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DAS THEMA

Zeit für Geschichte
Heft 1/2 | 2019

Peter Brandt

Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Am Abend des 15. Januar 1919 wurden die beiden führenden Politiker der zum Jahreswechsel gegründeten Kommunistischen Partei (KPD), Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, in einer Wohnung im späteren Berliner Bezirk Wilmersdorf von Angehörigen einer lokalen »Bürgerwehr« verhaftet. Ein Haftbefehl lag nicht vor. In den vorausgegangenen Tagen – der Januaraufstand war gescheitert – hatten sie mehrfach ihr Quartier gewechselt und sahen jetzt der Übergabe gefälschter Ausweispapiere durch den KPD-Funktionär Wilhelm Pieck, den späteren ersten Staatspräsidenten der DDR, entgegen, um den Häschern zu entkommen.

     Die beiden Verhafteten wurden in das Hotel Eden am Kurfürstendamm gebracht, das als Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division diente, einer Eliteeinheit der Armee, aus der dann mehrere Freiwilligenkorps (Freikorps) hervorgingen. Bereits im Hotel Eden waren die beiden verhafteten Protagonisten der radikalen Linken außer den Verhören auch Beschimpfungen, Drohungen und Misshandlungen ausgesetzt, bevor man sie gegen 22 Uhr nacheinander mit einem Auto abtransportierte, angeblich ins Untersuchungsgefängnis nach Moabit. Noch vor der Abfahrt erhielt Rosa Luxemburg von einem Soldaten mehrere Kolbenstöße. Kaum mehr bei Bewusstsein, tötete sie ein aufspringender Offizier mit einem Schuss in die Schläfe. Den Leichnam warfen die Militärs in den Landwehrkanal, wo er erst Monate später wieder auftauchte. Liebknecht war zuvor nach einer fingierten Wagenpanne »auf der Flucht erschossen« worden. So wurde es der Öffentlichkeit mitgeteilt, nachdem der tote Liebknecht als »unbekannte Leiche« einem Rettungsdienst übergeben worden war. Rosa Luxemburg sei, so hieß es, von einer wütenden Menge gelyncht worden. Es war ein doppelter Mord nicht nur im übertragenen, sondern auch im buchstäblichen, im Hinblick auf den Vorsatz und die Heimtücke denkbar strengen Sinn.

 

Freisprüche für die Mörder

Das Entsetzen über die Bluttat, nicht nur bei Anhängern der Ermordeten, steigerte sich noch, als ein Militärtribunal in dem ihm anvertrauten Prozess im Mai 1919. Lediglich der Husar Otto Runge, der im Dienstrang und im sozialen Status zuunterst stehende Angeklagte, musste eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßen, während Oberleutnant Kurt Vogel in die Niederlande fliehen konnte. Runge hatte die heftigen Stöße mit dem Gewehrkolben gegen den Kopf von Rosa Luxemburg bei ihrem Abtransport aus dem Hotel Eden ausgeführt.

      Der Erste Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Hauptmann Waldemar Pabst, der Hauptverantwortliche, musste vor Gericht lediglich als Zeuge aussagen. Jahrzehnte später bekannte er sich, zuerst in unveröffentlichten Erinnerungen, dann auch öffentlich, zu seiner zentralen Rolle im Geschehen des späten 15. Januar 1919 und behauptete dabei, im Einvernehmen mit dem Volksbeauftragten und späteren Wehrminister Gustav Noske (MSPD) gehandelt zu haben. Dafür gibt es ansonsten keine Beweise, und das Interesse Pabsts, der Mordtat den Anschein einer von höchster Stelle gedeckten Notwehraktion gegen die kommunistische Gefahr zu geben, liegt auf der Hand. Ebenso unbewiesen und überdies in keiner Weise plausibel ist der wiederholt geäußerte Verdacht, auch Friedrich Ebert, seit dem 9. November 1918 der faktische Regierungschef und seit dem 11. Februar 1919 Reichspräsident, sei in den Mord verwickelt gewesen, zumindest als Mitwisser: Es war offensichtlich, dass ihm und seinen mehrheitssozialdemokratischen Kollegen von ihren Gegnern auf der Linken zu Recht oder zu Unrecht die Verantwortung zugesprochen werden würde. Zumal der Aufstand bereits niedergeschlagen war, war die Tötung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts auch unter Opportunitätsgesichtspunkten widersinnig. Eberts Erschrecken über die Tat ist ebenso überliefert wie sein anfängliches Sträuben als Reichspräsident gegen die letztendliche Bestätigung der oben genannten Urteile, die Minister Noske passieren lassen wollte. Ebert akzeptierte dann allerdings die Mehrheitsentscheidung des Koalitionskabinetts und legte kein Veto ein. Im Januar 1919 war es Ebert und seinen Kollegen im Rat der Volksbeauftragten nicht zuletzt um die Durchführung der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 gegangen.

