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© Gerngross Glowinski Fotografen

»Es gibt keine Demokratie ohne die Beteiligung von Frauen«

Die ersten Forderungen nach politischer Partizipation von Frauen wurden in Europa bereits Ende des 18. Jahrhunderts laut. Doch bis das aktive und passive Wahlrecht für Frauen durchgesetzt werden konnte, war es noch ein langer und beschwerlicher Weg. So wurde es in Deutschland erst am 30. November 1918 mit dem Inkrafttreten des Reichswahlgesetzes eingeführt.

Im Gespräch mit der NG|FH erläutern die Politikjournalistin Rebecca Beerheide und die Literaturwissenschaftlerin Isabel Rohner, was sich in den 100 Jahren seitdem getan hat und wo wir heute stehen. Die beiden haben zuletzt im Ulrike Helmer Verlag den Sammelband »100 Jahre Frauenwahlrecht. Ziel erreicht! … und weiter?« herausgebracht. Die Fragen stellte die Journalistin und Autorin Julia Korbik.

 

Julia Korbik: Frau Beerheide, Frau Rohner, müssen wir Donald Trump dafür danken, dass es Ihr Buch gibt? Sie schreiben im Vorwort, dass Sie nach seiner Wahl auf die Idee dazu kamen. Wie hat Sie also Trump inspiriert?

 

Rebecca Beerheide: Wir hatten uns zwei Tage nach der Wahl von Trump zum Mittagessen verabredet und saßen uns dementsprechend schockiert gegenüber. Gleichzeitig haben wir uns gesagt: Irgendetwas muss man jetzt machen, damit es diesen Rechtsruck in Deutschland nicht gibt, indem man z. B. mehr informiert und vor allem auch Frauen dazu bringt, wählen zu gehen oder sich zumindest damit zu beschäftigen.

 

Isabel Rohner: Ich hatte das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht schon lange auf dem Schirm, weil ich mich seit 20 Jahren mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm beschäftige. Ich gebe die Edition Hedwig Dohm heraus und habe eine Biografie über sie geschrieben. Hedwig Dohm war in Deutschland die Erste, die bereits 1873 die völlige rechtliche, soziale und ökonomische Gleichberechtigung von Frauen und Männern gefordert hat. Der Kampf um das Wahlrecht war ihre Lebensaufgabe. Sie starb kurz nach der Einführung.

Dadurch war ich stark sensibilisiert, was es heißt, in einer Zeit zu leben, in der es diese Rechte nicht gibt und sich dafür einzusetzen bedeutet, einen sehr hohen Preis zu zahlen.

 

Korbik: Wird das Thema ernst genug genommen?

 

Rohner: Für das Jubiläumsjahr ist schon einiges angekündigt, u. a. eine große Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt am Main. Viele Gleichstellungsbeauftragte machen Veranstaltungen, auch die ASF, die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen ist umtriebig. Insgesamt wünschte ich mir aber schon noch mehr. Es gibt keine Demokratie ohne die Beteiligung von Frauen. Das Jubiläum ist also für unsere Demokratie grundlegend – und das müsste bundesweit noch breiter betont werden.

 

Korbik: Wie haben Sie die Autorinnen bzw. die Gesprächspartnerinnen ausgesucht? Bekannte Frauen aus der Politik wie Gesine Schwan oder Claudia Roth kommen ebenso zu Wort wie die Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta oder eine ehemalige Femen-Aktivistin.

 

Beerheide: Uns war klar, dass wir Politikerinnen aller Parteien dabei haben wollten. Zudem Frauen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Auswahl sollte auch ein Blick in die Gesellschaft sein.

 

Rohner: Zudem war uns wichtig, dass die Texte auch in der Form unterschiedlich sind. Es gibt einige Interviews, auch ein Gedicht, einen dialogischen und einen literarischen Text. Wir wollten zeigen, wie wichtig das Thema für Frauen aus den verschiedenen Spektren des politischen und gesellschaftlichen Lebens ist und ein Buch schaffen, das für alle Leserinnen und Leser einen echten Mehrwert bietet. Und einen gewissen Unterhaltungswert sollte es natürlich auch haben.

