Die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und insbesondere in Sachsen-Anhalt haben das ausgelöst, was man gemeinhin als »politisches Erdbeben« bezeichnet – jene Mischung aus volatilem Wahlverhalten, medialer Resonanz und parteipolitischer Krise. Das lag zum einen sicher daran, dass vor allem die Christdemokraten als Kanzlerpartei in allen drei Ländern abgestraft wurden und es in Mecklenburg-Vorpommern nicht einmal über die Fünf-Prozent-Hürde schafften. Die Sozialdemokraten, die in Berlin nur auf dem fünften Platz landeten, konnten sich in Sachsen-Anhalt mit einem für ihre dortigen Verhältnisse passablen Ergebnis, in Mecklenburg-Vorpommern mit mehr als einem Drittel der Stimmen und dem Erhalt der Regierungsmacht trösten.
Der eigentliche Auslöser des Bebens war jedoch der lange antizipierte und dann doch für viele schockierende Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD). Umfragen hatten der in Teilen rechtsextremen Partei schon seit Langem glänzende Ergebnisse vorausgesagt. In Mecklenburg-Vorpommern landete sie knapp vor der SPD; in Sachsen-Anhalt wurde sie mit Abstand stärkste Kraft – rund 20 Prozentpunkte vor der Union, die in etwa demselben Maße Stimmenanteile eingebüßt hatte, wie die AfD hinzugewinnen konnte. Auch in Berlin, keine Hochburg der äußersten Rechten, vermochte sie mit über 15 Prozent der Stimmen den dritten Platz einzunehmen. Das Bild vervollständigt sich, wenn man auf die Umfragen in anderen ostdeutschen Ländern blickt: In Thüringen und Sachsen beträgt die Unterstützung für die AfD beständig über 40 Prozent.
Neue »Volkspartei des Ostens«?
Angesichts solcher Werte ist es nicht verwunderlich, dass die AfD sich selbst zur nächsten »Volkspartei« ausruft, wie es etwa der rheinland-pfälzische Landeschef Sebastian Münzenmaier unmittelbar nach den Urnengängen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern tat. Schon 2022 analysierte der Politikwissenschaftler Manès Weisskircher in einem gleichnamigen Buchbeitrag, ob die AfD die »neue Volkspartei des Ostens« sei. Damals kam er zu dem Schluss, dass es ihr an drei wesentlichen Merkmalen von Volksparteien fehle. Weder verfüge sie über die elektorale Reichweite noch über eine entsprechende Verankerung im gesellschaftlichen Vorfeld. Auch die ideologische Mäßigung, die Volksparteien auszeichnet, konnte der AfD nicht unterstellt werden.
Und doch muss vier Jahre später festgestellt werden, dass die AfD zum einen die elektorale Reichweite einer Volkspartei erreicht hat und zum anderen ein relativ homogenes politisches Lager zu integrieren vermag. Das zeigt sich etwa an der Tatsache, dass die AfD gemessen daran, ob ihre Wähler grundsätzlich bereit sind, auch einer anderen Partei die Stimme zu geben, über die am wenigsten wechselbereite Anhängerschaft verfügt.
Die besondere Kombination aus großer Reichweite und hoher Bindung bei der AfD verändert die Struktur des Parteienwettbewerbs.
Zugespitzt formuliert zeigt sich bei den drei Landtagswahlen vom September 2026 eine zunehmende Asymmetrie: Auf der einen Seite die sich konsolidierende, aber koalitionspolitisch isolierte AfD und ihre Wählerschaft. Auf der anderen Seite die demokratischen Parteien, die miteinander um eine deutlich volatiler gewordene Wählerschaft werben. Doch diese Asymmetrie muss nicht überall dieselben Folgen haben. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern waren die anderen Parteien durchaus noch in der Lage, Mehrheiten gegen die AfD zu organisieren. Sachsen-Anhalt zeigte umgekehrt, was geschieht, wenn ein konkurrenzfähiges Angebot gegen die AfD fehlt. Warum also gelang es demokratischen Parteien in zwei Ländern, der AfD etwas entgegenzusetzen, in Sachsen-Anhalt jedoch nicht?
