Manch eine Teilnehmende wähnte sich in den Fußstapfen von Vordenkerinnen wie Hannah Arendt und anderen, die sich postmortem nicht gegen Vereinnahmung wehren können. »Freiheit«, soviel wurde einmal mehr deutlich, ist eben einer jener Begriffe, die so groß, so positiv besetzt sind, dass sie sich als Projektionsfläche geradezu aufdrängen und dadurch je nach Kontext zugleich alles und nichts bedeuten. Welche Gruppierung sagt schließlich schon gerne von sich, das eigene Anliegen sei gegen die Freiheit? Eben.
»Quasi ein nur rudimentär hemdsärmelig mit großen Worten übertünchter Egoismus samt sozialdarwinistischem Einschlag.«
Daher lohnt sich, zumindest die Frage nachzuschieben, wessen Freiheit hier konkret gemeint war. Für die Freiheit von besonders Gefährdeten, keine mutmaßlich tödliche Ansteckung riskieren zu müssen, gingen diese Leute schließlich nicht auf die Straße. Dass Artikel 2 des Grundgesetzes der freien Entfaltung der Persönlichkeit auch Grenzen setzt, wurde nämlich von mancher Querdenkerin ausgeblendet. In diesem vermeintlichen »Freiheitskampf« sahen viele Außenstehende daher eher die weltfremde Anspruchshaltung einiger weniger, von einer globalen Pandemie im Alltagsgeschehen unbehelligt zu bleiben. Quasi ein nur rudimentär hemdsärmelig mit großen Worten übertünchter Egoismus samt sozialdarwinistischem Einschlag.
Mit zunehmender Radikalisierung galt jeglicher Kompromiss zur Abwägung der Interessen zumindest in Teilen der Querdenken-Anhängerschaft zunehmend als Verrat an Freiheit und Demokratie. Obwohl eine große Mehrheit der Bevölkerung sich laut regelmäßiger Umfragen über weite Pandemie-Perioden hinweg eindeutig für eine Beibehaltung oder sogar Verschärfung der Maßnahmen aussprach, herrschte in zahlreichen Telegram-Gruppen alsbald die Sorge vor einer drohenden »Coronadiktatur«. Um die eigene Freiheit zu bewahren, beriefen sich einige besonders empörte alsbald auf ihr vermeintlich grundgesetzlich garantiertes »Recht auf Widerstand«. Die aus dieser Radikalisierung hervorgegangene Welle der Gewalt reichte von Morddrohungen gegen vermeintliche »Corona-Systemlinge«, über Sabotageakte (etwa bei Impfzentren) bis hin zur Bildung konspirativer Gruppierungen, die unter anderem planten, Gesundheitsminister Karl Lauterbach seine Freiheit – und vielleicht noch mehr – zu nehmen.
Toxisches Framing
Die Tatsache, dass der Freiheitsbegriff in verschwörungsideologischen Milieus regelmäßig in einer problematischen Weise umgedeutet wird, hängt eng mit den Mechanismen der Radikalisierung zusammen. Krisen und ein damit einhergehendes Gefühl des Kontrollverlusts sind zunächst einmal ein äußerst ergiebiger Nährboden für den Glauben an Verschwörungen. Auf individueller Ebene kann man dies auch als eine Art psychologischen Taschenspielertrick begreifen, wodurch die Illusion von Kontrolle erzeugt wird, frei nach dem Motto: »Inmitten all des Chaos sehe ich nun endlich einen Plan!« Es geht hierbei also nicht nur um Fakten – sondern auch um psychologische Stabilisierung.
Immense moralische Aufwertung der eigenen Person.