 

Korbik: Sind mit der Wahl von Trump, mit dem Einzug der AfD in den Bundestag und anderer Ereignisse Frauenrechte wieder verhandelbar geworden oder waren sie das sowieso schon immer? Haben wir uns vielleicht nur eingebildet, dass es zwischenzeitlich mal besser geworden ist?

 

Rohner: Ich stelle auf jeden Fall fest, dass das Wissen um die Geschichte der Frauenbewegung und das Wissen darum, dass diese Rechte hart erkämpft werden mussten, in der heutigen Zeit nicht besonders ausgeprägt vorhanden ist. Und das ist nicht nur in Deutschland so. Ein Ausruhen auf dem Erreichten und ein Vertrauen darauf, dass wir in einer Demokratie nicht hinter einen bestimmten Standard zurückfallen, ist verdammt gefährlich. Darum ist es umso wichtiger, immer wieder darauf hinzuweisen. Aus der Vergangenheit lernt man, unsere Gegenwart besser einzuschätzen und die Zukunft besser zu gestalten.

 

Beerheide: In Deutschland gab es schon durch den Einzug der AfD in die ersten Landesparlamente einen gewissen Rückschlag. Was in unserem Leben als normal galt, steht auf einmal wieder zur Disposition. Da muss man wachsam sein und sagen: Denkt an die Geschichte. Wie lange wurde für die Frauenrechte gekämpft?!

 

Rohner: Aktuell besteht wieder eine starke Sehnsucht nach Schubladen: Männer sind so, Frauen sind so. Das sieht man gerade auch in jeder Spielzeugabteilung: Jungs sollen Abenteurer sein, Mädchen Prinzessinnen. Das ist gefährlich, weil es meist bedeutet: Frauen sind anders als die Norm – und die Norm ist männlich. Frauen werden dadurch Eigenschaften abgesprochen, etwa erfolgreich, selbstständig und mutig zu sein – oder sich mit Technik auszukennen. Mit eben diesem »Anderssein« von Frauen wurden jahrelang ihre fehlenden Bürgerinnenrechte oder die schlechte Mädchenbildung gerechtfertigt. Dabei ist es ein gesellschaftliches Konstrukt.

 

Korbik: Wenn wir über das Frauenwahlrecht sprechen, geht es auch um politische Teilhabe von Frauen, nicht nur um das Wahlverhalten, sondern auch um die Repräsentanz von Frauen in der Politik. Und da muss man leider feststellen: Im neuen Bundestag sitzen so wenige Frauen wie seit 1998 nicht mehr. Woran liegt das? Warum haben es Frauen in der Politik so schwer?

 

Beerheide: Im neuen Bundestag gibt es zwei Fraktionen, die offensichtlich ein Frauenproblem haben. Die AfD und die FDP haben in ihren Reihen die geringsten Frauenanteile. Die beiden haben sehr viele Männer auf den Landeslisten aufgestellt. Aber auch die Union hat einen sehr geringen Frauenanteil. DIE GRÜNEN mit 58 %, DIE LINKE mit 54 % und die SPD mit 42 % stehen viel besser da. In den eher linken Parteien gibt es offenbar Frauen, die sich engagieren und Ämter erklimmen – und ich glaube nicht, dass es diese engagierten Frauen mit Wunsch nach einem hohen Amt in den anderen Parteien nicht auch gibt.

 

Rohner: Natürlich gibt es diese Frauen! Wenn man aber auf die Repräsentanz von Frauen auf den Wahllisten und bei den Direktkandidaturen schaut, stellt man fest, dass sie insgesamt seltener aufgestellt werden. Das betrifft Landtagswahlen genauso wie die Bundestagswahl. Hier sind alle Parteien gefordert, eine gerechtere Lösung hinzubekommen.

