Man kann sagen, das Thema Hoffnung hat Konjunktur. Zahlreiche Bücher sind dazu in den vergangenen Jahren erschienen. Und auch die großen Geister haben sich daran abgearbeitet. Praktisch keine Publikation des kürzlich verstorbenen Papstes Franziskus, die die Hoffnung nicht im Titel trägt. Barack Obamas Lebensgeschichte vom Wagemut der Hoffnung, Audacity of Hope, erschienen 2006, war nicht nur ein weltweiter Bestseller und der mittlerweile aus einer anderen Welt anmutende Versuch der Beschreibung eines neuen empathischen Politikstils, sondern zugleich auch ein wichtiger normativer Wegbereiter ins amerikanische Präsidentenamt. Wenige Politikerbücher dürften eine stärkere Wirkung entfaltet haben, bis heute.
Nähert man sich dem Gefühl der Hoffnung auf Grundlage neuer Bücher, die dazu in den vergangenen zwei Jahren erschienen sind, eröffnet sich ein vielgestaltiger Blickwinkel: Er reicht vom Lebensratgeber, über die Anleitung zu moralischer Positionierung und politischem Engagement, bis hin zur wissenschaftlich-philosophischen Auseinandersetzung über die sich wandelnden Erwartungen an eine gelingende Zukunft, sowohl für den Einzelnen als auch die Gesellschaft insgesamt.
Zielgruppe: säkulare Leserschaft
Auffallend ist, dass religiöse Komponenten dabei kaum eine Rolle spielen. Offenbar ist das Prinzip Hoffnung dem Glauben so sehr inhärent, dass man sich damit – zumindest in der populären Literatur – nicht allzu lange aufhalten muss. Dasselbe gilt für die großen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, die ihre Sinnstiftung infolge von Krieg und Zerstörung zurecht eingebüßt haben. Stattdessen hat man es mit Büchern zu tun, die sich offenkundig an eine überwiegend säkulare Leserschaft wenden, jenseits religiöser und dogmatischer Kategorien.
Dafür spielt der Sisyphos-Mythos in der von Albert Camus 1942 vorgetragenen Lesart eine zentrale Rolle, in drei der vier genannten Bücher wird darauf Bezug genommen. »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, lautete die berühmte Konklusion Camus’ – und in gewisser Hinsicht laufen darauf auch die meisten zeitgenössischen Befassungen mit der Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit des modernen Menschen hinaus. Der Absurdität des Lebens, dessen wesentliches Merkmal seine zeitliche Begrenztheit darstellt, gilt es konstruktiv entgegenzutreten.
Die 1995 geborene Journalistin und Tiktokerin Amelie Marie Weber wendet sich in ihrem Buch Generation Hoffnung vor allem an die Kohorte der unter 30-Jährigen, die laut aktuellen Jugendumfragen und Shell-Studien in besonderer Weise vom Leben gestresst seien und deswegen zur Hoffnungslosigkeit neigten. Ursächlich dafür sieht Weber ein ganzes Bündel an Entwicklungen und Ereignissen: vom Klimawandel über die Erfahrungen der Coronapandemie und den permanenten Verführungen des Internets – inklusive des damit verbundenen Suchtfaktors – bis hin zur neuen globalen Unordnung mit Kriegen und Elend in zahlreichen Weltgegenden.
Gleichwohl plädiert Weber, trotz derlei widriger Umstände, deren Diagnose man freilich hinterfragen könnte – waren die Ausgangsbedingungen vergangener Generation bei nüchterner Betrachtung nicht ungleich schwieriger? –, gegen Resignation und Schwarzseherei. In sieben Kapiteln befasst sich ihr Buch mit Großthemen, die jungen Menschen laut Weber besonders Sorgen bereiten: vom Klima über Krieg und neue Technologien bis zur Zukunft der Arbeit und gesellschaftlichen Diskriminierung. Und betont dabei das Hoffnungselement, das der Gestaltungskraft innewohnt: Die Tatsache, dass man Dinge auch anders machen kann als vorangegangene Generationen, mit denen Weber hart ins Gericht geht.
