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© Bild von Matthias Böckel auf Pixabay

Joseph Beuys und sein documenta-Kunstwerk »7000 Eichen« Die Herausforderung unserer Generation

Ab und an müssen Bäume nachgepflanzt werden, um die Zahl von »7.000 Eichen« – so der Titel des Werkes – zu halten.
Die Neuzugänge haben es allerdings in sich: Es seien keine gewöhnlichen Eichen, stellt die Lokalzeitung Hessische Niedersächsische Allgemeine die neue Baumreihe vor, sondern eine besondere Sorte ungarischer Eichen, die es gewohnt sei, auch längere Hitze- und Trockenphasen zu überstehen. Phasen, die es durch den Klimawandel in Zukunft immer häufiger geben wird.
»7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung« ist nicht nur ein botanisches Landschaftskunstwerk des Aktionskünstlers Joseph Beuys. Es ist ein politisches Statement gegen die Domestizierung der Natur durch den Menschen und seine Fortschrittsfantasien: »Tiere, Bäume, alles ist entrechtet!« Damals, vor Beginn des Projekts, hatte Beuys ein Pamphlet mit dem Titel »Aufruf zur Alternative« in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht: »Unser Verhältnis zur Natur«, hieß es darin, »ist dadurch gekennzeichnet, dass es ein durch und durch gestörtes geworden ist. Es droht die restlose Zerstörung der Naturgrundlage, auf der wir stehen.« Das war 1978. Es herrschte Aufbruchstimmung: Friedensbewegung. Frauenbewegung. Umweltbewegung. Eine andere Welt schien möglich. Es ging um die zentralen Fragen des Zusammenlebens. 1982 wurden die ersten Eichen gepflanzt.
Heute, fast 40 Jahre später, rufen mehr und mehr Städte den »Klimanotstand« aus. Und welch eine Pointe: die Eichen in Kassel, die damals ein ökologisches, politisches und soziales Umdenken markieren sollten, werden nun ihrerseits angepasst, damit wenigstens sie den Klimawandel überleben. Einmal mehr domestiziert der Mensch die Welt, die zu retten er verpasst.

Dialog und Kompromiss
Das Kunstwerk entsprang dem erweiterten Kunstbegriff, den der 1921 in Krefeld geborene Joseph Beuys mit dem Begriff der »sozialen Plastik« schuf, einem Appellativ, dass jeder Mensch nicht nur ein kreativer, schaffender Geist sei, sondern auch entsprechend handeln könne. In diesem Geist wuchsen viele aus meiner Generation der »1980er« auf: Jeder Mensch könne sich (in unseren westlich-freiheitlichen Demokratien) frei entfalten, so das Versprechen. Das ist die große zivilisatorische Errungenschaft, für die der Nachkriegsfrieden, vor allem aber die sozialen Bewegungen der ersten Nachkriegsgenerationen für unsere Generation den Weg bereitet haben, und die in Beuys‘ Kunstwerken ebenso wie in der politischen Landschaft der 80er Jahre ihren Ausdruck fanden. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung vor 30 Jahren erreichten wir dann die vielleicht liberalsten und emanzipiertesten Jahre Europas, in denen man schon bald für wenig Geld von Land zu Land fliegen konnte und Grenzen auf den Straßen wie in den Köpfen verschwanden.
Diese Freiheit, die der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 etwas voreilig das »Ende der Geschichte« nannte, war in Wirklichkeit ein Auftrag an unsere Generation, nun Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in der wir leben. Wer zu Spottpreisen durch die ganze Welt fliegen kann, der muss auch Verantwortung für den Kondensstreifen übernehmen, den er hinter sich zieht.
Viele Ideen dazu folgten: Transition Towns, Urban Gardening, Eco-Lodges, Unverpacktläden, E-Autos, Sharing-Economy, Windparks, Wählerwanderungen zu den Grünen: Die Generation der 80er Jahre war vielleicht nicht die politisch lauteste, aber sie hat im Hintergrund Wege geebnet, um der ökologischen und kapitalistischen Krise zu begegnen. Denn das Wissen um Alternativen, das es früher nur spärlich gab, ist jetzt da und im digitalen Zeitalter für jeden verfügbar. Es gibt also keine Ausreden mehr.
Veränderung bedeutet auch, alte ideologische Fronten zu überwinden und im Dialog und Kompromiss neue Wege zu beschreiten. »Demokratie als unvollendeter Prozess«, lautete der Aufruf von Okwui Enwezor, dem künstlerischen Leiter der documenta 11, 2002. Und so war auch der Begleitband seiner Weltkunstaustellung betitelt, die auf die globale Dimension der heutigen Herausforderungen verwies. Tatsächlich bringt Globalisierung und Digitalisierung heute Herausforderungen und Lösungen gleichermaßen in jeden Winkel der Erde. Darin liegt eine große Chance, Wissen und Kreativität zu koppeln: Wir leben in einer Start-Up-Zeit, was bedeutet, dass unternehmerische Ideen ebenso zur Lösung globaler Probleme beitragen können wie politische. Dabei gehört es zur Einsicht unserer postideologischen Generation, dass wir mit dem »System« handeln müssen, um etwas zu bewegen: Das bedeutet, dass es eben die Hebel des Kapitalismus und des technologi-schen Fortschritts ebenso wie die Vernunft benötigt, um die Klimakrise, das Artensterben und die frappierende globale soziale Ungleichheit in den Griff zu bekommen.