 

Beerheide: 25 % aller Direktkandidat/innen sind Frauen. Der Frauenanteil auf den ersten fünf Listenplätzen lag insgesamt nur bei 34,7 %. In Baden-Württemberg wurden beispielsweise nur noch drei Frauen direkt gewählt.

Hinsichtlich der Landeslistenaufstellungen verfahren die SPD, DIE GRÜNEN und DIE LINKE nach dem Reißverschlussprinzip. Bei den GRÜNEN wird dieses Prinzip gerade hinterfragt. Es wäre aber angebracht, etwas grundsätzlich an dem Verfahren der Listenaufstellung zu ändern, etwa durch gesetzliche Regelungen.

 

Korbik: Traut man Frauen das nicht zu? Hat das mit Geschlechterstereotypen zu tun?

 

Beerheide: Wer vor Ort aufgestellt wird, ist zumeist sehr engagiert gewesen und/oder in dem eigenen Ortsverband gut vernetzt. Engagiert sind viele Frauen, aber die Vernetzung am Kneipentisch, im Sportclub oder bei der Freiwilligen Feuerwehr ist bei Frauen vielleicht nicht so ausgeprägt.

 

Rohner: Ich kenne mehrere Frauen, die schon mal als Direktkandidatin aufgestellt worden sind – und alle in wenig aussichtsreichen Wahlkreisen. Eine junge Abgeordnete aus Brandenburg beispielsweise, die ihren Wahlkreis gewonnen hat, der vorher jahrelang von einer anderen Partei dominiert war, hat mir erzählt, dass ihr Ortsverband über ihren Sieg not amused gewesen sei und sie gleich gefragt wurde, ob sie bei der nächsten Bundestagswahl wieder antreten wolle. Als sie dann während der Legislatur auch noch ein Kind bekommen hat und überhaupt nicht daran dachte, länger auszufallen oder gar ihr Mandat zurückzugeben, gab es im Ortsverband einen regelrechten Aufstand. Inzwischen hat sie den Wahlkreis zum zweiten Mal gewonnen.

 

Korbik: Hinsichtlich des Wahlverhaltens von Frauen sagt Manuela Schwesig in Ihrem Buch: »Das Wahlrecht ist ein Stück Verantwortung mitzureden, sich eine Meinung zu bilden und diese Meinung auszudrücken.« Wie nehmen Frauen in Deutschland diese Verantwortung wahr?

 

Beerheide: Das muss man nach Altersgruppen differenzieren. Die jungen Frauen zwischen 18 und 20 Jahren gehen meist öfter zur Wahl als die gleichaltrigen Männer. Am geringsten ist die Wahlbeteiligung in der Altersgruppe zwischen 21 und 24  Jahren, bei Frauen wie Männern. Das war auch bei der vergangenen Bundestagswahl so: Da haben sich die 18- bis 39-Jährigen unterdurchschnittlich beteiligt, und die 40- bis 69-Jährigen überdurchschnittlich. Zusätzlich nimmt die Wählerschaft bei den über 70-Jährigen zu: In der Altersgruppe waren 2017 bei der Wahl 7,5 Millionen Frauen wahlberechtigt und rund 5 Millionen Männer. In dieser Gruppe gehen prozentual gesehen mehr Männer zur Wahl als Frauen. Ich sehe eine Herausforderung für die Demokratie, da der Anteil jüngerer Menschen immer geringer wird und gerade junge Frauen ihr Wahlrecht nicht hinreichend nutzen.

 

Rohner: Die Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl war mit 76 % wieder etwas besser als vor vier Jahren. Es gab aber in Deutschland auch schon Wahlbeteiligungen von über 90 %, bei Männern wie Frauen. Es sollte ein gesellschaftspolitisches Ziel sein, bei allen eine höhere Wahlbeteiligung zu erreichen.