Maß und Mitte
Umso bemerkenswerter ist, dass ihr Plädoyer auf einen Kurs der Maßhaltung und Mitte hinausläuft. Es gehe »um die richtige Balance«: Sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst sein, ohne permanent in ein schlechtes Gewissen zu verfallen; die eigene Freiheit schätzen und bewahren, ohne egoistisch zu sein; engagiert arbeiten, ohne sich dabei kaputt zu machen.
Der Historiker und Publizist Rutger Bregman setzt in seinem Buch Moralische Ambition auf die Kraft des Appells. Verknüpft mit ebenso klaren wie pointierten Werturteilen darüber, was aus seiner Sicht die Bausteine eines produktiven und wertigen Lebens sind. Zur Wahrheit gehört für ihn, dass man nie genug tun kann, dass es, Stichwort Sisyphos, stets einen neuen Berg gibt, den es zu erklimmen gilt. Dass der Mensch, um hier einen anderen bekannten Dichter zu zitieren, »irrt […] solange er strebt«, kommt Bregman offenbar nicht in den Sinn, und er würde es vermutlich auch nicht gelten lassen, hat er doch recht klare Maßstäbe, was die sinnhafte Tätigkeit vom sinnentleerten Tun unterscheidet.
»Es gibt stets einen neuen Berg, den es zu erklimmen gilt.«
Gleich zu Beginn seines Buches skizzierte er, angelehnt an die Bullshit Jobs des 2020 verstorbenen amerikanischen Ethnologen David Graeber, in einer eher für Unternehmensberater à la McKinsey typischen Matrix, welche Arbeit zukunftsstiftend ist, und welche sinnlos. Besonders schwer haben es bei ihm Menschen, die in der Werbung tätig sind, Unternehmensberaterinnen oder Manager in Unternehmen. Ihnen spricht er sowohl Idealismus als auch Produktivität rundweg ab. Bessere Karten hingegen haben, idealtypisch gesprochen, die Freiheits- und Widerstandskämpfer dieser Welt, jene berühmten oder auch unbekannten Menschen, die im Großen oder im Kleinen für die moralisch richtige Sache gekämpft haben, von der Beendigung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten bis hin zu Unterschlupfgewähren jüdischer Verfolgter während des »Dritten Reichs«.
Zugutehalten muss man Bregman, dass er diesen anklingenden Absolutheitsanspruch im Verlauf seines Buches etwas relativiert. Nicht Perfektion ist sein Anspruch an den Menschen, jedoch die Ambition, das Richtige zu tun, und seine Talente nicht zu vergeuden, sondern für Dinge einzusetzen, die einen Wert haben – und somit Hoffnung und Zuversicht für eine gute Zukunft stiften.
»Es gibt äußere Faktoren, die das Prinzip Hoffnung auf eine harte Probe stellen.«
Eine gänzlich andere Herangehensweise wählt der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom. Er nähert sich in seinem neuen Buch dem Thema Hoffnung in einer Mischung aus politisch-philosophischer Reflexion und persönlicher Erfahrung. Wobei auch er, wie Amelie Marie Weber, einräumt, dass es äußere Faktoren gibt, die das Prinzip Hoffnung auf eine harte Probe stellen; er nennt sie »unsere apokalyptischen Reiter«. Konkret sind das Klimawandel, Artensterben und die negativen Seiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.
Dazu komme, dass die liberale Fortschrittsidee nicht mehr uneingeschränkt trage, das ungeschriebene Versprechen, dass es der kommenden Generation materiell besser ergehen wird als der gegenwärtigen. Dieser Unsicherheitsfaktor, die Erkenntnis, dass es kein Recht auf fortwährend steigenden Wohlstand und Sicherheit gibt, sieht Blom als Hoffnungsdämpfer. Vor allem für junge Menschen sei daher die Zukunft derzeit eher Bedrohung als Verheißung.