 

Charismatische Agitatoren

Rosa Luxemburg, die charismatische Agitatorin aus dem entschieden linken Flügel der Vorkriegssozialdemokratie und herausragende marxistische Theoretikerin mit polnisch-jüdischen Wurzeln, sowie Karl Liebknecht, der Sohn des Mitbegründers der SPD, Wilhelm Liebknecht und unerschrockener Sprecher des Antimilitarismus in der Partei lange vor 1914, auch er ein begnadeter Agitator, philosophisch übrigens mehr Idealist als Materialist, zählten 1914 zu den frühesten Widersachern der Bewilligung der Kriegskredite durch die Parlamentsfraktion und deren Hinnahme des »Burgfriedens«. Der Mord an Luxemburg und Liebknecht machte die durch den dilettantischen Januaraufstand und seine brutale Bekämpfung blutig gezogene Spaltungslinie innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung zu einem kaum überwindbaren Graben. Einer unversöhnlichen, auch von persönlichem Hass erfüllten Sprache bedienten sich, nicht erst seit dem Januar 1919, beide Seiten; dabei hofften Mehrheiten in beiden sozialdemokratischen Parteien und der Arbeiter in den Betrieben immer wieder auf die Erneuerung der Einheit der Bewegung zumindest als Aktionseinheit.

      Dass Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ein anderes Format besaßen als spätere KPD-Führer, ist unverkennbar. Wie immer sie bei ihrem Weiterleben agiert hätten, die bedingungslose Unterordnung unter die Kommunistische Internationale bzw. ihre führende Partei, die russische, wie sie im Lauf der 20er Jahre zunehmend vollzogen wurde, hätten sie höchstwahrscheinlich nicht mitgemacht. Sie verstanden die – in der Tat missverständliche – Formel von der »Diktatur des Proletariats« nicht im Sinn einer Parteidiktatur, sondern als breite Rätedemokratie der werktätigen Bevölkerung bei – nötigenfalls repressiver – Ausschaltung gegenrevolutionärer Kräfte. Dahingegen wollten die Mehrheitssozialdemokratische Partei (MSPD) und der gemäßigte, anfangs überwiegende Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), durchaus gemäß der Parteitradition, eine durch konstitutionelle Gegenkräfte möglichst wenig eingeschränkte parlamentarische Demokratie.

      Ungeachtet dessen fühlten sich Rosa Luxemburg (widerstrebend) und Karl Liebknecht (vom Enthusiasmus der Aktivisten mitgerissen) im Januar 1919 aus Gründen der Loyalität verpflichtet, den putschistischen Neigungen eines Teils ihrer radikalisierten Anhängerschaft zu folgen, gegen die sie beim Gründungsparteitag der KPD in wichtigen Fragen in der Minderheit geblieben waren. In den Wochen davor war »Spartakus« im Hinblick auf die Kräfteverhältnisse mehr ein Schreckgespenst als eine faktische Bedrohung der von SPD und USPD gebildeten Regierung der Volksbeauftragten, was nicht ausschließt, dass eine solche aufgrund der russischen Entwicklung vielfach als real angenommen wurde.

      Die eigentliche Herausforderung der revolutionsdämpfenden und -überwindenden Politik Eberts und der MSPD-Führung war nicht die lärmende Agitation kleiner linksradikaler Gruppierungen, sondern das (nachweisbare) Bestreben einer breiten Mitte der Arbeiterbewegung, große Teile der MSPD wie der USPD, insbesondere ihrer Basis, und die meisten Arbeiter- und Soldatenräte einschließend, eine entschiedene strukturreformerische Politik kraft revolutionären Rechts einzuleiten: Demokratisierung der Verwaltung und des Heeres, Teilsozialisierungen und Arbeitermitbestimmung. Entsprechende Beschlüsse hatte Mitte Dezember 1918 der Reichsrätekongress gefasst, für den weder Rosa Luxemburg noch Karl Liebknecht ein Mandat erhalten hatten.

      Erst in Reaktion auf die sehr vorsichtige, den Bruch mit den alten Eliten scheuende und deshalb von der radikalen Linken und wachsenden Teilen der USPD als gegenrevolutionär erlebte Linie der mehrheitssozialdemokratischen Führung begann jener Prozess, der, erstmals beschleunigt im Januar 1919, zur Abkehr großer und wachsender Teile der Arbeiterschaft von der MSPD führte, zunächst in den urbanen und industriellen Zentren, parallel zu dem bis Anfang Mai anhaltenden schleichenden Bürgerkrieg, in dem jetzt Tausende zu Opfern der Freikorps wurden. So resultierte der Januaraufstand nicht aus einem konkreten Machtergreifungsplan, sondern aus einem hunderttausendfachen Massenprotest gegen die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, der dem linken Flügel der USPD angehörte, am 4. Januar 1919 – eine nach dem Austritt der USPD-Volksbeauftragten aus der Regierung Ende Dezember 1918 erwartbare Maßnahme. In Anbetracht all dessen muss der gewaltsame Tod von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht tragisch genannt werden.

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