Übrigens: Unter den Wahlberechtigten in Deutschland gibt es zwei Millionen mehr Frauen als Männer.

 

Beerheide: Genau: Frauen könnten also bei der Wahl den Unterschied ausmachen, aber es nehmen nicht mehr Frauen an der Wahl teil.

 

Korbik: Was ich durch Ihr Buch auch erfahren habe ist, dass Frauen auch deshalb den großen Unterschied ausmachen, weil sie weniger populistisch wählen als Männer. Warum ist das so?

 

Beerheide: Junge Frauen bis etwa Mitte 20 sind für populistische Züge rechts wie links kaum zugänglich, vor allem nicht für die AfD. Bei denen gibt es eine klare Tendenz zu Rot-Grün. Frauen insgesamt wählen weniger die Ränder des politischen Spektrums. Und dazu gehört auch die FDP, die eine deutlich geringere Zustimmung von Frauen erhält. Diese wählen eher die Sicherheit, also entweder wirklich konservativ oder sozialdemokratisch bzw. grün.

 

Rohner: Dass die FDP die Frauen so gar nicht erreicht, ist auch ein wenig Ironie der Geschichte. Viele der großen Feministinnen in Deutschland haben sich auf liberale Denktraditionen bezogen, die das Individuum in den Mittelpunkt stellen und Chancen für alle forderten. Ein Ansatz, der in Deutschland weit weniger stark vertreten war als im angelsächsischen Raum oder später in Frankreich. Die Feststellung »Frauenrechte sind Menschenrechte« entstammt diesem Denken. Schade, dass das bei der FDP so wenig präsent ist.

 

Beerheide: Das stimmt, wobei bei der letzten Bundestagswahl die älteren Frauen der Kanzlerin Angela Merkel im Endeffekt den Wahlsieg gesichert haben. Verhältnismäßig viele ab Mitte 50 haben laut Nachwahlbefragungen die Union gewählt.

 

Korbik: Ältere weiße Frauen in den USA haben eher Trump gewählt. Wie kann man das erklären?

 

Rohner: Frauen sind nicht klüger als Männer, alle nähren sich aus demselben Geistesdiskurs. Und ein Aspekt, der meiner Wahrnehmung nach bei der Betrachtung der US-Wahl hierzulande immer etwas verloren geht, ist, dass wir es in den USA mit einem Zweiparteiensystem zu tun haben. Kleine Parteien spielen für die Präsidentschaft keine Rolle. Die Parteizugehörigkeit wird damit zentral. Viele, auch gebildete US-amerikanische Frauen sagen im Gespräch: Ja, es ist schön, dass sich Hillary Clinton bewirbt, zum ersten Mal eine Frau. Aber wir können uns gar nicht vorstellen, die Demokraten zu wählen. Wir haben das nie gemacht.

 

Beerheide: Oprah Winfrey, die bereits als Anwärterin auf die Kandidatur für die Demokraten gehandelt wird, hat recht schnell nach der Wahl gesagt, bevor sie antritt, müsste sich erst einmal bei den weißen Schwestern etwas bewegen. Denn es ist ja schon bezeichnend, dass die weißen Frauen aus den verschiedensten Gründen zu 53 % Trump gewählt haben. Schwarze Frauen haben zu 91 % Clinton gewählt.

 

Korbik: Die Wahl von Barack Obama war natürlich für einen Teil ein riesiger progressiver Schritt. Man vergisst aber dabei, dass viele traditionell denkende Amerikaner und Amerikanerinnen immer noch nicht akzeptieren, dass ein Afroamerikaner mal Präsident sein durfte.

 

Rohner: Und noch etwas ist interessant: Obama stand ja damals auf demokratischer Seite gegen Clinton zur Wahl und die Mehrheit hat sich für Obama entschieden. Auch die schwarzen Männer hatten ja weit vor den weißen und schwarzen Frauen das Stimmrecht in den USA.