In Berlin war die Ausgangssituation für Die Linke insofern günstig, als der schwarz-rote Senat mit einer besonders negativen Bilanz in den Wahlkampf gegangen war. Nur noch 20 Prozent der Berliner waren mit der Arbeit zufrieden – der niedrigste Wert, der in Berlin jemals vor einer Wahl gemessen wurde. Für CDU und SPD eine denkbar schlechte Ausgangslage, zumal das Image der Bundesparteien kaum besser war. Gleichzeitig wünschten sich wenige in Berlin eine AfD-geführte Regierung; die Rechtspopulisten sind in der Hauptstadt zwar inzwischen ebenfalls stark, aber weitaus weniger populär als etwa in den ostdeutschen Flächenländern. Die Linke, die als Wahlsiegerin aus der Abstimmung hervorging, erkannte, dass für die Mehrheit der Wählerschaft (67 Prozent) vor allem stadtbezogene Themen relevant waren.
Genau hier knüpfte ihre Kampagne an. Zwar war sie klar auf Elif Eralp ausgerichtet. Entscheidend dürfte jedoch die konsequente Besetzung eines für die Berliner zentralen Konflikts gewesen sein: Wohnungsmarkt und Mieten waren zum einen das wichtigste Thema der Berliner Wahl, zum anderen wurde der Linkspartei bei diesem Thema mit Abstand die größte Kompetenz zugeschrieben. Begleitet wurde die Kampagne von einem intensiv geführten Haustürwahlkampf, der die Wähler direkt in ihrem eigenen Umfeld ansprechen sollte. Mit dieser Kombination konnte Die Linke besonders bei jüngeren Wählern und in vielen innerstädtischen Bezirken punkten. Zugleich gelang es ihr, deutlich über ihre bisherige Wählerschaft hinaus Stimmen zu gewinnen – insbesondere von den Grünen, der SPD und früheren Nichtwählern.
In Mecklenburg-Vorpommern war das gute Abschneiden der SPD in erster Linie mit der Person Manuela Schwesig verbunden, die als Amtsinhaberin ohnehin einen hohen Bekanntheitsgrad genoss. Entsprechend war dann auch der gesamte Wahlkampf auf sie zugeschnitten. Unter dem Motto »Die Frau gegen Blau« grenzte sie sich von der AfD ab. Gleichzeitig aber distanzierte sie sich auch von den Reformvorhaben der eigenen Bundesregierung und setzte stattdessen regionale Themen in den Mittelpunkt. Mit Erfolg: Sowohl bei der Bewertung der Leistung ihrer Regierung als auch bei ihren persönlichen Zustimmungswerten konnte die SPD weit über ihre eigene Partei hinaus gewinnen. Es gelang ihr, vormalige Unterstützer von CDU und Linkspartei sowie Nichtwähler anzusprechen und zugleich den Großteil der SPD-Wählerschaft zu halten. Für über die Hälfte war Schwesig der Grund, SPD zu wählen. Mit anderen Worten: Der Landespartei gelang es, unter Schwesig eine personalisierte Wählerkoalition auf Zeit zu schmieden. Aufgrund starker Verluste an die AfD reichte das zwar nicht für den Wahlsieg, aber doch für genügend Stimmen zur (evtl.) Regierungsbildung, und zwar trotz des bundesweiten Abwärtstrends der SPD.
Nur der erste Dominostein?