Hoffnung findet Blom unter anderem in der Weitung der Perspektive, etwa auf Reisen, oder auch in der Geschichte, wo ihm vor Augen geführt wird, dass Menschen selbst im Angesicht größter Widrigkeiten die Hoffnung nicht verlieren. Vor allem aber findet er sie in der Kultur, in Literatur, Kunst und Musik, in allem, was Menschen hervorbringen, verstehen und fühlen, und von dem sie wissen, dass es sie überdauert – und ihnen so das Gefühl vermittelt, am unvermeidlichen Ende des Lebens doch nicht ganz zu sterben. So möchte Blom auch Camus’ Sisyphos verstanden wissen, nicht vordergründig als ein Mensch, der einen Stein sinnlos den Berg hinaufrollt, sondern als eine Geschichte, die Sinn stiftet.
Hoffnung mit individuellem Gestaltungsraum
Man könnte Blom vorwerfen, ein intellektuell-elitäres Konzept von Hoffnung zu vertreten, das einen Gutteil der Menschen ausschließt. Andererseits ist seine Idee von Hoffnung offen und erlaubt individuellen Gestaltungsraum, in dem jeder Mensch entlang seiner Interessen und Bedürfnisse seinen Weg finden kann. Was ihn wohltuend unterscheidet von Rutger Bregman oder auch Amelie Marie Weber, deren Vorstellung von Sinnstiftung sich in einem recht engen und letztlich subjektiven Korsett bewegen, wenn es darum geht, was Menschen tun und lassen sollten, um ein in die Zukunft gewandtes und Hoffnung stiftendes Leben zu führen.
Eine souveräne wissenschaftliche Einordnung liefert der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein mit seiner Kulturgeschichte der Hoffnung von der Antike bis in die Gegenwart. Grethlein legt überzeugend dar, wie sich die Idee der Hoffnung über die Jahrhunderte fortwährend wandelte. Und somit bis heute maßgeblich von Zeit und Ort sowie den kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnissen abhängt, in denen Hoffnungsvorstellungen definiert werden: Von den Heils- beziehungsweise Bedrohungsverheißungen des Christentums, über den gesellschaftlichen Fortschrittsoptimismus der großen Ideologien, bis in unsere Gegenwart, in der Klimawandel-Untergangsvisionen das Zukunftsbild neuerlich trüben.
»Wahres Handeln setzt erst dann ein, wenn es keinerlei Hoffnung mehr gibt.«
Hoffnung ist etwas grundlegend Menschliches – das wussten bereits die Philosophen der Antike, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Sie wird überwiegend positiv gewertet, was daran liegt, dass mit ihr meist die Überzeugung einhergeht, das Richtige zu erkennen und durch entsprechendes Handeln auch herbeiführen zu können. Dies verbindet die hier besprochenen Bücher, die Autorin und die Autoren eint der Glaube, dass die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können.
Dass es in der Geschichte stets auch eine andere Lesart der Hoffnung gab, erfährt man im Buch von Jonas Grethlein: Die Ablehnung des Prinzips Hoffnung als realitätsfern, illusionär und sogar gefährlich. Indem man seine Wünsche und Sehnsüchte in eine vage Zukunft projiziere, sinke die Tatkraft im Hier und Jetzt. Wahres Handeln könne erst dann einsetzen, wenn es keinerlei Hoffnung mehr gebe.
Philipp Blom: Hoffnung. Über ein kluges Verhältnis zur Welt. Hanser, Berlin 2024, 184 S., 22 €.
Rutger Bregman: Moralische Ambition. Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt. Rowohlt, Berlin 2024, 336 S., 26 €.
Jonas Grethlein: Hoffnung. Eine Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel. C. H. Beck, München 2024, 352 S., 28 €.
Amelie Marie Weber: Generation Hoffnung. Wie junge Menschen zwischen Klimawandel, Krieg und Selfie-Sucht die Zukunft gestalten. Klartext, Essen 2023, 224 S., 19,95 €.


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