 

Beerheide: Die Vereinigten Staaten sind also eher bereit, einen schwarzen Mann zum Präsidenten zu machen als eine weiße Frau. Wir sind mal gespannt, ob es beim nächsten Mal eine schwarze Frau schafft.

 

Korbik: Sie haben vorhin gesagt, dass die frühen Frauenrechtlerinnen eher liberal waren, also Frauenrechte als Menschenrechte verstanden haben. Trotzdem gab es ja die Angst, Frauen würden, wenn sie das Stimmrecht hätten, hauptsächlich sozialdemokratisch wählen. Wie hat sich das entwickelt?

 

Rohner: Die haben sich zwar auf den Liberalismus bezogen, aber das betraf die Denktradition, nicht eine Partei. Das ist ein Unterschied. Das Parteiensystem in Deutschland begann sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herauszubilden. Frauen fielen in Deutschland noch bis 1908 unter das Vereinsverbot und durften sich gar nicht in Parteien oder politischen Vereinen engagieren.

 

Beerheide: Auch aus diesem Grund wurde damals z. B. die Arbeiterwohlfahrt gegründet, damit sich Frauen treffen, engagieren und einbringen konnten. Natürlich wurde so schon Politik gemacht, was eigentlich in der Form noch verboten war.

 

Rohner: Die Angst davor, Frauen könnten jetzt sozialdemokratisch wählen, hatte zum einen damit zu tun, dass sich die SPD schon sehr früh für das Frauenstimmrecht stark eingesetzt und als einzige Partei das freie und gleiche Wahlrecht für Frauen schon seit 1891 in ihrem Parteiprogramm stehen hatte und bis 1918 auch die einzige blieb. Ganz klar: Das ist ein Riesenverdienst der SPD und sie sollte sich das vor allem in diesem Jahr auf alle Fahnen schreiben. Die Sozialdemokraten strebten natürlich eine andere Gesellschaftsform an als die damalige monarchische. Deshalb bestand die Angst, dass das ganze System umgewälzt werden könnte. Es ging also nicht so sehr um die Frauen.

 

Beerheide: Die Wahlbeteiligung der Frauen lag bei der ersten Wahl bei 82 %. Das waren aber natürlich nicht alles Anhängerinnen der Sozialdemokratie, sondern kamen aus allen Spektren.

 

Rohner: Viele Frauen fanden zwar das Wahlrecht gut, konnten sich aber nicht mit den übrigen sozialdemokratischen Ziele identifizieren, weil sie anders sozialisiert, vielleicht kirchennäher waren oder aus anderen Gründen näher an andere Parteien gebunden.

 

Korbik: Was ist denn mit Blick auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit von der wahrscheinlich bevorstehenden Großen Koalition zu erwarten?

 

Rohner: Anders als noch im Sondierungspapier, wo Frauen nur im Zusammenhang mit Familie und Kindern erwähnt wurden, kündigt der Koalitionsvertrag eine ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie mit einem Aktionsplan an. Auch auf 100 Jahre Frauenwahlrecht wird verwiesen und auf die dringende Notwendigkeit, die Repräsentanz der Frauen in der Politik zu erhöhen. Das klingt zunächst einmal gut, denn Frauenpolitik ist nicht auf Familienpolitik begrenzt, Frauenpolitik muss alle Themen unseres Lebens durchdringen …

 

Beerheide: … als Querschnittsthema, wie beim Arbeitsrecht. Wenn beispielsweise das Recht auf befristete Teilzeit durchgesetzt wird, dann ist das ein ganz klares frauenpolitisches Thema. Oder auch bei der sachgrundlosen Befristung, die ja vor allem im öffentlichen Dienst verbreitet ist.

 

Korbik: Das betrifft viele Frauen.