In Sachsen-Anhalt konnte die AfD ein beachtliches Ergebnis erzielen. Dabei profitierte sie zum einen von den langfristigen, strukturell begünstigenden Faktoren für die Wahl rechtspopulistischer Parteien. Dass die Unterstützung der AfD nicht allein aus vagem Protest erfolgt, lässt sich auch daran ablesen, dass der Partei nicht mehr nur in ihrem Kernthema Migration, sondern auch in anderen Themen wie Wirtschaft, Schule und Bildung höhere Kompetenzen als ihrer Konkurrenz zugesprochen wurden. Zum anderen gelang der CDU, deren Spitzenkandidat Sven Schulze erst Anfang 2026 ins Amt gestartet war, nicht die Verbindung von Person und Leitthema, wie sie Schwesig und Eralp geglückt war. Das wiederum schaffte die AfD, die unter einem zukunftsgerichteten Wahlkampfmotto (»Alles ist möglich«) auf das Versprechen eines echten Politikwechsels setzte und in ihrem Regierungsprogramm großteils landespolitische Vorhaben aufzählte. Nicht die Bundespolitik dominierte ihr Angebot, sondern umgekehrt: Die Landtagswahl wurde zum ersten Dominostein eines bundesweiten Wandels erklärt.
»Die jüngsten Urnengänge haben gezeigt, dass der Begriff ›Mitte‹ nahezu entkernt ist.«
Was kann nun aus diesen drei exemplarischen Wahlergebnissen für die künftigen Strategien demokratischer Parteien abgeleitet werden? Erstens: Obschon der Begriff der »Mitte« noch immer durch Politik und Medien geistert, haben die jüngsten Urnengänge gezeigt, dass der Begriff nahezu entkernt ist, zumindest, wenn man sich die Mitte als arithmetische Mehrheit von Wählern mit moderaten Einstellungen und stabiler Parteibindung vorstellt. Parteien operieren mit einem zunehmend sprunghaften Elektorat und profitieren dort, wo es ihnen gelingt, ein relevantes Problem aufzugreifen und ein klares politisches Angebot durch glaubwürdige Spitzenkandidaten zu präsentieren. Das kann, wie in Berlin, über ein konkretes Thema gelingen oder wie in Mecklenburg-Vorpommern stärker über eine Person. Wichtig ist dabei, dass der Partei abgenommen wird, dass sie den entsprechenden Konflikt – und damit auch die Wähler und ihre Erfahrungen – ernst nimmt und sie tatsächlich an einer grundlegenden Lösung interessiert ist. Sachsen-Anhalt zeigt aber auch, dass dort, wo die demokratischen Parteien kein solches Angebot anbieten können (oder damit nicht durchdringen), die AfD weiter an Reichweite gewinnt.
Zweitens demonstrieren die Wahlergebnisse, wie stark Landtagswahlen mittlerweile in ihrem jeweiligen regionalen Kontext gelesen werden müssen. Alle drei Landtagswahlen waren, auf die eine oder andere Weise, von regionalen Problemstellungen geprägt. Mehr noch: Die Parteien konnten mit landespolitischen Themen mobilisieren. Das bedeutet, Landesparteien können sich, zumindest teilweise, vom Bundestrend absetzen, wenn sie die Themen vor Ort in den Fokus nehmen und glaubwürdig regionale Interessen vertreten. Das kann, wie der Erfolg Schwesigs zeigt, sogar dann gelingen, wenn die jeweilige Partei auch im Bund regiert. Es empfiehlt sich für die Parteien, ihre Landtagswahlkämpfe also stärker vom Bundestrend entkoppelt zu denken.
All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der AfD gelungen ist, was die »Volksparteien« einst ebenfalls ausmachte: Symbolische Repräsentation ihrer Wählerschaft und deren Identifikation mit der Partei. Dem vorausgegangen sind ein über Jahre konsequent verfolgtes Narrativ und damit Glaubwürdigkeit gegenüber ihrer eigenen Klientel, flankiert durch lokale Präsenz. So erhielt das Versprechen vom Politikwechsel Substanz. Die demokratischen Parteien müssen dagegen momentan auf temporäre Wählerkoalitionen setzen. Das war bei den vergangenen Wahlen vergleichsweise erfolgreich – nachhaltig ist es nicht. Auf lange Sicht muss auch ihnen wieder eine bessere Wählerbindung und eine stärkere gesellschaftliche Verankerung gelingen.



Kommentare (1)
Inge Gräfin Dohna
02.11.2026 - 01:21 Uhr