Die Wucht der medialen Entwicklung der vergangenen 20 Jahre ist atemraubend. Sie beweist nicht zuletzt, was für flexible und resiliente Wesen Menschen sind. Denn trotz regelmäßiger Abgesänge auf das Abendland haben wir unsere Alltagspraxis inzwischen doch nachhaltig digitalisiert; scheinen die Zeiten ohne Mobiltelefon, ohne Onlineausgabe einer Zeitung und ohne mobiles Banking gefühlt Jahrhunderte her zu sein. Damit wäre die wichtigste soziologische Beobachtung, mit der ich mich im Folgenden auseinandersetzen möchte, bereits eingeführt: dass die Schnelligkeit und das Ausmaß des medialen Wandels der zurückliegenden Jahrzehnte an unterschiedlichen gesellschaftlichen Punkten nachgerade zu Überforderung führen muss: kulturell, organisatorisch und auch auf der Ebene einzelner Bewusstseine. Menschen, Organisationen und Institutionen mühen sich ab, die Medienrevolution zu verarbeiten, oft mit Mitteln, die dieser nicht mehr angemessen sind.
Wie immens der gegenwärtige Wandel ist und wie nah noch die prädigitale Zeit, das gilt es sich, die soziologische Betrachtung einleitend, immer wieder empirisch zu vergegenwärtigen. Erinnert man sich, dass das aus der Politik nicht wegzudenkende Mobiltelefon erst 1992 erfunden wurde oder dass das erste nationale TV-Duell erst 2002 stattfand, dann wird deutlich, wie sehr sich der Alltag – auch der politische Alltag – binnen nur weniger Jahrzehnte radikal verändert hat. (Übrigens könnte man einen ganz ähnlichen Text über alle anderen sozialen Systeme schreiben, denn die digitale Revolution spielt sich auch in der Wirtschaft, der Bildung, der Arbeit, den Intimbeziehungen, usw., ab.)
Mit der alltäglichen Dringlichkeit der digitalen Revolution verbunden ist die historisch-soziologische Gewissheit, dass die Beobachtung der aus ihr resultierenden Phänomene nur vorläufig sein kann und doch unerlässlich ist. So ist es wahrscheinlich, dass es die sozialen Medien, über die ich heute schreibe, in ihrer heutigen Form in zehn, fünf oder auch schon in zwei Jahren nicht mehr gibt. Gewiss ist nur, dass es irgendwie weitergeht.
Es gibt kein richtiges Medium im Falschen
Gewiss ist auch, dass ein »Ausstieg« oder ein Ignorieren medialer Evolution für jene, die öffentlich kommunizieren möchten, keine Option ist. Als ich zwischen 2010 und 2012 mit Wahlkämpfenden der im Bundestag vertretenen Parteien über ihre Mediennutzung gesprochen habe, hielten noch rund die Hälfte soziale Medien entweder für unnötig oder hatten keine Lust, sich mit diesen zu beschäftigen. Inzwischen ist klar geworden, dass man es sich nur schwerlich leisten kann, dies zu tun. Nicht nur, weil die Unter-30-jährigen sich immer häufiger direkt in den Sozialen Medien ihre Informationen holen, sondern auch, weil die extreme Rechte das Vakuum der Demokrat*innen ausnutzen möchte, um in den Sozialen Medien eine scheinbare Dominanz herzustellen.
»Die Chance, das jede*r das Wort ergreifen kann, führt nicht nur zu mehr Demokratie sondern potenziell auch zu mehr diskursivem Unfug.«
Für die qua Medienevolution exilierten Bewohner*innen der »alten Öffentlichkeit« mit ihren mächtigen, sendungsbewussten Redaktionen, Themenkonjunkturen, Sommerpausen und Festanstellungen, ist die Unordnung und Unübersichtlichkeit der vielstimmigen digitalen Öffentlichkeit eine Zumutung. Die Chance, dass jede*r hier das Wort ergreifen kann, führt nicht nur zu mehr Demokratie sondern potenziell auch zu mehr diskursivem Unfug. So nimmt es nicht Wunder, dass Jürgen Habermas im Bezug auf Soziale Medien gezielt abwertend von »Halböffentlichkeiten« schreibt, in denen der Austausch guter Argumente technologisch verunmöglicht sei. Für viele, die diese Sorge teilen, ist folglich die Idee eines öffentlich-rechtlichen, fachjournalistisch kuratierten Internet die Lösung für Hass im Netz und Fake-News.
Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die Nutzer*innen von Instagram, X, Tiktok usw. in relevanter Zahl die ihnen bekannten Medien für ein solches Medium verlassen würden? Es wäre – Freiwilligkeit unterstellt – wohl eine eher kleine, elitäre und recht homogene Gruppe. Zumindest aktuell bleibt jenen, die politisch kommunizieren wollen, daher nichts anderes übrig, als sich in die Niederungen der »real existierenden« Sozialen Medien mit ihren unterschiedlichen aber jeweils problematisierbaren Aufmerksamkeits-, Belohnungs- und Relevanzkritierien zu begeben.
