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»Zerstört Egoismus die Freiheit?«

Ja sicher: Egoismus ist nicht immer schön. Er kann so kleinlich sein wie kurzsichtig. Und deshalb vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mal wieder gewarnt wird: vor den unein­sichtigen Egomanen, die nur an sich denken und an die nächste Meilenprämie. Die Welt steht in Flammen. Klimakrise, Krieg, Desinformationen.... und Du freust Dich auf den nächsten Urlaub?

Also, ja: der Egoismus ist eine Zumutung. Doch gerade das ist sein Verdienst. Denn nicht ohne Grund zählt das »Ich« stets zu den Lieblingsfeinden des Totalitarismus. Die Nationalsozialisten schwärmten vom Aufgehen des Einzelnen in der »Volksgemeinschaft« und attackierten den »Egoismus der Parteien und Klassen«. In Moskau machte die KPdSU im Egoismus die letzte Hürde auf dem Weg zum neuen Menschen aus. Und die chinesische Kulturrevolution betrachtete den Kampf gegen den Egoismus als »Wegbereiter im Kampf gegen den Revisionismus«.

Von der Warte der Alternativlosigkeit aus betrachtet erscheint renitente Selbstbestimmung als Sand im Getriebe.

Ist es Zufall, dass die Klagen über Egoismus stets in einem proportionalen Verhältnis stehen zur Größe der jeweilig gesetzten historischen Aufgaben – bzw. dem, was dafür gehalten wird?

Sicher: Von der Warte der Alternativlosigkeit aus betrachtet erscheint renitente Selbstbestimmung stets als Sand im Getriebe. Immer wieder blockiert Uneinsichtigkeit den weise vorgegebenen Regierungskurs. »Wir müssen«, heißt es dann, »wir werden« und »wir haben«. Einerseits verständlich: Niemand ist eine Insel. Aber wer ist das »wir«?

Ist es wirklich das Antidot gegen das suspekte »ich«, für das es ausgegeben wird? Denn zu fragen ist ja, wie sich die Beziehung zwischen beiden Polen genau gestaltet. Ist es das »wir« der Mehrheit, in das sich das ausscherende Ego der Uneinsichtigen nun tunlichst einzufügen hat? Zwar – das ist richtig – heute nicht mehr mit einem zackigen Jawoll aber doch bitteschön ohne allzu viel Gemurre. Zweifel besorgen bekanntlich nur das Geschäft des Gegners.

Ja, das Niveau der Ungleichheit ist grotesk. Milliardäre vergnügen sich im Weltraum, Rentnerinnen klauben Pfandflaschen aus dem Müll. Jedes Nummernkonto ist ein J’accuse gegen den Irrsinn dieser Epoche.

Doch ist zu viel Egoismus hier tatsächlich Ursache? Denn ehrlicherweise fällt die Offensive gegen die Ichbezogenheit ja genau in eine Zeit, in der das Kollektiv so übergriffig agiert wie selten zuvor.

Deligitimation autonomer Einzelentscheidungen

Die Staatsquote liegt bei knapp 50 Prozent. Die Covid-Impfpässe sind kaum in der Schublade verschwunden, da ist die Karawane des »wir« schon weitergezogen, um Individuen mit personenbezogenen CO2-Budgets zur Räson zu bringen. Freiheit müsse eben heute eingeschränkt werden, damit sie in Zukunft umso heller erstrahle, heißt es. Von »Freiheitsbudgets« ist die Rede – ganz ernsthaft. Da muss das Hier und Heute des Einzelnen eben zurückstehen. Doch ob das Delegitimieren autonomer Einzelentscheidungen im Dienste des gesellschaftlichen Umbaus den Planeten dauerhauft vor Überhitzung bewahrt, ist doch sehr fraglich.

Welchen Raum hat der Einzelne in der Endstufe der Vernetzung?

Zeitgleich fließen Steuermillionen in Meldestellen. Mit Karl Popper und einem »No pasarán« auf den Lippen werden seit Kurzem ganz andere Saiten aufgezogen. Selbst gegenüber Meinungsäußerungen »unterhalb der Strafbarkeitsgrenze«. Keine Frage: Nazismus gehört bekämpft. Aber ein wenig Verständnis für die Funktion von auch fundamental abweichenden Meinungen und ja, für den Egoismus der Dissidenz, würde eine gesunde Debatte nicht schwächen, sondern stärken. Denn zu fragen ist ja noch allgemeiner: Welchen Raum hat der Einzelne in der Endstufe der Vernetzung? Die Digitalisierung hat sich doch längst als tödliche Gefahr für die Autonomie des Individuums erwiesen. Alles ist nahtlos nachverfolgbar: jeder Klick, jeder Wisch, jede Zahlung und jede Bewegung durch die analoge Welt.

Den jungen Menschen aber (also den mit der hoffentlich künftigen Freiheit) wird zum Ausgleich nun der Dienst an der Waffe schmackhaft gemacht. Rein in die Uniform und Schluss mit lustig. Nicht unbedingt ungerecht. Aber das Muster wird überdeutlich: Das Pendel schwingt und es schwingt weit. Und zwar eben gerade nicht in Richtung übertriebener Eigensinn, sondern in Richtung Herde.

Also: Zerstört Egoismus die Freiheit? Wenn er zügellos wird: Ja. Denn er ist eben sicher keine »Tugend« an sich, wie etwa Ayn Rand behauptet. Doch in der aktuellen Situation scheint es befremdlich, ausgerechnet in ihm die Hauptgefahr für freiheitliche Gesellschaften zu identifizieren. Fragmentierung? Ja. Polarisierung? Sicher. Staatliche Übergriffe: Dreimal ja. Doch Egoismus per se?

Zerstört Egoismus die Freiheit?

Denn, dass auch der Egoismus seine Berechtigung hat, hat der große Freiheitsdenker Isaiah Berlin schon 1958 herausgearbeitet. In Two Concepts of Liberty warnt er, dass auch Freiheitsbegriffe in die Tyrannei führen, wenn begonnen wird, Ziele von Individuen als »unwahre« Fehlwahrnehmungen zu negieren. Die Folge dieser »ungeheuerlichen Maskerade« aber sei eben nicht nur eine akademische Frage, »wie jüngste geschichtliche Ereignisse nur allzu deutlich zeigten«.

Nein. Der Angriff auf den vermeintlich allgegenwärtigen Egoismus droht überzugehen in eine Abwicklung legitimer Abwehrrechte gegen den Staat. Das Individuum möge sich endlich den gemeinschaftlich definierten Alternativlosigkeiten anschließen, so kann man die Klage über Egoismus schließlich auch lesen. Jetzt, wo doch alle Hände an Deck gehören.

Ein Ende des Egoismus aber wäre das Ende des Gleichgewichts zwischen Einzelnem und Staat. Denn die Selbstbezogenheit ist zwar nicht der Lohn aber doch der Preis des Pluralismus. Deshalb geht die eigentliche Gefahr für die Freiheit derzeit eher nicht vom zunehmenden Egoismus aus, sondern von denen, die Abweichung und Renitenz als moralisch illegitim verurteilen. Sie sagen Egoismus aber meinen Widerspruch. Der störende Einzelne aber ist eben kein Pro­­blem der Demokratie. Er ist ihre Voraussetzung. Und ihr Ziel.

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