Die Überzeugung, dass eine böswillige Verschwörung insgeheim die Geschicke der Welt lenkt, geht zudem mit einer zutiefst dualistischen Weltsicht einher. Starke Feindbilder dominieren zunehmend die Sicht auf die Welt. Den oftmals drastisch überzeichnet dargestellten vermeintlichen Konspirateuren stehen dabei diejenigen gegenüber, die »das Spiel durchschauen«, die »Aufgewachten«, »aus der Matrix ausgestiegenen«, die sich »nicht mehr steuern lassen«. Damit geht dann eine immense moralische Aufwertung der eigenen Person einher. Schließlich gibt dieses Weltbild einem das Gefühl, vom kleinen Rädchen im Getriebe in kürzester Zeit zu einer Persönlichkeit mit historischer Mission befördert worden zu sein.
Was konkret geglaubt wird, ist dabei oft diffus, widersprüchlich, wechselhaft und eher provisorisch vom roten Faden der Kernüberzeugung zusammengehalten: »Das, was alle anderen meinen, kann nicht stimmen!« Die vermeintlich in der Illusion der Verschwörung gefangene Mehrheitsgesellschaft wird innerhalb dieses Weltbilds – wenn überhaupt – erst im Nachhinein diesen epischen Kampf honorieren, da sie derzeit noch »in der Matrix gefangen« ist. Das Unverständnis der »Non Player Character« aus Gesellschaft und eigenem Umfeld muss daher nicht nur ausgeblendet werden – Widerspruch wird manchmal sogar zur versteckten Bestätigung umgedeutet. Wenn die Erleuchtung so einfach zu erlangen wäre – was würde das schließlich über die eigene Besonderheit aussagen?
Die Verschwörung selbst ist zumeist von apokalyptischen Schreckensszenarien geprägt. Zu den gängigsten Narrativen der Pandemie gehörte etwa die Idee, Maßnahmen zur Ansteckungsprävention seien nur ein Vorwand, um eine Diktatur zu errichten. Die Existenz des Virus wurde daher kurzerhand geleugnet oder aber Corona als harmlos abgetan. Ähnlich wie bei der Leugnung der menschengemachten Klimakrise kann hier argumentiert werden, dass zumindest bei einigen Menschen die Ablehnung von als lästig wahrgenommenen Maßnahmen dadurch moralisch nicht nur in einem positiveren Licht erscheint.
Apokalyptische Schreckensszenarien
Mehr noch: Die eigene Reaktanz auf demokratisch beschlossenen, und von der Bevölkerungsmehrheit begrüßten Maßnahmen, wird so zum mutigen solidarischen Widerstand mit globalem Impact erhoben. Wer gegen eine drohende Diktatur kämpft, muss schließlich per Definition selbst für Freiheit eintreten und die Fahne der Demokratie hochhalten. Mit Aufkommen der COVID-19-Impfung wurde später dann das Narrativ populär, es handele sich insgeheim um eine Giftspritze zum Zwecke der »Bevölkerungsreduktion«. Auch hier gilt wieder: Mühsame Abwägungen zwischen persönlichen Ängsten und Appellen zur gesellschaftlichen Solidarität mit Risikogruppen und Entlastung der knappen medizinischen Kapazitäten entfallen nach diesem Narrativ. Denn durch die Brille der Verschwörungsideologie wird die individuelle Impfablehnung kurzerhand zur Notwendigkeit des eigenen Überlebens, also quasi zur Notwehr und einem Gebot des »gesunden Menschenverstandes« umgedeutet.