Es gibt, frei nach Adorno, kein richtiges Medium im Falschen. Die alte Öffentlichkeit ist nicht in die digitale Zeit zu retten. Selbst eine Übersetzung der Logik und Werte der alten Massenmedien in die Sozialen Medien ist schwer zu machen – und führt letztlich doch zu neuen Formen und Praktiken, die sich von denen der vordigitalen Zeit unterscheiden. Ein Beispiel für eine solche Übersetzung sind etwa ausführliche Podcasts, mittels derer manche Qualitätsjournalist*innen die Kürze und Ungefiltertheit ihrer Social-Media-Nachrichten kompensieren. Die auch »höchstpersönlich« sichtbaren journalistischen Figuren, die durch den crossmedialen Einsatz entstehen, transzendieren die Massenmedien, denen sie verbunden sind, gehören mehr sich selbst, als »ihrer« Zeitung oder ihrem Sender.
Dass die Redaktionen der »alten Bundesrepublik« derartig entmachtet werden führt zu einer unübersichtlichen Lage. Es ergibt nun keinen Sinn mehr, von »der Öffentlichkeit« im Singular zu sprechen, weil man gar nicht weiß, wo diese in der neuen Vielstimmigkeit lokalisiert sein soll. Denn neben den alten Massenmedien hat sich ein Spektrum an Sozialen Medien aufgespannt, deren Unternehmenszweck nie die Verbreitung von Nachrichten oder das Führen öffentlicher Debatten war in denen dies aber dennoch geschieht.
Jedes der vielen sozialen Medien verfügt über ein eigenes Set an Regeln und kommunikativen Erwartungen, die sich aus einer originären und in Echtzeit stattfindenden Interaktion zwischen, erstens, den die Kommunikation strukturierenden Algorithmen, zweitens, deren technischer Infrastruktur sowie, drittens, den medial vorgesehenen wie kreativ-unvorhersehbaren Praktiken der Nutzenden ergeben. Was die Unübersichtlichkeit der pluralisierten Öffentlichkeit dabei noch erhöht ist, dass diese Regeln letztlich nur in der praktischen Nutzung, in einer persönlichen Aneignung verständlich werden. Die Rede von »den sozialen Medien« ergibt nur als Hilfskonstruktion Sinn, da sich die verschiedenen Medien und ihre Publika stark unterscheiden.
Überforderung, Frustration und Resignation können die Folgen sein, wenn man sich in das Gewühl sozialer Medien begibt.
Wenn ich Medium N nicht nutze, bin ich aus dieser spezifischen sozialen Gegenwart ausgesperrt, bin nicht Teil des Publikums, verstehe weder, wie Medium N funktioniert, noch kann ich dessen politische Relevanz beurteilen oder in diesem erfolgreich kommunizieren. Die potenzielle Notwendigkeit einer bewussten Auseinandersetzung und diskursiven Aneignung einer Vielzahl unterschiedlicher Sozialer Medien ist die Herausforderung, mit der sich politische Organisationen, Politiker*innen, Journalist*innen und eigentlich alle, die das öffentliche Wort an ein möglichst großes Publikum richten möchten, stellen müssen. Während Organisationen auf die Unübersichtlichkeit durch die Schaffung spezieller Stellen und auf die einzelnen Medien abgestimmter Strategien reagieren können, haben Einzelpersonen diese Möglichkeit nicht. Überforderung, Frustration und Resignation können die Folgen sein, wenn diese sich in das Gewühl der sozialen Medien begeben; insbesondere dann, wenn die Erwartung besteht, in diesen etwas von den alten Massenmedien wiederzuerkennen. In Sozialen Medien besteht zudem die Tendenz, dass insbesondere Debatten zu »kontroversen« Themen so derb und unsachlich ablaufen, dass nur eine kleine Gruppe der Nutzer*innen sich dem aussetzen möchte.
Über Hass im Netz und digitale Übergriffigkeit ist in den letzten Jahren viel geschrieben und gesprochen worden, das Problem noch bei Weitem nicht behoben. Die extreme Rechte versucht seit einigen Jahren, ihre Angebote und Sichtbarkeit in Sozialen Medien auszubauen, progressive Akteure gezielt anzugreifen und zum Rückzug aus Sozialen Medien zu bewegen. Nicht selten mit Erfolg. Dabei nutzen sie in zweierlei Hinsicht das kulturelle Unbehagen und die Überforderung aus, die bei der Nutzung einer neuen medialen Technik unweigerlich entstehen. Erstens arbeiten sie gezielt am Bild der politischen Lager und der Polarisierung, da sie dieses für ihre politische Propaganda benötigen. Wenn sich durch die Wucht und Aggressivität der Debatte und den Rückzug derer, die sich dem nicht aussetzen möchten, ein antagonistisches Bild zweier sich gegenüberstehender Lager ergibt, dient dies zweitens aber auch der Normalisierung der extrem rechten Position.
Es geht sowohl um diskursive Dominanz als auch um die Ausweitung der Grenzen des Sagbaren. Wie individuell nachvollziehbar der Rückzug aus Sozialen Medien auch ist, in denen Angriffe und Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung sind, so wenig sollte er als politische Lösung begriffen werden. Um das Momentum der extremen Rechten zu brechen, ist vielmehr ein stärkeres Engagement progressiver Kräfte und die Entwicklung (auch kollektiver) Gegenstrategien notwendig. Sich dafür zu fein zu sein, wäre verheerend.


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