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»Zerstört Egoismus die Freiheit?«

Egoismus, das ist ja nicht die notwendige und eigentlich selbstverständliche Selbstverant­wortung fürs eigene Leben, fürs eigene Tun. Die nämlich ist eine elementare Grundlage für gutes soziales Zusammenleben. Sondern Egoismus, das ist die Gleichgültigkeit, ja Rücksichts­losigkeit gegenüber den Anderen, den Mitmenschen, den Schwächeren, den Ärmeren, gegen­über der Zukunft, gegenüber den nachfolgenden Generationen. Hier und heute so zu leben, als ob es keine Anderen, kein Morgen gäbe: das eigene Befinden und Interesse als alleiniger handlungsleitender Maßstab.

Ist es moralinsaures Gejammere, wenn man beobachtet, ja beklagt, dass der Alltag in unserer Gesellschaft und der öffentliche Raum in unseren (Groß-)Städten vielfach geprägt ist durch die Erosion gemeinsam gelebter Verantwortung. Das sollte Gegenstand einer realitätsgerechten »Stadtbild«-Debatte sein! Schauen wir hin: Kaugummipflaster auf den Bürgersteigen, Zigarettenstummel in Sand­kästen, E-Roller quer auf Gehwegen, Vermüllung unserer Straßen und Plätze.

Man kann nicht mehr im Zug sitzen, ohne von lauten Telefongesprächen Mitreisender behelligt zu werden. Die Zahl der Urlaubsflüge und der mit Privatjets steigt, nach dem Einbruch in Corona-Zeiten, auf Rekordniveau. Rund die Hälfte gibt in einer Umfrage an, dass sie keine kranken Angehörigen pflegen wollen und können.

Wirklich gefährlich wird es, wenn Egoismus auf dem Thron sitzt. Was ist Donald Trump anderes, als die Personifizierung eines hemmungslosen Egoismus an der Macht, der gerade dabei ist, die Ukraine und den Westen als Wertegemeinschaft zu verraten, um künftiger Geschäfte mit Russland und gigantischer Profite für sich und seine Gang willen. Wir können in Echtzeit verfolgen, wie der personifizierte Egoismus an der Macht in den USA die Demokratie zu zerstören beginnt. Die Demokratie aber ist die politische Lebensform unserer Freiheit!

Donald Trump, das ist hemmungsloser Egoismus an der Macht.

Nein, solcherart Egoismen sind keine Akte wirklicher Selbstbestimmung. Und es stimmt eben nicht, dass an alle gedacht ist, wenn jeder an sich selbst denkt! Die Demokratie gründet nicht auf dem Bourgeois, dem Besitzbürger, sondern verlangt nach dem Citoyen, dem gemeinwohlorientierten Bürger. Sonst scheitert sie.

Ja, wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, geprägt durch soziale, ethnische, kulturelle, religiös-weltanschauliche Diversität, auch durch Vielfalt von Meinungen, Interessen, Ansprüchen, die ihre je eigene Legitimität haben können. Wenn aber Vielfalt, Diversität, Pluralität friedlich und produktiv gelebt werden sollen, dann muss es um mehr gehen als das widersprüchliche Nebeneinander sich voneinander nicht nur unterscheidenden, sondern auch abgrenzenden Identitäten und Betroffenheiten, von gegeneinander gerichteten Interessen und Ansprüchen. Nicht schon der Konflikt hält eine Gesellschaft zusammen, wie manche soziologischen Schlaumeier behaupten.

Eine Frage der Balance

Es gilt die Balance zu finden, zwischen dem berechtigten Einsatz für die Anerkennung und Verwirklichung der eigenen Interessen und Ansprüche einerseits und andererseits der Bereitschaft und Fähigkeit, das Eigene in Bezug auf das Gemeinsame, auf das Gemeinwohl zu denken und zu praktizieren. Denn: Pluralistische Vielfalt und naturwüchsiger Egoismus erzeugen nicht von selbst Gemeinsamkeit und Zusammenhalt. An denen und für die muss immer neu und immer wieder gearbeitet werden.

Ich erinnere an Erfahrungen aus der Zeit der Coronapandemie, an den immer noch nicht beendeten Streit um Einschränkungen und verpflichtende Regeln solidarischen Verhaltens. Ich erinnere auch an die harschen Reaktionen auf den Vorschlag einer sozialen Pflichtzeit, den der Bundespräsident gemacht hat. Da war und ist zu hören, das Pflicht gleich Zwang sei und bevormundenden Charakter habe, ein Angriff auf die persönliche Freiheit.