 

Beerheide: Genau. Neben meiner journalistischen Tätigkeit bin ich auch Vorsitzende des Journalistinnenbundes, der sich an der Berliner Erklärung vor der Bundestagswahl beteiligt hat, in der auf drei Seiten Forderungen aufgestellt wurden, wie eine künftige Gleichstellungspolitik auszusehen hat. Themen wie das Ehegattensplitting wird man wohl in dieser Großen Koalition nicht mehr andiskutieren. Aber man kann daneben auch viele Forderungen lesen, in welche Richtung es gehen muss.

 

Rohner: Dadurch, dass jetzt nur noch 30,8 % Frauen im Bundestag sitzen, besteht die Gefahr, dass Frauenpolitik unter »ferner liefen« eingeordnet wird. Da würde es sicherlich helfen, wenn zumindest das neue Bundeskabinett paritätisch besetzt wäre.

 

Beerheide: Vielleicht ergibt sich aber gerade dadurch auch eine Chance, dass nämlich noch viel mehr Frauen über die Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten. Die Frauen im Bundestag müssen stärker kooperieren, um Themen durchzusetzen. Das heißt, dass sich die Frauenunion genauso bewegen müsste wie die SPD-Frauen. Das wäre sicherlich für einige Forderungen sehr wichtig, denn die Frauenbewegung war immer dann stark, wenn Themen über die ideologischen Grenzen hinweg verhandelt wurden.

 

Rohner: Wir haben für unser Buch auch ein Interview mit Rita Süssmuth geführt, das uns beide sehr beeindruckt hat. Auch auf sie gehen ja einige wichtige frauenpolitische Anker zurück, von der Ergänzung des Artikels 3 des Grundgesetzes, über die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe bis zum dritten Weg in der Abtreibungsdebatte. Ihre Grundüberzeugung war immer zu gucken, wo sie über die eigene Parteigrenze hinweg mit Frauen zusammenarbeiten und Dinge voranbringen kann. Darum lassen sich auch viele erreichte gleichstellungspolitische Ziele oder Meilensteine nicht eindeutig auf eine Partei zurückführen, sondern vielmehr auf konkrete Politikerinnen.

 

Korbik: Müssten die Parteien nicht auch verstärkt junge Wählerinnen ansprechen? Nach dem Motto: Ihr habt das Wahlrecht, also nutzt es auch!

 

Beerheide: Dann brauchen Parteien aber auch Themen, die junge Leute interessieren. Der Zwang zu wählen bringt nichts, denn viele machen ihre Stimme dann ungültig. Wobei ich natürlich auch das Problem sehe, dass es für die Parteien durchaus verlockend sein wird, junge Themen nicht mehr so stark zu machen, weil es künftig einfach viel mehr ältere Wählerinnen und Wähler geben wird.

 

Rohner: Und damit verspielt man natürlich auch ein wenig die Zukunft. Aber wir müssen uns jetzt um die Gestaltung der Zukunft kümmern, nicht um die Verwaltung des Ist-Zustandes. Auch mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung muss die Politik jetzt handeln.

 

Beerheide: Zwischen Jung und Alt muss es mehr Verbindungen geben. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich das in den kommenden Jahren in allen Parteien entwickelt.

 

Korbik: Sie sprachen gerade von der Zukunft, ich würde aber ganz gerne noch mal in die Vergangenheit schauen, weil man daraus – wie das auch Ihr Buch sehr schön zeigt – viel lernen kann. Frau Rohner, Sie sind gebürtige Schweizerin und haben Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre noch den Kampf um das Frauenwahlrecht im Kanton Appenzell miterlebt.

 

Rohner: Ja, ich komme aus St. Gallen, das ist knapp 20 Kilometer von Appenzell entfernt. Ich war damals zehn Jahre alt. Die damaligen Auseinandersetzungen ums Frauenstimmrecht sind meine früheste politische Erinnerung. Ich kann mich an Fernsehsendungen erinnern, die ich schon damals skandalös fand. Da wurde über Frauen mit dem Tenor berichtet: Die sollen sich um den Haushalt kümmern und die Nachttöpfe leeren. Warum müssen die jetzt auch noch wählen können?