»Aus einer fatalistischen Perspektive heiligt der Zweck irgendwann selbst hochproblematische Mittel.«
Verschwörungsideologische Radikalisierung geht dabei im Durchschnitt mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft einher – angeheizt durch das Zusammenspiel von dualistischem Weltbild und apokalyptischen Visionen. Aus dieser fatalistischen Perspektive heiligt der Zweck irgendwann selbst hochproblematische Mittel. Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, dass damals einige Berliner Drogeriemärkte kurzerhand Ex-Clubtürsteher anheuerten, um dem Problem handgreiflicher Kundinnen ohne Maske zu begegnen – die im Übrigen alle Freiheit dieser Welt gehabt hätten, sich ihre Produkte stattdessen einfach liefern zu lassen. Die Anhängerschaft einer verschwörungsideologischen Gruppierung neigt allerdings mit zunehmender Radikalisierung dazu, Muster zu sehen, wo keine sind. Alltägliches wird so durch die Anhängerschaft schnell zum Vorboten großen Unheils hochgestuft. Die Maskenpflicht gilt dann etwa als Symbol für die angeblich drohende Abschaffung der Meinungsfreiheit mittels »Maulkorb«. Aus der individuellen Weigerung wird somit auch hier wieder ein heldenhafter Akt des Widerstands gegen ein vermeintlich unterdrückerisches System.
Wer in apokalyptischen Zukunftsszenarien und eindimensionalen Feindbildern denkt, kann sich damit eine Menge schönreden. Moralisch lassen sich solche Gedankenkonstrukte vor allem mithilfe von Projektion stabilisieren, nach dem Motto: »Die anderen würden es viel drastischer machen, wir kommen ihnen nur zuvor!« Dass so mancher mutige »Freiheitskrieger« tatsächlich äußerst fragwürdige Wertvorstellungen an den Tag legte, war irgendwann selbst für wohlwollende Beobachtende kaum noch zu leugnen. Einige derjenigen, die damals für »Demokratie und Freiheit« protestierten, hatten etwa kein Problem damit, wenn Journalistinnen bei Demonstrationen aus der eigenen Gruppe heraus bedroht wurden.
Recht auf »eigene Realität«
Gerade an der eigenwilligen Umdeutung des Begriffs der »Meinungsfreiheit« innerhalb des Milieus offenbarte sich eine deutlich schiefe Ebene. Denn wenn Faktenchecks als Einschränkung empfunden werden, geht es doch im Kern um etwas komplett anderes, nämlich ein Recht auf Widerspruchsfreiheit. Wenn selbst gut begründete Klagen wegen falscher Tatsachenbehauptung zum Ausdruck eines repressiven Regimes umgedeutet werden, drängt sich die Frage auf, ob manch einer Anhängerin insgeheim eher ein »Recht auf eigene Realität« vorschwebte.
Einige der selbsternannten Kämpfer gegen eine »Gesinnungspolizei« hatten vor, selbst eine solche zu etablieren.
Zwecks Bekämpfung der angeblich alles beherrschenden »Gesinnungspolizei« hatten einige besonders Radikalisierte offensichtlich vor, selbst eine solche zu etablieren. Zu den offensichtlichsten Widerspüchen gehörte nämlich, dass einige Akteure der Szene sehr konkrete Vorstellungen davon hatten, wer nach dem »Tag X« gefälligst »abgeholt« gehört. Auf den innerhalb militanter Splittergruppen kursierenden Feindeslisten fanden sich Forschende, Mitglieder der Bundesregierung und Medienschaffende, die sich klar gegen »Querdenken« positioniert haten. In Anlehnung an den millionenfachen Massenmord der NSDAP wurden sogar »Nürnberger Prozesse 2.0« gefordert – wobei das historische Vorbild wohlweislich auch Todesstrafen beinhaltete.
Fünf Jahre nach Ausbruch der Pandemie lässt sich kaum leugnen: Das, was einigen innerhalb des verschwörungsideologischen Milieus als Gegenmodell vorschwebte, war tatsächlich die Etablierung eines autoritären und hochrepressiven Regimes. Ein mehr an »Freiheit« hätte das höchstens für einige Wenige an der Macht bedeutet. Daher lohnt es sich stets, auf das Kleingedruckte zu schauen, sobald große Begriffe wie »Freiheit« herangezogen werden. Denn Etikettenschwindel ist im verschwörungsideologischen Milieu eine gängige Masche. Im Übrigen auch beim großen Wort »Demokratie«.

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