wurde. In den KEMA-Werken, einer leerstehenden Industrieanlage aus dem 19. Jahrhundert hat Morgenroth Der große Gatsby inszeniert, als immersives Theaterspektakel, das von Aufstieg und Fall, Liebe und Tod und dem Beginn des gnadenlosen Kapitalismus erzählt. Jeder Zuschauende nimmt nicht nur mit allen Sinnen eine einzigartige Perspektive auf das Geschehen ein, sondern ist zugleich Teil der Inszenierung, die er mit seiner puren Präsenz verändert oder verdichtet. Hinter abbröckelndem VEB-Mörtel werden vergilbte Seidentapeten sichtbar. Eine neue sinnliche Form des Theatererlebens, das zugleich einen ungewöhnlichen Zugang zur eigenen Stadtgeschichte herstellt.
Humanistische, pazifistische Grundhaltung
Doch das Haus will seine Bühne auch für kontroverse, politische und gesellschaftliche Debatten öffnen. An der Frontfassade des Theaters hing lange ein Banner mit der Aufschrift »Die Waffen nieder«, erklärt Morgenroth: »Daraufhin bekamen wir Zuschriften mit der Forderung: Ihr müsst euch positionieren! Aber wir sind nicht das Auswärtige Amt, wir machen keine Tagespolitik, wir haben eine humanistische, pazifistische Grundhaltung.« Es sei legitim, dass die Ukraine sich verteidige. Dennoch bliebe da ein nagendes Gefühl, sagt Morgenroth. Als Theater müsse man doch auch dem Zweifel künstlerisch Raum geben, und mitten im Kriegsgetöse über die Möglichkeit des Friedens nachdenken dürfen.
Wert und Freiheit der Kunst
So habe er in den vergangenen Spielzeiten neben Denis Yücel und Teilnehmern der Münchner Sicherheitskonferenz auch den Verleger der Berliner Zeitung Holger Friedrich und die frühere ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz für Vorträge ins Theater geladen – wobei die Auswahl der beiden Letztgenannten stutzig macht. Friedrichs Beitrag zur Meinungsvielfalt Ende 2024 geriet zu einer einseitigen Abrechnung mit allen übrigen Medien. Krone-Schmalz referierte im Frühjahr 2025 vor ausverkauftem Haus ihre andernorts schon häufig kritisierte Sichtweise über den Krieg in der Ukraine, wonach nicht Russland, sondern der Westen und die NATO die eigentlichen Aggressoren des Konflikts seien, was mit verdrehten Fakten auf eine Täter-Opfer-Umkehr hinausläuft. Für Intendant Daniel Morgenroth allerdings eine »aufschlussreiche und fundierte Argumentation«, wie er in einem Gespräch Ende August 2025 verrät.
Mit seiner leidenschaftlichen Fürsprache für den unveräußerlichen Wert und die Freiheit der Kunst, seiner Lust am Entdecken neuer analoger Formate, Räume und Sprachen trägt das Gerhart-Hauptmann-Theater viel zur demokratischen Bildung und zum sozialen Zusammenhalt innerhalb der Stadt bei. Vom Fachmagazin Die Deutsche Bühne wurde es kürzlich zum »besten Stadttheater 2025« gekürt. Das Beispiel Görlitz zeigt aber auch die Bredouille, in die ein Theater als ungeschützt offenes Debattenforum in einer zunehmend durch Rechtsaußen-Narrative geprägten Umgebung manövriert. Ohne die Fähigkeit oder den Willen, Fakten von Lügen zu unterscheiden und diesen zu widersprechen, verrät es ausgerechnet die vulnerablen Menschen, deren Sprachrohr es sein möchte.


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