Dazu muss man wissen, dass in der Schweiz auch das Frauenwahlrecht auf Bundesebene erst 1971 eingeführt wurde. Gleichzeitig wurde es in den meisten Kantonen direkt mitverabschiedet, aber wie bei Asterix und Obelix wehrten sich zwei kleine Halbkantone und einer davon verdammt lange. Das war Appenzell-Innerrhoden.

Das Frauenstimmrecht verdanken die Appenzellerinnen einer einzigen Frau. Sie heißt Theresia Rohner, wir sind aber nicht verwandt. Die Frauen hatten zwar das Bundeswahlrecht und konnten z. B. über die Zusammenarbeit der Schweiz mit dem Europäischen Wirtschaftsraum mitentscheiden – aber nicht über den Neubau einer örtlichen Turnhalle. Theresia Rohner hat mir erzählt, wie heftig es war, ein ganzes Dorf gegen sich zu haben. Denn anfangs stand sie mit ihrer Forderung, wählen zu wollen, völlig allein. Sie hat dann Klage eingereicht. Der Bund hat die Entscheidung aber an den Kanton zurückgegeben – und dort durften, aufgrund der direkten Demokratie, die wahlberechtigten Bürger über das Frauenstimmrecht entscheiden, und das waren ausschließlich Männer. Diese haben das Frauenstimmrecht abgelehnt. Erst danach fand Theresia weitere Unterstützerinnen. Sie klagten ein zweites Mal, und 1990 gab ihnen das höchste Schweizer Gericht recht. Aus diesem Fall hat die Schweiz gelernt: Wie in Deutschland gibt es inzwischen einige Artikel in der Verfassung, die auch in der direkten Demokratie nicht verhandelbar sind, etwa die Würde des Menschen und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

 

Korbik: Frau Beerheide, ich habe mal nachgerechnet, Ihre erste Wahl auf Bundesebene müsste 2002 gewesen sein. Können Sie sich daran noch erinnern? Wie war das?

 

Beerheide: Ich habe schon vorher einmal mit 16 an einer Kommunalwahl teilgenommen. Ich war immer schon sehr an Politik interessiert. Damals haben sich in einer Dorfkneipe zwei Politikerinnen und ein Politiker zur Wahl für den Gemeinderat gestellt. Dort habe ich mich informiert. Mein Vater und meine Schwester waren dabei und mein Vater sagte: »Wenn euch das wichtig ist, dass sich eine Kandidatin für das Frauentaxi einsetzt, dann wählt die doch, egal von welcher Partei die ist.«

 

Korbik: Die Journalistin und Autorin Mithu Sanyal schreibt in Ihrem Buch, das Recht zu wählen sei das Narrativ, das uns alle zu Bürgerinnen und Bürgern macht. Wofür steht das Wahlrecht, das Frauenstimmrecht, denn für Sie persönlich?

 

Rohner: Für ein Recht, das von ganz vielen Frauen und auch einigen Männern hart erkämpft worden ist und das es zu feiern gilt, vor allem an Wahltagen. Ich tue das jedes Mal sehr bewusst, auch immer ein bisschen im Gedenken an Hedwig Dohm, die nur einmal wählen konnte.

 

Beerheide: Für mich ist das Wahlrecht auf jeden Fall eine Bürgerinnenpflicht. Aber auch, sich darüber hinaus zu informieren und zu beteiligen, in welcher Form auch immer. Alle Wahlberechtigten haben das Gleiche in der Hand. Und da verstehe ich auch jene nicht, die sagen, ihre Stimme sei ja nicht so wichtig. Wenn das zwei Millionen sagen, hat das eine enorme Wirkung.

 

Isabel Rohner/Rebecca Beerheide (Hg.): 100 Jahre Frauenwahlrecht. Ziel erreicht … und weiter? Ulrike Helmer, Sulzbach/Taunus 2017, 256 S., 18 €.

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