Ein schöpferischer New Deal
So kann beispielsweise ein an strengen Nachhaltigkeitskriterien ausgerichteter Investmentfonds durch seine Kapitalstärke einen unternehmerischen Druck auf Unternehmen aufbauen, der viel größer ist als der von Klimademonstrationen liegt. Auch so kann Klimapolitik über Marktkräfte for-ciert werden. Nur radikale Investitionen in nachhaltige Unternehmen und Technologien können einen realen Wandel in der verursachenden Industrie evozieren, in die übrigens mittlerweile auch jeder privat per börsengehandelter Indexfonds (ETF) sein Gespartes investieren kann. Damit kein Missverständnis entsteht: Es braucht beides, den öffentlichen politischen Druck und die Unternehmen. Es ist keine Kapitulation vor dem Kapital, sondern seine kluge Instrumentalisierung. Das geht auch im Alltag: Der ganze Zweig des »Transition Designs« versucht, im Sinne des erweiterten Kunstbegriffs Alltagsdesign Nachhaltigkeitswerte durch Gestaltung zu fördern.
Wir stehen vor einem »Green New Deal«, jener Idee, die seit 2007 um die Welt geht und von In-tellektuellen verschiedenster politischer Richtungen mitgetragen wird. Franklin D. Roosevelt hatte die Idee des »New Deals« 1932 ausgerufen, als die Weltwirtschaft am Abgrund stand, und gleich-zeitig das Spiel noch offen – also noch zu gewinnen – war. Wenn wir einen ökologischen (und damit sozialen) »New Deal« brauchen, dann jetzt. Was früher vielleicht PR war, hat nun eine politische Brisanz, die historisch ist.
Die documenta selbst entstand aus einem historischen Momentum der Nachkriegszeit, als die Menschen bereit waren, dem Schrecken des Nationalsozialismus in die Augen zu blicken, indem sie der zuvor verfolgten Avantgarde wieder eine Bühne gaben. Heute ist wieder ein solcher Moment, in dem entschieden werden muss, ob wir in der fossilen Vergangenheit verharren, oder uns zutrauen, neue Wege zu gehen. Dazu müssen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zusammen handeln. Der Antrieb dafür ist da.
Wo ein Wille ist, ist ein Weg, sagt ein deutsches Sprichwort. Nicht ohne Grund stehen Bücher wie Peter Wohllebens Das geheime Leben der Bäume in den Bestseller-Listen der letzten Jahre ganz oben. Magazine wie Landlust oder Walden weisen dem urbanen Hipster den Weg vom Start-up raus in die Natur. Und all das hat – nicht nur metaphorisch – mit Bäumen zu tun: Was ist der Wald für uns, wenn er mehr ist als Ertrag? Bei allen Dringlichkeitsappellen zum Handeln, die durch den Klimanotstand verstärkt wurden, darf die Frage nicht aus dem Blick geraten: In welche Richtung wollen wir handeln? Wie soll eine Gesellschaft aussehen, die sozial und ökologisch gelingt? Und worauf wollen wir verzichten, um andere Werte hinzuzugewinnen?

Ein neuer Anfang
Das Werk von Joseph Beuys, das im nächsten Jahr zu seinem 100. Geburtstag an sein Wirken über mehrere documenta-Dekaden hinweg erinnern wird, könnte aktueller nicht sein. »Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Welt aufrecht zu erhalten. Nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten«, sagte er einst über sein Kunstwerk. Der Mensch als kreatives Wesen könne sich nur entwickeln, wenn er diese zentrale Eigenschaft des Menschseins entfaltet. Was für manche esoterisch klingt, war für Beuys die zentrale Grundlage unserer Zivilisation. Daran sollen die Bäume uns erinnern.
Die »soziale Plastik« des 21. Jahrhunderts bedeutet folglich: Toleranz, Inklusion, Emanzipation, Kreativität, Empowerment, Nachhaltigkeit und Solidarität. Es geht nicht länger um das Spannungsverhältnis von Staat und Individuum. Nicht um Generationenkonflikte oder Ideologien. Die soziale Plastik bedeutet Kreativität in allen gesellschaftlichen Dimensionen, nicht zuletzt nachhaltige un-ternehmerische Kreativität.
Hier schließt sich der Kreis zu Beuys 7.000 Eichen und den berühmten Basaltstelen, die neben jedem Baum stehen: »Nicht Aufbau, nicht Abbau, sondern beides gleichzeitig in Abhängigkeit«. Der Keil an Basaltsteinen, der 1982 auf einem zentralen Platz in Kassel lag, ist abgearbeitet. Sie stehen nun überall in der Stadt. Sie zeigen, dass es kein Zentrum gibt, keinen alleinigen Ort (wie Parlament oder Börse), wo die Probleme gelöst werden können, sondern dass jeder Einzelne gefragt ist.
Mitten in die Entwicklung dieses Textes fällt eine globale Gesundheitskrise, die unser Wirtschaf-ten vielleicht noch nachhaltiger verändern wird als die Klimakrise. Auch hier ist der Ausgang offen, ob wir uns am Ende als eine Weltgesellschaft verbünden oder zerfallen. Die Geschichte endet hier nicht, sie steht vor einem neuen Anfang. Und es liegt an uns, ob wir zum früheren »Normalbetrieb« zurückkehren wollen, oder zu einem »new normal« aufbrechen, wohl wissend, dass das unbequem wird.
Wir – damit meine ich meine Generation in unseren westlich-liberalen Gesellschaften – haben davon profitiert, in einer friedvollen und wohlhabenden Freiheit aufgewachsen zu sein – like no other. Wir stehen nun in der Verantwortung.
Die Natur hat ihre Adaptionsfähigkeit bereits bewiesen: Die ungarischen Eichen, die nun am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe wachsen, haben sich auf den Klimawandel bereits eingestellt. Das sollte uns Menschen auch gelingen. Diese Welt in ein neues Gleichgewicht zu führen, das ist die Herausforderung unserer Generation.

 

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