Nicht der Streit war und ist ärgerlich, er gehört zu einer liberalen Demokratie. Ich habe auch nichts gegen die kritische Debatte möglicher Fehler bei den damaligen Maßnahmen. Mich irritiert aber die ideologische Überhöhung in dem Streit und die Heftigkeit von Ablehnung solidarischer Pflichten.

»Freiheit und Verantwortung gehören zusammen.«

Sichtbar wird ein durchaus problematisches Freiheitsverständnis. Autonomie, und zwar verstanden als individuelle Selbstverwirklichung, gilt ja irgendwie als der höchste Wert unserer Gesellschaft. Regisseur des eigenen Lebens zu sein, das ist ein schönes Bild dafür und ein verräterisches. Die Anderen, die Mitmenschen, sind dann wohl die Assistenten, gar die Statisten meiner Lebensregie. Freiheit bekommt auf diese Weise Fetischcharakter, als sei sie Eigentum und wird so zum Gegenstück des Sozialen, zum Widerpart von Solidarpflichten.

Gewiss ist der Prozess der Individualisierung ein großer zivilisatorischer Fortschritt, ein Gewinn an subjektiver Freiheit, kodifiziert in den Grund- und Menschenrechten. Aber als Siegeszug der »Singularitäten« (wie es der Soziologe Andreas Reckwitz genannte hat) zeigt dieser Prozess seine durchaus problematische, vielleicht gar pathologische Rückseite: Die steigenden Selbstverwirklichungsansprüche richten sich gegen die Solidargemeinschaft, den demokratischen Sozialstaat, von dem man immer mehr verlangt, der als Dienstleister meiner Ansprüche gefälligst zu funktionieren hat. Und den man zugleich verachtet, weil er die geradezu autoritären Erwartungen nicht befriedigen kann.

Was mich ärgert, ist die tiefe Politik- und Sozialvergessenheit eines grassierenden, oberflächlichen Freiheitsverständnisses. Wurde das Herunterdimmen von Freiheit zu einem Ausdruck von Befindlichkeiten, von Identitätsansprüchen gegen andere? Wie wollen wir mit einem solchen individualistischen und entsolidarisierenden Freiheitsverständnis die vor uns liegenden dramatischen Herausforderungen meistern?

Stärkung des solidarischen Miteinanders

Es wäre doch gut, wir würden diesen egozentrischen Freiheits-Narzissmus überwinden und begreifen, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Dass Freiheit ohne die Regeln und Beschränkungen des Solidarischen zur blanken Rücksichtslosigkeit, zum Recht des Stärkeren wird. Aleida und Jan Assmann, das weise Forscherpaar, haben es in ihrem letzten gemeinsamen Buch sehr pointiert formuliert: Die europäische Erfindung des autonomen, singulären Individuums ist eine eitle Selbstüberschätzung der Moderne, aus der man Luft ablassen kann, um dafür die Idee des dialogischen Mitmenschen, des solidarischen Miteinanders zu stärken. Darum muss es uns gehen: den »Hier- und Jetzt-und-sofort-Egoismus« hinter uns zu lassen

Es geht dabei eben nicht um die Auflösung, das Aufgehen des Ich in »Volksgemeinschaften«, in verordnete Kollektive, auch nicht um die Heiligsprechung tradierter Milieu-Gemeinschaften, sondern um die Zukunftsverantwortung des Einzelnen, die nicht an die Anderen, an den Staat delegierbar ist

»Leben in Freiheit ist nicht identisch mit wirtschaftlichem Wachstum und ständiger Wohlstandmehrung.«

Wir Bürger bedürfen der – vielleicht schmerzlichen – Einsicht, dass Leben in Freiheit nicht identisch ist, nicht identisch sein muss mit andauerndem wirtschaftlichem Wachstum und ständiger Wohlstandmehrung! Und dass individuelle Selbstverwirklichung angesichts der Bedrohung durch Krieg und Klimakatastrophe möglicherweise zweitrangig, jedenfalls nicht der einzige Maßstab sein könnte für gelingendes Leben.

Von dem Philosophen Peter Sloterdijk stammt die bissige Bemerkung: »Es scheint, wir westliche Menschen sterben lieber, als auf Selbstbestimmung und Überfluss zu verzichten«. Selbsterhaltung des Menschen, also der Menschheit, kann nur als gemeinschaftliches, solidarisches Projekt gelingen. Das ist die notwendige wie ernüchternde Einsicht, vor der wir uns nicht mehr drücken sollten. Sie macht Solidarität so wichtig, so unersetzlich. Und macht Egoismus so gefährlich.

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